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Aus Tralien #14

Melbourne 17.8.
Die Leute hier sprechen nur von >Sound<, fast gar nicht von >Music<.

Im Flugzeug wollte ich den Unterricht für den kommenden Tag vorbereiten, bin aber gleich eingeschlafen --- beim Aufwachen sind alle nötigen Ideen da. Man muss sich die Dinge erschlafen, sich in den Ideenhimmel hochschlafen.

Überlegungen für die Brisbane->Soundcard<-Radiosendung:
a) Feldaufnahmen von Frankfurt und Brisbane als Shutter überlagern (unerträglich!)
b) Mitten in Brisbane Richtung Frankfurt gehen, diesen Gang aufnehmen.

Ich kann den Klang der Städte nicht ändern. Aber ich kann das Hören ändern. Mit einer bestimmten Vorinformation das ganze einfärben.

Melbourne 18.8.
Nach dem Surrealismus der Unrealismus.

Morgens Filmaufnahmen für das >Education Project< von Speak Percussion. Schlage vor: Schnelle Schnitte machen – das macht es cool and flott und wegen der vielen kleinen Takes für mich einfacher. Zu einer Frage zu einem meiner Stücke fällt mir gar nichts ein. Es ist, was es ist. „Manche Sätze sind nicht interpretierbar.“ (Handke)
In dem Vorort sind schöne Häuschen mit Ornamenten im spätviktorianischen Stil; jedes Haus anders. Im Netz heißt es aktuell, Melbourne sei die Stadt mit der höchsten Lebensqualität weltweit.

Die Australier stehen sehr früh auf, manche Bäckereien machen für die Fischer und Surfer schon um 3.30h auf. Entsprechend gehen die Einheimischen auch früh zu Bett, wird ja auch relativ früh dunkel hier. Selbstverständlich trifft man sich hier beispielsweise mit Musikern schon um 9h morgens. In Deutschland würde man sich kaum vor 10h mit Musikern treffen.

Unterricht an der RMIT University. Hatte die Aufgabe gegeben, sich mit Online-Musiksequencern und anderen Kompositionsprogrammen / -Apps zu beschäftigen. Eine Studentin hat mit einer Foto2Sound-App Bilder von Musikinstrumenten sonifiziert. Ein anderer hat die aktuellen >Bandcamp<-Top-ten-Stücke gleichzeitig auf YouTube gestartet und sich dabei mit dem Laptop als Performance näher und weiter weg von der WLAN-Quelle bewegt.
Ich zeige in der zweiten Hälfte des Unterrichts wenig bekannte Stücke, die bekannter sein sollten: Bob Ostertags sooner or later, Christopher Arizas onomatopoeticized und Kirill Shirokovs practice the silence.

-leiser sein als andere. Leiser sein als man selbst.
-beim Nachmachen einschlafen. Musik.

Seltenes Bild hier: Raucher. Nur die Reichsten können es sich noch leisten. Auch Trinken ist reglementiert, Bottleshops wie in Norwegen. Entsprechend: Man sieht zwar erschreckend viele Obdachlose in den Straßen von Melbourne, aber sie scheinen keine Trinker zu sein.

Die exorbitante Steuer: “Übersteuerung” hat da für Musiker eine neue Bedeutung.
Die Hälfte des Aufenthalts vorüber, und die Hälfte meiner Gage ist versenkt. »Scheiss drauf, in vier Wochen beginnt die Bundesliga.«

Warum wird eigentlich in Berlin in Kneipen wieder geraucht, obwohl anderenteils die Bioläden und veganen glutenfreien zuckerfreien laktosefreien Latte-Läden aus dem Boden schießen?

Eröffnung des Festivals Autotune everything, wieder fantastisch viel Publikum. Eine Deutsche (Schwäbin) hält einen Vortrag über Ozeanpolitik. Unterseekabel, Umweltverschmutzung, Rohstoffe, Überschwemmung von Inseln; Ozeane sind ein heißes Eisen.
Im ersten Konzert liest ein Performer eine negative Kritik über seine frühere Aktivität als Rockmusiker, drei mal. Reminder an mich: Mehr sonderbares Zeug machen, auf Akklamation verzichten. Applausdiät.
Der erste Festivaltag endet in einem sagenhaften Gelage. Danni hat eine Flasche Whiskey reingeschmuggelt wie ein Teenager; sie wird hernach ihres Inhalts beraubt.
Die After-Party eine sehr bourgeoise Veranstaltung. Die besoffene Chefin der >Melbourne Arts Foundation< baggert mich an, der Chef des >Greek Cultural Center< reicht einen Joint herum. Später lässt sich die Besoffene vom Tontechniker in einer Ecke ihre Genussteile lecken. Auch ein lesbisches Paar erweitert das Vergnügungsspektrum des Abends ohne alle Scham.

Links:
Bob Ostertag, Sooner or Later
Christopher Ariza, Onomatopoeticized
Kirill Shirokov, Practice the Silence