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Aus Tralien #15

19.8.
Wir müssen alle superviel arbeiten, trotzdem diese nächtlichen Gelage. Immer an der Grenze, es ist virtuos-professionell.

Am nächsten Morgen gleich wieder los, Eröffnung der Melbourne Tamarraw Biennale im Museum eines Superreichen >in the middle of nowhere<, wo natürlich gleich weitergesoffen wird. Das ständige Fragen wie es einem geht, es ist die Pest. Man kann sich hier nicht einfach mit "Hi" -"Hi" begrüßen, es muss immer "Hi" -"Hi" -"How are you doin‘?'" -"Yeah, how are you doin'?" -"Yeah." sein. Ich schaffe es partout nicht, mich daran zu gewöhnen, zucke jedesmal bei dieser Ausfragerei zusammen. Anders als in den USA, wo die Frage nur eine Floskel ist, ist sie hier wirklich als Frage gemeint, man muss sie beantworten, und natürlich immer positiv, man muss gut drauf sein. How are you? I don’t know. So wie es eine Miniatur gibt, eine Maxiatur. Infinitesimal statt Null Aufführung von >product placements< und >Fremdarbeit<. Das Publikum lacht viel. Es ist die Absurdität dieser Realität, aber auch weil wir alle selber in dieser Struktur sind, man erkennt sich darin. Später Cary wiedergetroffen, den ich vor 2 Jahren hier kennenlernte; der alles auf ein exorbitantes abstraktes Niveau hebt, ein Vergnügen. Sagt, statt product placements „product removement“, so wie man Papier scannt, scannt man irgendwann auch 3D Objekte und begnügt sich mit dem Digitalisat und „removet“, schmeißt das Original weg. Cary gibt er mir eine Pille zum ins Ohr stecken, darin ein raschelndes Objekt. Vor mir die Performance einer Popsängerin, die nebenbei noch Konzeptkunst macht – sympathischer geht‘s kaum noch. Spricht live chinesische Sätze in Google Translate, wir verstehen nur die englische Übersetzung, und man weiß dann nie so recht, was denn nun stimmt und was quatschübersetzt ist. Geht nur mit chinesisch, ich probiere es mit deutsch (Le Witt / meine >Konzeptmusik-Sätze<), funktioniert nicht, bzw. funktioniert viel zu gut. Wieder fließt der Alkohol in Strömen. Spät noch in der Dusche.

Aus Tralien #14

Melbourne 17.8.
Die Leute hier sprechen nur von >Sound<, fast gar nicht von >Music<. Im Flugzeug wollte ich den Unterricht für den kommenden Tag vorbereiten, bin aber gleich eingeschlafen --- beim Aufwachen sind alle nötigen Ideen da. Man muss sich die Dinge erschlafen, sich in den Ideenhimmel hochschlafen. Überlegungen für die Brisbane->Soundcard<-Radiosendung: a) Feldaufnahmen von Frankfurt und Brisbane als Shutter überlagern (unerträglich!) b) Mitten in Brisbane Richtung Frankfurt gehen, diesen Gang aufnehmen. Ich kann den Klang der Städte nicht ändern. Aber ich kann das Hören ändern. Mit einer bestimmten Vorinformation das ganze einfärben. Melbourne 18.8. Nach dem Surrealismus der Unrealismus. Morgens Filmaufnahmen für das >Education Project< von Speak Percussion. Schlage vor: Schnelle Schnitte machen – das macht es cool and flott und wegen der vielen kleinen Takes für mich einfacher. Zu einer Frage zu einem meiner Stücke fällt mir gar nichts ein. Es ist, was es ist. „Manche Sätze sind nicht interpretierbar.“ (Handke)
In dem Vorort sind schöne Häuschen mit Ornamenten im spätviktorianischen Stil; jedes Haus anders. Im Netz heißt es aktuell, Melbourne sei die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit.

Die Australier stehen sehr früh auf, manche Bäckereien machen für die Fischer und Surfer schon um 3.30h auf. Entsprechend gehen die Einheimischen auch früh zu Bett, wird ja auch relativ früh dunkel hier. Selbstverständlich trifft man sich hier beispielsweise mit Musikern schon um 9h morgens. In Deutschland würde man sich kaum vor 10h mit Musikern treffen.

Unterricht an der RMIT University. Hatte die Aufgabe gegeben, sich mit Online-Musiksequencern und anderen Kompositionsprogrammen / -Apps zu beschäftigen. Eine Studentin hat mit einer Foto2Sound-App Bilder von Musikinstrumenten sonifiziert. Ein anderer hat die aktuellen >Bandcamp<-Top-ten-Stücke gleichzeitig auf YouTube gestartet und sich dabei mit dem Laptop als Performance näher und weiter weg von der WLAN-Quelle bewegt. Ich zeige in der zweiten Hälfte des Unterrichts wenig bekannte Stücke, die bekannter sein sollten: Bob Ostertags sooner or later, Christopher Arizas onomatopoeticized und Kirill Shirokovs practice the silence.

-leiser sein als andere. Leiser sein als man selbst.
-beim Nachmachen einschlafen. Musik.

Seltenes Bild hier: Raucher. Nur die Reichsten können es sich noch leisten. Auch Trinken ist reglementiert, Bottleshops wie in Norwegen. Entsprechend: Man sieht zwar erschreckend viele Obdachlose in den Straßen von Melbourne, aber sie scheinen keine Trinker zu sein.

Die exorbitante Steuer: „Übersteuerung“ hat da für Musiker eine neue Bedeutung.
Die Hälfte des Aufenthalts vorüber, und die Hälfte meiner Gage ist versenkt. »Scheiss drauf, in vier Wochen beginnt die Bundesliga.«

Warum wird eigentlich in Berlin in Kneipen wieder geraucht, obwohl anderenteils die Bioläden und veganen glutenfreien zuckerfreien laktosefreien Latte-Läden aus dem Boden schießen?

Eröffnung des Festivals Autotune everything, wieder fantastisch viel Publikum. Eine Deutsche (Schwäbin) hält einen Vortrag über Ozeanpolitik. Unterseekabel, Umweltverschmutzung, Rohstoffe, Überschwemmung von Inseln; Ozeane sind ein heißes Eisen.
Im ersten Konzert liest ein Performer eine negative Kritik über seine frühere Aktivität als Rockmusiker, drei mal. Reminder an mich: Mehr sonderbares Zeug machen, auf Akklamation verzichten. Applausdiät.
Der erste Festivaltag endet in einem sagenhaften Gelage. Danni hat eine Flasche Whiskey reingeschmuggelt wie ein Teenager; sie wird hernach ihres Inhalts beraubt.
Die After-Party eine sehr bourgeoise Veranstaltung. Die besoffene Chefin der >Melbourne Arts Foundation< baggert mich an, der Chef des >Greek Cultural Center< reicht einen Joint herum. Später lässt sich die Besoffene vom Tontechniker in einer Ecke ihre Genussteile lecken. Auch ein lesbisches Paar erweitert das Vergnügungsspektrum des Abends ohne alle Scham. Links: Bob Ostertag, Sooner or Later
Christopher Ariza, Onomatopoeticized
Kirill Shirokov, Practice the Silence

Aus Tralien #13

Gold Coast 16.8.
Im Regenwald. Pearling Brook Falls / Springbrook National Park. Es gibt auch den “dry rainforest”, den >trockenen Regenwald<. Dann muss es irgendwo auf der Welt auch den verregneten Trockenwald geben. Riesige, dinosaurierhafte Farne mit Fraktalstrukturen, Palmen, deren Blätter im goldenen Schnitt wachsen, Lianen. Grün und undurchdringlich, wie man sich den Dschungel vorstellt. Da fällt einem natürlich ein: In Australien ist ja auch das Dschungelcamp. Beim großen Wasserfall Gespräch über Adornos Unterscheidung von Naturschönem und Kunstschönem. Bad in einem eiskalten Gebirgsbach, dessen Wasser sich in einem tiefen Krater sammelt. Mit dabei dicke Aale und kleine Schildkröten. Bei Sonnenuntergang noch mal letzte Gelegenheit für ein ausgiebiges Bad im Pazifik. Spätestens jetzt steht fest: Ich bin Pazifist!! Gespräch über Narzissmus und gesunde Selbstliebe. Fast noch schlimmer als Narzissten sind die Anti-Narzissten, die sich selber nicht anschauen können und darum alle mit einem stabilen Selbstwertgefühl beargwöhnen. In einem Nobelfischrestaurant will ich eine Austernmuschel mitnehmen, der Kellner ist sichtlich pikiert, in diesem Restaurant fragt man nicht danach, dass etwas eingepackt wird. Es dauert dann auch einige Zeit, bis sich in dem Laden ein Behältnis für das Objekt findet. Spät noch in der Bar Gespräch über Drogenexzesse. Eine erzählt, sie kannte einen, der auf Lanzarote Pillen genommen und dann im Spätkauf drei Liter Babyöl gekauft hat. Damit verschwand er für zwei Stunden ins Badezimmer - „Don’t ask“... Er ist damit in der Badewanne rumgerutscht, das brauche er im Trip immer. Sie erzählt außerdem, dass sie als Mädchen von Saddam Hussein fasziniert war. Habe ich schon öfter angetroffen, Frauen, die von Diktatoren wie Hitler, Putin, Gadaffi fasziniert sind. Auch Männer, frei von jeglichem politischen Totalitarismus, die einen Hitlerfimmel haben. Nachts auf dem Nachhauseweg den seltenen Brachvogel angetroffen, der nebenan im Gras schnabelte. Links: Springbrook National Park
Curlew

Aus Tralien #12

Gold Coast, 14.8.
Das vertrackte Englisch. Angefangen bei den ganzen falschen Freunden (will, become, eventually, sensible); dann gibt es für viele deutsche Ausdrücke zwei englische (liberty/freedom, jump/bounce, everything/anything, near/close), andererseits gibt es deutsche Wörter, für die es keine englischen gibt, zB >Stipendiat< sagt man im Englischen nicht, man könnte vielleicht >stipend receiver< oder so sagen, sagt aber niemand, und man kann nicht >sein Auto tanken<, man >geht zur tank station<. Im Flugzeug nach Gold Coast. Aus dem Fenster die Blue Mountains, man sieht (kontrollierte) Buschfeuer. Meine lesbische Begleitung, die sexuell mit allen Wassern gewaschen bzw. beschmutzt zu sein scheint, erzählt reichlich Gossip, checkt die Stewardessen auf ihre Geilheit, sie ist ein Testosteronbolzen in einem Frauenkörper. Bei Ankunft gleich ein Bad im Pazifik, der quasi den Hinterhof der Wohnung bildet. In den Cafes Hippiemusik auf akustischen Gitarren, es scheint der Soundtrack zur Surfkultur zu sein, oder kommt noch von Goya her. Kaum auszuhalten. Urlaub-Arbeit. Für manche Arbeit muss man einfach Zeit verstreichen lassen, es arbeitet dann schon, aber man kann es nicht aktiv beschleunigen, so wenig wie man eine Schwangerschaft beschleunigen kann. Gold Coast, 15.8. Whale watching, Buckelwale vor der australischen Westküste, die zu der Jahreszeit in wärmere Gefilde ziehen. Man sieht sie erst von weitem, wie sie immer wieder kurz auftauchen, auch mal die Schwanzflosse hochheben und dann schön damit wieder eintauchen. Eine Portion Erhabenheit, diese großen ruhigen Tiere. Die Leute klatschen ihnen Applaus (schlimm für einen Applausgegner). Später macht das Boot Kehre, man dachte schon, das wars, aber dann geht es an eine andere Stelle, wo die Wale ganz nah ans Boot kommen, sie scheinen regelrecht neugierig zu sein und die Menschen grüßen zu wollen. Die Leiterin, eine Maori, macht Stimmung. Leider hänge ich zwischendurch an der Reeling, der Wellengang ist enorm und das Schiff klein. Gratulation an Celeste Oram zum Kranichsteiner Musikpreis. Habe auf Kulturtechno vor zwei Jahren schon mal eine schöne Arbeit von ihr gepostet. Gespräch am Strand. Der Experimentalfilm wandert aus dem Kino in die Galerien, alle streben zur Bildenden Kunst bzw. schluckt die alles, ihrem Markt- und Prestigetriumph ist nichts entgegenzusetzen. Aber natürlich gibt es dann auch Experimentalfilmer, die dafür kämpfen, dass man gerade jetzt den Ort braucht, an dem man >gefangen< ist, sich radikalem Film aussetzt und nicht gleich nach ein paar Sekunden weitergeht bzw. weiterklickt. Übers Künstlerleben. Danni: „It’s a criminal’s career“. Danach kann man nie mehr in die bürgerliche Welt zurückfinden. Nietzsche. Zerstörte alles, nur nicht die Kunst. Kunst ist unsere Religion. Wenigstens die beste aller Religionen. Artspeak. „Komplex“. alles muss heute >komplex< sein. Begriff also auf dem Hund. Ich sage lieber „viel“, oder das „Riesige“, im englischen „massive“, steckt dann auch „Masse“ drin, also eine quantitative Bestimmung. Links: Celeste Orams Rasurpartitur
Gegen Applaus

Aus Tralien #11

Melbourne 13.8.
Bei den >12 Aposteln<. Hohe Felsformationen, die aus dem Meer ragen. Das wäre jetzt schon was, vor dieser Kulisse im Indischen Ozean zu baden, aber es ist saukalt und windig. Nichtsdestotrotz, goldene Uraubsregel: Niemals über das Wetter jammern. Beuys: „Jedes Wetter ist gut." Eine japanische Familie, bei der jedes Familienmitglied seinen eigenen Selfiestick hat. Dann zum „Arc“, eine natürliche Brücke im Ozean, die selber nicht so spektakulär ist, aber man sieht unter der Wasseroberfläche einen großen Wal, der sich in den Wogen wiegen lässt und immer wieder hinter einem Wellenberg an die Luft stupst. Und zuletzt, fast noch schöner als die Apostel, dabei viel weniger frequentiert, die „Bay of Martyres“, steinerne Schiffe, die anlegen. Schwarze Kühe gibt es hier („Schwarze Milch der Kühe“). Fahrt durch Regenwälder, wo der Koala beheimatet ist. Wo ist der Mensch beheimatet? Obwohl ich noch keinen einzigen Aborigine getroffen habe, fühlt es sich alles falsch an, die weißen Menschen in einem schwarzen Land. Gespräch mit Kim-Cohen über Leute, die glauben, sie seien klüger als alle anderen. Was der Beweis ziemlicher Dummheit ist. Niemand ist intelligenter als der Rest, und noch viel intelligenter ist die Geschichte. Schließlich ist man hinterher immer klüger. Darum: Alle Rhetorik fliegt sofort raus. Es gibt einen bekannten Komponisten, der sich auch als Schriftsteller sehr betätigt, der aber immer wieder meint, er könne die Leser verarschen, schreibt Sachen, von denen er selber weiß, dass sie so nicht stimmen, aber er scheint zu hoffen, dass das schon niemand merkt. Pustekuchen. Höre nachts (Jetlag) die Voice-Republic-Mitschnitte von Darmstadt. Es wird um den Begriff der politischen Musik gerungen. Ich will meinen: Politik ist, wo es um Gesetze geht, um Regeln der Gemeinschaft, und entsprechend um Machtstrukturen, um das Wesen der Gesetzgebung. Kunst, die sich damit beschäftigt (sie muss nicht notwendig gegen etwas protestiert), ist politisch. Natürlich besteht die Gefahr der Verwässerung („alles ist politisch“). Aber: genau so kann man auch sagen, dass alle Musik Spektralmusik ist, denn 99.999% aller Klänge haben Obertöne, und doch kann man sich auf einen dezidierten Gebrauch von Obertönen als >Spektralmusik< einigen. Was noch auffällt bei den Vorträgen und Diskussionen: Der >Konzept<-Begriff wird mittlerweile ganz selbstverständlich gebraucht, ebenso wie der der >Institutionenkritik<. Das war vor 10 Jahren noch ganz anders, da hat kein Mensch über diese Dinge gedacht. Frage mich, was man eigentlich vor 10 Jahren in Darmstadt diskutiert hat. Ich glaube, Ferneyhough hat über seine >12 Dimensionen der Zeitwahrnehmung< geredet. Links: Twelve Apostles
The Arc
Bay of Martyres

Aus Tralien #10

10.8.
Die Australier sind von ihrer Art her eine Mischung aus Engländern und Amis, und so auch in der Aussprache; das Klare des Englischen, ohne seine Dialekte, das Weiche des Amerikanischen aber ohne dieses Breiige; man kann es sehr gut verstehen.

11.8.
Den Kalauer, der aus Gesprächen entstanden ist, hab ich auf Facebook hochgeladen. Ein Accelerando, Zenos Paradox, das Altern in immer kleineren Schritten. Ständig schießen wir auf einen Grenzwert zu.

Die Uni bietet mir ein Studio an, aber das ist mir im Grunde lästig, brauche ich nicht. Aus Höflichkeit nehme ich aber lieber den Schlüssel an als ihn abzulehnen. Sie haben so viele Studios, ich nehme niemandem was weg.
Abends soll ich noch in die Uni kommen, es ist nicht klar, warum. Der „Termin“ entpuppt sich als offizieller Präsentationsabend, bei dem ich meine Arbeit präsentieren soll. Puh, man war davor schon in der Kneipe mit Joel und Seth, also angeheitert drauflosgeredet, aber es ging gut.

Gespräche in der Kneipe mit Kim-Cohen über den Humor, der ja irgendwie Teil des Konzeptualismus ist. Was ist der Unterschied zwischen funny und witty. Nietzsche war witty, aber nicht funny.

Tagelang schlafe ich schlecht, denke, das ist der Jetlag und der Stress ob des vielen Programms, bis mir irgendwann aufgeht: Es ist einfach das schlechte Bett, zu hart. Schlafe fortan auf dem Sofa ganz kuschelig.

12.8.
Heute zum ersten Mal Känguruhs in der freien Wildbahn gesehen. Unglaublich goldig, eine Herde, mit dem Größten als Aufpasser; Paare hüpfen paarweise zusammen. Außerdem knallrote Papageien.

Die vermeintlichen Hotsprings sind leider als Cold Springs, aber in einer Badanlage werden sie aufgeheizt. In einem der Becken wichst ein schönes junges Paar sich gegenseitig.
Aus dem Fenster sieht man den imposanten Kookaburra-Vogel.

Nachts im Motel von Apollo Bay lade ich noch aktuelle Kunstfilme runter. Sprengkraft der Fantasie.

25 Pieces
1. Aufnehmen. Aufnahme löschen. Eine andere Aufnahme löschen.
2. Drogen nehmen. Drogen entnehmen.
3. Auf einem Cello Zeit verstreichen lassen.
4. 30 Audioaufnahmen von >Kerze ausblasen<, hintereinander.
5. Erst klatschen, dann applaudieren.
6. „I am sitting in a room“ in einer Wahlkabine aufführen.
7. Die Triangel als Vagina. Mikrofonieren.
8. „Do not touch“. Kontaktmikrofon.
9. Mit einem Papier auf einem Stift schreiben.
10. Konzentrisches Kreischen.
11. Elf Sekunden in durchmischter Reihenfolge.
12. Aussteigen am Steg.
13. Luigi Nono: Fragmente, Stile – an Diotima. B.A. Zimmermann: Stile und Umkehr.
14. Elf Sekunden, gleichzeitig.
15. Ein Cello gleichzeitig spielen.
16. Cellostück. Emails an einen Cellisten schreiben.
17. Sich vollzählen.
18. Schimpfen. Schimpfen. Schimpfen. Spielen.
19. Leeres Papier. Leeres Papier. Leere’s Papier.
20. Tausende Versionen aufnehmen.
21. Eine von den tausend löschen.
22. Die Dialektik von 1 und 2.
23. Die Differenz von 1 und 2.
24. 24 Sekunden hintereinander.
25. Lachenmanns Guero mit einem Fön spielen.

Aus Tralien #9

Melbourne 8.8.
Australischer Winter. Entspricht etwa Mitte Mai bei uns.

Unterricht an der Monach School. Mein Ideal, das ich im Text „der aufgelöste Musikbegriff“ (Oktober in Musik & Ästhetik) entwickelt habe, dass an einer Kunsthochschule gelehrt wird:

++++LEHRKONZEPT++++
-Unterricht in Zeitgestaltung (Rhythmus, Metrik, Tempo, Form)
-Unterricht in Raumgestaltung (Geometrie, Proportionen, Perspektive)
-Unterricht in Farbgestaltung (Farbenlehre)
-Unterricht in Tongestaltung (Akustik, Intervall- und Harmonielehre) -Unterricht in Sprach- und Bedeutungsgestaltung (Grammatik, Poesie)
-Unterricht in Konzeptualismus
Dann technische Unterweisungen in Geräte wie Kameras, Instrumente, Lichter, digitale Soft- und Hardware, 3D-Konstruktion, auch Schauspielführung, etc. sowie Angebote für Kunst- / Kulturgeschichten: »Musik«, »Tafelbild«, »Kinofilm«, »Tragödie« etc.
++++ +++++ +++++

ist hier schon ansatzweise verwirklicht. Wo man allerdings einen drastischen Unterschied zu den Studierenden an Musikhochschulen bemerkt, ist der 10x größere Fleiß von Musikern.

„Je unmusikalischer, desto besser“.
Es geht nicht um maximal hässliche Musik, sondern um das, was >noch nicht< Musik ist. Heiner Müller sagte mal: Die Analphabeten sind die Hoffnung der Literatur. Deleuze: "Der Schriftsteller ist durchdrungen vom Nicht-Schriftsteller werden." Abends Känguruh gegessen, lecker, wie Wild. Känguruhfleisch gewinnt man nur von frei lebenden Tieren, die zur Populationsregulierung geschossen werden. Also alles o.k.! 9.8. Gutes Konzert, aber auch sehr hohe Erwartungen, 160 Leute da (für 130 bestuhlt). Wundersam hatte mein Auftritt vor zwei Jahren hier eingeschlagen, dass sie jetzt alle kommen. Das Publikum sollte man nicht „fed up“, auch nicht „fed“, sondern noch ein bisschen hungrig zurücklassen. Die Australier sind eigentlich wie Europäer, aber so wie wir über die Nachbarländer Frankreich, Spanien, Tschechien sprechen, reden sie von Indonesien Thailand Vietnam. Anders als bspw. in London wird hier konsequenter Linksverkehr praktiziert, auch die Fußgänger, auf der Rolltreppe steht man links und geht rechts, und in der Bar geht man ebenfalls immer links aneinander vorbei. Ich mach es natürlich eins ums andere mal falsch und laufe den Leuten voll rein. Jetlag ist Konzeptkunst par excellence. Ein einfaches Konzept, Verschiebung des eigenen Biorhythmus gegen den der Gesellschaft, eine Art Steve Reich'sche Phasenverschiebung, aber es ändert sich dadurch einfach alles. Man frühstückt Abendessen, usw. herrlich, man nimmt alles anders wahr. Selbst wenn es zu kleinen Desastern führt wie gestern, als ich um 14.30h aufwache – genau zu der Zeit, an der ich zum Soundcheck am Aufführungsort hätte da sein sollen. Ich will versuchen, den Jetlag so lange wie möglich zu halten. Nach dem Konzert in einer Dachbar, herrlicher Ausblick auf die Hochhäuser, man fühlt sich wie im Hochgebirge, ähnlich Chicago. Mir ist Deutschland peinlich, das keine Hochhäuser hat (außer in Frankfurt aM). Nebenan ein einsehbarer Darkroom; hinter der dunklen Glassscheibe zeichnet sich ein ästhetischer Fick ab. Links: Konzert im ACCA

Aus Tralien #8

Im Flug, 6.8.
Im Flugzeug gibt es jetzt ein eigenes Lichtlein für das Verbot elektronischer Zigaretten.
Außerdem: Integriert in das Display ein Kompass, der immer Mekka anzeigt. Stelle mir vor: Wenn das Flugzeug abstürzt, also wenn selbst hartgesottene Atheisten die Hände falten – wenn dann aber die Bordelektronik ausfällt und die Mekkarichtung nicht verfügbar ist. Auch ein Trudelflug würde das Richtungsbeten sehr schwierig machen. So bleibt ausgerechnet das wohl wichtigste Gebet des Lebens unerhört.
»Auf dem Sterbebett werden alle katholisch.« (Harald Schmidt). Ernst Jünger prahlte damit, dass er im Ersten Weltkrieg angesichts der Stahlgewitter nicht gen Himmel flehte – doch im Alter von 101 ließ er sich dann taufen. Aber nicht so: Voltaire! Verweigerte bis zuletzt die Sakramente.

Dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis es einen Flugzeugabsturz gibt, bei dem alle Insassen ums Leben kommen, aber von dem Handyvideos der letzten Minuten drinnen gefunden werden und die ins Netz gelangen.

Melbourne, 7.8.2016

Die erste Übernachtung in einem Privathaus. Eigentlich eine ruhige Gegend, aber just diese Nacht ist nebenan eine laute Party. Der Blick aus dem Fenster offenbart das Nachbarsgrundstück als Venusstätte, Silhouetten von Brüsten und aufgesteiften Schwänzen, die in Mündern verschwinden, Frauen reiten im Gras liegende Männer. Dort unten befindet sich ein ThinkTank des >savoir vivre<. Morgens gleich auf den Uni-Campus, im Café ein Frühstück bestellt, das sich als Sandwich mit absurd vielen Fleischschichten entpuppt. Danach ins Uni-eigene Museum, irgendwie einfach zu früh für Museumsgang. Aber eine schöne Ausstellung: Ein kokosölbetriebener Filmprojektor zeigt eine Doku über eine revolutionäre Gruppe auf Neuguinea, die aufgrund eines Embargos Filmeprojektoren mit Kokosöl betrieben. Dann Fahrt aufs Land, 1.5h hinaus in eine Kleinstadt von Melbourne-Aussteigern, wo ein kleines Konzert stattfindet. Mein Gastgeber Joel tritt auf; das Stück besteht im öffentlichen Abhören neuer Mailboxnachrichten, von denen er genügend hat, und dann entscheidet er ob Speichern oder Löschen. Das andere Stück ist ein Anruf beim Finanzamt, bei dem man sich mit einem Stimmsample identifizieren kann, was der Künstler durch eine live-Einspielung allerlei trötender Instrumente ersetzt. Fortan kann er sich in der australischen Finanzamthotline mit einer Tröte ausweisen. (Was natürlich nicht funktioniert, wie er mehrmals vergebens versucht.) Joels weitere Performance-Ideen: Die Polizei rufen wegen einer Lärmbelästigung und dann warten bis sie kommt, mit ihrem Erscheinen ist das Stück zu Ende. Und: Mein Flughafenkonzept („Einen unaussprechbaren Namen haben und dann am Flughafen provozieren, dass man ausgerufen wird.“) hat er umgesetzt, besitzt schon über ein Dutzend Ausrufe nach seinem Namen, der nur allerdings ziemlich leicht aussprechbar ist. Beim Spaziergang sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen in freier Wildbahn lebenden Papageien, bzw. sieht mutmaßlich zum ersten mal in seinem Leben ein in freier Wildbahn lebender Papagei mich (ebenfalls frei).

Vortragsvideo „Why Political (New) Music?“

Answers to standard arguments against political (new) music.
Lecture at Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt, 2.8.2016

Aus Tralien #7

Darmstadt, 5.8.2016
Darmstädter Konstanten. »Tagsüber wurden die Reihen gezählt, nachts wurde gefickt. Und ich habe kräftig mitgemischt.« gab Konrad Boehmer in einer Radiosendung über das Darmstadt der 60er Jahre zu Protokoll. Mitgemischt hat er auch anderweitig: Wann immer er bei einem*r Komponist*in zu Hause eingeladen war, nutzte er einen unbeobachteten Moment, um in der gerade auf dem Schreibtisch liegenden Partitur irgendwo vor einen Notenkopf ein # hinzuzufügen. Er wollte seine Hundelachen in fertig gedruckten Werken nachweisen können.

Wo Grenzen sind, ist Dialektik. Daher ist nichts so dialektisch wie die Liebe.

Fricke hat Hörspiel abgesegnet. Kündigt an, dass es Beschwerden geben wird wegen des Hitlergruss-Satzes. Der Passus lautet: »Jede Flugreise ist ein kleiner elfter September. Jede Fahrt auf einer deutschen Autobahn ist ein Hitlergruß.«
Man fliegt immer wo rein, jede Landung ist ein Einschlag.

Fricke fragt an, wenn ich in Brisbane bin, dort Feldaufnahmen zu sammeln für seine Reihe „Soundcards“, klingende Postkarten von Städten der ganzen Welt. Ich sage, jede Stadt klingt gleich. Autos Autos Autos. Der Badesalzsketch mit dem Rhythmusgerät, er trifft auf Städte voll zu.

Demütiger Größenwahn

Das Prinzip der Zahl. Vergiss niemals, zu zählen.

»Was ich weiß, interessiert mich nicht.« (Frisch)
Man muss sich nicht für sein Wissen interessieren, aber für sich selber sollte man sich schon interessieren. Das rätselhafteste Objekt ist schließlich das Subjekt.

Rebhahn gibt an der Bar eine legendäre Bestellung ab: 1 alkoholfreies Bier und 1 Schnaps.

Vorabend der Reise. Nach Australien gehen ist heute auch nur nicht den nächsten, sondern den zweitnächsten Supermarkt zu nehmen.

Nachts hellwach. Schon vor dem Flug Jetlag.

Links:
Fantasies of Downfall Uraufführung
Keeping the music evil @Darmstadt
Reverse-eating Pizza for Dan Tramte
Badesalz: das Rhythmusgerät