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Kleine Weltreise – Tagebuch #09

This bloody ash-hole

Der Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010 legte bekanntlich den Flugverkehr Europas lahm. Die letztlich begonnenen Eruptionen des Bárðarbunga waren dagegen nur kurz in unseren News. Für die Isländer ist das aber ein großes Thema, im Wetterbericht wird immer auch der aktuelle Stand der Ascheverbreitung durchgegeben, der innerländische Flugverkehr ist eingeschränkt.

Was da gerade abgeht, kann man im Livestream mitverfolgen:
http://www.livefromiceland.is/webcams/bardarbunga/
http://www.livefromiceland.is/webcams/bardarbunga-2/

Zwischenzeitig ist da zwar fast nichts zu sehen, aber um ca. 21h Ortszeit zum Beispiel sah man aus der Entfernung minutenlang eine feuerrote Wolke aus dem Krater aufsteigen.

Kleine Weltreise – Tagebuch #08

Ein Bericht für eine Akademie (Kafka)

Vortrag und Diskussion an der Musikhochschule. Der Saal ist voll, und zur Diskussion – über Urheberrecht – sind tatsächlich die Chefin der isländischen GEMA und zwei Abgeordnete des Parlaments sowie ein Musiker-Philosoph anwesend. Der Piratenabgeordnete ist zu 200% das Klischee des Piratenpolitikers, wie ich sie in Deutschland auch getroffen habe: Mitte dreißig, männlich-nerdig, lange Haare und 7TageBart, hat zwei Computer vor sich und spricht sehr ernst und mit gewissem Fanatismus. Der andere Abgeordnete ist ein hierzulande berühmter Musiker, spielte beim diesjährigen European Song Contest für die Isländer Gitarre (Endergebnis: Platz 10). Die isländische Harald Heker wiederum spricht in allen Punkten genau so Harald Hekerisch wie Harald Heker auf diese Punkte antworten würde. Die Diskussion ist auf der Eisinsel also auch nicht wirklich weiter, außer dass die Piraten sich offenbar nicht zerlegt haben. Auch hier kommt man seitens der Verwertungsgesellschaft auf keine bessere Idee als anzustreben, von Spotify statt 0,00004 Cent doch wenigstens 0,00005 Cent zu bekommen. Jaja, das System selber ist schon ok. Mennomenno, YouTube verdient ja Geld mit seinem Portal – herrjeh, das wäre ja noch schlimmer, wenn YouTube defizitär wäre und subventioniert werden müsste. “Unterschreibe die Petition zum Erhalt von YouTube – das muss uns die Kultur wert sein.”
Was mich noch beschäftigt: Ist das nun gut oder eher nicht, wenn im Parlament ein ESC-Teilnehmer über politische Entscheidungen abstimmt?

Heute versuche ich mal, mit Wein einen veritablen Alkoholspiegel aufzubauen. Mit dem 2,25%-Lettöl geht das einfach nicht, die Leber ist schneller.

Kleine Weltreise – Tagebuch #07

Fragmentarischer Schlaf
… Schlaf … Schlaf
Wer schläft, kann kein Selfie machen
Bedeutendster Isländischer Künstler: Dieter Roth

In Island gehen die Fenster wenn überhaupt nur kippweise nach unten auf.

Meist sind das die kleineren Elemente der Fassade. Die einen sagen, damit man von aufsteigender Warmluft was abbekommt, die anderen, damit es nicht reinregnet, wieder andere sagen, das sei einfach durch Willkür so gekommen. Von außen geputzt werden die Fenster wohl nur durch den Regen, sofern man das Putzen nennen will. Was mag dieses Fenstersystem für Auswirkungen auf die kollektive Seele haben? Hätte man in so einem Land ein Betriebssystem namens “Windows” erfinden können? Gibt es in einem Land, das die Fenster nach unten auf- und zuzieht, einen Ausdruck wie “Zeitfenster”? Wie wird durch das Fenstersystem (USA: hoch-runter schieben, Mitteleuropa: oben-kipp oder seitlich schwenkbar, Island: unten-kipp) das Verhältnis zu Wetter, Nachbarschaft, Passanten justiert? In welchem Rhythmus und in welcher Menge verschafft sich der Indoor arbeitende Isländer frische Luft, was für Auswirkungen hat das auf die Arbeit selbst? Ausgerechnet mein Stück “windowed” wird hier nächste Woche interpretiert.. Mir wurde gesagt, wenn es in Island mal den seltenen Fall eines “normalen” Fensters gibt, das seitwärts sperrangelweit aufgesperrt werden kann, kriegen die Einheimischen Höhenangst. Vertigo. Das Fenster zum Hof.

Kleine Weltreise – Tagebuch #06

Der Gang aufs Land

1. Pingvellir Nationalpark. Hier fand sich das angeblich erste nachantike Parlament der Welt ein (um 930), an einem superidyllischen Ort mit großem See, weitem Land, glasklarem Wasser, beeindruckenden Gesteinsformationen und einem höchst ansehnlichen Wasserfall. Politik und Ästhetik.

Unter einem tun sich Spalte auf, die gern mal 10 Meter tief sind, wenn man genauer reinschaut.

 

2. Weiter zu den Geysiren. Flache Dampfstellen, es riecht nach Furz Schwefel, oder wie Ernst Jünger geschrieben hätte: „Ein böser Duft durchwebte den Raum“. Der ganz große Geysir bricht nur unregelmäßig bzw. bei Erdbeben aus, der Stokkur dagegen ca. alle 5 Minuten. Es schluckt, spuckt und schwappt, zieht sich nach innen und dehnt sich aus, als ob hier ein muskuläres Wesen mit Riesenlunge im Boden lebte, und dann zischt es ohne Ankündigung sagenhaft hoch, wie ein Nießen, allerdings mit 80-100° heißer Fontäne. Auf YouTube gibt es von dem Geysir über 1000 Videos. Hier die Aufnahme einer holländischen Familie, die sich im Wohnwagen nachher bestimmt noch viel von diesem Naturschauspiel zu erzählen hatte.

 

3. Gullfoss Wasserfall. Im Januar sah ich den größten Wasserfall Nordafrikas. Gegen den Gullfoss ist der afrikanische ein Furz. Windhauch bei mildem Abendlicht, wenn die Sterne dem müden Sonnengott beginnen lieblich zuzublinken. Eine riesige Masse Gletscherwasser stürzt über mehrere Terrassen, von denen eine allein schon spektakulär wäre, in eine kaum einsehbare Schlucht. Touris stehen da und machen Selfies mit Wassermigrationshintergrund. „Ich dachte bis vor kurzem noch, ein ‚Selfie‘ sei das, was mir meine Kirche verbietet – wegen Rückenmarkschwund.“ (Harald Schmidt).

 

4. Abseits der Touris, in den Bergen vor Reykjavik, wo es immer wieder aus der Erde dampft, halten wir noch mal und besehen die Öffnungen. Die Erde ist unterschiedlich warm, bei den gelben Stellen am wärmsten. Man sieht eine harmlose Pfütze und schon hat man sich fast die Finger darin verbrannt. In der Gegend ist es Vorschrift, dass die Häuser einen Keller haben, denn es kann immer sein, dass es drunter plötzlich aufbricht und etwas ausstößt, und dann hat man wenigstens einen Puffer.

 

Unterwegs ist man in weiter, moosbewachser Landschaft nahezu ohne einen Baum. Es grasen Schafe und große Herden Islandponys, die aber noch nicht das typisch-sympathische Extremzottelfell des Winters tragen. Landwirtschaft findet vor allem in Gewächshäusern statt, die natürlich die Geothermik nutzen. Auf diese Weise gibt es Islandpaprika.

 

Die Isländer gelten als die „Italiener des Nordens“. Anders etwa als die distanzierten Norweger oder die grüblerischen Finnen zeichnet die Isländer eine heißblütige Leidenschaft aus, die sich in häufigem Pendeln zwischen linken und rechten Regierungen zeigt.

Kleine Weltreise – Tagebuch #05

Tagebücher. Eine meiner bevorzugten Lektüren. Romane: zu lang. Gedichte: zu kurz. Aber sprachlich gekonnte Beschreibungen von Erlebnissen, Reflexionen, ohne mühsame Großform und ohne diese Mengen an Charakteren, die ich mir nicht merken kann, das ist Literatur nach meinem Geschmack. Lieber das verlogenste Tagebuch als der authentischste Roman. Besonders interessant: die Tagebücher und Autobiographien von Uralten, die große Zeitabstände aus eigenem Erleben vergleichen können. Ernst Jünger, Julian Green, Leni Riefenstahl. Green starb 1998 mit 98 Jahren, und hat von 1920 bis zuletzt Tagebuch geführt, amtierender Tagebuchschreibweltmeister unter den Literaten. In einer Zeit, in der ich schon bei vollstem Bewusstsein war (90er Jahre), hat Green in seinem Tagebuch noch das familiäre Trauma des verlorenen Bürgerkriegs 1861-64 beweint, während er zeitgleich die Folgen der deutschen Wiedervereinigung etc. registriert. Einmalig, das kann kein Historiker. Und wie Harald Schmidt bemerkt hat: Thomas Mann, Zauberberg, Buddenbrooks, Doktor Faustus, schön und gut, aber wirklich interessant sind die Tagebücher, das Verzeichnen der Animositäten, der Tablettenfresserei.

Dennoch: Ein Tagebuch verschweigt das Meiste, ist zum Verschweigen da. Verbergen durch Transparenz (Baudrillard). Text. Eigendynamik des Mediums.

Eines der besten Reisetagebücher sind übrigens die “Brasilien – Peru – Aufzeichnungen” von Franz Xaver Kroetz.

Nach hundert Jahren ist praktisch jedes Tagebuch interessant.

Kleine Weltreise – Tagebuch #04

Ausschlaf. Morgens Gott sei Dank (oder wem auch immer man das verdankt) einige Klarheit, nach der teilweise scheußlichen Katerstimmung gestern.

“Das ganze Bad ist eine Pesthöhle.” (Ibsen, Ein Volksfeind)

Wenn man in Island ist, MUSS man in eines der Bäder gehen. Das letzte mal freiwillig in einer öffentlichen Badeanstalt war ich, als wir als Jugendliche im Sommer nachts in Freibäder einbrachen.

Ich bin natürlich oberschlau Insider-gebrieft und gehe nicht in diesen teuren Wellness-Nepp am Flughafen, an dem alle Jetsetter von/nach New York Zwischenstopp machen, sondern in ein Bad für umgerechnet 4€ Eintritt, das fast leer ist. Nur der 40°-Pool mit den besten (weil: stärksten) Düsen ist dann doch von lauter sehr dicken älteren Männern okkupiert. Übergewicht gehört progressiv besteuert. So wie Skandinavien dem Alkoholismus mit Steuern begegnet. Und warum ist eigentlich aus dem Diskurs völlig verschwunden, dass so viele Probleme auf zu wenig guten Sex zurückzuführen sind? Bio boomt, Genderprofessuren überziehen die akademische Landschaft, aber in all den Diskussionen, wie denn den unzähligen sexuellen Schattierungen nun Recht getan werden kann, schweigt man sich, soweit ich das sehe, über die Frage aus, wie sich aber die Menschen gegenseitig auch am besten beglücken könnten. Dabei würde da ein Fortschritt doch ziemlich zuverlässig Gewalt und Depressionen weltweit eindämmen. Diesbezüglich versteh ich die Alt-68er, die sagen, es wäre heute furchtbar prüde. In Audioguide gab’s zwei Stellen mit Hardcore-Videos. Vielleicht sollte ich beim nächsten Musiktheater (Uraufführung am 5.6.2015 in Hannover) Hemmungsabbau- und Sexualerziehungsfilme zeigen. Das kann man verbinden mit Musik, das sind ja auch Fragen von Rhythmus, Dramaturgie, Ästhetik, Schönheit. Und in Donaueschingen dann eröffnen wir ein ganzes Tantrazentrum. Aber im Kontext von Neuer Musik wirkt das natürlich extrem ironisch (“Zwölfton-Kamasutra”). Man bräuchte erst mal zwei Stunden, um der Situation die Komik zu nehmen und noch mal eine Stunde, bis auch klar ist, dass das kein Volkshochschulkurs ist und Esoterik auch nicht, sondern Schiller. Nun, es kommt ja, vom Komponisten Jeppe Ernst wurde unlängst ein Stück uraufgeführt, bei dem drei Frauen auf einem nackten Mann als Instrument spielen. Ich hab’s selber nicht gehört, aber mir wurde davon verschiedentlich erzählt.

Jeppe Ernst: Rekviem

 

Ich gehe dann in ein flaches Becken, bei dem man am besten nur eine Körperhälfte (egal welche) im Wasser hält, um den schönen Kontrast von 7° Luft- und 38° Wassertemperatur simultan zu erleben. Noch schöner wären jetzt -7° draußen. Nebenan bringt ein Vater einem Kleinkind erste Schwimmbewegungen bei. Meine Güte, wie deprimierend ist das. Mit jedem Neugeborenen geht die Arbeit wieder von vorne los. Wann kommen endlich die Schnittstellen für Menschenhirne? Es ist wirklich keine digitale Revolution, das geht alles schneckenlangsam.
Island hat die höchste Geburtenrate Europas (2012: 2.2 Kinder/Frau).

Ich verlasse diese Pesthöhle mit lauter Ideen. Unpraktisch, dass man sich beim Baden keine Notizen machen kann.

Kleine Weltreise – Tagebuch #03

Island hat eine Wetterscheide, die Osten und Westen trennt. Man sagt, wenn im einen Teil gutes Wetter ist, ist im anderen schlechtes. Die letzten zwei Jahre war im Osten gutes Wetter, der Westen hatte den Zonk. Reykjavík liegt im (Süd-)Westen. Heute ist das Wetter aber sehr schön.

Reykjavík bei schönem Wetter (Quelle: Internet)

 

Im Supermarkt gibt es nur Lettöl, Leichtbier, mit 2,25%. Wer deutsches Bier gewohnt ist (4,9%), muss folglich die 2,17fache Menge in der 2,17fachen Geschwindigkeit kaufen/saufen.

Zeitverschiebung zu Mitteleuropa: -2 Stunden. Mitte September sind Sonnenauf- und Sonnenuntergangszeiten in etwa gleich wie in Deutschland.

Rolle im Zweiten Weltkrieg: Trotz Neutralität wurde Island 1940 von Briten, später auch Amerikanern besetzt, um einer möglichen deutschen Invasion zuvorzukommen. 1944 Unabhängigkeitserklärung vom damals noch unter deutscher Besatzung stehenden Dänemark. Fun Fact: Ausgerechnet im kalten Island wurde das Ende des kalten Kriegs eingeleitet (Verständigung von Reykjavik, 1986 Gorbatschow/Reagan).

Kleine Weltreise – Tagebuch #02

Aus dem Zusammenhang reisen
vs.
Sich zusammenreisen

Am Flughafen Reykjavík dasselbe Bild wie in Oslo: Die Leute plündern den Duty Free Shop. Körbeweise deckt man sich mit Alkoholika ein, weil ‘im Land’ die Steuern darauf exorbitant hoch sind.

Hamsterkäufe an skandinavischen Flughäfen: Wann schreitet der internationale Tierschutzbund ein?

Kleine Weltreise – Tagebuch #01

Ab heute beginne ich etwas, was ich nur alle Jubeljahre mal eine Zeitlang mache, und öffentlich habe ich es noch gar nie probiert: Tagebuch führen. Aber da ich mir nun mal vorgenommen habe, dieses Blog konsequent zu führen, ich mehrere Wochen unterwegs bin und nicht genug Material habe, um für die Zeit was vorzuprogrammieren, schreibe ich live hier rein, von unterwegs, vielleicht lohnt es sich ja: Ich mache eine kleine Weltreise. Berlin – Norwegen – Island – Australien – Argentinien – Berlin. Wobei Norwegen (Oslo) nicht zählt, in Oslo war ich schon oft und bin’s immer wieder, daran hab ich mich gewöhnt. Die eigentliche Weltreise geht mit dem Flug nach Island los, vom Flughafen Oslo, also jetzt.

Fotos mache ich nicht. Die öffentlichen Orte der Welt, zumal die Sehenswürdigkeiten, sind zur Genüge fotografiert. (Meine Radiosendung über Matthew Shlomowitz begann mit der Frage: Wären Sie in Pisa, würden Sie den Turm fotografieren, wo er doch schon tausendfach im Netz zu sehen ist?) Statt eigener bringe ich darum gegoogelte Fotos. Das Archiv ist ja wahrscheinlich auch ein Grund, warum man heute so viele Selfies macht: Alles andere ist schon fotografiert. Fehlt nur noch das sichtbar personalisierte Foto. The revolution will be selfie’d.

Flughafen Oslo (Google’d)

Yamaha pss-390, circuit bent

Schöne Circuit-Bending-Nummer von Kostia Rapoport aka Luigi Mono.