Heute irgendwann zwischen 15.05h und 17h bringt die WDR3-Sendung „TonArt“ eine Besprechung von Raphael Smarzoch meines Buches „Musik mit Musik„.
„Ein solides Handwerk nutzt nur da, wo es egal ist. Jede Komposition ist eine Weiterkomposition. Wer für Geige schreibt, schreibt ab.“ Johannes Kreidler provoziert gerne. Die Berliner Philharmonie bezeichnet er als Altersheim, Kompositionen für klassische Instrumente findet er nicht mehr zeitgemäß.
[…]
Kreidlers neuestes Buch „Musik mit Musik“ ist ein Lobesgesang auf die Digitalisierung. WDR 3 TonArt hat es gelesen und mit dem Komponisten über seine Ideen gesprochen.
Informationen zum Buch:
Johannes Kreidler: „Musik mit Musik. Texte 2005-2011“
Wolke Verlag 2012
256 Seiten
ISBN 978-3-936000-93-1
Schöne Idee, erinnert an die Man-ist-über-6-Menschen-mit-jedem-Erdenbürger-befreundet – Theorie:
Das Spielbrett bei Wiki-Wars heißt Wikipedia und so funktioniert’s: Der Spielleiter gibt einen Start- und einen Endbegriff vor. Zum Beispiel “Tafelspitz” und “Zyankali”. Auf Los gilt es nun, sich über die Links in den Artikeln ausgehend vom Tafelspitz-Beitrag zum Zyankali-Beirag zu klicken. Dabei darf man auschließlich auf die blau unterlegten Links klicken.
Letzte Woche ging ein Text rum, der von diesem Experiment berichtet: In einem Konzert spielte man 10 Stücke, wovon 8 computerkomponiert waren und 2 von Menschenhand geschrieben wurden, die Hörerschaft machte einen Turing-Blindtest. Sozusagen das Duell Kasparow gegen Deep Blue, aber nicht auf dem Schachbrett, sondern im Konzertsaal.
In dem Artikel sind auch Videos eingebunden, ein Beispiel:
Es ist schon auffällig, dass sich derartige Berichte häufen. Natürlich ist die ästhetische Bewertung hier ungleich heikler als beim Schachspiel mit klaren Regeln, und Kompositionssoftware hat ja selbst wiederum einen Schöpfer und irgendwelche Startwerte müssen eingegeben werden.
Es ist aber auch nicht so, dass der Computer nur das ausspuckt, was vorher einprogrammiert wurde, denn mit Zufallsgeneratoren kommt tatsächlich ein nicht-menschliches Element hinein, oder wenn gewissermaßen anonyme Daten aus dem weltweiten Netz in die Berechnungen miteinfließen, was zu ganz unerwarteten Ergebnissen führen kann. Darum wird es mal wirklich schwierig werden, jemanden zur Verantwortung zu ziehen, wenn Computer Börsencrashs oder gar Kriege auslösen.
Das ganze zeigt: Es ist höchste Zeit für umfassende philosophische Einschätzung über die Eigenständigkeit computerisierter Arbeit. Erst unlängst hatte ich hier den Fall von 1957, als einem computerkomponierten Schlager kein Urheberrecht zugesprochen wurde, weil der Computer nicht als Subjekt galt (ähnlich der Fall mit dem Affen, der Fotos gemacht hat, aber kein Urheberrecht daran haben kann, weil er keine juristische Person darstellt).
Am 6.10. werde ich beim Jahreskongress der Gesellschaft für Musiktheorie an der Folkwang Universität Essen einen Vortrag halten zum Thema „Soundshop – Was kann der Computer komponieren?“. Darin greife ich die Digitalisierungs-Debatte von 2010 auf, zeige vor allem meine Software COIT und werde davon abstrahierend dann allgemeine Fragen zur künstlichen Kompositionsleistung / -„Intelligenz“ angehen.
Schon oft habe ich den Gedanken der „gehaltsästhetischen Wende“ aufgegriffen, den Harry Lehmann in die Welt gesetzt hat, so wie auch viele andere – fast schon zu viele – diesen Ausdruck nun begrüßen. In der März-Ausgabe der schweizer Zeitschrift dissonance ist ein Text von Lehmann, „Digitale Infiltrationen. Die gehaltsästhetische Wende der Neuen Musik“ abgedruckt, und steht jetzt auch online:
Die Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts kennt eine ganze Reihe von «Turns»: den «Linguistic Turn», den «Cultural Turn», den «Iconic Turn», den «Pragmatic Turn» und viele mehr. Dieser in Amerika geprägte Begriff, den man mit «Wende» ins Deutsche überträgt, markiert einen Perspektivwechsel. So kam es in der Philosophie zu einer «linguistischen Wende», als man daran zu zweifeln begann, dass uns die Dinge an sich in ihrem Sein oder in unserem Bewusstsein zugänglich sind, und man statt dessen von der Prämisse ausging, dass die Sachverhalte dieser Welt immer schon sprachlich vermittelt sind. Die traditionellen Fragen der Philosophie – wie wir die Welt erkennen können, wie sich moralische Gesetze begründen lassen oder was «Wahrheit» ist – wurden aus einem sprachphilosophischen Blickwinkel reformuliert. Für solche «Turns» gibt es normalerweise einen Auslöser in der Wirklichkeit, zum Beispiel als mit der Verbreitung von Presse und Rundfunk im 20. Jahrhundert die sprachliche Konstruktion von Bedeutung in der Kultur immer augenfälliger wurde. Die linguistische Wende war also eine Reaktion auf reale Transformationsprozesse der westlichen Kultur.
Kommentare deaktiviert für Text über die „gehaltsästhetische Wende“| Kategorie: Theorie
Dieses Dokument entbehrt nicht einer gewissen Tragik: Die physische Welt verschwindet in kleinen Geräten. Was konnte man früher noch mit der Luftgitarre fulminant abrocken! – wer heute imaginäres Musizieren performen will, muss mit Luftplatten, Luftkopfhörer und Lufteffektgeräten hantieren.
Die amerikanische Kongreß-Bibliothek, die unter anderem auch für Fragen des musikalischen Urheberschutzes zuständig ist, lehnt es nur äußerst selten ab, einem Schlager das Copyright zuzuerkennen. Dem Schlager „Push-Button Bertha“ (Druckknopf-Berta) aber, der ihr kürzlich mit der Bitte um Schutz vor Nachahmungen eingereicht worden war, verweigerten die staatlichen Urheberschützer die Aufnahme in das Copyright-Register.
Den Text hätten die Copyright-Wächter der Kongreß-Bibliothek allenfalls noch gutgeheißen, der Musik aber glaubten sie einen Urheberschutz nicht gewähren zu können, denn sie entstammte nicht der Inspiration eines Komponisten, sondern dem mechanischen Datengeber eines mittelgroßen Elektronengehirns namens Berta.
Tatsächlich begannen also mit der Erfindung des Computers auch die Überlegungen, ihn selbständig Musik komponieren zu lassen.
In der Mai-Ausgabe des Merkur ist ein Text von Harry Lehmann über die Kompositionssoftware von David Cope abgedruckt; der Text ist ein Kapitel aus dem kommenden Buch „Die digitale Revolution der Musik“.
Jetzt steht auch der „Komponistenstammtisch“ online:
SWR2 JetztMusik Junge Komponisten (1/6)
Der Stammtisch
Sendung am Montag, 21.5. | 23.03 Uhr | SWR2
Von Bernd Künzig
Eine 6-teilige Reihe stellt fünf junge Komponisten unserer Zeit vor: Ondrej Adamek, Johannes Kreidler, Marko Nikodijevic, Simon Steen-Andersen und Vito Zuraj gehören zu der Reihe von neueren Musikautoren, die in den letzten Jahren zunehmend auf sich aufmerksam machen konnten. Sie stammen aus unterschiedlichen Kulturen, aber aus der gleichen Generation. Selbstverständlich verstehen sie sich untereinander, aber selten sprechen sie wirklich miteinander. Jetzt treffen sich die fünf Komponisten vielleicht zum ersten und einzigen Mal zu einem Komponierstammtisch: Es ist der elektronische Schnitttisch des SWR, an dem sie sich virtuell in einer Runde versammeln, bei dem es um brisante Problemstellungen, Namen und Ideologien der zeitgenössischen Musik gehen wird. In den folgenden fünf Einzelporträts werden die Komponisten dann alleine über sich selbst sprechen.