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Aus Tralien #22

Brisbane 28.8.
Wortspiele. Versuche englische Neuschöpfungen: Vitamisation. Uselessisation. „Please make yourself useless“. Can we uselessize this object for a while?

Ausflug in Brisbane. An einen See in den Bergen, dort nimmt unsere Gruppe ein Nacktbad. Ein Adler fliegt übers Wasser; eine sagt, das sei schon der zweite, den sie in meiner Nähe sieht die Tage, das sei selten, der Adler müsse mein >Totem< sein. Leo meinte sowas auch vor Jahren, das >Krafttier<. Derrida bringt in >Glas< Hegel mit Aigle zusammen.
Eukalyptuswälder, in denen Kakadus krass schreien. Ich sammle nun Feldaufnahmen für den Hessischen Rundfunk.
Joel erinnert an Herzogs Wort: „They don’t enjoy themselves. They constantly scream in pain because of the terrors of nature.”

Brisbane ist wesentlich tropischer, die Häuser aus Holz, genannt >Queenslander< und >Weatherboard<.

Haie seien Tiere, die nicht schlafen, müssen sich immer bewegen. Theorie: Darum sind sie immer schlecht drauf, weil unausgeschlafen, darum aggressiv und reißen Menschen. Würde Haie schlafen, sie würden nur Tofusurfer mampfen.

Im Museum für moderne Kunst, schöne Aborigine-Arbeiten. Fast keine Zeit, wieder mal ein Reenactment von Bande à part.

Bäume im Wasser, deren Wurzeln nach oben wachsen, aus dem Wasser heraus, um Luft zu bekommen.

Ein letztes Essen, Abschied. Flug.

Perlen vor die Säue, aber zeitlich: Um 16h werfen wir Perlen, bevor den Säuen.

Im Flugzeug 29.8.
Beim Anschlussflug >gradet< man mich >up< in die Businessclass. Aber als Upgrader ist man doch Zweitklässler unter Erstklässlern. Das Essen bekomme ich zuletzt, ich kann nur aus den Resten aussuchen, die die anderen nicht bestellt haben. Soziale Aufsteiger steigen eben nie restlos auf.

Im Flug ein scheußlicher Albtraum, dass ein Familienmitglied verrückt geworden ist, wir sitzen im Auto und sie greift von hinten plötzlich ins Steuer.
Träume sind einfach immer schlecht. Ich will diesen Scheiß nicht träumen. Ich möchte mein Unterbewusstsein verklagen für die Schäden, die es meiner Lebensqualität antut.
>Kritik des Traumes<

Es fällt mir schwer, Eardrops reinzudrehen, möchte die Ohren nicht zugestopft bekommen.

Wie schon beim Hinflug eine scharfe Kurve um Syrien herum.

Vor genau 10 Jahren bin ich nach Berlin gezogen. Damals dachte ich, der Hype des Berlin-Zuzugs sei vorüber.
"Die Zukunft kann nur den Gespenstern gehören. Und die Vergangenheit." (Derrida)

Links:
Bande à part, Louvre scène

Aus Tralien #21

Brisbane 27.8.
Ein Musiktheaterprojekt mit Behinderten. Eine maximal kitschige Geschichte vom unglücklich Verliebten; am Ende hat der Behinderte eine hübsche Freundin und man hofft, dass dieser Kitsch am Ende als solcher denunziert wird.
Man hofft, dass es sadistischer wird, denn so ist es zu sadistisch.

Das Problem, dass man als Künstler das Amoralische sucht und beim Kapitalismus fündig wird.

Schreien auf der Bühne, Existenzialismus auf Knopfdruck, so was nehme ich nicht ab, da helfen auch 110dB nicht gegen die absolute Lautstärke der Geschichte. Dieser Schrei findet nicht statt, um mit Baudrillard zu sprechen.

Werktitel “Kunst”

Nachdem mein Set in Sydney schon ziemlich Comedy war, war es mir in Brisbane ein Anliegen, wenigstens im zweiten Teil das Publikum zu quälen; habe mein Nummerierungsstück auf 20 Minuten ausgedehnt. Alternative wäre gewesen, so lange zu zählen, bis alle gegangen sind, aber es gibt ja immer Hardcore-Fans, die sich partout nicht vertreiben lassen. In Audioguide gab es mehrere im Publikum, die die vollen 7 Stunden nicht aufgestanden sind.
Auch wenn das Publikum in den drei Städten (Melbourne, Sydney, Brisbane) ja jedes mal anders war, wollte ich trotzdem nicht drei mal dasselbe spielen. Zumindest ich bin ja bei allen dreien anwesend, aber auch die Kuratoren. Und der liebe Kunstgott.

Paradoxerweise filtere ich als Musiker viel Musik aus im Täglichen.

Es könnte doch mal Mode werden, dass man links und rechts verschiedene Schuhe trägt. Mode Könnte viel innovativer sein.

Links:
LA in Brisbane
Nietzsche-Lesung
Kinski-Lesung

Aus Tralien #20

Brisbane 26.8.
Danni ist wieder supergeil im alles Sexualisieren, „I’m on a high sex-drive“. Beurteilt im Auto auf dem Weg zur Unterkunft erst mal die Sexyness des AirBnB-Anbieters. „Surely he is gay.“

Shutter Piece
Chateau Piece

Hier gab es mal einen Punkschuppen namens >Library of radical thoughts< - seine Mitglieder nahmen Bücher radikaler Denker aus anderen Bibliotheken mit, gaben sie >zurück< in ihre >Library<.

China bekommt seine ganze Kohle aus Australien. Die Wolke über Peking war vormals unter der Erde in Australien.

Kunst und Kabarett. Der Berliner Frühexpressionismus hielt seine Lesungen ebenso in Cabarets ab wie die Wiege von Dada ein solches Etablissement war. Daher eine schöne Tradition, dass Fremdarbeit hier auf einer Kabarettbühne gemacht wurde.

Gespräch über den Wert von Dokumentation. Joel und Danni zeigten in ihrem Vortrag das Werk einer taiwanesischen Künstlerin, die sich selber nach initialer Zündung schleunigst aus dem Projekt stahl; ich dachte bei der Präsentation, wow, tolles Kunstwerk, die Autorin als Vakuum; dann lautete der erste Kommentar, dass das völlig ätzend war und selbst Joel und Danni pflichteten dem bei. Aber im Nachhinein, in der Erzählung, auf der Dokumentation, da wirkt es kühn. So hat Herzog sich sein halbes Filmwerk hinterher zur Legende gebogen.

Ich soll das Alter von jemandem schätzen, liege ziemlich daneben, dachte, sie sei älter als ich, aber ich weiß eben auch nicht, wie alt ich bin.

Wieder zum Applaus. Ich möchte nicht Dinge machen, die nach 10 Sekunden schon beurteilbar sind, nicht Dinge machen, die sofort von Applaus verzehrt werden können. Und schon gar nicht etwas, worauf man mit einer Konvention reagiert.

Buster Keaton sah im Alter genauso aus wie als junger Mann, ganz anders als Chaplin, den man im Alter kaum wiedererkennt. Keatons steinernes Gesicht war wirklich steinern über Jahrzehnte.

Diskussion über den Unterschied zwischen dem Publikum die Augen zu verbinden und es in Stockdunkelheit zu setzen. Ersteres wirkt wie ein direkterer Eingriff, aber dafür können sie die Binde im Notfall runterreißen.

Über Narration. Mein Definitionsversuch aus dem Stand: Narration ist chronologische Bedeutungsherstellung, eine Kette von Ursache-Wirkung.
Später kramt die Diskussionspartnerin, die darüber ihren phd schreibt, ihre Definition heraus, die sich ziemlich damit deckt, nur das habe ich nicht bedacht: Narration hat immer Akteure, Subjekte.

Man erwarb einige Konzeptualistica.

Aus Tralien #19

Sydney 25.8.
Ausflugstag. Gang ums Opernhaus. Auch jetzt wirkt es relativ klein, nicht nur wegen der Wolkenkratzer im Hintergrund, sondern überhaupt für ein Opernhaus. Trotzdem: das tollste Bauwerk, das ich je gesehen habe, die Lage direkt am Meer, und diese aufwändige Muschelform. Es ist anders als alle anderen Gebäude, völlig speziell, man ist einfach fasziniert, kann sich nicht sattsehen daran. So ein Haus baut man eigentlich nicht, das sieht alles nach einem sagenhaften Luxus der Verschwendung aus, diese funktionslose Dachkonstruktion. Auch nett: In dem Meer ums Opernhaus herum schwimmen Haie. Die wilde Schönheit der Gefahr. Ob da schon jemand zwischen dem 2. und 3. Akt von Aida mit dem Schampusglas reingestolpert ist.

Danni weint wegen des schlechten Symposiums in Melbourne, und dass auch das Sydney-Symposium in den Händen von Liquid Architecture hätte stattfinden sollen, sowieso, eigentlich hätte es ein großer Kongress zum Neuen Konzeptualismus werden sollen. Sie ist so nah am Wasser gebaut wie das hiesige Opernhaus.

Von einer Aussichtsplattform schauen wir Surfern zu.
„Wie könnte man diese Surfer dort im Wasser sonifizieren?“
-„Indem man von einem Helikopter aus 100 Gitarren auf sie abwirft.“

Fahrt mit dem Schiff zu einer vorgelagerten Landzunge. Die Stadt hat sich um die verschlungene Bucht angesiedelt, es sieht sehr schön aus. Wir steigen auf Felsen hoch bis auf ein Plateau, auf dem sich ein kleiner Regenwassersee findet, in dem wir waten. Eine Eidechse, größer als ich je eine gesehen habe – die Australier sagen, diese sei klein. Weiter finden wir ehemalige Militäranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg, und später rasten wir neben vielen Kakadus. Zwischenzeitlich hält uns eine Ratte an einem Aussichtspunkt auf Trab.

Bei Sonnenuntergang mit der Fähre zurück Richtung Opernhaus. Die Leute kommen aus dem Fotografieren nicht mehr raus. Selbst ich Nicht-Fotograf werde schwach.

Abends bei einer Ausstellungseröffnung, mit viel Nacktheit, irgendwas mit „Body“ ist das Thema. Eine Installation mit Filmen lauter männlicher Pornodarstellerr, die im >White Cube< wichsen bis zum Abspritzen. Es ist verstörend; im Essay, der demnächst in Seiltanz erscheint, habe ich geschrieben, dass Nacktheit etc. immer noch eine Provokation ist. Außerdem in der Ausstellung: Riesige Fotos schön bemalter Muschis; ein Künstler, der superqueeres Zeug macht, aber dazu sagt, es sei nicht queer, man solle das nicht so lesen. Danni findet das blöd, ich nicht. Siehe Jonathan Meeses Umdefinition des Hitlergrusses: geht natürlich nicht, darum geht erst recht, es zu behaupten.

Dann Treffen mit zwei Studierenden aus dem polnischen Kurs. Auch hier wieder das Thema der starken Assimiliationsleistung der australischen Immigranten. Erstes Gebot bei Ankunft aus dem Sowjet-Terror, aus Nazi-Deutschland, aus Italien: Ab heute sind wir Australier; während heute die Deutschtürken in der dritten Generation noch unter sich bleiben. Ob das in Deutschland am fehlenden Nationalgefühlsangebot liegt, am Rassismus gegen Fremdarbeiter, oder in Australien wiederum an der Abgrenzung gegen die Aborigines, an der Lage ab vom Schuss, oder weiß noch was für Faktoren – im Resultat ist es eine extreme Diskrepanz.

Links:
The Phonobomb of the Opera

Sound and Gravity

Johannes Kreidler
Sound and Gravity
Lecture at “Materials of Sound” Symposium
Sydney 24.8.2016
Artspace Sydney
http://see.unsw.edu.au/news/materials-of-sound

Aus Tralien #18

Sydney 23.8.
Nachts, bevor es morgens zum Flughafen geht, klassischer Versagenstraum. Im Gymnasium am Ende einer Unterrichtsstunde, im Biologieraum, muss ich mein Zeug packen um in einen anderen Raum zur nächsten Stunde zu gehen, aber das Packen dauert und dauert und der Schnürsenkel ist auch offen, alle anderen sind längst weiter und meine Zusammenpackerei nimmt kein Ende.
Ich komme aus der Biologie nicht raus.

Flug nach Sydney. Schon aus dem Flugzeug sieht man das Opernhaus. Überraschend klein zwischen den Wolkenkratzern.
Auf dem Weg zum Veranstaltungsort kommen wir an einem Schwulenclub vorbei, dessen Schild mit >Tool Shed. Adult Concepts< wirbt. Obwohl wir in Eile sind, hält uns Joel an, wenn schon mal die Protagonisten des Neuen Konzeptualismus zusammen sind, dann müssen die *hier* fotografiert werden. Seth trägt sonst sogar eine Tool Box (Werkzeugkasten) mit sich rum, schade dass er ihn gerade jetzt nicht bei sich hat. Dann läuft just auch noch Douglas Kahn vorbei, Gruppenfoto.

Abends Konzert. Eine Künstlerin zeigt hunderte Selfies von öffentlichen Instagram-Accounts, ziemlich deprimierend, diese reine Selbstdarstellung. Die schiere Existenz ist halt noch kein Verdienst.
Die >Text Clapping<:-Performance mit der Introduktion von Seths >Blink of an Ear<; was mir nicht klar war: Der eigentliche Urheber der Einleitung ist Douglas Kahn (an dem Abend anwesend). Also ein Fall für die Fußnoten. Also mit den Füßen?! Das ist mir dann doch zu banal.

Am Ende der Performance ein altes Stück, aus Feeds. Hören TV, erstmals in der Solo-Version. Geht so ganz gut. Man muss ein Requiem nur überleben.

Sydney 24.8.
Symposium >Materials of Sound<. Bei der Einführung spricht der Initiator von einer >Ermüdung< des Digitalen, aber das Symposiumsprogramm hat er nur online verfügbar gestellt.
Vortrag über Sound and Gravity. Ich wähle als Motto >Gravity Pleasure<, hab das zufällig gefunden beim Nachschlagen, was Achterbahn auf Englisch heißt, und dann beim Wikipedia-Artikel über >Rollercoaster< weitergelesen. Der Ausdruck ist auch im Deutschen geil: „Schwerkraftspaß“.
Im Vortrag bringe ich später eine Liste mit diversen Werken anderer Komponist*innen, die sich mit Schwerkraft befassen. Leider vergesse ich Seths Arbeiten, ich Seppel, der selber in seinem Großessay am Ende des Tages mich ausführlich bespricht. Hätte gar nicht erst anfangen sollen mit Kanonisierung.
Joel und Danni sprechen über Implosion. Implosion ist die neue Explosion, Vakuum der neue Inhalt.

Gestern im Konzert wie heute beim Symposium: Geballte Powerpoint-Unfähigkeit. Bei der Selfie-Performance geht dauernd der Screensaver an, andere sind nicht in der Lage, ein Video in Powerpoint abzuspielen, müssen dafür immer raus aus Powerpoint, geben ihren halben Festplatteninhalt auf der Projektion preis usw. Das ist in den letzten zehn Jahren auch keinen Deut besser geworden.

Mit Danni im Gespräch: Dass sich einige Syposiumsteilnehmer auch wieder so selbst->verhässlichen<, die programmatische Unsexyness von Academia. Es bleibt eben beim Anti-.

Douglas Kahn hat die Theorie, dass ein Historiker für einen Absatz womöglich monatelang arbeitet, aber damit ist es getan und gesagt, während ein Theoretiker einen Absatz schreibt und fortan etliche Varianten davon formulieren kann. Sein Vergleich: Männlicher vs. weiblicher Orgasmus.

Stockhausens Leiche ausgraben und aus dem Oberschenkelhalsknochen eine Flöte schnitzen.

In der Kneipe spät läuft „Sexy Boy“ von Air, zuletzt gehört habe ich das schätze ich im Jahr 2001. Entsprechend ist das Lied, das eigentlich ziemlich geil ist, superfinster kontaminiert, die Zeit war scheiße. Sadomasochistisch höre ich es dann in der Schleife die halbe Nacht und alle weiteren Tage. Das Lied ist auch gar nicht umdefinierbar. Toller Song.

Links:
For Arthur “Two Sheds” Jackson
Adult Concepts Group
Same/Everything Sydney
Air, Sexy Boy

Aus Tralien #17

Melbourne 21.8.
Fantasies of Downfall = Einbildungen des Untergangs

Die kuratorische Politik von Liquid Architecture ist: superdivers. In einem Konzert spielt erst ein Mikrointervall-Nerd auf seinen selbstgebauten Instrumenten, dann gibt es ein Dada-Theaterstück, gefolgt von einer Merzbow-Brachialnoisenummer. Finde ich sehr gut. Jetzt müssten noch die Vorträge integriert werden; immer das Problem, erst die Vorträge, dann das Konzert – schon teilt man das Publikum.

Die schöne altmodische Art von Danni, Leute mit ihrem Beruf anzusprechen, im Taxi spricht sie den Fahrer mit „Driver!“ an, im Boot den „Skipper“, den „Bus Driver“, und die Katze mit „Cat“. Spreche sie jetzt immer mit „Curatress“ an.

Übersetzung von Kinski ins Englische für den nächsten Auftritt. Manche schwierige Fälle. „Von der Schädeldecke bis in den Samenstrang.“ Oder: „ärschlings“. Da hilft kein Wörterbuch. Nennen wir’s >assy<.
Außerdem Übersetzung des Vortrags über Schwerkraft für Sydney. Gott sei Dank macht mich Danni noch darauf aufmerksam, dass die Aussage von Oswald Wiener, wir würden ja gar nichts anderes als die Schwerkraft kennen, physisch nicht stimmt: Beim Schwimmen haben wir ein anderes Erlebnis.

Seth sagt, ich arbeite zu viel. Ein weit verbreitetes Problem. Selber habe ich vor Jahren die Parole ausgegeben, die Lösung für mich war, weniger arbeiten. Bei den wenigsten Künstler hapert es am Fleiß, vielmehr kranken sie daran, dass sie zu viel arbeiten.

Konzert in einer Subkulturkneipe. Ein Typ aus der Schweiz, tätowiert wie ein Sträfling, beginnt seine Performance, indem er seine Haare abrasiert, sie auf seine Laptoptastatur schmeißt und anzündet. Lässt sie eine Weile brennen, es stinkt, und wischt die brennenden Haarbüschel dann lässig zur Seite und spielt auf dem Laptop, der offenbar keinen Schaden genommen hat. Das war alles nicht mit der Leitung abgesprochen, und kurz fragt man sich, wozu der Typ als nächstes in der Lage ist, aber er begnügt sich dann mit abartig lauter Musik, wirklich die schlimmsten Frequenzen die ich je gehört habe, bei denen nicht mal Eardrops oder gewaltsames Ohrenzuhalten helfen, schaue und höre das ganze von der Terrasse aus durch die großen Fenster an. Dabei ist es gute Musik, aber anhören kann man sie sich nicht. Er hält die Music evil.
Der Laden ist zu 95% voll von, darf ich so sagen?, >hässlichen< Menschen, Menschen, die aktuellen Schönheitsidealen gänzlich unbeeindruckt gegenüber stehen, also ein Laden voller Freaks. Topfhaarschnitt, Herrenschnäuzer, Frauenglatzen mit einzeln übrig gelassenen Haaren, radikal-Vokuhilas, Rasta-Mikrobentierparks. Es ist aber auch völlig asexuell, solche Indivualisten sind zueinander inkompatibel – Danni stimmt diesem Eindruck zu.
Mit Schönheitsidealen ist es wie mit der Sprache, man kann sie sich allein nicht völlig umgestalten, will man kommunizieren.

Melbourne 22.8.
Mit dem Fahrrad durch Melbourne. Architektonisch wirklich eine Augenweide, ob Wolkenkratzer oder Häuschen mit Veranda.

Bei der Melbourne Art Fair, die in einem großen Luxushotel stattfindet. Jede Galerie stellt in einer eigenen Suite aus. Die Idee ist sympathisch, aber es gestaltet sich doch etwas schwierig, alles ist sehr eng.
Später erst erfahre ich von Joel, er wollte organisieren, dass ich dort in der Lobby konzeptuelle Klavierstücke aufführe. Die Leitung der Kunstmesse verweigerte mit der Antwort, bei solcher >Musik< verkaufe sich die Kunst schlechter. Stattdessen spielt nun eine Harfenistin Harfengeklimper. In einem der Räume eine Performance, bei der ein Paar einen auf dem Fernseher laufenden Film komplett im Zimmer simultan nachspielt. Bei der Liebesszene haben sie wirklichen, expliziten Sex, der männliche Höhepunkt hinterlässt sichtbare Spuren. (Jemand applaudiert.) Eine Warnung für Kinder oder kauffreudige Rentner sieht man nirgends. Joel hätte alles vorschlagen dürfen, außer Kunstmusik.

Immer wieder staune ich über die Geschichten der freiwilligen Assimiliation hier. Eltern, die ihren Kindern verbieten, die Muttersprache der Eltern weiter zu spechen. Warum ist das hier so, warum ist das in Deutschland nicht so. Das Wort >Assimiliation< scheint ja hierzulande verboten zu sein.

Überpräparierung. Die ganze Welt, befestigt am Cello.

So wie wir Dönerbuden haben, haben sie hier Sushibuden. Man sucht sich ein paar Rollen aus wie wir in Deutschland Eiskugeln.

Aus Tralien #16

Melbourne 20.8.
Eines meiner zehn Biere gestern muss leider schlecht gewesen sein. Kopfschmerz.

Weitere Ideen für die Brisbane->Soundcard<:
- Ich gehe / Taxi / Bahn und mache dabei viele Fotos, man hört nur den Rhythmus des Fotografierens
- im Sinne von Linksverkehr gehen zwei Personen mit Aufnahmegeräten bei A / B los, treffen sich in der Mitte und gehen dann jeweils zu dem anderen Punkt weiter

Stimmungssysteme auf weißes Rauschen anwenden. (Obwohl weißes Rauschen alle Frequenzen enthält, kann man ein Sample weißen Rauschens transponieren. Schöne Paradoxie.)
Ein Punksänger gröhlt Stimmungssysteme, etwa die Bohlen-Pierce-Skala.
Bei Stimmungssystemen ist ja auch die Fetischisierung interessant, das Nerdig-Verschrobene dieser Cent-Philosophien.
Verschrobung. Die Verschrobenheit. Schrobismus.

Ein Sample weißen Rauschens. Ein Sample weißen Rausches.

Bei meiner Präsentation am RMIT fragte mich ein Typ nach meiner Meinung zu >Augmentation<. Auf meine Bitte, das zu präzisieren, erwiderte er, es gehe nicht darum, was er darunter verstehe.

Joel verbessert gelegentlich mein Englisch, will aber auch nicht zu viel verbessern – damit die Sprache in Bewegung bleibt.

[Genderhinweis: Habe in dem folgenden Abschnitt das Geschlecht konsequent abgewechselt.]

Was man wieder unfreiwillig aus Deutschland mitkriegt. Ein Musikwissenschaftsstudent meint sich erdreisten zu können, in einer öffentlichen Mini-Wortmeldung ein Stück von mir eben mal runterbuttern zu können. Steigt aufs ganz hohe Ross, übersetzt aber 2 von 3 Wörtern des englischen Titels falsch, behauptet ohne jegliche journalistische Recherche, ich habe Claqueurinnen bezahlt, pickt sich willkürlich Teile des Stücks heraus, um sie dann falsch zu beschreiben, vergleicht ohne historische Kenntnis mit der Historie, das Programmheft wird natürlich auch ignoriert usw. Und wenn man dann den Zögling mal auf seine sachlichen Fehler hinweist, man kann in dem Alter ja vielleicht noch das schlimmste abwenden, kommt zurück, man habe als Komponist ihm nicht das Stück zu erklären. Und damit ist er nicht allein (es sind halt die lauten, die auffallen);- sie scheinen sich darin zu gefallen, als die nächste Generation von Pippikackascheißern aus der Darmstädter Schreibschule (genauer: der deutschen Sektion davon) herauszugehen, die ihre Inkompetenz und Gehässigkeit für das Siegel journalistischer Unabhängigkeit hält.
Warum diese Unkultur des öffentlichen Beleidigens und der Besserwisserposerei in der Kunstkritik. Wollt ihr Fürsprecherinnen oder Pippikakkascheißer sein? Eine Künstlerin ebenso wie ein Stück sollte nach dem Besten, was geschaffen wurde, beurteilt werden, nicht nach dem Schlechtesten.
Wenn man ein Stück bespricht, dann:
-interpretieren, nicht nur beschreiben
-die eigenen Kriterien transparent machen - aber mehr noch den Kriterien des Werks gerecht werden (es hat keinen Sinn und wäre infam, ein serielles Stück danach zu bewerten, wie gut man dazu tanzen kann)
-die differentiellen Momente zur Geschichte herausarbeiten
Und sich als Partner verstehen, es geht darum, den Leserinnen ein Stück näher zu bringen; auch denen, die das Stück schon gehört haben, eine originelle Interpretation offerieren. Das wäre doch mal ein Gewinn.
Stattdessen immer wieder diese Schnellsudeleien über Nacht und das Verlautbaren ungefragter >Meinungen<; was qualifiziert sie eigentlich dazu? Kritiker wissen also, wie Musik zu sein hat, nur sollten sie dann zu >Neuer< Musik den Mund halten, die ist eben (erst mal) keine Musik, alle bisherigen Kriterien für wie >Komponieren< geht, wie viele Noten die Musikerinnen spielen usw. stehen per Definition zur Disposition. Wer dafür keinen Sinn hat, soll sich ein anderes Betätigungsfeld suchen. Kritiker, die Hüter der Konventionen, bravo, wer kann das wollen, nicht mal sie selber. Aber leider verpesten diese talentlosen Scheißeschreiberinnen die Gazetten auf ewig, niemand braucht sie, es hilft keinem, schlau wird von diesen Ergüssen niemand, allerhöchstenfalls machen sie sich zum Gespött künftiger Historiker. In der NZZ schrieb ein Schreiberling vor einigen Jahren: "Johannes Kreidler hat mal wieder bewiesen, dass er weder komponieren kann noch will." Wie dem auch sei, wenn dieser Kritiker weiß, wie Komponieren geht, dann will ich das auf keinen Fall können.
Ginge es nach den Kritikerinnen, wäre ich schon längst nicht mehr auf den Podien; Komponisten, die heute angebetet werden, hätten vor 30 Jahren quittieren können, der damaligen Journaille nach - es ist derselbe Schlag von Spießerinnen, der dann, wenn der Wind sich dreht, einen Lachenmann hofiert. Es hilft nur eins, >nicht einmal ignorieren<. Seit Jahren lese ich keine Kritiken mehr (überhaupt keine mehr), nur muss ich noch die Freunde darauf hinweisen, mich nicht auf welche hinzuweisen.

"Wesentlich sind die Fürsprecher. Die Schöpfung, das sind die Fürsprecher. Ohne sie gibt es kein Werk. Ich brauche meine Fürsprecher." (Deleuze)

Links:
Punk-Skala

Aus Tralien #15

19.8.
Wir müssen alle superviel arbeiten, trotzdem diese nächtlichen Gelage. Immer an der Grenze, es ist virtuos-professionell.

Am nächsten Morgen gleich wieder los, Eröffnung der Melbourne Tamarraw Biennale im Museum eines Superreichen >in the middle of nowhere<, wo natürlich gleich weitergesoffen wird.

Das ständige Fragen wie es einem geht, es ist die Pest. Man kann sich hier nicht einfach mit "Hi" -"Hi" begrüßen, es muss immer "Hi" -"Hi" -"How are you doin‘?'" -"Yeah, how are you doin'?" -"Yeah." sein. Ich schaffe es partout nicht, mich daran zu gewöhnen, zucke jedesmal bei dieser Ausfragerei zusammen. Anders als in den USA, wo die Frage nur eine Floskel ist, ist sie hier wirklich als Frage gemeint, man muss sie beantworten, und natürlich immer positiv, man muss gut drauf sein.
How are you? I don’t know.

So wie es eine Miniatur gibt, eine Maxiatur.

Infinitesimal statt Null

Aufführung von >product placements< und >Fremdarbeit<. Das Publikum lacht viel. Es ist die Absurdität dieser Realität, aber auch weil wir alle selber in dieser Struktur sind, man erkennt sich darin.

Später Cary wiedergetroffen, den ich vor 2 Jahren hier kennenlernte; der alles auf ein exorbitantes abstraktes Niveau hebt, ein Vergnügen. Sagt, statt product placements „product removement“, so wie man Papier scannt, scannt man irgendwann auch 3D Objekte und begnügt sich mit dem Digitalisat und „removet“, schmeißt das Original weg.
Cary gibt er mir eine Pille zum ins Ohr stecken, darin ein raschelndes Objekt.

Vor mir die Performance einer Popsängerin, die nebenbei noch Konzeptkunst macht – sympathischer geht‘s kaum noch. Spricht live chinesische Sätze in Google Translate, wir verstehen nur die englische Übersetzung, und man weiß dann nie so recht, was denn nun stimmt und was quatschübersetzt ist. Geht nur mit chinesisch, ich probiere es mit deutsch (Le Witt / meine >Konzeptmusik-Sätze<), funktioniert nicht, bzw. funktioniert viel zu gut.
Wieder fließt der Alkohol in Strömen. Spät noch in der Dusche.

Aus Tralien #14

Melbourne 17.8.
Die Leute hier sprechen nur von >Sound<, fast gar nicht von >Music<.

Im Flugzeug wollte ich den Unterricht für den kommenden Tag vorbereiten, bin aber gleich eingeschlafen --- beim Aufwachen sind alle nötigen Ideen da. Man muss sich die Dinge erschlafen, sich in den Ideenhimmel hochschlafen.

Überlegungen für die Brisbane->Soundcard<-Radiosendung:
a) Feldaufnahmen von Frankfurt und Brisbane als Shutter überlagern (unerträglich!)
b) Mitten in Brisbane Richtung Frankfurt gehen, diesen Gang aufnehmen.

Ich kann den Klang der Städte nicht ändern. Aber ich kann das Hören ändern. Mit einer bestimmten Vorinformation das ganze einfärben.

Melbourne 18.8.
Nach dem Surrealismus der Unrealismus.

Morgens Filmaufnahmen für das >Education Project< von Speak Percussion. Schlage vor: Schnelle Schnitte machen – das macht es cool and flott und wegen der vielen kleinen Takes für mich einfacher. Zu einer Frage zu einem meiner Stücke fällt mir gar nichts ein. Es ist, was es ist. „Manche Sätze sind nicht interpretierbar.“ (Handke)
In dem Vorort sind schöne Häuschen mit Ornamenten im spätviktorianischen Stil; jedes Haus anders. Im Netz heißt es aktuell, Melbourne sei die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit.

Die Australier stehen sehr früh auf, manche Bäckereien machen für die Fischer und Surfer schon um 3.30h auf. Entsprechend gehen die Einheimischen auch früh zu Bett, wird ja auch relativ früh dunkel hier. Selbstverständlich trifft man sich hier beispielsweise mit Musikern schon um 9h morgens. In Deutschland würde man sich kaum vor 10h mit Musikern treffen.

Unterricht an der RMIT University. Hatte die Aufgabe gegeben, sich mit Online-Musiksequencern und anderen Kompositionsprogrammen / -Apps zu beschäftigen. Eine Studentin hat mit einer Foto2Sound-App Bilder von Musikinstrumenten sonifiziert. Ein anderer hat die aktuellen >Bandcamp<-Top-ten-Stücke gleichzeitig auf YouTube gestartet und sich dabei mit dem Laptop als Performance näher und weiter weg von der WLAN-Quelle bewegt.
Ich zeige in der zweiten Hälfte des Unterrichts wenig bekannte Stücke, die bekannter sein sollten: Bob Ostertags sooner or later, Christopher Arizas onomatopoeticized und Kirill Shirokovs practice the silence.

-leiser sein als andere. Leiser sein als man selbst.
-beim Nachmachen einschlafen. Musik.

Seltenes Bild hier: Raucher. Nur die Reichsten können es sich noch leisten. Auch Trinken ist reglementiert, Bottleshops wie in Norwegen. Entsprechend: Man sieht zwar erschreckend viele Obdachlose in den Straßen von Melbourne, aber sie scheinen keine Trinker zu sein.

Die exorbitante Steuer: “Übersteuerung” hat da für Musiker eine neue Bedeutung.
Die Hälfte des Aufenthalts vorüber, und die Hälfte meiner Gage ist versenkt. »Scheiss drauf, in vier Wochen beginnt die Bundesliga.«

Warum wird eigentlich in Berlin in Kneipen wieder geraucht, obwohl anderenteils die Bioläden und veganen glutenfreien zuckerfreien laktosefreien Latte-Läden aus dem Boden schießen?

Eröffnung des Festivals Autotune everything, wieder fantastisch viel Publikum. Eine Deutsche (Schwäbin) hält einen Vortrag über Ozeanpolitik. Unterseekabel, Umweltverschmutzung, Rohstoffe, Überschwemmung von Inseln; Ozeane sind ein heißes Eisen.
Im ersten Konzert liest ein Performer eine negative Kritik über seine frühere Aktivität als Rockmusiker, drei mal. Reminder an mich: Mehr sonderbares Zeug machen, auf Akklamation verzichten. Applausdiät.
Der erste Festivaltag endet in einem sagenhaften Gelage. Danni hat eine Flasche Whiskey reingeschmuggelt wie ein Teenager; sie wird hernach ihres Inhalts beraubt.
Die After-Party eine sehr bourgeoise Veranstaltung. Die besoffene Chefin der >Melbourne Arts Foundation< baggert mich an, der Chef des >Greek Cultural Center< reicht einen Joint herum. Später lässt sich die Besoffene vom Tontechniker in einer Ecke ihre Genussteile lecken. Auch ein lesbisches Paar erweitert das Vergnügungsspektrum des Abends ohne alle Scham.

Links:
Bob Ostertag, Sooner or Later
Christopher Ariza, Onomatopoeticized
Kirill Shirokov, Practice the Silence