Heute abend Übermorgen abend spielt Dmitry Shchyolkin „windowed 1“ für Schlagzeug und Zuspielung in einem Konzert des Zentrums für Elektroakustische Musik am Konservatorium Moskau. Anwesenheitspflicht für alle russischen Kulturtechnoleser!
windowed 1 @Moskau
Freie Aufnahme der Goldbergvariationen veröffentlicht / Statement zur Kulturflatrate
Die Medien berichten, dass die Pianistin Kimiko Ishizaka die Goldbergvariationen von Johann Sebastian Bach eingespielt hat und diese nun unter Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht, was in dem Fall soviel heißt wie: Jeder darf damit anstellen was er will, das Ergebnis gehört der Menschheit. Finanziert wurde das Projekt durch Crowdfunding. Hier der SpOn-Artikel.
Das ist die wünschenswerteste Lösung: Nach Bezahlung der Arbeit gehört das Werk der Menschheit, so wie es auch mit meinem pd-tutorial erfolgt ist, oder wie beim Fotografie-Erfinder Louis Daguerre (Wikipedia: „Daguerres Resultate wurden dann durch Vermittlung des prominenten Physikers, Astronomen und Politikers François Arago (1786–1853) am 7. Januar 1839 in der französischen Akademie der Wissenschaften vorgestellt und am 19. August 1839 offiziell bekanntgegeben. Auf Aragos Empfehlung hin wurde Daguerres Verfahren von der Regierung aufgekauft, als spektakuläres Geschenk der Grande Nation an die ganze Welt.“).
Man kann davon ausgehen, dass in den nächsten Jahren freie Aufnahmen des gesamten Klassikrepertoires veröffentlicht werden.
Nun ist Crowdfunding keine unproblematische Sache: Man muss erst mal viel in Werbung investieren, und unpopuläre Ideen haben da kaum eine Chance. Darum wiederhole ich, was ich seit Jahren zur Urheberrechtsdebatte sage:
Macht eine Kulturflatrate, aber keine, bei der dann jeder Download abgerechnet wird, denn dann müsste man ja doch das ganze Netz überwachen und außerdem geht dann marktliberal der große Haufen an Dieter Bohlen & Co (von denen wäre umgekehrt eine ‚Unkulturflatrate‘ fällig). Sondern: Macht eine KULTURflatrate, das heißt man muss sich immer wieder aufs Neue Gedanken darüber machen, was denn Kultur ausmacht. Verteilt das eingehende Flatrate-Geld auf Projektbewerbungen, die Fachjurys sichten, so wie bei Kunst- und Kulturfonds auch, oder so wie die GEZ-Einnahmen gemäß Bildungsauftrag verteilt werden (wenn da auch manches falsch läuft). Dann wäre die Welt eine bessere; trotzdem ist das leider utopisch, denn die Dieter Bohlens und ihre Fans machen in dieser Welt leider die Masse aus. Aber gerade in der Kunst geht es auch um Utopien, darum bleib ich dabei. Hugh.
E-Gitarren-Urinal
Jetzt lass ich’s raus: Das Stück, das ich derzeit für das Eröffnungskonzert der nächstjährigen Abonnement-Reihe der Berliner Philharmoniker schreibe, wird ein Konzert für mikrotonales E-Gitarren-Urinal und großes Orchester sein. Ich selbst werde den Solopart übernehmen, Sir Simon Rattle dirigiert; das IRCAM betreut die 16-Kanal-Elektronik.
The Guitar Pee, which lets users create and download their personal M-Pee-3 online.
(via The Daily What)
Früher auf Kulturtechno: Tuba-Urinal
Gestenkontrolle mit Feedback
Mit dem Kinect hat die 3D-Sensorik einen Quantensprung vollführt, und ich habe mit Bewegungen in der Luft auch schon Klänge angesteuert.
Miha Ciglar hat die Technologie jetzt noch weiterentwickelt: Obwohl man sich völlig frei in der Luft bewegt, bekommt man ein taktiles Feedback.
Komponieren mit Autocomplete
Kürzlich hatte ich hier die Notensuchmaschine peachnote. Auf noteflight.com wiederum kann man Noten eingeben, und in Zugriff auf die Notensuchmaschine wird ein „Autocomplete“ durchgeführt, die selbständige Fortsetzung, je nach gewähltem historischen Stil.
Tatsächlich arbeite ich auch in COIT mit einer Autocomplete-Funktion. Ich komponiere ein paar Takte, die Software komponiert dann selbständig weiter.
(via usernamealreadyexists)
Strawinskys „Sacre“-Rhythmen auf der Straße
Heuer Bald jährt sich zum 100. mal die Uraufführung von Igor Strawinskys epochalem „Le Sacre du Printemps“; aus diesem Anlass hat das London Symphony Orchestra eine öffentliche Aufführung auf dem Trafalgar Square mit diesem witzigen Film beworben:
(via npr)
Ab jetzt möglich: Kompositionsunterricht bei mir auf kluuu.com
Mein Komponistenkollege Patrick Frank hat mit seinem Team eine super Idee realisiert: Eine Plattform, auf der Menschen per Videotelefonie Informationen anbieten. Zum Beispiel könnte dort ein Zeitzeuge der 40er Jahre berichten, oder ein Sachkundiger im Bereich australischer Steppengräser erzählt Interessierten aus seinem nerdigen Nähkästchen, usw.
Meiner einer bietet dort nun Unterricht in Komposition Neuer Musik / elektronischer Musik / Medienkunst / Musiktheorie / Medientheorie an. Schaut mal rein, ich finde die Idee großartig und die Umsetzung ist perfekt:
Und just heute abend findet im Soupanova, Stargarder Str. 24 in Berlin-Prenzlberg die Eröffnungsparty statt, ab 20.30h. Dort werden die Macher ihr Projekt beschreiben und einige Early Adopter, zum Beispiel der Philosoph Harry Lehmann, ihre Kluuu-Offerte vorstellen.
Neue Musik, Pop, Performance: die Without Additives No Stars Big Band
Ein schöner Auftritt der Gruppe WITHOUT ADDITIVES NO STARS BIG BAND. Es besteht kein Zweifel mehr, dass nun Elemente der atonalen Musik und der Popmusik verschmelzen, zumindest bildet Pop einen noch reichlich unerschlossenen Fundus für die Neue Musik – merkwürdig genug, dass erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung ein atonales Stück für Hammondorgel (bzw. dann schon virtuelle Hammondorgel, von Enno Poppe) geschrieben wird. Aber besser spät als nie; im besten Fall kommt ein best-of dabei heraus.
This is the video of the latest [-+] without additives NO STARS BIG BAND – show in Lübeck. Are you tired of being confused? This band will make it even worse! [-+] WITHOUT ADDITIVES NO STARS BIG BAND plays the most bone-crunching, gut-ripping and brain-melting music in the whole universe. Incorporating a handful of totally unrecognizable elements from the most obscure corners of music history, they not only combine them in most inappropriate ways, but most of all they create new disturbing music-genres, revealing so the self-mutating gene of music.
John Cage über Filesharing, 1972
Glasklar sieht Cage 1972 das Internet und die Möglichkeit des Filesharings voraus, und begrüßt das.
Sehen Sie, meiner Meinung nach sind die Massenmedien nicht so, wie sie in einer positiven Zukunft sein könnten. Wenn wir unsere Technik so einsetzen würden, dass jeder Mensch jeden anderen Menschen über seine Aufführungen oder eine Veröffentlichung, nennen wir es Kommunikationsmittel, erreichen könnte, so hielte ich das für besser als die Art, wie Technik zur Zeit verwendet wird. Ich denke ganz speziell an eine telefonische Einrichtung… die technischen Möglichkeiten hierfür existieren in den Vereinigten Staaten, werden aber nur von der Industrie, der Regierung und der Armee genutzt. Wir können davon ausgehen, dass sie schließlich auch für Zivilisten zugänglich werden, so dass man nur eine Nummer zu wählen bräuchte, um sofort ein Buch oder ein Musikstück zur Verfügung zu haben und es jederzeit durch ein anderes zu ersetzen.
Aus: Richard Kostelanetz, John Cage im Gespräch zu Musik, Kunst und geistigen Fragen unserer Zeit, S.205.
Früher auf Kulturtechno:
Adorno über geistiges Eigentum in der Musik
Stockhausen über geistiges Eigentum, 1960
Goethe, der Filesharer
Fehlerästhetik #12 (letzte) – Kritik
Erscheint irgend ein neues Gadget oder ein neuer Google-Dienst, fangen auch gleich die Leute an, Fehler zu finden, vollgekackte Kameras bei Google Streetview, absurde Dialoge mit Siri. Die „Finde-den-Fehler“-Strategie ist einfach Usus. Ähnlich ist mittlerweile Samuel Becketts „Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.“ zu Tode rumzitiert, ich kann’s nicht mehr hören.
Musik findet auf Gerätschaften statt, und die sollten auch gründlich durchgecheckt werden, keine Frage, wurde auch viel gemacht und immer noch, gut. Man mag sich mit dem eigenen Medium beschäftigen, aber das ist nur ein Thema unter unzähligen anderen; es droht die Gefahr der sterilen Selbstreferentialität.
Medien sollen uns dienen. Sie haben ihre eigenen Bedingungen, und so dienen wir auch ihnen. Trotzdem wäre es borniert, nur noch die medialen Normen zu sehen. Man kann freilich im Film auch mal die Tatsache fokussieren, dass Film nur die Simulation von Bewegung durch 24 schnell ablaufende Einzelbilder erzeugt, aber wo kämen wir dahin, wenn jeder Spielfilm sich dem zuwenden müsste? Ein Fassbinderfilm, bei dem auf einmal die Filmrolle artifiziell hakt? Albern.
„Zeigen, wie’s gemacht ist“ ist so eine Parole, die ich oft gehört habe in Kunstkreisen. Das ist ok, aber es ist auch höchst willkürlich, weil unendlich. Was denn nun zeigen? Wie die Filmrolle läuft? Wie das Celluloid hergestellt wird? Wie der Strom aus dem Kraftwerk kommt? Was die Darsteller zum Frühstück gegessen haben?
Zum Abschluss ein Harald und Eddi – Film für alle Gegner des E-Books, die so gerne auf die materiellen Vorzüge des gedruckten Buches bestehen:





