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Aus Tralien #9

Melbourne 8.8.
Australischer Winter. Entspricht etwa Mitte Mai bei uns.

Unterricht an der Monach School. Mein Ideal, das ich im Text „der aufgelöste Musikbegriff“ (Oktober in Musik & Ästhetik) entwickelt habe, dass an einer Kunsthochschule gelehrt wird:

++++LEHRKONZEPT++++
-Unterricht in Zeitgestaltung (Rhythmus, Metrik, Tempo, Form)
-Unterricht in Raumgestaltung (Geometrie, Proportionen, Perspektive)
-Unterricht in Farbgestaltung (Farbenlehre)
-Unterricht in Tongestaltung (Akustik, Intervall- und Harmonielehre) -Unterricht in Sprach- und Bedeutungsgestaltung (Grammatik, Poesie)
-Unterricht in Konzeptualismus
Dann technische Unterweisungen in Geräte wie Kameras, Instrumente, Lichter, digitale Soft- und Hardware, 3D-Konstruktion, auch Schauspielführung, etc. sowie Angebote für Kunst- / Kulturgeschichten: »Musik«, »Tafelbild«, »Kinofilm«, »Tragödie« etc.
++++ +++++ +++++

ist hier schon ansatzweise verwirklicht. Wo man allerdings einen drastischen Unterschied zu den Studierenden an Musikhochschulen bemerkt, ist der 10x größere Fleiß von Musikern.

„Je unmusikalischer, desto besser“.
Es geht nicht um maximal hässliche Musik, sondern um das, was >noch nicht< Musik ist. Heiner Müller sagte mal: Die Analphabeten sind die Hoffnung der Literatur. Deleuze: "Der Schriftsteller ist durchdrungen vom Nicht-Schriftsteller werden."

Abends Känguruh gegessen, lecker, wie Wild. Känguruhfleisch gewinnt man nur von frei lebenden Tieren, die zur Populationsregulierung geschossen werden. Also alles o.k.!

9.8.
Gutes Konzert, aber auch sehr hohe Erwartungen, 160 Leute da (für 130 bestuhlt). Wundersam hatte mein Auftritt vor zwei Jahren hier eingeschlagen, dass sie jetzt alle kommen.
Das Publikum sollte man nicht „fed up“, auch nicht „fed“, sondern noch ein bisschen hungrig zurücklassen.

Die Australier sind eigentlich wie Europäer, aber so wie wir über die Nachbarländer Frankreich, Spanien, Tschechien sprechen, reden sie von Indonesien Thailand Vietnam.

Anders als bspw. in London wird hier konsequenter Linksverkehr praktiziert, auch die Fußgänger, auf der Rolltreppe steht man links und geht rechts, und in der Bar geht man ebenfalls immer links aneinander vorbei. Ich mach es natürlich eins ums andere mal falsch und laufe den Leuten voll rein.

Jetlag ist Konzeptkunst par excellence. Ein einfaches Konzept, Verschiebung des eigenen Biorhythmus gegen den der Gesellschaft, eine Art Steve Reich'sche Phasenverschiebung, aber es ändert sich dadurch einfach alles. Man frühstückt Abendessen, usw. herrlich, man nimmt alles anders wahr. Selbst wenn es zu kleinen Desastern führt wie gestern, als ich um 14.30h aufwache – genau zu der Zeit, an der ich zum Soundcheck am Aufführungsort hätte da sein sollen. Ich will versuchen, den Jetlag so lange wie möglich zu halten.

Nach dem Konzert in einer Dachbar, herrlicher Ausblick auf die Hochhäuser, man fühlt sich wie im Hochgebirge, ähnlich Chicago. Mir ist Deutschland peinlich, das keine Hochhäuser hat (außer in Frankfurt aM). Nebenan ein einsehbarer Darkroom; hinter der dunklen Glassscheibe zeichnet sich ein ästhetischer Fick ab.

Links:
Konzert im ACCA

Aus Tralien #8

Im Flug, 6.8.
Im Flugzeug gibt es jetzt ein eigenes Lichtlein für das Verbot elektronischer Zigaretten.
Außerdem: Integriert in das Display ein Kompass, der immer Mekka anzeigt. Stelle mir vor: Wenn das Flugzeug abstürzt, also wenn selbst hartgesottene Atheisten die Hände falten – wenn dann aber die Bordelektronik ausfällt und die Mekkarichtung nicht verfügbar ist. Auch ein Trudelflug würde das Richtungsbeten sehr schwierig machen. So bleibt ausgerechnet das wohl wichtigste Gebet des Lebens unerhört.
»Auf dem Sterbebett werden alle katholisch.« (Harald Schmidt). Ernst Jünger prahlte damit, dass er im Ersten Weltkrieg angesichts der Stahlgewitter nicht gen Himmel flehte – doch im Alter von 101 ließ er sich dann taufen. Aber nicht so: Voltaire! Verweigerte bis zuletzt die Sakramente.

Dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis es einen Flugzeugabsturz gibt, bei dem alle Insassen ums Leben kommen, aber von dem Handyvideos der letzten Minuten drinnen gefunden werden und die ins Netz gelangen.

Melbourne, 7.8.2016

Die erste Übernachtung in einem Privathaus. Eigentlich eine ruhige Gegend, aber just diese Nacht ist nebenan eine laute Party. Der Blick aus dem Fenster offenbart das Nachbarsgrundstück als Venusstätte, Silhouetten von Brüsten und aufgesteiften Schwänzen, die in Mündern verschwinden, Frauen reiten im Gras liegende Männer. Dort unten befindet sich ein ThinkTank des >savoir vivre<.

Morgens gleich auf den Uni-Campus, im Café ein Frühstück bestellt, das sich als Sandwich mit absurd vielen Fleischschichten entpuppt. Danach ins Uni-eigene Museum, irgendwie einfach zu früh für Museumsgang. Aber eine schöne Ausstellung: Ein kokosölbetriebener Filmprojektor zeigt eine Doku über eine revolutionäre Gruppe auf Neuguinea, die aufgrund eines Embargos Filmeprojektoren mit Kokosöl betrieben.
Dann Fahrt aufs Land, 1.5h hinaus in eine Kleinstadt von Melbourne-Aussteigern, wo ein kleines Konzert stattfindet. Mein Gastgeber Joel tritt auf; das Stück besteht im öffentlichen Abhören neuer Mailboxnachrichten, von denen er genügend hat, und dann entscheidet er ob Speichern oder Löschen. Das andere Stück ist ein Anruf beim Finanzamt, bei dem man sich mit einem Stimmsample identifizieren kann, was der Künstler durch eine live-Einspielung allerlei trötender Instrumente ersetzt. Fortan kann er sich in der australischen Finanzamthotline mit einer Tröte ausweisen. (Was natürlich nicht funktioniert, wie er mehrmals vergebens versucht.)

Joels weitere Performance-Ideen: Die Polizei rufen wegen einer Lärmbelästigung und dann warten bis sie kommt, mit ihrem Erscheinen ist das Stück zu Ende.
Und: Mein Flughafenkonzept („Einen unaussprechbaren Namen haben und dann am Flughafen provozieren, dass man ausgerufen wird.“) hat er umgesetzt, besitzt schon über ein Dutzend Ausrufe nach seinem Namen, der nur allerdings ziemlich leicht aussprechbar ist.

Beim Spaziergang sehe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen in freier Wildbahn lebenden Papageien, bzw. sieht mutmaßlich zum ersten mal in seinem Leben ein in freier Wildbahn lebender Papagei mich (ebenfalls frei).

Vortragsvideo “Why Political (New) Music?”

Answers to standard arguments against political (new) music.
Lecture at Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt, 2.8.2016

Aus Tralien #7

Darmstadt, 5.8.2016
Darmstädter Konstanten. »Tagsüber wurden die Reihen gezählt, nachts wurde gefickt. Und ich habe kräftig mitgemischt.« gab Konrad Boehmer in einer Radiosendung über das Darmstadt der 60er Jahre zu Protokoll. Mitgemischt hat er auch anderweitig: Wann immer er bei einem*r Komponist*in zu Hause eingeladen war, nutzte er einen unbeobachteten Moment, um in der gerade auf dem Schreibtisch liegenden Partitur irgendwo vor einen Notenkopf ein # hinzuzufügen. Er wollte seine Hundelachen in fertig gedruckten Werken nachweisen können.

Wo Grenzen sind, ist Dialektik. Daher ist nichts so dialektisch wie die Liebe.

Fricke hat Hörspiel abgesegnet. Kündigt an, dass es Beschwerden geben wird wegen des Hitlergruss-Satzes. Der Passus lautet: »Jede Flugreise ist ein kleiner elfter September. Jede Fahrt auf einer deutschen Autobahn ist ein Hitlergruß.«
Man fliegt immer wo rein, jede Landung ist ein Einschlag.

Fricke fragt an, wenn ich in Brisbane bin, dort Feldaufnahmen zu sammeln für seine Reihe „Soundcards“, klingende Postkarten von Städten der ganzen Welt. Ich sage, jede Stadt klingt gleich. Autos Autos Autos. Der Badesalzsketch mit dem Rhythmusgerät, er trifft auf Städte voll zu.

Demütiger Größenwahn

Das Prinzip der Zahl. Vergiss niemals, zu zählen.

»Was ich weiß, interessiert mich nicht.« (Frisch)
Man muss sich nicht für sein Wissen interessieren, aber für sich selber sollte man sich schon interessieren. Das rätselhafteste Objekt ist schließlich das Subjekt.

Rebhahn gibt an der Bar eine legendäre Bestellung ab: 1 alkoholfreies Bier und 1 Schnaps.

Vorabend der Reise. Nach Australien gehen ist heute auch nur nicht den nächsten, sondern den zweitnächsten Supermarkt zu nehmen.

Nachts hellwach. Schon vor dem Flug Jetlag.

Links:
Fantasies of Downfall Uraufführung
Keeping the music evil @Darmstadt
Reverse-eating Pizza for Dan Tramte
Badesalz: das Rhythmusgerät

Aus Tralien #6

Berlin 29.7.
Selten einen so grausigen Traum gehabt. In einem Kerker, vom Aussehen ähnlich wie Peter Weiß in der >Ästhetik des Widerstands< Plötzensee beschreibt, steht die Hinrichtung an, ich mit vier anderen, wir kauern in der Ecke. Am anderen Ende des Verließes steht die kleine Guillotine, im Raum befinden sich nur ein Henker und wir Delinquenten. Und der Schreck, dass ich gleich der erste sein soll, dann aber erwirke ich, dass die Reihenfolge vertauscht wird und als erster ist ein kleiner General dran, das ist Götz George, völlig abgemagert, der folgsam hingeht und seinen Kopf hineinsteckt, und überraschenderweise passiert mit dem Fall des Beils ein kleiner Blitzeffekt, fast albern. Dann ein Kind, das auch noch ein Baby im Arm trägt, erst steckt es das Baby hinein, es ist nicht mit anzusehen... Der letzte vor mir mutiert plötzlich zum Clown und vollführt beim Beugen in die Guillotine einen kuriosen Körperzerlegungseffekt, streckt lauter quasi abgeschlagene Glieder aus, so dass niemand weiß, ob das Körperteil jetzt schon abgeschlagen ist oder ob das seine Clownerei ist. Jetzt wäre dann bald ich dran. Beim Beobachten noch kurze Gedanken in dem wahnsinnigen Stress: Früher warst du lebensmüde, warum hast du jetzt Todesangst? Wenn es erst mal vorbei ist, ist dir alles egal, denn dein Bewusstsein ist erloschen. Aber komischerweise kommt auch noch eine vage Aussicht ins Spiel, dass später dank Technologie auch mein Bewusstsein wieder hergestellt werden kann, aber ich glaube es nicht, also will ich jetzt nicht sterben, noch zu jung. Während der kubistische Clown noch, riesenhaft mutiert, in der Guillotine steckt, wache ich eilig auf.
Bin mit dem Leben davon gekommen, aber der Vormittag ist versaut.

Vorbereitung des Vortrags über Gravitation. Jetzt erst fällt mir auf: Eine der unerbittlichsten Grenzen im Raum ist die Erdoberfläche. Sonden schicken wir bis an den Rand des Sonnensystems (Rekordentfernung von der Erde: Voyager 1, derzeit 20,3 Milliarden Kilometer), aber bohren können wir gerade mal 12,2 Kilometer tief (Kola-Bohrung, Russland). Die Sicherheit, die uns die Anziehungskraft gibt, fesselt uns an ein unergründliches Zentrum. Jede Muskeltätigkeit geht gegen diesen Kern, >Negation< gegen diesen einen minimalsten Punkt, der jedes Atom auf diesem Planeten zu sich zieht, aufgehalten von der Erdkruste. Dieser eine Bezugspunkt, in dessen Richtung alles angezogen wird, hat selber aber gar keine Anziehungskraft, sondern die Masse um ihn herum. Die Masse zieht alles an eine Stelle, welche notwendig unerreichbar bleibt. Der Punkt, in dessen Richtung alles flieht, wird nicht erreicht, aufgehalten just von jener Kraft, die uns dorthin zieht; ähnlich die exzentrischen Laufbahnen der Planeten (nebenbei: in Ellipsen, nicht Kreisen; >Schönheitslinien<, Ellipse als >differenter Kreis<) um eine unnahbare Sonnenergie. Die Erdmasse selbst schart sich um das Zentrum, von sich selbst daran gehindert, ihn zu berühren. Erdmasse ist Kraft und Gegenkraft zugleich. Und nicht nur sie zieht den Stein an, sondern auch der Stein die Erde. Die Schwerkraft ist Philosophie par excellence. Hegel hat ihr ja auch entsprechend in seiner Naturphilosophie prominenten Platz eingeräumt.
Siehe auch: Die Schwerkraft ist hypothetisch, weil wir ihr Gegenteil nicht kennen. (Oswald Wiener)

Links:
Kola-Bohrung
Rekorde der Erdentfernung

Aus Tralien #5

Berlin, 27.7.
Gestern Aufnahmen im Hauptstadtstudio mit Arno fürs Hörspiel. Der Beginn soll gleich mal mit Grabesstimme sein. Immer alles irgendwie speziell machen, Originalität reinbuttern wo’s nur geht. So ist das eben.
Heute morgen noch zwei mal das Hörspiel durchgehört, dieses Durchgehöre noch und nöcher ist brutal, #Hörarbeit.
Den Rest des Tages Fotoshooting mit Leo. Empfehle ihr, sich auszuziehen, das würde dem Fotomodell (=mir) sehr helfen.. und prompt leuchten die Augen des Posierenden. Bei den Stuten nennt man das „blitzen“; passt zum Fotografieren. Zwischendurch wird dann auch ein Venusopfer entrichtet, während es draußen gewittert.
Später suchen wir draußen nach einer besonderen Location, tun uns aber schwer. Dabei, wie wir später erfahren, gab es in anderen Stadtteilen infolge des Gewitters just sagenhafte Überschwemmungen.

Berlin, 28.7.
So wie früher die Mutter dem Zögling, der ein unflätes Wort in den Mund genommen hatte, eben diesen Mund zur Strafe mit Seife ausgewaschen hat, so die Ohren mit Seife auswaschen, wenn sie etwas zu hören bekommen haben, das sie nicht sollen.

In den Text Der erweiterte Musikbegriff, der vor nunmehr fast zwei Jahren zum ersten Mal erschienen ist und an dem ich immer noch rumfeile, den Witz integriert, wo es um zusätzliche Nutzung anderer Medien als Klang geht, dass es manchmal eben nicht nur genüge, dem Publikum etwas in die Ohren zu geben, sondern ihm auch mal etwas hinter die Ohren geschrieben werden müsse.
Heute die Passage wieder entfernt, „sich hinter die Ohren schreiben“ ist ja auch so ein Straf-Ding, Pädagogik und ich hör die Antipoden wieder husten, das sei ja „didaktisch“. Was ist eigentlich an Lernen schlimm? Ich habe von anderen Komponisten extrem viel gelernt. Wer sich über Didaktik in der Kunst beschwert, scheint wohl schon alles zu wissen. Es ist bezeichnend: Ein Musikwissenschaftler schreibt in einem Lexikonartikel abwertend, Fremdarbeit sei „didaktisch“. Fun fact: Er hat das Stück noch gar nie live erlebt.

Bach, Präludien und Fugen. Die Präludien viel interessanter, viel moderner als das olle Fugengedrechsel. Mit der paradoxen Ausnahme: Ausgerechnet von der >Kunst der Fuge< kann ich nicht genug kriegen. Da hat er sich halt mal angestrengt... nein, da hat er die Gattung/Form völlig entgrenzt, aberwitzigste Konstruktionen, und just daraus kommt die schönste Fugenmusik, die er je schaffen konnte.

Lucier, Sitting in a room. Eigentlich ja genau die Gefahr bei Hegel, der Eintritt in einen Unendlichkeits-Kreis, der fatale Fallstrick, der Computerabsturz im ewigen Loop. Wir alle müssen uns bemühen, dass I am sitting in a room nicht passiert. I am sitting in a prison wäre der richtigere Titel. Kein Wunder, dass Hegelianer Spahlinger „I am shitting in a room“ sagt, obwohl er das nur als Kalauer meint.
Der Abgrund der Unendlichkeit tut sich bei jedem Begriff, bei jedem Konzept auf, die Möglichkeit der infiniten Variabilität. Wir sagen „Blatt“ und es gibt dessen unzählbare Beispiele. Jeder Abstraktion liegt eine monströse Liste zugrunde. Noch schlimmer aber die Beispiele, die sich nicht zusammenfassen lassen, das Chaos des unbekannten Konzepts. Thema des Hörspiels.

Zehren von vergang’nem Glück. Müssen wir uns nicht das >totale Archiv< als einen riesigen Glücksspeicher vorstellen? In diesem Sinne Tagebuch führen.

Links:
Shooting #1
Shooting #2
Shooting #3
Shooting #4

Aus Tralien #4

Radziejowice 23.7.2016
Besuch vom Kultusministerium, das den Kurs finanziell fördert, wird angekündigt. Man solle sich also >benehmen<, wird mit Ironie verlautbart. Im Einzelunterricht schneit der Subalterne rein, debiler Typ, der mal Komponist war, wie er sagt, und übernimmt den Unterricht und kritisiert das vorliegende Stück der Studentin. Als er uns einmal den Rücken kehrt, werfen die Organisatorin und ich uns Grimassen zu. Ich hab ihm alles in höchsten Tönen gepriesen, und damit es nicht völlig affirmativ aussieht, noch einen Hauch von Kritik einfließen lassen: In den Räumen des Schlosses müffele es etwas.

Abends mit den Studierenden über Pornografie- und Gewaltvideos im Netz. Alle Beteiligten, in dem Fall nur männliche Diskutanden, schauen sich die IS-Hinrichtungsvideos an. Voyeurismus, klar, ich wollte auch mal sehen, wie das wirklich aussieht, wie das Blut aus dem Gesicht verschwindet, das Verdrehen der Pupillen, das Zusammensacken. Und zumindest bei Soldaten kann man sich ja auch denken, dass die Getöteten selber ihr Mordhandwerk ausübten. Aber es hat auch etwas Aufklärerisches: Es heißt, im syrischen Bürgerkrieg seien bislang 400.000 Menschen ums Leben gekommen. Die Zahl macht einen verzweifelt und ohnmächtig, aber es ist eine Zahl. Der IS gibt der Zahl Gesichter, aschgrau werdende. Genauso mit den Bildern angeschwemmter Leichen im Mittelmeer. Desastres de la Guerra. Schwierige Aussage, aber für mich würde ich sie treffen: Die Würde der Gestorbenen, ja, aber die Welt soll etwas davon sehen, wie das Mittelmeer täglich zum Massengrab wird. Sollte ich so einen beschissenen Tod sterben, dann möge es wenigstens ein Foto davon geben mit aufschreckender Wirkung.

Vielleicht wäre das einzige, was Kunst machen sollte, Bilder von Toten zu zeigen.

Nachts noch Messages. Wenn du nichts mehr zu verlieren hast, kannst du auch nichts mehr gewinnen. Zum Wuchern brauchst du ein Pfund.
Das Potenzial des Verpassens ist monströs, in der Größe und in der Auswirkung. Leben heißt verpassen.

Radziejowice 24.7.2016
Es beglückt mich überraschend stark, wie sich Dinge wandeln: Das politische Bewusstsein der Jugend ist heute ein so ungleich stärkeres als in meiner Jugend.

Die zweite Hälfte des Kurses starker Tinnitus rechts, immer wieder fast Halluzinationen.

Instrumentalisms. Die Nähe von Konzeptualismus zu Surrealismus, beides Praktiken mit Semantik, Adorno sprach von "literarischen Bildern". Insofern >literarische Musik<, aber geben ganz anders als expressive Narratismen. In den Instrumentalisms war klar, dass es nichts zu erzählen gibt, stattdessen brachial: Masse. Es sollte noch viel mehr Versionen davon geben, je mehr, desto besser ist das >Stück<.

Anflug auf Berlin. Immer wieder erstaunlich, wie viele Häuser im Hintergarten einen Swimming Pool haben. Und dass die immer hellblau sind. Später fällt mir ein, das können ja auch nur so aufblasbare für 80€ sein.

Aus Tralien #3

Das Niveau der Studierenden im Kurs ist erfreulich hoch, gut informiert, technisch versiert, schöne Ideen.
Ein paar Beispiele (sorry für die Auswahl, andere sollen noch folgen!)-

Jakub Jankowski lässt ein Zizek-Lied singen in bester holländischer Manier:

 

Mateusz Smigasiewicz, aus seiner Trilogie “This is not D Major”: Too many Partials.
Wie der Name schon sagt, ein D-Dur-Akkord mit viel zu vielen viel zu lauten Obertönen. Warum bin ich da nicht schon draufgekommen?

 

Dylan Richards hangelt sich durch die Empfehlungsalgorithmen von YouTube; müsst ihr in einem Proxy anschauen:
https://www.youtube.com/watch?v=8H-AfK76u-Q

 

Erste australische Fühlung – eine Studentin aus Sydney erzählt, dass es seit 6 Monaten im Norden Gewalt mit Indigenen gibt.

Es gab die Anfrage, für Nico Coucks Konzert in Darmstadt Intermezzi zu gestalten, unter Federführung von Sergej Maingardt; Motto: Sex, Drugs & Rock’n'Roll. Ich habe natürlich für Sex zugesagt. Jetzt die Absage mangels Zusagen. Vielleicht besser so, meine Idee wäre Hardcore gewesen, ein expliziter Selbstfick mit Doppelbelichtung.

Im Solokonzert nun auch den dritten Teil der “Instrumentalisms”-Reihe gespielt, somit alle drei in Osteuropa uraufgeführt.
Auch der Hitler-Film ist in Polen kein Problem, ist ja auch Popkultur.

Instrumentalisms C

Johannes Kreidler
Instrumentalisms C
for Keyboard & Video (2016)
Synthetis Summer Course Radziejowice (Poland), 22.7.2016

Früher auf Kulturtechno:
Instrumentalisms A
Instrumentalisms B

Aus Tralien #2

Radziejowice 21.7.2016
Vortrag „Why political (New) Music“, Vorübung für Darmstadt. Reger Zuspruch; es ist nicht zu übersehen, dass die neue Generation viel politisierter aufwächst als einige Jahrgänge davor.

Martin Bresnick stellt danach einen Schlager von 1917 vor, der die Amerikaner für den Weltkrieg mobilisieren sollte. „Get your gun, get your gun“. Ohrwurm für den Rest des Tages, alles andere als angenehm. Angeblich soll Kaugummikauen gegen Ohrwürmer helfen.

Beim Mitagessen Gespräch über deutschen Geschichtsunterricht. Mein Lehrer, Herr Mayer aus Tübingen, war noch >Pimpf< im dritten Reich, und brachte uns eine Art Wurfball mit, den sie ihnen zum Spielen gaben – lag in der Hand wie eine Handgranate, die Form war eindeutig. Ein deutscher Musiker am Tisch erzählt, sein Geschichtslehrer spekulierte an der Tafel über die Versäumnisse der Wehrmacht, Hitlers >Zangengriff< im Osten, der falsch ausgeführt wurde. All das natürlich nur aus >militärstrategischer Sicht< bedauerlich.
Klausur: Skizzieren Sie die taktischen Fehler der Wehrmacht beim Russlandfeldzug.

Ein Studentin erählt von einem neuen Brauch in Polen, >fucked up nights<: Man trifft sich in der Kneipe und jeder erzählt in einer lustigen Weise von den schlimmsten Desastern in seinem Leben.

Im Unterricht immer wieder die Frage, ob die Dramaturgie einer Partitur geschickt gemacht ist oder nicht. Die Frage, ob etwas zu langweilig ist, ist selber langweilig. Wenn Form nur die gefällige Entfaltung einer Idee ist, Form also ein rein handwerklich-funktionaler Vorgang ist, dann fehlt eine substanzielle Idee von Zeit.
Ein elementares Modell für Formfragen ist Sex, das Erleben mit seinen Entwicklungen und Höhepunkten, auch anatomisch eine Formfrage.

Eine Studentin weist auf das ASMR-artige Phänomen des >virtual Barber< hin, die Geräusche des Haareschneidens hört man sich per Kopfhörer an.

Links:
Over there (1917)
Wie man einen Ohrwurm loswird
Virtual Barber
Man Ray über Kunst + Sex