In der FAZ vom 5.1.2013 steht ein Text, den ich bemerkenswert finde:
Auf dem Jahrmarkt der Zeitdiagnosen
Jürgen Kaube stellt darin fest, wie inflationär in Sachbüchern, Essays, Leitartikeln und Vorträgen eine neue Epoche ausgerufen wird – aber jeder ruft natürlich eine eigene neue Epoche aus. Dafür bringt er viele, sehr viele Beispiele.
Zum Ende dann sucht er eine Erklärung für das Phänomen: Die „Behauptung, an einer Epochenschwelle zu stehen“ entspringe einem „Prägnanzbedürfnis derer [..], die gerne Subjekte der Geschichte sein möchten.“ Aber schlichte Verkaufsstrategie und Überbietungsgehabe zählt er ebenfalls zu den Gründen.
Im Bereich der Neuen Musik treffe ich oft die Meinung an, die Postmoderne müsse doch langsam mal zu Ende sein, man ist ihrer überdrüssig, und manche können es also nicht erwarten, haben das „Prägnanzbedürfnis“, nun die nächste Epoche auszurufen. Es ist dabei selten zu übersehen, dass darin auch die eigene Wichtigkeit taxiert werden will – unter einer neuen Epoche macht man’s nicht mehr.
Ich kann mir nicht helfen, ich mache da nicht mit, mir ist das unangenehm und ich teile überhaupt nicht die Ansicht. Postmoderne finde ich nach wie vor beglückend, Postmoderne ist ein unprätentiöser, also allgemein durchgedrungener Begriff geworden (es ist noch gar nicht so lange her, dass sich die Postmoderne erst mal gegen die Moderne durchsetzen musste, wie in Texten aus den 1990ern zu erfahren ist). Ich akzeptiere dieses allgemeine Lebensgefühl gerne, und das Internet ist das postmodernste Ding überhaupt – gegen den Pluralismus heute war die in den 1980ern postulierte „Neue Unübersichtlichkeit“ (Habermas) noch geradezu putzig übersichtlich; insofern kommt bei mir überhaupt kein Ennui auf. Und wenn Firmen wie Apple oder Facebook ihre eigenen Zirkel schließen, dann verteidige ich den postmodernen Pluralismus unbedingt (siehe dazu auch das Kapitel „Gegentendenzen“ im Essay „Das totale Archiv“). Bei allen Problemen, die hienieden noch gelöst werden müssen: Ich habe kein Bedürfnis nach einer neuen Epoche. Ich habe ein Bedürfnis danach, dass Probleme gelöst werden und dass das Leben schön ist für möglichst alle auf der Welt. Dafür arbeite ich als Künstler.
(Die Postmoderne selbst sehe ich nicht als Ursache der Probleme, im Gegenteil. So wie Habermas darauf pocht, die Ideale der Moderne erst noch zu verwirklichen, würde ich sagen, dass die Ideale der Postmoderne erst noch verwirklicht werden müssen. Noch immer gibt es einen großen Graben zwischen Hoch- und Massenkultur in der Musik, noch immer ist das „anything goes“ gar nicht wirklich durchführbar, angesichts der im Bereich der Kunstmusik mitkomponierenden Institutionen. Warum das dann bekämpfen und schon wieder eine neue Epoche herbeischreiben wollen?)
Sicher halte ich die Digitalisierung für eine Revolution, zumindest für die Generationen, die so alt sind, dass sie das Spulen von Kassettenbändern noch erlebten, aber so jung sind, dass sie die Kassettenbänder begeistert / ohne Kulturpessimismus gegen die neuen Technologien eingetauscht haben. Die Digitalisierung ist ein großes und ungemein spannendes Thema. Wer hingegen nach 1990 geboren ist, für den ist die Digitalisierung überhaupt keine Revolution, sondern selbstverständlich (allerdings ist der Prozess noch nicht abgeschlossen, ich erwarte da noch viele weitere Innovationen, insofern kann es auch den „Nachgeborenen“ wiederum so ergehen).
Ob die „Digitale Revolution“ nun über mein bescheidenes Leben hinaus eine Revolution darstellt, mag sich abzeichnen, aber schon bei den Vergleichen (wie die Französische Revolution? wie die Industrielle Revolution? wie die Neolithische Revolution?) wird’s spekulativ. Ist das nun eine Revolution, die eine neue Epoche einläutet, wie andere Revolutionen der genannten Großkaliber, oder doch nur eine partielle – technische – Revolution, die just die vorhandene Epoche ausdehnt oder vollendet?
Mir ist das wurscht. Allein schon, weil so viele Leute neue Epochen ausrufen, verbietet es sich mittlerweile, eine neue Epoche auszurufen, selbst wenn es objektiv der Fall wäre. Ich weiß, dass just einige Freunde von mir das anders sehen und praktizieren, und ich toleriere sie völlig, vielleicht verstehe ich ihre Beweggründe einfach nicht. Aber es fragt sich, wie produktiv es heute noch sein kann, auf diese Weise zu theoretisieren, es zieht erfahrungsgemäß mehr Aggressionen auf sich als Zustimmung. Und das hat wahrscheinlich mit dieser Inflation zu tun.
Auf Facebook hat es ein Kommentator unlängst auf den Punkt gebracht:
„Wenn ich noch einmal das Wort ‚Paradigmenwechsel’ höre, werfe ich einen Sack Reis um!“
Es nutzt ja nichts, noch so hohe Summen auf den Tisch zu legen, wenn Inflation herrscht. Was macht man bei einer Inflation? Eine andere Währung einführen. In diesem Sinne braucht es andere Begriffe, aber vielleicht auch etwas mehr Geduld und Zügelung im „Prägnanzbedürfnis“.
Ich jedenfalls sage gerne und mit Überzeugung: Ich bin Postmodernist.
(siehe dazu auch „Musik, Ästhetik, Digitalisierung – eine Kontroverse“ S. 91)
+++++++++++++
Aphorismen des Tages:
Das Frau primär zarteste
Mehr Diskantklauseln
Borges
Derrida
Erweitert
englischer 218f.
Todestrieb saugen
Navigation
Anzahl
Differential
Und das einer neuen reinen Zeit als Großvater (1909)