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Magnetresonator-Klavier

Das Video erläutert ganz gut ein Instrumenten-Projekt von Andrew McPherson:

The magnetic resonator piano is a hybrid acoustic-electronic instrument which uses electromagnets to augment a grand piano. This instrument expands the piano’s vocabulary to include infinite sustain, crescendos from silence, harmonics, and new timbres.

Das totale Archiv (5): Die Internetarchive beherbergen ungekannte Medienmassen

Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zwölf Teilen den Text “Das totale Archiv” als Blog-Version. Der vierte Teil war ein Exkurs über das Wesen des technischen Fortschritts. Der fünfte Teil nun ist der Informationsexplosion gewidmet.

 

5. Die Internetarchive beherbergen ungekannte Medienmassen

Die Dampfmaschine ist ein großer Muskel, elektrische Leitungen sind Nervenbahnen – die Gerätschaften nähern sich den geistigen Gefilden. Die Industrialisierung war die Industrialisierung von Arbeitskraft, die Digitalisierung ist die Digitalisierung von Wissen.

Alle bisherigen Dokumente werden digitalisiert und gespeichert, und die Gegenwart sowieso. Jede Festplatte ist ein Stausee des Livestreams. Und da der Livestream selbst so umfangreich Informationen der Welt ansaugt, ist jede Information maximal ein Tag hinter ihm bereits eine Antiquität. Festplatten sammeln Geschichte. Was bringt uns die neue Technologie? Die Vergangenheit! Ähnlich dem demografischen Wandel erfolgt eine digitale Überalterung.

Jeder Mensch trägt nun ein übergroßes Gedächtnis mit sich herum, das in jedem Gerät schlummert. „Aus Massenmedien werden Medienmassen“ (Peter Glaser). Man spricht vom „Information Overload“ – es ist bereits ein gefühltes, aber immer faktischer werdendes totales Archiv. Im Netz entsteht die Ökonomie des „Long Tail“, die Nischenprodukte begünstigt: In geographisch begrenzten Räumen sind Nischenprodukte schwer verkäuflich, im globalen Raum des Netzes aber findet sich über kurz oder lang auch für’s Abseitigste ein Käufer. Tatsächlich ist es aber ein „Infinite Tail“, denn im Digitalen geht eigentlich nichts verloren.[1]

Da alle Medien heute Speichermedien sind, wird das, was wir später die Vergangenheit nennen, in ungekannter Detailliertheit abzurufen sein. Jede Twittermeldung, jede Facebook-Statusaktualisierung, jeder Bucheinkauf bleibt im Digitalen hängen; das Leben wird immer umfassender aufgezeichnet. Die derart angehäuften Relikte können zum virtuellen Abbild der Vergangenheit synthetisiert werden – Zeitreisen zurück sehen immer realistischer aus. (Man muss an Jorge Luis Borges Erzählung von den Kartographen denken, die eine Landkarte im Maßstab 1:1, genauso groß wie das Land selbst, erstellen,[2] oder von dem Kongress, der die Menschheit vertreten soll, und bald mit ihr identisch wird.[3])

Das totale Archiv ist riesig, und es ist ziemlich ungeordnet und anarchisch, ein „Anarchiv“ (Simon Reynolds). Jürgen Habermas prägte in den 80ern das geflügelte Wort der „neuen Unübersichtlichkeit“, aber man wird die 1980er im Vergleich zu heute als noch ziemlich übersichtlich belächeln. (Ähnlich wurde das Adjektiv „modern“ im 19. Jahrhundert gerne gebraucht, aber die sogenannte Moderne überbot das dann extrem.) Pluralismus ist das Schlagwort der Postmoderne, aber erst das Internet ist das postmodernste Ding überhaupt,[4] und es wird immer ‚schlimmer’. Wenn unendlicher Speicherplatz vorhanden ist, ist die Entropie, die Steigerung des Chaos, unendlich. Licht wird der Wärme, dem Teilchengewusel weichen. Die Bibliothek von Babel,[5] in der sich sämtliche möglichen Bücher befinden, das heißt sämtliche möglichen Buchstabenkombinationen, würde in diesem Universum materialiter keinen Platz haben. Im Digitalen aber zeichnet sich die Vision ab. Analog zum Mooreschen Gesetz, wonach Prozessoren alle achtzehn Monate ihre Leistung verdoppeln, verdoppelt sich das geschätzte Wissen der Welt alle fünf bis zwölf Jahre, Tendenz beschleunigend.[6] In der Informationsgesellschaft nimmt die Menge an Daten im Verhältnis zu anderen Bereichen der Sozial- und Wirtschaftsordnung überproportional zu: Es passiert eine Informationsexplosion.

Für die Geisteswissenschaften stellt sich die Frage nach dem Neuen noch verschärft. Eine Dissertation soll per definitionem einen noch nicht bearbeiteten Gegenstand haben. Also muss am Beginn der Arbeit der aktuelle Forschungsstand aufgearbeitet werden. Doch die Masse an möglichen Quellen ist nicht zu bewältigen, jeder Gedanke könnte schon geschrieben worden sein. Das war natürlich auch früher schon der Fall, aber zu Printzeiten noch halbwegs hierarchisch und geographisch eingedämmt: die örtliche Universtitätsbibliothek, dazu das Fernleihsystem und vielleicht ein, zwei bewilligte Forschungsreisen zu entfernteren Archiven – mehr war schlechterdings nicht möglich. Wie behütet war man in den Limits der analogen Welt! Im Digitalen triumphieren die Millionen Resultate, die Google aus der ganzen Welt an den heimischen Bildschirm schwemmt, über jede Traditionslinie und jede Landesgrenze; alles passiert im Fernstudium. Wie der Archäologe, der sich durch nichts geringeres als Jahrmillionen einen Weg bahnt, schlägt der Medienmensch mit jeder Suchanfrage bei Google eine Schneise durch Millionen Dokumente – jede Recherche ist Archäologe.

Jean-Paul Sartres Held in Der Ekel begibt sich für den Rest seines Lebens in die Bibliothek und liest, angefangen beim Buchstaben A. Beim letzten Universalgelehrten, Gottfried Wilhelm Leibniz, mag das noch die ganze Bibliothek gewesen sein. Heute muss man, selbst der Forscher australischer Steppengräser, die Abertausende Ergebnisse nur eines einzigen Google-Suchbegriffs sichten. Spezialisten werden immer noch spezialisierter, es ist des Ausdifferenzierens kein Ende. Die Tendenz der zunehmenden Zahl von Fußnoten ist frappant, und 1500 Quellen ausfindig zu machen und in einen Zusammenhang zu bringen ist womöglich eine größere kulturelle Leistung, als etwas (vermeintlich) Eigenes in die Welt zu setzen. Es gibt die Faulheit des Copy&Paste, aber eine ebenso große des ignoranten Drauflosschreibens, der Autismus der Autonomie. Wenn es in der vernetzten Welt etwas nicht mehr gibt, dann tabula rasa. Techniken der Recherche, Stile der Kompilation und Zusammenfassung sind gefragt; die Welt braucht intelligente Filterung und Aggregation. Es gibt aber noch eine Alternative: Vielleicht ist die einzig adäquate Form der Wissensaneignung heute und in Zukunft die Funktion „Zufälliger Artikel“ auf Wikipedia.

Noch immer ist der Abschied von verbindlicher Geschichtsschreibung nicht vollzogen. Im Gegenteil, es ist Bedürfnis und Mode geworden, „Kanons“, der deutschen Literatur, der Musik, der Kunst aufzustellen, so wie allenthalben in der beliebigen, aber unbeliebten Postmoderne um Werte gerungen wird. Mitte der Nullerjahre sollte einmal am Freiburger Institut für Neue Musik eine Liste von Schlüsselwerken der Neuen Musik erstellt werden, die Studienanfängern, gerade aus anderen Erdteilen, Orientierung gebe. Am Ende einer endlos zu werden drohenden Sitzung musste ob der Fülle der eingehenden Vorschläge aufgegeben werden. Es sollen Werte geschaffen werden, doch scheitert das nicht daran, dass keine da sind, sondern weil zu viele da sind. Musikfestivals wollen heutzutage noch die Bandbreite der Gegenwartsmusik abbilden – diese Illusion hat die Bildende Kunst längst hinter sich gelassen und fokussiert vielmehr auf Stilistiken, engumrandete Themen und Einzelpersonen. Der Konzeptkünstler Timm Ulrichs beklagte im Alter, dass er so manche Idee schon früher gehabt hätte, die andere Künstler später, unwissend, aber mit viel größerem Erfolg umsetzten. Allen Ernstes forderte er, der wiedergeborene Morgenstern, ein Patentamt für künstlerische Konzepte.[7] Das ist ein Stück weit verständlich, aber es geht schlichtweg nicht, oder nicht mehr. Der Punkt ist erreicht, an dem es nicht mehr möglich ist, bei einer Idee erst zu prüfen, ob sie nicht jemand anderes schon hatte. Als Künstler sollte man bislang die gesamte Kunstgeschichte kennen, um wirkliche Innovation schaffen zu können. Es ist abzusehen, dass das undurchführbar wird oder schon ist.

Dennoch ist Kunst ohne irgendeinen Neuheitsanspruch keine Kunst. Niemand braucht Stilkopien. Abgesehen davon, dass man es ein Stück weit mit Nietzsche halten muss, der verkündete, ohne Naivität seien wir der Historie schutzlos ausgeliefert, und dass man darauf hoffen kann, dass Zeit stets ein Lineares (Thermodynamik!) enthält, existiert eine probate Lösung: Der technische Fortschritt kann noch ein Garant für Neuheit sein. Werke, die erst mit aktuellen technischen Mitteln realisierbar sind, können sich einer gewissen Novität sicher sein. Wenn noch Avantgarde möglich ist, dann dank neuer Technologie.

 


[1] Was leider nur theoretisch der Fall ist. De facto verschwinden viele Dokumente wieder aus dem Netz, etwa aus Urheberrechtsgründen oder wegen angeblicher Wettbewerbsverzerrung. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mussten ihre Online-Archive auf Druck der Printindustrie geradezu leerfegen (vermutlich um circa 80 Prozent verkleinern), was zur Schöpfung des Unworts „depublizieren“ veranlasste.

[2] Jorge Luis Borges, Gesammelte Werke – Gedichte I, herausgegeben von Gosbert Haefs und Fritz Arnold, Wien 1991, S. 151-160.

[3] Jorge Luis Borges, Der Kongress, in: Gesammelte Werke – Der Erzählungen zweiter Teil, herausgegeben von Gosbert Haefs und Fritz Arnold, Wien 1991, S. 105-124

[4] Niklas Hofmann: YouTube rettet die Postmoderne, in: Süddeutsche Zeitung vom 19.9.2011, http://bit.ly/royUex, recherchiert am 24.9.2011.

[5] Eine durch Jorge Luis Borges bekannt gewordene literarische Fiktion. Vgl. Jorge Luis Borges, Von der Strenge der Wissenschaft, in: Gesammelte Werke – Der Erzählungen erster Teil, herausgegeben von Gosbert Haefs und Fritz Arnold, Wien 1991, S. 285.

[6] Peter Charles, Nathan Good, Laheem Lamar Jordan, Joyojeet Pal, How Much Information 2003? Studie der School of Information Management and Systems der University of California at Berkeley, http://bit.ly/pCIVPw, recherchiert am 30.8.2011.

[7] Kunstforum International Band 206 (Januar-Februar 2011), S. 262.

Jesus, der Filesharer

Matthäus 14, 13-21:

Als Jesus all das hörte, fuhr er mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber die Leute in den Städten hörten davon und gingen ihm zu Fuß nach.
Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren.
Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können.
Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!
Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns.
Darauf antwortete er: Bringt sie her!
Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten, und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll.
Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder.

Ja, statt sich das Essen zu kaufen kopiert’s der Meister einfach!

Das totale Archiv (4) – Exkurs: Der technische Fortschritt

In der nächsten Zeit bringe ich hier in insgesamt zwölf Teilen den Text “Das totale Archiv” als Blog-Version. Der dritte Teil befasste sich mit dem geänderten Mediennutzungsverhalten, das die digitale Technik hervorruft. Im folgenden vierten Teil soll ein Exkurs dem Wesen des technischen Fortschritts überhaupt nachgehen.

 

4. Exkurs: Der technische Fortschritt

Warum geht der technische Fortschritt unablässig weiter? Für Ernst Jünger, der mit Der Arbeiter 1932 eine zeittypische Technikphilosophie vorlegte,[1] ist es der Krieg, der Wettstreit der Nationen, der unweigerlich alle Mittel mobilmache. Nicht Englisch, sondern Technik werde die Weltsprache sein, der „planetarische Stil“. Die Technik sei so selbstverständlich, dass sie als „Revolution sans Phrase“ voranschreite.

Zwar bemüht sich das Militär auch jetzt noch um einen technologischen Vorsprung, aber zivile Entwicklungen stehen ihm kaum nach oder überholen es sogar, wenn sie ökonomischen Nutzen versprechen (was wiederum dem Terrorismus zugute kommt). Der technische Fortschritt ist vor allem einer des Kriegs des Wettbewerbs. Konkurrierende Unternehmen wollen verkaufen, ob an Heere, Firmen oder Privatpersonen. Bedürfnisse werden (immer besser, stärker) befriedigt, ob nach Nahrung, Transport, Information, Sex, Kommunikation oder Zerstörung, was auch immer. Selbst Karl Marx und Friedrich Engels bewunderten zu Beginn des Kommunistischen Manifests, zu welchen Leistungen der Kapitalismus die Menschen gebracht hatte. Aber auch aus Neugier und Ruhmsucht forscht, entwickelt und erfindet der Mensch. Es ist ein Trieb.

Zu den bekanntesten Technikkritiken des 20. Jahrhunderts gehört Günther Anders’ Die Antiquiertheit des Menschen:[2] Die Bedürfnisse würden nicht befriedigt oder seien keine wirklichen, die Menschen gewönnen nur immer weniger an Glück, die Technik wüchse ihnen über den Kopf und regrediere sie. Gewiss läuft nicht alles linear. Das gute alte Windrad ist besser als Atomreaktoren. Die kapitalistische Aggressivität muss mindestens reguliert werden, von demokratisch legitimierten Mächten. Außerdem widerspricht unserem freiheitlichen Selbstverständnis, dass wir zwar nicht einer Partei angehören müssen, aber einem Stromanbieter. Wir sind, wenn man es so nennen will, Sklaven des Fortschritts. Man muss ihn bejahen. Aktuell geht die Meldung um, dass auf Autobahnen die Notrufsäulen abmontiert werden. Es wird davon ausgegangen, dass jeder ein Handy besitzt. Ergo, jeder hat ein Handy zu besitzen.

Dennoch: Für sieben Milliarden Menschen brauchen wir technischen Fortschritt. Es gibt kein Zurück in einen vermeintlich glücklichen Naturzustand. Im Gegenteil, angesichts der Ernährungsengpässe, Pandemien und Analphabetenraten kann man nur wünschen: Schneller, Fortschritt! Es ist charakteristisch, dass eine der jüngeren relevanten Parteien Deutschlands, die Grünen, für eine technologische Programmatik steht.

Neuerungen haben fraglos Risiken. Die Erfindung des Flugzeugs ist auch die Erfindung des Flugzeugabsturzes. Da braucht es kritische Geister, die aufmerksam beobachten und intervenieren. Doch sollte bedacht sein, dass Vorbehalte und Ängste auch oft dem Irrationalen zufallen. Das wird daran erkennbar, dass Argumentationen auftreten, die schon seit Jahrhunderten demselben Muster folgen. Immer wieder riefen Erfindungen, etwa der Buchdruck oder die Straßenlaterne, den menschlichen Abwehrreflex hervor: Man bräuchte es nicht, bisher sei es doch auch gegangen, das alte habe sich lang genug bewährt und würde sich nicht verdrängen lassen, dadurch entstünden doch ökonomische Probleme, und so weiter.[3] Man schottet sich mit Skeptizismen ab, wiewohl die geschichtliche Erfahrung zur Genüge ist, dass sich derlei durchsetzt. Nichtsdestotrotz performen Konservative immer wieder aufs Neue ihre Unflexibilität – zumindest gute Zeiten für Aktionskunst. Dabei braucht es ja Kritiker, aber solche, die dies durchschauen und sich nicht nur in Stereotypen einnisten.

Der technische Fortschritt bringt dem Menschen Entlastung. Nun gibt es auch Stimmen, die absurderweise gerade das kritisieren. Beispielsweise kursiert die Meinung, dass Speichermedien eine Auslagerung nicht nur des menschlichen Gedächtnisses, sondern überhaupt seiner Memorierungsfunktion verursachten,[4] gleichwohl fünftausend Jahre Mediengeschichte den Menschen noch nicht um seine Erinnerungsfähigkeit gebracht haben. Auch wenn das Morden durch Maschinen ebenfalls erleichtert wird, ist die maschinelle Arbeit nicht per se falsch und in Anbetracht der irdischen Mühsal erst einmal zu begrüßen.

Johann Sebastian Bach unternahm noch zu Fuß die Reise nach Lübeck, um Dietrich Buxtehude Orgel spielen zu hören. Das ist schön, das ist romantisch, und Bach schrieb die beste Musik. Aber niemand würde heute ernsthaft per Pedes zu den Donaueschinger Musiktagen pilgern. Claus-Steffen Mahnkopf beschreibt, was für eine Kostbarkeit es ihm war, sich die Walter-Benjamin-Gesamtausgabe mit hart erarbeitetem Geld zu leisten und ohne Suchfunktion zu studieren.[5] Das ist sympathisch und ehrenwert, aber im Zeitalter des E-Books anachronistisch. Niemand wird Aspirin, die Heizung, den Computer oder motorisierte Fortbewegungsmittel wieder ersatzlos aus seinem Leben streichen, selbst wenn man mutmaßen könnte, die Menschen seien vor zweitausend Jahren glücklicher gewesen. Zwar haben wir durch die Delegierung an Automaten Fähigkeiten wie das Korbflechten, das Beackern mit Ochs und Egge oder das Brotbacken verlernt[6] – aber bislang sind die freigewordenen Kapazitäten immer wieder neu belegt worden. Schließlich gibt es hienieden beileibe noch genug Aufgaben, so dass wir über jede Entlastung froh sein können. Humanismus gegen die Maschinen ins Feld zu führen, ist irrige Opposition. Die Rede von der Überlegenheit des Menschen mutet manchmal an wie die Rede von der Überlegenheit der weißen Rasse. Wer sich von der Technik narzisstisch gekränkt fühlt, dürfte auch nicht einsehen, warum er Schuhe tragen muss.[7] Der Homo Sapiens, das Mängelwesen, hat keinen anderen Ausweg: Er verschmilzt immer mehr mit Technologie, wie es etwa mit der Kleidung schon seit Menschengedenken der Fall ist. Es kommt darauf an, die großen Vorteile davon herauszuarbeiten. Dabei wird das Leben unterm Strich wohl nur bedingt leichter, aber, wie Peter Glaser bemerkt, interessanter.[8]

Der Fortschritt ist eine menschliche Konstante. Giftgas kann und soll geächtet werden, aber nicht der Stand der chemischen Forschung. Die Menschheit muss Laborkenntnisse aushalten, ohne gleich Waffen daraus zu fertigen, ebenso wie in einer freien Gesellschaft Witze über jede Minderheit möglich sein müssen.

 


[1] Ernst Jünger, Der Arbeiter, in: Gesammelte Werke, Zweite Abteilung, Essays Band 8, Stuttgart 1981.

[2] Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956.

[3] Dazu: Kathrin Passig, Standardsituationen der Technologiekritik, in: Merkur 12, Stuttgart 2009, S. 1144-1150. http://bit.ly/8Fih8h, recherchiert am 30.8.2011.

[4] Frank Schirrmacher, Die Revolution der Zeit, in: FAZ vom 18.7.2011. http://bit.ly/pFQNQI, recherchiert am 30.8.2011.

[5] Johannes Kreidler, Claus-Steffen Mahnkopf, Harry Lehmann: Musik, Ästhetik, Digitalisierung – eine Kontroverse, Hofheim 2010, S. 110f.

[6] Zur Ideologie der falschen Erleichterung: Christian Stöcker, Es lebe die Verweichlichung, in: Spiegel Online vom 22.5.2011. http://bit.ly/jP2Z0c, recherchiert am 30.8.2011.

[7] Zum Rassismus gegen Maschinen: Michael Seemann, What about us? – Die Antiquiertheit des „Humanisten“, in: ctrl+verlust vom 15.6.2011, http://bit.ly/kC5dx3, recherchiert am 30.8.2011.

[8] Peter Glaser, Digital sind alle Dichter, in: futurezone vom 20.8.2011, http://bit.ly/pFmWbD, recherchiert am 30.8.2011.

cache surrealism @Berlin

Heute abend 20h spielt das Ensemble Lux:NM im HBC Club in der Karl-Liebknecht-Straße 9, Berlin-Mitte, u.a. mein Stück cache surrealism.

Ruth Velten – Saxophone
Silke Lange – Akkordeon
Ines Hu – Violin
Jacob Shaw – Violoncello
Malgorzata Walentynowicz – Klavier
Lucía Martinez – Schlagzeug
Sarah Hölscher – Klangregie

Mit unserem aktuellen Konzert-Projekt thematisieren wir unter dem Titel „Spuren des Populärmusikalischen in der Neuen Musik“ die Relationen und Wechselwirkungen zwischen so genannter „Hochmusik“ und „Populärmusik“. Damit greifen wir unter anderem kritisch eine zu problematisierende Trennung auf, die trotz umfangreich und fortdauernd formulierter Kritik bis heute präsent ist. Die Hartnäckigkeit dieser begrifflichen Abgrenzung ist umso erstaunlicher, da sie sich auf Ausdifferenzierungsprozesse im Zuge der Etablierung eines Autonomiestatus’ und einer spezifischen Werkästhetik zurückführen lässt, die heute mit einem avancierten Verständnis von Musik längst als obsolet gelten.

Jef chippewa (*1969) — xx miniatüren (2011/UA), für Akk., Sax., Vln., Vc., Klav. und Drumset
Pierre Jodlowski (*1971) — Série blanche (2007) für Klavier solo und Elektronik
Gordon Kampe (*1976) — HAL (2011/UA) für Sax, Vc, Akk., Pno., Perc.
Johannes Kreidler (*1980) — „cache Surrealism“ ( 2008) für Sax., Akk., Vc und Elektronik
Wolfgang Zamastil (*1981) — six pieces of daily muse (2010/11) für Sax.,Vl.,Vc.,Akk., Elektr.

Mozart, der Abschreiber

Opern Source:

Muzio Clementi, Klaviersonate B-Dur Op. 24, 2, erster Satz (1788)

Wolfgang Amadeus Mozart, Die Zauberflöte, Ouvertüre, Fuge (1791)

Dazu der Medientheoretiker Felix Stalder:

Es steht ausser Frage, Mozart war ein Ausnahmetalent von historischer Dimension. Aber sogar in diesem einzigartigen Werk lässt sich eine kaum zu überblickende Vielzahl von Bezügen und direkten Übernahmen feststellen. Alleine in einem einzigen Werk, der Zauberflöte, wurden mehrere Dutzend Stellen identifiziert, die aus anderen Werken stammen, sei es aus Mozarts eigenen oder aus Werken dritter (etwa Haydn oder Gluck, beides Zeitgenossen) (vgl. King 1950). Es ist zu vermuten, dass diese Bezüge für das damalige Publikum wesentlich offensichtlicher waren als für ein modernes und dass sie einen wesentlichen Aspekt seiner breiten Popularität ausmachten. Elias (1993) stellt die These auf, dass Mozart bewusst versuchte, den Geschmack seiner Zeit zu treffen, weil er hoffte, durch Popularität seine prekäre soziale Situation (moderner Künstler in einer höfischen Gesellschaft) zu kompensieren.

Feeds. Hören TV – Fotogalerie

Von der Feeds-Sause letztes Jahr in Gelsenkirchen habe ich jetzt endlich die Fotos (by Pedro Malinowski) zu einer Galerie zusammenstellen können.

Hier das ganze Album, auf Flickr kann man auch noch Titel zu den einzelnen Fotos sowie allgemeine Infos lesen.

Das totale Archiv (3): Ein geändertes Mediennutzungsverhalten

In der nächsten Zeit bringe ich hier in insgesamt zwölf Teilen den Text “Das totale Archiv” als Blog-Version. Im zweiten Teil wurden die digitalen Archive als positive Innovation dargestellt. Weiter geht’s mit der Darstellung des geänderten Mediennutzungsverhaltens, das damit einhergeht.

 

3. Ein geändertes Mediennutzungsverhalten

Wer sich für eine Radiosendung interessiert, braucht heute nicht mehr die Uhr zu stellen. In der Online-Mediathek lassen sich die Sendungen nach Belieben (nur leider auf wenige Tage limitiert) anhören. Wissen heißt nicht einmal mehr „wissen, wo’s steht“ – die Antwort liegt auf der Hand, auf dem Handy, worauf Wikipedia und YouTube abrufbar sind. (Mehr denn je fordern Pädagogen statt Faktenwissen vernetztes Denken und Medienkompetenz.)

Es ist sehr ärgerlich, dass es von wunderbaren Theatervorstellungen keine Videodokus auf YouTube gibt. Das soll nicht heißen, dass Theater stattdessen Film werden soll. Aber Bühnenaufführungen sollen dokumentiert werden. Es braucht filmische Ansichtsformen fürs Theater auf YouTube, genauso für Konzerte. Das Wesen von „flüchtiger Kunst“ ist nicht mehr zu akzeptieren, sie muss einfach nicht flüchtig sein, schon gar nicht besteht darin eine eigene Qualität (schließlich wird ja auch die Theatervorstellung mehrmals gegeben). Das gilt erst recht für die klassische Musik, die sich, vergleichbar den Zoos, überlebt hat. Zoologische Gärten sind Produkte des 19. Jahrhunderts, in dem es zwar Kolonien und regen Seefahrtsverkehr, aber noch keine guten Aufzeichnungsmedien oder Fernreisemöglichkeiten gab, mit deren Hilfe Normalmenschen exotische Tiere sehen konnten. Heute aber kann eine Kamera viel näher und faszinierender an eine Giraffe in ihrer Lebenswelt heranzoomen, als wenn man sie zum Begaffen in fremdem Klima einsperrt. Flugzeug und Film machen den Zoo, der ohnehin Tierquälerei ist, obsolet. Ähnlich verhält es sich mit den Symphonien Beethovens, die man heute in tausend Interpretationen, auf Dolby Surround zu Hause anhören kann: Das genügt! Man muss sie nicht noch weiter aufführen, die Ressourcen dürfen nun gerne anderweitig eingesetzt werden, für aktuelle Musik. Ebenso kann man heute im Netz Bilder von Picasso und van Gogh hochaufgelöst betrachten, dichter (und ungestörter) als man je im Museum of Modern Art an sie herantreten dürfte. Das sollte ausreichen! Wer hat schon die Demoiselles d’Avignon in echt gesehen? Nie wird Olivier Messiaens Schlüsselwerk Mode de Valeurs et d’Intensités gespielt, trotzdem kennt es jeder Komponist, trotzdem war es musikgeschichtlich epochal.[1] (Theodor W. Adorno war der Ansicht, es reiche, Noten zu lesen; so radikal braucht man es nicht zu halten, zumal Noten heute nicht mehr die Musik adäquat abbilden. Aber klangliche Reproduktionen erfüllen den Zweck.)

Die meisten Übertragungsmedien sind heute, stattdessen oder zugleich, Speichermedien. Man kann „live“ fernsehen, kann aber auch die Sendungen in der Mediathek ansehen. In den 70er-Jahren synchronisierte das Fernsehen abends noch die halbe Nation zum gleichzeitigen Erlebnis, was heute allenfalls bei Fußballgroßereignissen passiert. Einen unabgesprochenen Telefonanruf empfinden mittlerweile viele als die Nötigung eines Egoisten, der sich den Zeitpunkt des Telefonats im Gegensatz zum Angerufenen selber aussucht.[2] Auf Emails hingegen kann man in eigener Zeiteinteilung antworten und hat alles schwarz auf weiß zum Nachlesen, für immer. Nicht nur Echtzeit ist das Wesen des Internets, sondern ebenso die Individualzeit: Online-Shops haben 24 Stunden lang geöffnet, Arbeitsplätze müssen sich nicht mehr in Fabrikgebäuden, sondern können sich in den eigenen vier Wänden befinden und bis zu einem gewissen Grad erlaubt das dem Arbeitenden, sich selber einzuteilen, wann er die Geschäfte erledigt.

So sind alle Web-Dokumentationen von Kunstwerken interaktive Installationen. Der Zuschauer kann Pausieren, Vorspulen, Wegklicken. Die Wahrnehmung fragmentiert. Ein Bekannter schrieb mir, nachdem ich ihn auf einen siebzehnminütigen YouTube-Film hingewiesen hatte, er könne zwar die ganze Nacht YouTube-Filme anschauen, aber nicht einen Web-Film, der länger als fünf Minuten dauert. Typisch für das Internet ist Twitter, das jede Nachricht in maximal 140 Zeichen zwingt. So rauscht einem von extrem kurzem extrem viel entgegen. Eine gebräuchliche Abkürzung im Netz lautet „tl;dr“. Too long; didn’t read.

Das ist gut und schlecht, man wird sich darauf einstellen und das beste daraus machen müssen.

 


[1] Stockhausen beschreibt ausdrücklich, wie er die Schallplatte mehrmals anhörte. Karlheinz Stockhausen, Texte zur Musik Band 2, herausgegeben von Dieter Schnebel, Köln 1962, S. 144.

[2] Dazu: Martin Weigert, Der Tod des Telefonats. In: Netzwertig vom 23.8.2010. http://bit.ly/agBGt1, recherchiert am 30.8.2011.

Deutsch für Nazis

 

Miro Jennerjahn, Mitglied des Sächsischen Landtags für Bündnis 90/Die Grünen, entgegnet in dieser Rede dem NPD-Antrag „Deutsch statt ‘Denglisch’“ im Rahmen der 42. Sitzung des Sächsischen Landtags am 12. Oktober 2011.

(via Spreeblick)

Van Gogh über Kopieren und seinen Gebrauch von Reproduktionen

Kopieren interessiert mich ungemein. Ich finde, es lehrt einen manches, und vor allem es tröstet einen manchmal. Was ich darin suche und warum es mir gut scheint, diese Sachen zu kopieren, will ich dir sagen zu versuchen. Von uns Malern wird immer verlangt, wir sollten selber komponieren und nur Kompositeure sein. Gut – aber in der Musik ist es nicht so – wenn jemand Beethoven spielt, da gibt er seine persönliche Interpretation dazu – in der Musik und besonders im Gesang ist die Interpretation eines Komponisten eine Sache für sich, und es ist nicht unbedingt erforderlich, dass nur der Komponist seine eigenen Kompositionen spielt. Ich stelle mir das Schwarzweiß von Delacroix oder von Millet oder die Schwarzweiß-Wiedergabe nach ihren Sachen als Motiv vor mich hin. Und dann improvisiere ich darüber in Farbe, doch versteh mich recht – ich bin nicht ganz ich, sondern suche Erinnerung an ihre Bilder festzuhalten, aber diese Erinnerung, der ungefähre Zusammenhang der Farben, die ich gefühlsmäßig erfasse, auch wenn es nicht genau die richtigen sind – ist meine eigene Interpretation.

Vincent van Gogh an seinen Bruder am 19. September 1889.