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Kategorie Theorie

Besprechungen von Harry Lehmanns „Die digitale Revolution der Musik“

Harry Lehmanns Buch „Die digitale Revolution der Musik“ wird bekannt, was mich sehr freut, ich sehe in dem Buch endlich wieder eine Musikphilosophie der Neuen Musik, mit einem bis dato nicht dagewesenen Ansatz und zu einem brisanten, aktuellen und noch weit in die Zukunft reichenden Thema: die Digitalisierung.

In der Neuen Zeitschrift für Musik steht ein Interview mit Lehmann:

http://www.harrylehmann.net/neu/wp-content/uploads/2011/11/Gespra%CC%88ch_Harry-Lehmann-Rolf.W.-Stoll_NZfM_Die-Digitalisierung-der-Neuen-Musik.pdf

(In das Gespräch hat sich an einer Stelle ein Fehler eingeschlichen, auf Seite 10 in der mittleren Spalte unten müsste es statt „Geräusche“ heißen: „Alltagsgeräusche“.)

Friedemann Dupelius hat das Buch für SWR2 besprochen:

und Hanno Ehrler für Deutschlandfunk:

Hab’s früher schon verlinkt, aber in dem Zusammenhang sei auch noch mal auf Stefan Hetzels Besprechung des Buches hingewiesen:

http://www.musikderzeit.de/de_DE/journal/issues/showarticle,35606.html

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Aphorismen des Tages:

 

Die musikfernsehfeindlichsten Leinwandflüche

Grenzüberschreitungssöhne

Fragebogenabwechslung

Kinderaugenobjektideologie

Melodikwissenschaft

Hans-Jörg Hommage

Tonhöhen-Austauschtechnik herumrennen

Postmoderne find ich super

In der FAZ vom 5.1.2013 steht ein Text, den ich bemerkenswert finde:

Auf dem Jahrmarkt der Zeitdiagnosen

Jürgen Kaube stellt darin fest, wie inflationär in Sachbüchern, Essays, Leitartikeln und Vorträgen eine neue Epoche ausgerufen wird – aber jeder ruft natürlich eine eigene neue Epoche aus. Dafür bringt er viele, sehr viele Beispiele.
Zum Ende dann sucht er eine Erklärung für das Phänomen: Die „Behauptung, an einer Epochenschwelle zu stehen“ entspringe einem „Prägnanzbedürfnis derer [..], die gerne Subjekte der Geschichte sein möchten.“ Aber schlichte Verkaufsstrategie und Überbietungsgehabe zählt er ebenfalls zu den Gründen.

Im Bereich der Neuen Musik treffe ich oft die Meinung an, die Postmoderne müsse doch langsam mal zu Ende sein, man ist ihrer überdrüssig, und manche können es also nicht erwarten, haben das „Prägnanzbedürfnis“, nun die nächste Epoche auszurufen. Es ist dabei selten zu übersehen, dass darin auch die eigene Wichtigkeit taxiert werden will – unter einer neuen Epoche macht man’s nicht mehr.

Ich kann mir nicht helfen, ich mache da nicht mit, mir ist das unangenehm und ich teile überhaupt nicht die Ansicht. Postmoderne finde ich nach wie vor beglückend, Postmoderne ist ein unprätentiöser, also allgemein durchgedrungener Begriff geworden (es ist noch gar nicht so lange her, dass sich die Postmoderne erst mal gegen die Moderne durchsetzen musste, wie in Texten aus den 1990ern zu erfahren ist). Ich akzeptiere dieses allgemeine Lebensgefühl gerne, und das Internet ist das postmodernste Ding überhaupt – gegen den Pluralismus heute war die in den 1980ern postulierte „Neue Unübersichtlichkeit“ (Habermas) noch geradezu putzig übersichtlich; insofern kommt bei mir überhaupt kein Ennui auf. Und wenn Firmen wie Apple oder Facebook ihre eigenen Zirkel schließen, dann verteidige ich den postmodernen Pluralismus unbedingt (siehe dazu auch das Kapitel „Gegentendenzen“ im Essay „Das totale Archiv“). Bei allen Problemen, die hienieden noch gelöst werden müssen: Ich habe kein Bedürfnis nach einer neuen Epoche. Ich habe ein Bedürfnis danach, dass Probleme gelöst werden und dass das Leben schön ist für möglichst alle auf der Welt. Dafür arbeite ich als Künstler.

(Die Postmoderne selbst sehe ich nicht als Ursache der Probleme, im Gegenteil. So wie Habermas darauf pocht, die Ideale der Moderne erst noch zu verwirklichen, würde ich sagen, dass die Ideale der Postmoderne erst noch verwirklicht werden müssen. Noch immer gibt es einen großen Graben zwischen Hoch- und Massenkultur in der Musik, noch immer ist das „anything goes“ gar nicht wirklich durchführbar, angesichts der im Bereich der Kunstmusik mitkomponierenden Institutionen. Warum das dann bekämpfen und schon wieder eine neue Epoche herbeischreiben wollen?)

Sicher halte ich die Digitalisierung für eine Revolution, zumindest für die Generationen, die so alt sind, dass sie das Spulen von Kassettenbändern noch erlebten, aber so jung sind, dass sie die Kassettenbänder begeistert / ohne Kulturpessimismus gegen die neuen Technologien eingetauscht haben. Die Digitalisierung ist ein großes und ungemein spannendes Thema. Wer hingegen nach 1990 geboren ist, für den ist die Digitalisierung überhaupt keine Revolution, sondern selbstverständlich (allerdings ist der Prozess noch nicht abgeschlossen, ich erwarte da noch viele weitere Innovationen, insofern kann es auch den „Nachgeborenen“ wiederum so ergehen).
Ob die „Digitale Revolution“ nun über mein bescheidenes Leben hinaus eine Revolution darstellt, mag sich abzeichnen, aber schon bei den Vergleichen (wie die Französische Revolution? wie die Industrielle Revolution? wie die Neolithische Revolution?) wird’s spekulativ. Ist das nun eine Revolution, die eine neue Epoche einläutet, wie andere Revolutionen der genannten Großkaliber, oder doch nur eine partielle – technische – Revolution, die just die vorhandene Epoche ausdehnt oder vollendet?

Mir ist das wurscht. Allein schon, weil so viele Leute neue Epochen ausrufen, verbietet es sich mittlerweile, eine neue Epoche auszurufen, selbst wenn es objektiv der Fall wäre. Ich weiß, dass just einige Freunde von mir das anders sehen und praktizieren, und ich toleriere sie völlig, vielleicht verstehe ich ihre Beweggründe einfach nicht. Aber es fragt sich, wie produktiv es heute noch sein kann, auf diese Weise zu theoretisieren, es zieht erfahrungsgemäß mehr Aggressionen auf sich als Zustimmung. Und das hat wahrscheinlich mit dieser Inflation zu tun.
Auf Facebook hat es ein Kommentator unlängst auf den Punkt gebracht:

„Wenn ich noch einmal das Wort ‚Paradigmenwechsel’ höre, werfe ich einen Sack Reis um!“

Es nutzt ja nichts, noch so hohe Summen auf den Tisch zu legen, wenn Inflation herrscht. Was macht man bei einer Inflation? Eine andere Währung einführen. In diesem Sinne braucht es andere Begriffe, aber vielleicht auch etwas mehr Geduld und Zügelung im „Prägnanzbedürfnis“.

Ich jedenfalls sage gerne und mit Überzeugung: Ich bin Postmodernist.

 

(siehe dazu auch „Musik, Ästhetik, Digitalisierung – eine Kontroverse“ S. 91)

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Aphorismen des Tages:

 

Das Frau primär zarteste

Mehr Diskantklauseln

Borges
Derrida
Erweitert

englischer 218f.

Todestrieb saugen

Navigation
Anzahl
Differential

Und das einer neuen reinen Zeit als Großvater (1909)

Relationale Musik – Vortrag von Harry Lehmann

Vortrag am 14. Dezember 2012 an der Hochschule der Künste Bern auf dem Symposium „Das Theater um die Musiiik“

Der Vortrag bezieht sich auf das Kapitel „Relationale Musik“ in meinem Buch „Die digitale Revolution der Musik. Eine Musikphilosophie, Mainz: Schott, Oktober 2012“, S. 115-126. Hierbei wird zum einen der Begriff der „relationalen Musik“ als Gegenbegriff zur Idee der absoluten Musik eingeführt und anschließend anhand von 15 Beispielen erläutert.

http://www.harrylehmann.net/

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Aphorismen des Tages:

 

Kindheitserlebnisse meiner Gestaltungskraft

Formkräfte Video-Mitschnitt Ground

Verschiedenste Tastaturen, verschiedenste Verschiebungen

Reinhard klare Malerei

Es lastete Fantasie

Analfick
Entfernung
genau

Zweideutigkeit nach Kunst aussehen

Austritt als Attacke. Zu Michael Rebhahns Manifest „Hiermit trete ich aus der Neuen Musik aus“

In der aktuellen Ausgabe der schwedischen Zeitschrift für Neue Musik „Nutida Musik“ ist der Text „Hiermit trete ich aus der Neuen Musik aus“ von Michael Rebhahn (früher auf Kulturtechno) abgedruckt. Zusätzlich wurden einige Komponisten um Statements zu diesem Text gebeten.

Mein Statement:

Austritt als Attacke

Zu Michael Rebhahns Manifest „Hiermit trete ich aus der Neuen Musik aus“

Austritt aus der Neuen Musik, eine Formulierung, der fast schon wieder verdächtig allseits applaudiert wird, findet für mich in der Umkehrung statt: im tabulosen Eintritt in die Neue Musik, Dinge, die bislang wenig bis gar nicht zugehörig erschienen, werden inkludiert – Popmusik, Trash, Performance, Konzepte, Video. „Neue Musik“ ist dann weniger per definitionem „atonal und auf traditionellen Instrumenten gespielt“, sondern ein Wahrnehmungsmodus.
Damit ist, wie Rebhahn eingehend beschreibt, eine Art linguistic turn der Neuen Musik verbunden: Statt Tonhöhenstrukturen werden endlich die institutionellen und ökonomischen Bedingungen analysiert. Originalität, Etikett, Oeuvre, Lebenswelt, Sozialgefüge im System Neue Musik, all das sind Momente des Werks selbst, dieses Bewusstsein dringt allmählich seitens der jüngeren Generation durch. Die Komponisten treten aus dem Inneren des Rahmens aus.
Ich begrüße Rebhahns Text sehr, er kam offensichtlich zur rechten Zeit am rechten Ort. Was ich mir als nächstes seitens des Musikdenkens wünschen würde: dass auch Namen fallen. („Letzte Warnung an die Deutsche Bank: Beim nächsten Mal werden Namen und Begriffe genannt.“ Joseph Beuys) Es würde der initialen Provokation weitere hinzufügen. Wer weiß, wieviele von den Komponisten, die Rebhahn nun akklamieren (mich eingeschlossen), von ihm gerade nicht im Positiven gemeint sind.

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Anlässlich des Textes wird Anfang April an der Harvard University eine kleine Konferenz stattfinden, zu der Rebhahn, Hannes Seidl, Harry Lehmann und ich eingeladen sind.

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Aphorismen des Tages:

 

Unvorhersagbares Andante

Das Akustische unterdrücken

Wahrheit Tradition Spur

Berlin-Kadenz

Schönbergs Arbeitsaufzeichnungen

Als ist alles Handbuch

Sprache
Sein
Lied

Harry Lehmann: Theoriemodell der ästhetischen Moderne

Vortrag auf den Reichenauer Künstlertagen am 8. Oktober 2012 auf der Insel Reichenau.

Die zugrunde liegende Theorie ist veröffentlicht in: »Avantgarde heute. Ein Theoriemodell der ästhetischen Moderne«, in: Musik & Ästhetik, Heft 38/2006, S. 5-41.

Der Text findet sich zum download auf meiner Website unter:
http://www.harrylehmann.net/texte/

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Aphorismen des Tages:

 

Die zu satt gehaltene Gesellschaft

Emphatische Differenz, verbiestert

Eingedrungen und anbelangt

Zum Beispiel den Impressionismus entlarven

Taumel subjektiver Gerinnungspunkte

Streichholzschachtel Beitrag Kunst

Großkomiker Smithson

Kommentar zu Peter Krauts Text „Diskurs ohne Folgen. Acht Thesen zu blinden Flecken und Chancen der Kunstmusik“

In der Schweizer Zeitschrift „Dissonance“ ist im Sommer ein Artikel mit dem Titel Diskurs ohne Folgen. Acht Thesen zu blinden Flecken und Chancen der Kunstmusik von Peter Kraut erschienen, den ich interessant finde und kommentieren möchte.

Der Artikel ist hier vollständig online lesbar, ich greife ein paar Gedanken auf.

Zunächst wird festgestellt, dass sich die Kunstmusik unter Legitimierungszwang befindet. Es ist sehr wichtig, dass das deutlich festgestellt wird: Nur weil die Kunstmusik so viel Geld kostet, kann so etwas wie „Diskurs ohne Folgen“ überhaupt moniert werden, denn erst der Subventionsaufwand erhebt den Anspruch auf irgendeinen Sinn und Nutzen, irgendeine Folge. Ich sage noch schärfer: Alle ästhetischen Debatten sind Gelddebatten.

These 1 beschreibt, dass die Kunstmusik an einem gesellschaftlich marginalen Ort, im Konzertsaal, stattfindet.

These 2 beschreibt, dass die Kunstmusik um sich selbst kreist, um ihr Medium der traditionellen Instrumente. Der Autor vermisst Bezüge zur Lebenswelt, beispielsweise durch musique concrète-Elemente. Paradigmatisch wird Lachenmann genannt, ein „konservativer Revolutionär“, der, statt das Cello in Frage zu stellen, nur das tradierte Cellospiel in Frage stellt.
Gut, dass das endlich mal jemand sagt. Ich halte Lachenmann mittlerweile schlicht für einen Restaurator, ähnlich wie Rihm, nur raffinierter, und leider musikalisch-rhetorisch brilliant.

These 4 kritisiert die Fixierung auf die Notenschrift, die zwar hohe Komplexität ermöglicht, aber einige Limitierungen mit sich bringt.
In der Tat wird das durch heutige Möglichkeiten der Elektronik immer deutlicher, dass das Partitur-Paradigma nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Partituren meiner Stücke sagen über das Stück nur teilweise etwas aus, denn der Elektronik-Teil lässt sich nicht adäquat notieren. Das ist aber beispielsweise bei Bewerbungen ein Problem, wo aus Zeitgründen meist nur in Partituren geblättert wird. Ebenso ist Elektronik bei Verlagen nicht gern gesehen. Ein Institutionenproblem.

These 5 beklagt, dass Komponisten Solitäre sind, wo doch in anderen Kunstsparten es hervorragende Kollaborationen gibt (Fischli&Weiss zB).
Nun ja, da bleibe ich skeptisch, zumindest ist sehr schwierig, dass sich Künstler diesbezüglich finden (dazu habe ich mal einen kurzen Text verfasst). Auch in der Bildenden Kunst halte ich das für Ausnahmen, wenn auch häufiger anzutreffen als in der Musik.

These 6 stellt umgekehrt fest, dass auch Pop, der mal annähernd Kunstcharakter besaß, den Bach des Kommerzes runtergegangen ist.
Man könnte aber noch fragen, ob sich hier nicht neues Potenzial auftut, wo Pop eben nicht mehr so kommerziell erfolgreich ist, weil der Tonträgermarkt eingebrochen ist.

These 7 bemängelt, dass die Kunstmusik sich zu wenig von den Errungenschaften des Pop inspirieren lässt.
Dem kann nur zugestimmt werden!!

These 8 empfiehlt zusammenfassend:
Es würde der Kunstmusik gut anstehen, „etwas weniger Respekt vor der eigenen Tradition und ihren Formen und Ritualen, ihren Texten und Standards, ihren Lehr- und Lernformen zu zeigen, mehr aktives Ausfransen an den Rändern und Medien zu betreiben, mehr rebellischen Umgang mit Technologien und (neuen) Instrumenten zu pflegen, mehr Rückeroberung gesellschaftlicher Plattformen einzufordern und vermehrt Kooperationen mit anderen zeitgenössischen Kunstpraxen einzugehen.“

Soweit der Text, und wie man sich denken kann, stimme ich ihm im Großen und Ganzen zu, er ist zudem gut geschrieben und wägt ab, erfreulich, dass jemand die Initiative ergriffen hat.

Ich möchte aber (konstruktiv) daran kritisieren:

Was dem Text mangelt (ein „blinder Fleck“?), ist Selbstreflexion bzw. eine Befragung der eigenen Methodik: Wie kann es der Text erreichen, dass er selbst nicht wiederum „ohne Folgen“ bleibt?
– Es wird die Abgeschiedenheit der Kunstmusik beklagt, aber der Text selber ist in einer Fachzeitschrift abgedruckt. Vielleicht publiziert Peter Kraut ja auch in populäreren Organen, ich hoffe es. Auf Facebook oder Twitter ist er nicht aktiv. Korrektur: Ist auf Facebook aktiv! Ich nehm’s zurück, sorry.
– Der Text nennt fast keine Namen. Lachenmann wird einmal kritisiert, Helmut Oehring als gutes Beispiel genannt, eingangs werden als regelbestätigende Ausnahmen lauter Komponisten aufgezählt, die schon tot oder alt sind. Wäre es nicht produktiver, man würde mehr Namen nennen? Die Verallgemeinerungen sind gleichsam Entschärfungen, niemand fühlt sich ernsthaft angesprochen.
– Freilich gibt es mitterweile Unmengen an Beispielen, an Komponisten, die den Weg gehen, den der Autor empfiehlt, aktuell kann man in der Zeitschrift „Positionen“ zum Thema „Diesseitigkeit“ einige kennenlernen. Darum ist die ‚Schuld’ bei den Geldgebern / Organisatoren zu suchen, den die bestimmen, wer gespielt wird! Ich denke, es ist erst mal nötig, dieses Bewusstsein zu schaffen, für die Macht der Programmmacher, der Festivalleiter und Ensembles – für das Dispositiv. Es ist wohl ein fruchtloses Unterfangen, einen Komponisten, der bislang jene exklusive Art Neue Musik komponiert hat, welche der Autor rügt, dazu bringen zu wollen, dass er anders komponiert. Mir ist kein Fall aus den letzten fünfzig Jahren bekannt, in dem so eine „Bekehrung“ stattgefunden hätte. Der Hebel müsste stattdessen an den Institutionen, bei den Programmmachern angesetzt werden, der Appell müsste sich explizit an sie richten. Alles andere halte ich annähernd für Scheindebatten. (Im Übrigen ist mein Eindruck, dass sich zumindest in Deutschland die Dinge wirklich beginnen zu ändern.)

Zurück zur eingangs aufgestellten Prämisse, dass die Kunstmusik unter Legitimierungszwang steht. Tatsächlich passiert momentan aber etwas, das aus dieser jahrzehntelang ungebrochenen Tatsache ausschert. Dank Digitalisierung lassen sich Werke produzieren und verbreiten, ohne dass sie Subventionsgelder in Anspruch nehmen. Als nur ein Beispiel: Anton Wassiljews „Serialismus 2.0“ (hier). Fraglos eine typische ‚elitäre’ Neue Musik, aber völlig erhaben über Kritik, wie sie oben formuliert wurde – denn das Werk hat keinen Steuercent gekostet. Nicht, dass ich dafür plädiere, die teuren Konzerte sollten zugunsten allein solcher Formen aufgegeben werden. Aber gerade im Bezug zu der Diskussion um Relevanz der Kunstmusik wird interessant, dass die Kunstmusik in Teilen beginnt, sich einen wirklichen Freiraum zu schaffen, der frei vom unsäglichen Legitimierungszwang steht. Und irgendwie, obwohl oder gerade weil ich selber oft genug die Weltabgewandtheit der Kunstmusik kritisiert habe, freue ich mich, dass dieser Kritik auf diese Weise Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Vortragsvideo „Die gesellschaftliche Funktion der Kunst“ (Harry Lehmann)

»Die gesellschaftliche Funktion der Kunst«, Vortrag zum Symposium ›Die nervöse Ordnung gereizter Denkmodelle‹ am Freitag, den 16. November 2012.

http://www.harrylehmann.net/

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Aphorismen des Tages:

 

Imperativ (114-129)

Grenzerfahrung Subdominante

Schriftform Trompete

Schwierigkeit 1968

Realismus beobachten

Schwingungen 196-241

Produktion
Epoche
Ziel

Sind irgendwann alle Melodien komponiert?

Nach der GEMA-Aktion hatte ich die Idee, sämtliche möglichen siebentönigen Melodien vom Computer berechnen zu lassen, diese dann als mein Werk bei der GEMA anmelden und somit sämtliche künftigen Melodien unmöglich zu machen. Hab ich dann doch nicht gemacht, weil vielleicht der nötige Speicherplatz doch zu groß wäre und die GEMA-Anmeldung nicht möglich ist, weil ich ja erst mal auseinanderklamüsern müsste, welche von den Melodien bereits existieren..!

Wie dem auch sei, in diesem Video wird der Frage nachgegangen, ob irgendwann die Kombinationsmöglichkeiten der Töne erschöpft sind. Die Antwort lautet: nein! Es deren gigantisch viele Möglichkeiten. Aber warum klingt dann dennoch so viele Musik so ähnlich? Weil man doch immer auf bekannte Muster zurückgreift, und weil keine wirklich neuen Qualitäten noch erschlossen werden. Insofern doch ein materialer Endpunkt.

Ob etwas als neu oder alt angesehen wird, ist dann eine Frage der Abstraktion. Dazu habe ich mal einen Essay geschrieben.

Die Idee, sämtliche möglichen CDs zu brennen hatte ich in meinem Musiktheater Feeds. Hören TV in dieser Szene eingebaut. Sie geht zurück auf Jorge Luis Borges‘ Erzählung „Die Bibliothek von Babel„.

(via Kraftfuttermischwerk)

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Aphorismen des Tages:

 

Technik
Schriften
Gespräche

Amerikas systemkritischer Nichtskönner

Parteien bemalen

Ich bin wie von sich betrachtet

Harmonie
Deckel

Brechmittel Wahrheit

Baulärm (1916)

Orientalische Skalen

(via Alexander auf Facebook)

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Aphorismen des Tages:

 

F-Dur/C-Dur

Kommentar und Samenstoß

Die traurigste Bildung marginalisiert

Muskulöse Klangfarbe

Frühklassische Generalbassübungen

Schönberg
Familie
Transzendentalphilosophie

Die irrationalen Sammler des Denkens

Crowdfunding und Neue Musik

Vor einiger Zeit ging diese Nachricht um, ich hatte’s verpasst, hier zeitnah zu posten: Der Pianist Samuel Vriezen ruft zum Spenden auf für eine Einspielung des „Chord Catalogue“ von Tom Johnson, einem in Deutschland noch viel zu wenig bekannten Minimalisten.

Erfreulicherweise hat Vriezen mittlerweile das nötige Geld auf diese Weise eingenommen (man kann aber bis übermorgen noch spenden!). Ich möchte aber jetzt ein paar Gedanken zu Crowdfunding und Neue Musik loswerden:

Erst einmal ist es ja eine gute Nachricht, dass ein extrem sperriges Werk wie das von Johnson auf diese Weise zu einer professionellen Einspielung gelangen kann. Es fragt sich jedoch, ob sich das dem Pioniercharakter des Projekts verdankt – der erste bekommt noch viel Aufmerksamkeit, wenn allerdings in Zukunft (vielleicht) ständig irgendwelche CD- und Konzertprojekte um die Spendergunst buhlen, läuft gar nix mehr. Hoffen wir, dass dem nicht so ist. Ein anderes Problem ist: Wenn in Zukunft viele derartige Projekte Spender suchen, dann gewinnt der, der das populärste macht, bzw. der, der am meisten Zeit, Energie und wiederum Geld in die Werbung fürs Crowdfunden investiert. Das hat aber auch wieder sein gutes: Die Kreativität in Sachen Projekt-Bekanntmachen wird angeheizt. Ist doch schön, wenn es lauter solche Filmchen gibt, in denen die Vorzüge eines ambitionierten Projekts gezeigt werden, und es hat auch etwas persönliches, man sieht die beteiligte(n) Person(en). Aber ist halt Arbeit, mit ungewissem Ausgang. Man darf gespannt sein.


Ich habe einmal ein ähnliches Stück komponiert: sämtliche 680 möglichen dreistimmigen Akkorde im Ambitus einer Duodezim. Im Unterschied zu Johnson jedoch in zufälliger Reihenfolge.

(aus 4 konzeptuelle Stücke)

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Aphorismen des Tages:

Situation
Ton
Denken

Tonpsychologie 33-53

Identifikation nicht-ästhetischer Faktoren

Weltgeschichte wird gefunden

Professor für Chaos

Abschiedsformel der Arbeiter

Orientalisierung heißt: 7377-7841