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Kategorie Technologik

Instrument aufs Instrument projiziert

Wieder mal eine sehr gelungene Idee von Simon Steen-Andersen: Er projiziert Archiv-Material des Instruments auf das Live-Instrument.

Harpist Sunniva Roedland Wettre (NO) performs Simon Steen-Andersen’s History of My instrument (2011) for harp, video and pick-up.
Researchers Night, Oslo, 21rst of September 2011.

Oder hier die Study #3 for Cello and Video in der Gitarrenversion.

Fehlerästhetik #8 – Kritik

Die 79. Ausgabe der Positionen ist dem Thema „Fehler / Scheitern“ gewidmet. Fast alle Autoren bemerken, dass Fehler nur relational, zu einem Regelsystem existieren, und sich vor allem die Frage nach der Gültigkeit / Relevanz eines Regelsystems stellt. Um es mit einer Anekdote meinerseits darzustellen – Mich fragte mal jemand nach meiner schmutzigsten sexuellen Fantasie. Meine Antwort war: Ich empfinde keine meiner sexuellen Fantasien als schmutzig.

Jedenfalls bemerkt Orm Finnendahl in der Positionen-Ausgabe treffend:

Eigentlich wäre es jetzt ganz einfach, sich in den Diskurs über den Fehler einzuklinken: Fehler ist in den Künsten zumeist positiv konnotiert, als letzter Rest subversiven Verhaltens, als Fehler im System, Sand im Getriebe, dem Behaupten individueller Freiheit zur Negation, einem Aufbäumen und Stemmen gegen den Systemzwang. Das der Kunst eigene Privileg, sich keinem allgemeinverbindlichen Nutzen unterwerfen zu müssen, ermöglicht die Einbeziehung des Fehlers in sämtliche vorstellbare Handlungen. Aber ganz so einfach ist es für mich nicht. Der Begriff des Fehlers ist ausgesprochen dialektisch. Einerseits führt sein Auftreten zu einer Verstärkung von Kontingenz: Er zeigt, dass es auch anders geht. Andererseits ist eine verstärkte Kontingenz dafür verantwortlich, dass die Identifizierung des Fehlers erschwert wird. Der Fehler bringt sich also insbesondere bei inflationärem Gebrauch selbst zum Verschwinden.

(S. 33)

Epochal: die Notensuchmaschine

Warum gibt’s das eigentlich erst jetzt? Vladimir Viro hat auf peachnote.com eine Suchmaschine für Noten geschaffen, noch ganz einfach, bislang funktioniert es nur mit Tonhöhen, aber das ist freilich ausbaufähig und wird kommen. Interessant zu sehen, wo zB das Schicksalsmotiv sonst noch auftaucht.

Peachnote greift auf mehrere Notendatenbanken zurück, uA die wunderbare Petrucci Music Library. Wenn ich bedenke, wie unverschämt teuer früher Noten waren, kann man die nachfolgende Generation beglückwünschen.

Wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis das von Google aufgekauft wird oder Google eine eigene Notensuchmaschine anbietet.

Das schlägt ein ganz neues Kapitel auf! Einerseits für statistische Methoden in der Musiktheorie, andererseits im Remix. Im Zeitalter des totalen Archivs wird das Format der Suchabfrage zum Knackpunkt. Arno Lücker hat in einem Stück für Trompete und Zuspielung Samples von sämtlichen Trompetenstellen aus Brucknersymphonien kompiliert. Jetzt kann man sämtliche archivierten Schicksalsmotive usw. kompilieren. Und Guttenplag lässt natürlich auch grüßen. Im meinem Witten-Vortrag habe ich von der iPhone-App Shazam gesprochen, die selbst in der Kneipe innerhalb von 30 Sekunden ein Lied aus dem Lautsprecher identifiziert, und dass man sich auch vorstellen könnte, im Neue-Musik-Konzert eine entsprechende Neue-Musik-App in die Luft zu halten, die das live gespielte mit dem Archiv abgleicht. Und zukünftig in der Notensuchmaschine einen Partiturausschnitt.

(via usernamealreadyexists)

Fehlerästhetik #7: The New Aesthetic

James Bridle stellt ganz richtig fest, dass es eine neue visuelle Ästhetik gibt durch neue technologische Errungenschaften, die nun jeder am Bildschirm häufig sieht: Google Satellitenbilder, Streetview- und Facebook-Gesichts-Markierungen, Überwachungskameras, Pixel, Glitches.

Hier das Blog mit einer großen Materialsammlung.

The New Aesthetic is an ongoing research project by James Bridle.

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Since May 2011 I have been collecting material which points towards new ways of seeing the world, an echo of the society, technology, politics and people that co-produce them.

The New Aesthetic is not a movement, it is not a thing which can be done. It is a series of artefacts of the heterogeneous network, which recognises differences, the gaps in our overlapping but distant realities.
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It began here: www.riglondon.com/blog/2011/05/06/the-new-aesthetic/

Here is a talk (video) about the visual aspects of the New Aesthetic (here is a transcript).

Here is another talk (video) about the New Aesthetic, concerning literature, sexuality, and collaborating with the network.

An Essay on the New Aesthetic

Reports of a panel on the New Aesthetic at SXSW.

Fehlerästhetik #6: Material Zelluloid

Natürlich wurde auch mal – in den 60ern – das Zelluloid des analogen Films auseinandergenommen und aus allen nur erdenklichen Fehlern wiederum Film gemacht. Exemplarisch der „Rohfilm“ von Birgit und Wilhelm Hein, 1968.

Aber auch im letzten Godard-Film, ein Meisterwerk übrigens, kommen visuelle und akustische Übersteuerungen als Stilmittel immer wieder vor. In dem Trailer leider nur kurz davon etwas:

Grafik-Musik

Eine hübsche Visualisierung von Vorgängen in der Musik, die ihr sinnfälliges geometrisches Pendant haben.

A visual and musical expression of mathematical symmetry groups. The transformations done to the video are equivalent to the transformations done to the notes.

(via Neatorama)

Fehlerästhetik #5: Pixelverherrlichung

Das Pixel ist das visuelle Symbol für die Computerisierung schlechthin – dabei soll es eigentlich gar nicht gesehen werden; das ganze Prinzip von digitalen Bildern und Musikdateien basiert ja darauf, dass diskrete Werte in so hoher Auflösung aneinandergereiht werden, dass sie fürs Auge/Ohr verschmelzen, so wie im Kino die 24 Bilder pro Sekunde. Dennoch treten uns die Pixel oft ins Auge. Und so sieht man immer öfter auch ihre gewollt-absurde Übertragung in die Kohlenstoffwelt.

Sieht wie eine schlechte Nachbearbeitung aus, ist aber wirklich so gebaut: Das Weinmuseum in La Rioja, Spanien.

Ein ganzes Blog voller Pixel (bzw. Voxel, das 3D-Pixel) in Real Life ist The new Aesthetic. Obiges spanisches Beispiel sieht ja noch wirklich witzig aus, aber wenn man sich durch das Blog klickt ermüdet es einen bald. Spannender finde ich da Aram Bartholls Projekte, die über das bloße Pixel hinausgehen und bedeutungsgeladene Objekte der Computerisierung in den Alltag überträgt. (Dass die Pixelästhetik bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht, habe ich hier gezeigt.)

Fehlerästhetik #4: klassische Instrumente falsch spielen

Die ganze Ästhetik von Helmut Lachenmann basiert darauf, klassische Instrumente verfremdet zu spielen, als „Kritik am philharmonischen Schönklang“ und am tonalen, exkludierenden Hören.

Die Crux ist daran jedoch, dass Lachenmann mit diesen „Fehlern“ so streng komponiert wie Beethoven; anarchisch ist das (heute) gar nicht, und er wird mittlerweile im Klassikbetrieb gefeiert wie Beethoven – außerdem stirbt der Klassikbetrieb langsam aus. Unbestritten ist die Musik aber sehr schön. Doch zum Preis, dass der ‚Fehler‘ verschwunden ist. Hier ist er dagegen noch da:

Video meines Vortrags „Paneklektizismus“ vom 27.4. in Witten

UPDATE: leider gehen in dem video bild und ton etwas out of sync. ich werde es beheben und nochmal hochladen, allerdings erst in 7 tagen.
UPDATE2: neue version online, alte gelöscht (sorry für die gelöschten likes, ging leider nicht anders).

Vortrag, gehalten am 27.4.2012 beim Symposium „Musik als Material – Bearbeitung, Sampling, Bricolage“ / Wittener Tage für Neue Kammermusik, Universität Witten-Herdecke

Abstract:
Außer dem nur noch selten gelingenden Kunststück, einen nie gehörten Klang hervorzuzaubern, bedienen sich die Komponisten heute zwangsläufig des Bestehenden. Das betrifft nicht nur musikalische Grundelemente, wie die 88 Tasten des Klaviers, sondern auch deren Kombinationen. Instrumentale Gesten, standardisierte Satztechniken und expressive Topoi sind allgegenwärtig und können nach 100 Jahren Neue Musik und 30 Jahren ihrer institutionellen Durchorganisierung kaum noch umgangen oder umgedeutet werden (ähnlich gilt das auch für die Popmusik); endgültig wird durch das Internet, das „totale Archiv“, das Vergessen der Kunstgeschichte nahezu unmöglich. Darum setzt ein Kategorienwechsel ein: Die Frage ist immer weniger, ob ein Komponist zitiert, sondern was, wie und wofür.

Fehlerästhetik #3: Unschärfe

Als nur ein (prominentes) Beispiel für die Ästhetisierung der Unschärfe, ein abgemaltes Foto von Gerhard Richter, die Matrosen von 1965:

Ein ganzes Buch von Wolfgang Ullrich befasst sich mit der „Geschichte der Unschärfe„, das ich im Augenglick leider nicht zur Hand habe.