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Kleine Weltreise – Tagebuch #14

Wie hält man einen sehr langen Flug aus? Das Problem ist, dass die Konzentration schwindet. Sonst könnte ich ja einfach lesen, dank eReader habe ich 6000 Bücher bei mir. Irgendwann kann man aber nicht mal mehr den leichtesten Kram konsumieren, alles ist nur noch anstrengend und nervig. Wahrscheinlich kann von ‘sinnvoll die Zeit nutzen’ eh keine Rede sein, man muss es einfach nur hinter sich bringen. Habe viele Computerspiele runtergeladen. Wobei das gar nicht so sinnlos ist; ich dachte mal, hätte ich als Jugendlicher doch mehr Klavier geübt als Computer gespielt, das hätte mir als Komponist besser getan. Mittlerweile denke ich: Hätte ich als Jugendlicher doch mehr Computer gespielt als Klavier geübt, das hätte mir als Komponist besser getan. Jedes Computerspiel ist eine Vorbereitung für den wirklichen Kampf im Killerspiel Google. Tetris/Xenakis.

Im Picknickkorb: Mehrere Packungen Strom.

Noch mal: Wie hält man es lange im Flugzeug aus? Vorstellung, dass es ein Raumschiff ist, ohne Ziel. Oder früher war man tagelang im Zug oder in einer holprigen Kutsche unterwegs.

Der Legende nach ist Fassbinder mit seiner Entourage in den Urlaub nach L.A. geflogen, hat im Flugzeug ein Drehbuch geschrieben, und bei Ankunft kam die Durchsage vom Chef: Ok, alles zurück, Drehbuch fertig, wir müssen in Deutschland den Film machen.

Kleine Weltreise – Tagebuch #13

Reykjavík sieht so aus, wie ich mir Grönland immer vorgestellt habe: gedrungene, hässliche Häuser am äußersten Rand der habitablen Zone. Alles fühlt sich schon an wie Polarstation.
Nicht gesehen: Weiße Nächte, Polarlichter (zu bewölkt), Papageitaucher, natürliche Badestellen, sogar Eisbären steigen mal an Land, ans Island.
Schau ich mir dann auf YouTube an.
Dann mal los zum anderen Ende der Erde.

Im Norden Islands darf nur reiten, wer die alten Gedichte kennt.
Vulkanische Berge sind ganz anders beschaffen als Berge, die durch Erdplattenkollision entstanden sind. In den Alpen, im Himalaya gibt es keinen Vulkan.
Mitten in der Nacht, mitten auf der Hauptstrasse musste ich mir die Zehennägel schneiden.
Von dem großen Geysir stammt die Bezeichnung “Geysir” für alle Geysire. So wie Fön, Tempotaschentuch.
Höre jetzt aus dem Frühwerk von Sergej Prokofiew.

Kleine Weltreise – Tagebuch #12

Die Zukunft des Archivs liegt im Norden, wegen der nötigen Kühlung für die Rechenzentren. (Antón Wassiljew)

Durch die insulare Isolation hat sich die isländische Sprache viel weniger fortentwickelt als andere Sprachen. Die Isländer können heute noch ziemlich problemlos einen Text aus dem 14. Jahrhundert verstehen. Zum Vergleich möge heute mal ein Deutscher versuchen, mittelhochdeutsche Texte flüssig zu lesen.

Eine bemerkenswerte Eigenheit der isländischen Dichtung sind die Kenningar. Wikipedia beschreibt diese als “das Stilmittel einer poetischen Umschreibung einfacher Begriffe”.

Jorge Luis Borges hat eine Menge dieser Umschreibungen gesammelt, die ich hier aus seinem Essay “Die Kenningar” vollständig wiedergebe:

Haus der Vögel
Haus der Winde – die Luft

Meerespfeile – die Heringe

Schwein der Meeresflut – der Walfisch

Sitzbaum – die Bank

Kinnbackenwald – der Bart

Schwerterversammlung
Schwertersturm
Begegnung der Quellen
Lanzenflug
Lanzengesang
Adlerfest
Regen der roten Schilde
Wikingfest – die Schlacht

Bogenstärke
Schulterblattbein – der Arm

blutiger Schwan
Totenhahn – der Geier

Zügelrüttler – das Pferd

Helmsitz
Schulterklippe
Leibfeste – der Kopf

Gesangsschmiede – der Kopf des Skalden

Hornwoge
Kelchflut – das Bier

Helm der Luft
Erde der Himmelssterne
Mondweg
Windkelch – der Himmel

Brustapfel
Eichelkern des Denkens – das Herz

Haßmöwe
Wundenmöwe
Hexenroß – der Rabe

Riffe der Worte – die Zähne

Schwertboden
Schiffsmond
Seeräubermond
Kampfdach
Kampfgewölk – der Schild

Kampfeis
Zornrute
Helmfeuer
Schwertdrachen
Helmnager
Kampfdorn
Schlachtfisch
Blutruder
Wundenwolf
Wundenzweig – das Schwert

Hagel der Bogensehne
Kampfgänse – die Pfeile

Heimsonne
Bäumeverderben
Tempelwolf – das Feuer

Rabenwonne
Röter des Rabenschnabels
Erheiterer des Adlers
Helmbaum
Schwertbaum
Schwertfärber – der Krieger

Helmfresser
geliebter Ernährer der Wölfe – die Streitaxt

schwarzer Tau des Herdes – der Ruß

Baum der Wölfe
hölzernes Pferd – der Galgen

Kummertau – die Tränen

Leichendrache
Schildschlange – die Lanze

Mundschwert
Mundruder – die Zunge

Falkensitz
Land der Goldringe – die Hand

Walfischdach
Schwanheimat
Segelstraße
Wikingflur
Möwenau
Inselkette – das Meer

Rabenbaum
Adlerhafer
Wolfsweizen – der Tote

Wogenwolf
Seeräuberpferd
Ruder der Seekönige
Wikingschlittschuh
Wogenhengst
Pflugschar des Meeres
Küstenfalk – das Schiff

Gesichtssteine
Stirnmonde – die Augen

Meerfeuer
Schlangenbett
Handglanz
Bronze der Zwietracht – das Gold

Lanzenruhe – der Frieden

Atemhaus
Herzschiff
Seelengrund
Gelächtersitz – die Brust

Taschenschnee
Schmelztiegeleis
Tau der Waage – das Silber

Armspangenherr
Schatzverteiler
Schwertverteiler – der König

Felsenblut
Netzegrund – der Fluß

Wolfsrinnsal
Schlachtflut
Totentau
Kriegsschweiß
Rabenmet
Schwertwasser
Schwertwoge – das Blut

Gesangsschmied: der Skalde
Mondschwester
Luftfeuer – die Sonne

Meer der Lebewesen
Wetterestrich
Dunstroß – die Erde

Herr der Gehege – der Stier

Männerwachstum
Schlangenbelebung – der Sommer

Feuerbruder
Wälderschaden
Tauwerkwolf – der Wind

„Das Bildzeichen Schulterblatt ist seltsam; doch nicht weniger seltsam ist der Arm des Menschen. Stellt man ihn sich als ein zweckloses Bein vor, das die Ärmellöcher der Weste ausstößt und das sich in fünf Zehen von peinlicher Länge auffasert, so wird man plötzlich gewahr, wie von Grund aus seltsam er ist. Die kenningar diktieren uns dieses Erstaunen; sie lassen uns erstaunen über die Welt. Sie können zu jener hellen Verblüffung anleiten, die der Metaphysik einziger Ehrentitel, ihr Lohn und ihre Quelle ist.“ (Borges)

Kleine Weltreise – Tagebuch #11

Warum muss der Mensch sterben?
Weil er’s kann.

Selfiealismus
Selflielle Musik
Drölftontechnik

Heute wurde ich Zeuge dieses Dialogs zwischen einem Isländer und einem österreichischen Touristen:
I launig: Where are you from?
Ö launig: Austria!
I launig: My favourite Austrian city is Braunau!
Ö launig: That’s my home town.
I launig: But you don’t look like him..!

Ich wollte dann nicht mehr weiter zuhören.

 

Lied mit Outing

♫ Monika
Für dich spiel ich die Tonika
Und für Frieda, meine Tante
spiel ich die Dominante
danach für Gabriele
die Tonikaparallele
und zuletzt den Tonikagegenklang
spiel ich für meinen Ehemann!

Irgendwann muss man mal das Klavierstück von Nam June Paik “Taste mit steifem Penis anschlagen (fortissimo)” auch wirklich aufführen. Für Klavier zu vier Penissen. Am Tag nach der Audioguide-Premiere hat jemand – es kann nur eine Frau gewesen sein – eine Website gemacht mit dem Titel “Johannes Kreidler, Audioguide: A Summary”, die aus ca. dreißig Zeilen gestrichelter Linien bestand, dann eine Zeile nur mit dem Wort PENIS, danach noch mal ca. dreißig Zeilen gestrichelte Linien. Kann man als den Versuch eines Gedichts werten. Ein paar Stunden später war die Seite wieder unten. Update: Die Seite gibt es doch noch, siehe Kommentar (danke, Philipp). Es war keine Frau.
In Oslo wollte keiner aus dem Publikum an der Sexorgie teilnehmen, aber bei der Zerstörung dann rannten sie selbst aus der letzten Reihe eifrig nach vorne, um ja auch eine Geige abzukriegen. Sehr schön dann später, als Leute aus dem Publikum auf die Bühne stiegen, obwohl die Aufführung noch in vollem Gange war, um sich was von den Geigenüberbleibseln zu klauen. Bei der Metalszene kam sogar einer dazu, um sich was aus dem Requisitenlaptop auszubauen. So ist das richtig, das Publikum soll nicht “etwas mit nach Hause nehmen”, das soll sich etwas mit nach Hause klauen. Komponieren bedeutet, ein Instrument klauen.

Kleine Weltreise – Tagebuch #10

Wetter garstig.
Der Bárðarbunga-Vulkan ist weiträumig abgesperrt.
Gestern traf ich einen Geodäsisten, der
über die feuerspeienden Krater
geflogen ist und sie gefilmt hat.
In der Kneipe blieb selbst den Isländern
bei diesen Videos die er
auf seinem großen Handy abspielte
die Spucke weg.
Der Schlagzeuger kriegt “windowed” nicht hin
Fenster gehen in Island eben nur
nach unten auf.

 

Andere Länder, andere Sonifikationen.
Als ich letztes Jahr in Russland war, staunte ich nicht schlecht, dass dort bei der kompositorischen Jugend gerade die Wandelweiser – “3 Töne pro Minute” – Ästhetik stark en Vogue ist. Hier in Island ist der letzte “heiße Scheiß”: Animated Notation. Eine ganze Reihe von Komponisten scheint sich dafür zu interessieren, Instrumentalisten schreiben ihren PhD darüber, wie das Gehirn derlei Infomationen aufnimmt. Freilich gibt es weltweit Komponisten, die sich damit beschäftigen, man kann geradezu von einem Trend sprechen. Neuer Partituranimationismus.

Es gibt eine Website, die alles Bezügliche sammelt: http://animatednotation.com/

Memo an mich: @home genauer studieren.

 

Gedichte schreiben
ist
leicht.
Der ständige
Zeilenumbruch
ist der
Hurz
der Lyrik.

Kleine Weltreise – Tagebuch #09

This bloody ash-hole

Der Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010 legte bekanntlich den Flugverkehr Europas lahm. Die letztlich begonnenen Eruptionen des Bárðarbunga waren dagegen nur kurz in unseren News. Für die Isländer ist das aber ein großes Thema, im Wetterbericht wird immer auch der aktuelle Stand der Ascheverbreitung durchgegeben, der innerländische Flugverkehr ist eingeschränkt.

Was da gerade abgeht, kann man im Livestream mitverfolgen:
http://www.livefromiceland.is/webcams/bardarbunga/
http://www.livefromiceland.is/webcams/bardarbunga-2/

Zwischenzeitig ist da zwar fast nichts zu sehen, aber um ca. 21h Ortszeit zum Beispiel sah man aus der Entfernung minutenlang eine feuerrote Wolke aus dem Krater aufsteigen.

Kleine Weltreise – Tagebuch #08

Ein Bericht für eine Akademie (Kafka)

Vortrag und Diskussion an der Musikhochschule. Der Saal ist voll, und zur Diskussion – über Urheberrecht – sind tatsächlich die Chefin der isländischen GEMA und zwei Abgeordnete des Parlaments sowie ein Musiker-Philosoph anwesend. Der Piratenabgeordnete ist zu 200% das Klischee des Piratenpolitikers, wie ich sie in Deutschland auch getroffen habe: Mitte dreißig, männlich-nerdig, lange Haare und 7TageBart, hat zwei Computer vor sich und spricht sehr ernst und mit gewissem Fanatismus. Der andere Abgeordnete ist ein hierzulande berühmter Musiker, spielte beim diesjährigen European Song Contest für die Isländer Gitarre (Endergebnis: Platz 10). Die isländische Harald Heker wiederum spricht in allen Punkten genau so Harald Hekerisch wie Harald Heker auf diese Punkte antworten würde. Die Diskussion ist auf der Eisinsel also auch nicht wirklich weiter, außer dass die Piraten sich offenbar nicht zerlegt haben. Auch hier kommt man seitens der Verwertungsgesellschaft auf keine bessere Idee als anzustreben, von Spotify statt 0,00004 Cent doch wenigstens 0,00005 Cent zu bekommen. Jaja, das System selber ist schon ok. Mennomenno, YouTube verdient ja Geld mit seinem Portal – herrjeh, das wäre ja noch schlimmer, wenn YouTube defizitär wäre und subventioniert werden müsste. “Unterschreibe die Petition zum Erhalt von YouTube – das muss uns die Kultur wert sein.”
Was mich noch beschäftigt: Ist das nun gut oder eher nicht, wenn im Parlament ein ESC-Teilnehmer über politische Entscheidungen abstimmt?

Heute versuche ich mal, mit Wein einen veritablen Alkoholspiegel aufzubauen. Mit dem 2,25%-Lettöl geht das einfach nicht, die Leber ist schneller.

Kleine Weltreise – Tagebuch #07

Fragmentarischer Schlaf
… Schlaf … Schlaf
Wer schläft, kann kein Selfie machen
Bedeutendster Isländischer Künstler: Dieter Roth

In Island gehen die Fenster wenn überhaupt nur kippweise nach unten auf.

Meist sind das die kleineren Elemente der Fassade. Die einen sagen, damit man von aufsteigender Warmluft was abbekommt, die anderen, damit es nicht reinregnet, wieder andere sagen, das sei einfach durch Willkür so gekommen. Von außen geputzt werden die Fenster wohl nur durch den Regen, sofern man das Putzen nennen will. Was mag dieses Fenstersystem für Auswirkungen auf die kollektive Seele haben? Hätte man in so einem Land ein Betriebssystem namens “Windows” erfinden können? Gibt es in einem Land, das die Fenster nach unten auf- und zuzieht, einen Ausdruck wie “Zeitfenster”? Wie wird durch das Fenstersystem (USA: hoch-runter schieben, Mitteleuropa: oben-kipp oder seitlich schwenkbar, Island: unten-kipp) das Verhältnis zu Wetter, Nachbarschaft, Passanten justiert? In welchem Rhythmus und in welcher Menge verschafft sich der Indoor arbeitende Isländer frische Luft, was für Auswirkungen hat das auf die Arbeit selbst? Ausgerechnet mein Stück “windowed” wird hier nächste Woche interpretiert.. Mir wurde gesagt, wenn es in Island mal den seltenen Fall eines “normalen” Fensters gibt, das seitwärts sperrangelweit aufgesperrt werden kann, kriegen die Einheimischen Höhenangst. Vertigo. Das Fenster zum Hof.

Kleine Weltreise – Tagebuch #06

Der Gang aufs Land

1. Pingvellir Nationalpark. Hier fand sich das angeblich erste nachantike Parlament der Welt ein (um 930), an einem superidyllischen Ort mit großem See, weitem Land, glasklarem Wasser, beeindruckenden Gesteinsformationen und einem höchst ansehnlichen Wasserfall. Politik und Ästhetik.

Unter einem tun sich Spalte auf, die gern mal 10 Meter tief sind, wenn man genauer reinschaut.

 

2. Weiter zu den Geysiren. Flache Dampfstellen, es riecht nach Furz Schwefel, oder wie Ernst Jünger geschrieben hätte: „Ein böser Duft durchwebte den Raum“. Der ganz große Geysir bricht nur unregelmäßig bzw. bei Erdbeben aus, der Stokkur dagegen ca. alle 5 Minuten. Es schluckt, spuckt und schwappt, zieht sich nach innen und dehnt sich aus, als ob hier ein muskuläres Wesen mit Riesenlunge im Boden lebte, und dann zischt es ohne Ankündigung sagenhaft hoch, wie ein Nießen, allerdings mit 80-100° heißer Fontäne. Auf YouTube gibt es von dem Geysir über 1000 Videos. Hier die Aufnahme einer holländischen Familie, die sich im Wohnwagen nachher bestimmt noch viel von diesem Naturschauspiel zu erzählen hatte.

 

3. Gullfoss Wasserfall. Im Januar sah ich den größten Wasserfall Nordafrikas. Gegen den Gullfoss ist der afrikanische ein Furz. Windhauch bei mildem Abendlicht, wenn die Sterne dem müden Sonnengott beginnen lieblich zuzublinken. Eine riesige Masse Gletscherwasser stürzt über mehrere Terrassen, von denen eine allein schon spektakulär wäre, in eine kaum einsehbare Schlucht. Touris stehen da und machen Selfies mit Wassermigrationshintergrund. „Ich dachte bis vor kurzem noch, ein ‚Selfie‘ sei das, was mir meine Kirche verbietet – wegen Rückenmarkschwund.“ (Harald Schmidt).

 

4. Abseits der Touris, in den Bergen vor Reykjavik, wo es immer wieder aus der Erde dampft, halten wir noch mal und besehen die Öffnungen. Die Erde ist unterschiedlich warm, bei den gelben Stellen am wärmsten. Man sieht eine harmlose Pfütze und schon hat man sich fast die Finger darin verbrannt. In der Gegend ist es Vorschrift, dass die Häuser einen Keller haben, denn es kann immer sein, dass es drunter plötzlich aufbricht und etwas ausstößt, und dann hat man wenigstens einen Puffer.

 

Unterwegs ist man in weiter, moosbewachser Landschaft nahezu ohne einen Baum. Es grasen Schafe und große Herden Islandponys, die aber noch nicht das typisch-sympathische Extremzottelfell des Winters tragen. Landwirtschaft findet vor allem in Gewächshäusern statt, die natürlich die Geothermik nutzen. Auf diese Weise gibt es Islandpaprika.

 

Die Isländer gelten als die „Italiener des Nordens“. Anders etwa als die distanzierten Norweger oder die grüblerischen Finnen zeichnet die Isländer eine heißblütige Leidenschaft aus, die sich in häufigem Pendeln zwischen linken und rechten Regierungen zeigt.

Kleine Weltreise – Tagebuch #05

Tagebücher. Eine meiner bevorzugten Lektüren. Romane: zu lang. Gedichte: zu kurz. Aber sprachlich gekonnte Beschreibungen von Erlebnissen, Reflexionen, ohne mühsame Großform und ohne diese Mengen an Charakteren, die ich mir nicht merken kann, das ist Literatur nach meinem Geschmack. Lieber das verlogenste Tagebuch als der authentischste Roman. Besonders interessant: die Tagebücher und Autobiographien von Uralten, die große Zeitabstände aus eigenem Erleben vergleichen können. Ernst Jünger, Julian Green, Leni Riefenstahl. Green starb 1998 mit 98 Jahren, und hat von 1920 bis zuletzt Tagebuch geführt, amtierender Tagebuchschreibweltmeister unter den Literaten. In einer Zeit, in der ich schon bei vollstem Bewusstsein war (90er Jahre), hat Green in seinem Tagebuch noch das familiäre Trauma des verlorenen Bürgerkriegs 1861-64 beweint, während er zeitgleich die Folgen der deutschen Wiedervereinigung etc. registriert. Einmalig, das kann kein Historiker. Und wie Harald Schmidt bemerkt hat: Thomas Mann, Zauberberg, Buddenbrooks, Doktor Faustus, schön und gut, aber wirklich interessant sind die Tagebücher, das Verzeichnen der Animositäten, der Tablettenfresserei.

Dennoch: Ein Tagebuch verschweigt das Meiste, ist zum Verschweigen da. Verbergen durch Transparenz (Baudrillard). Text. Eigendynamik des Mediums.

Eines der besten Reisetagebücher sind übrigens die “Brasilien – Peru – Aufzeichnungen” von Franz Xaver Kroetz.

Nach hundert Jahren ist praktisch jedes Tagebuch interessant.