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Das totale Archiv (7): Die Menschheit ist ewig

Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zwölf Teilen den Text “Das totale Archiv” als Blog-Version. Der sechste Teil stellte fest: Die digitalen Archive sind nicht mehr zerstörbar. Der siebte Teil nun ergänzt: Auch die Menschheit ist nicht mehr zerstörbar!

 

7. Die Menschheit ist ewig

Natürlich sind nicht alle Geschichten erzählt, nicht alle Bilder gemalt und nicht alle Musik komponiert, nicht alles ist schon dagewesen. Aber vieles! – im Verhältnis zu dem, was Menschen erfassen können. Neu ist das Ausmaß des Alten. YouTube gibt es seit sechs Jahren. Pro Minute werden dort derzeit 48 Stunden Videomaterial hochgeladen. Welche Massen wird man da in fünfzig Jahren haben? Die Archive wachsen und wachsen. Es ist kaum anzunehmen, dass sie sich wieder zurückentwickeln.

Nach gegenwärtiger Sachlage ist keine messianische und keine technisch ausgelöste Apokalypse zu erwarten. Natürlich gibt es gewaltige Katastrophen, aber sieben Milliarden Menschen, mit Technik und Know-How ausgestattet und über den Globus verteilt, sind zwar leider beträchtlich dezimierbar, doch schwerlich ausrottbar. Trotz aller existierenden Waffen wäre es logistisch unwahrscheinlich schwer, die gesamte Menschheit vom Erdball zu tilgen. So grauenhaft der Zweite Weltkrieg auch war, er hat unsere Population nur um zwei Prozent dezimieren können. Zudem darf man hoffen, dass diese Zeiten vorüber sind.

Das 20. Jahrhundert stand im Zeichen des Glaubens, dass die Menschheit sich früher oder später selbst zerbomben wird. Zukunftsvisionen waren praktisch immer düster; wer in der Literatur oder im Kino in die Zeitmaschine stieg (The Time Machine, Terminator, Blade Runner), zog in den Krieg. Aber allmählich dürfen wir annehmen, dass diese Ängste ausgestanden sind. Anzunehmen ist, dass noch Millionen Jahre lang Menschen leben,[1] sofern nicht höhere Gewalten erscheinen. Mit dem Abschütteln der Religionen hat die Menschheit Ewigkeit erlangt.

Die Erkenntnis, dass kein Gott dem irdischen Leben ein Ende setzen wird, hatte in der Neuzeit am prominentesten Nietzsche, und er gab dieser Ungeheuerlichkeit durch eine weitere unchristliche Ungeheuerlichkeit Ausdruck: die Lehre von der ewigen Wiederkehr. Nun sind Ungeheuerlichkeiten schwer auszuhalten. Im 20. Jahrhundert kamen die Dystopien auf, die negativen Utopien, die mehr oder minder den Untergang der Menschheit, wie wir sie kennen, skizzieren. Das hatte seine realen Anstöße, darin steckt aber insgeheim auch postreligiöse Eschatologie. Der Übermensch, der gottgleich wird, wird zuständig für den Weltuntergang. Wenn auch durch einen Atomkrieg: wenigstens überhaupt ein Schlusspunkt statt einer praktisch endlos dahinlebenden Menschheit.

Allein, es wird nicht eintreten. Wir müssen es mit der Ungeheuerlichkeit aufnehmen. Spürbar wird sie im totalen Archiv. Bislang war alles Materielle dem Verfall ausgeliefert; dass es einmal digitalisiert und dadurch ewig leben wird, konnte man sich nicht ausmalen. Jetzt muss ich davon ausgehn, dass was ich hier schreibe, noch in hundert Millionen Jahren existieren wird, ob es gelesen wird oder nicht. Die Vergangenheit, genauer gesagt alles, was von unseren Vorgängern hinterlassen wurde und digitalisierbar ist, wird digitalisiert werden, und dieser Vorgang wird irgendwann als abgeschlossen gelten. Dann sind sämtliche Bibliotheken und Museen, öffentlichen und privaten Archive Digitalisate; ab dann wird nur noch die ständige Gegenwart hinzugefügt. Alles wird allen verfügbar sein.[2] Und das Archiv ist unzerstörbar, weil es sich millionfach kopieren lässt und auf Nanometern Platz hat. Es wird kein geschichtliches Dunkel mehr geben, stattdessen die Möglichkeit der virtuellen Zeitreise an helle, vielleicht nur etwas pixelige Datenmeere. Dieses Kompendium gibt Informationen her, über die bislang nur gemutmaßt werden konnte; beispielsweise lassen sich, wo bislang bloß Hochrechnungen möglich waren, seit Googles Digitalisierungen kompletter Bibliotheksbestände tatsächliche Untersuchungen über die Häufigkeit bestimmter Wörter in der gedruckten Sprache anstellen.

Und selbst wenn die Menschheit doch verschwände – ihr Wissen würde wohl auf einem Datenträger in einer Kapsel weiter durch Äonen geistern.

 


[1] Fünfhundert Millionen Jahre lang bleibt die Erde voraussichtlich bewohnbar.

[2] Alles, was digital wird, wird kostenlos: Ewan Morrison, Are books dead, and can authors survive? In: Guardian vom 22.8.2011, http://bit.ly/r3VvN5, recherchiert am 30.8.2011.

Ein Kommentar

  1. Colorblink

    “YouTube gibt es seit sechs Jahren. Pro Minute werden dort derzeit 48 Stunden Videomaterial hochgeladen. Welche Massen wird man da in fünfzig Jahren haben?”

    Auch wenn es eine rhetorische Frage war, habe ich es mal ausgerechnet. Nach 50 Jahren wären 1261440000 Stunden oder
    144000 Jahre an Videomaterial hochgeladen :-)

    Mich würde interessieren, wer in Zukunft über die unfaßbaren Datenmengen die Deutungshoheit hat und/oder wie diese zustande kommt,- falls sie zustande kommt.

    Besonders interessant ist die Frage für mich bei den dann aktuellen und besonders relevanten Daten für die Menschen. Ich denke hier an gesellschaftspolitische Fragen. Ich hoffe die Deutungshoheit,aus der dann sozusagen die Handlungsanweisungen resultieren, kommt demokratischer zustande und nicht wie heute immer noch durch vor allem Medienkonzerne.