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Aus Tralien #1

Im Flugzeug 18.7.2016
In der Schleife: >That’s the way I like it<. Das Thema schon mal sehr aufklärerisch, deutlich sagen, wie man’s mag. Es ist völlig klar, dass es um Sex, und zwar um den Willen zu >gutem Sex< geht. Aber: Der Song hat nur Mollakkorde, und alles Gesungene nimmt sich so dermaßen aufpeitschend aus, geradezu gebrüllt, dass darin die ganze Dialektik von Willensäußerung mitklingt – der Schrecken der Vergewaltigung.

Textkorrekturen. Das Lektorat macht aus „Strukturkomposition für Orchester“-> „strukturelle Orchesterkomposition“. Nee, also so eine Änderung geht gar nicht.

Radziejowice 19.7.2016
Der Kurs findet auf einem noblen Anwesen statt, ein veritabler Schloss-Palast, Eigentum des Staates und für künstlerische Projekte vorgesehen. Auf dem Rasen ein Mähroboter. Wir sagen ja nur zu den Maschinen Roboter, die sich irgendwie wie Lebewesen bewegen, dabei wäre auch ein Ventilator ein Roboter, der den Fächerarm übernimmt. Dem Mähroboter unterstellt man ein Seelenleben, wie er da so vor sich hinmäht, ein motorisiertes Schaf.

Radziejowice 20.7.2016
Martin Bresnick, betagter amerikanischer Komponist, trägt anekdotenreich vor. Ist es nicht das, was betagte Menschen tun sollen, Anekdoten erzählen? Mit seiner amerikanischen Art, die immer die persönliche Geschichte einflicht, macht er das sehr schön.
Erzählt von einem seiner Lehrer, Franchetti, unbekannt, Sohn des ebenfalls unbekannten, von Helmut Krausser grimmig protegierten Franchetti-Vater. Franchetti-Sohn verlangte tatsächlich noch in den 1960ern, dass alle seine Studierenden exakt so zu komponieren lernen müssten wie er komponierte, alles andere wären >Fehler<. In dieser absurden Radikalität irgendwie fast wieder sympathisch, von außen gesehen.
Heute geht das natürlich alles überhaupt nicht mehr, immer gilt es, die individuelle Sprache des Eleven zu finden/entwickeln. Aber dass so ein Konsens besteht, dass es keine >Schule< mehr geben dürfe, ist mir unverständlich. Ist doch nichts schlimmes, und de facto hat eine Lehrerin nun mal einen speziellen Horizont und ist Spezialistin für bestimmte Dinge, warum das nicht >Schule< nennen? Alle gebrauchen den Ausdruck >Zweite Wiener Schule<, aber lehnen andererseits die Bildung von Schulen ab. Als ob Lernen was schlechtes wäre.
Bresnick war 1967 in Stanford und studierte bei Chowning Elektronische Musik. Tagsüber kniffelten sie an riesigen Maschinen genannt >Computer< Schallwellen aus, die nach Stunden des Prozessierens dann für eine Sekunde angehört werden konnten; nachts nahm er als Gitarrist, und, herrlich, auch als Oboist, am >Summer of Love< in San Francisco teil. Erzählt, dass schon damals eine Art Digitaltechnik für die Bombenabwürfe in Vietnam Verwendung fand.

Jede Aufführung ist eine Uraufführung.

I’d like to change all Tempi into M.M.=0

Links:
That’s the way I like it
Radziejowice

Video meines neuen Stücks “Fantasies of Downfall”

Johannes Kreidler
Fantasies of Downfall
for Vibraphone, Audio and Video Playback
Håkon Stene, Percussion
Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, 1.8.2016

++++
Damit verabschiedet sich Kulturtechno in die Sommerpause. Anfang September geht’s wieder los, dann mit einem neuen Reisetagebuch.

Kreidler @ZDF Das kleine Fernsehspiel

Habe die Ehre, Teil der Dokumentation “Der letzte Remix” von Olaf Held, gesendet letzte Nacht in der Reihe “Das kleine Fernsehspiel” des ZDF zu sein.

http://www.hoerzu.de/tv-programm/der-letzte-remix/bid_105099281/

Die Sendung steht 7 Tage lang online:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2793222/Der-letzte-Remix?setTime=3.818#/beitrag/video/2793222/Der-letzte-Remix

Fragebogen zur Musik des 21. Jahrhunderts, ausgefüllt von einem 14jährigen

One sample from a 14-year-old student who took my 21st century music course.

(Owen Davis)

“Steady Shot” for piano, audio and video playback

premier
Heloisa Amaral, piano

KLANG Festival Copenhagen 17.6.2016

Mein Text “Gegen Applaus” online

Mein Text “Gegen Applaus”, erschienen vor einem Jahr in der Neuen Zeitschrift für Musik, steht jetzt online. (hier als pdf)

 

Gegen Applaus

Als der Schönbergkreis 1918 den Verein für musikalische Privataufführungen gründete, verfügte man in den Statuten, dass dem Publikum Mißfallenskundgebungen während oder nach den Darbietungen untersagt seien; doch nicht nur das, auch jedweder Beifall wurde dem Auditorium verboten. Die Maßnahme mag eine verbitterte Reaktion auf die Skandalkonzerte der frühen Atonalität gewesen sein, hatte aber Gültiges darüber hinaus. Applaus ist eine Unsitte, aus zwei Gründen:

1. Fort mit dem kollektiven Soforturteil – alles über dem Anstandspegel ist Soforturteil –; ein Stück, an dem monate-, womöglich jahrelang gearbeitet wurde, kann nicht Sekunden nach dem letzten Ton schon taxiert werden. Dieses notorische letzte Wort ist unangemessen und anmaßend. Da es aber erfolgt, korrumpiert die Aussicht auf / Angst vor Applaus die KomponistInnen und InterpretInnen, verführt zu Gefallsucht, begünstigt sichere Effekte, nährt eine Kunstproduktion, die die einverständliche Meinung lieber bestätigt. Jedoch nach Mozarts Requiem, nach Weberns Aphorismen ebenso wie nach einer Vorführung von Pasolinis Saló oder einer Inszenierung von Müllers Hamletmaschine, in Anbetracht von Duchamps Urinal sind andere Reaktionen geboten als konform im Massenorgan Applaus einzustimmen. Das Individuum möge seine eigenen Schlüsse ziehen. Und hat man Hegel nach Erscheinen der Phänomenologie des Geistes etwa auf die Schulter geklopft? Ein Kunstwerk braucht überhaupt keine eilige Akklamation oder instantanes Daumen-runter-Fazit, und die MusikerInnen und KomponistInnen sollen schlichtweg anständig bezahlt werden, dann braucht das Publikum ihnen keinen Applaus zu spenden. Und neben der Bezahlung ist Aufmerksamkeit die angebrachte Form der Wertschätzung.

2. Keine Einrahmung. Statt dass das Kunstwerk sich in den Köpfen, im Handeln fortsetzt, statt dass seine Vibrationen weitergetragen werden, wird ihm der Riegel des Applauses vorgeschoben, wird real und symbolisch Distanz geschaffen durch eine anspruchslose Schüttelbewegung, mit der man das Stück abschüttelt, es »schlussendlich« von sich fern hält, das Werk mit Beifall zu Fall bringt, es hinterm Lärmwall begräbt. Was nützt es, Spannung aufzubauen, wenn diese gleich wieder entladen wird? Wie unerträglich muss es für manche anmuten, wenn nach dem Doppelstrich der Partitur die Stille langsam überginge in die Kontinuität des Konzertprogramms oder in das Aufbrechen der Menschen. Wenn die Feinheit und Energie, die Offenheit und Verantwortung des Kunstwerks nicht sogleich in Weißem Rauschen eingeschmolzen, nicht akustisch neutralisiert und hässlich simpel übertüncht würde, sondern der Stab weiterginge an die HörerInnen, auf dass sie gut damit umgehen. Und erst Recht, wenn das Publikum, wie es die Phrase gern reklamiert, »irritiert« wurde durch Kunst. Ist das Publikum wirklich irritiert, gar »verstört«, dann kann es nicht noch klatschen! – dann soll es das nicht müssen. Wiederum spricht wenig dagegen, wenn bei der Aufführung getrunken wird oder man währenddessen ein- und ausgeht, ebenso das Betreiben von Smartphonekommunikation, solange es andere nicht beeinträchtigt; das sind gleichermaßen Momente der Aufhebung des starren Rahmens, und der Körper darf auch etwas mehr Bewegungsraum bekommen. Wenn dann sollte das Stück einen an den Stuhl fesseln, nicht die Konvention. Ja und wenn das Publikum von dem Erlebten begeistert ist? – dann soll es sich nachher lieben.

Berlin, Komische Oper, Zimmermann, Die Soldaten – am Ende Holocaust, Atombombe, Apokalypse. Und zehn Sekunden später? Eine »BRRAVOOOOOOOO!!!!!!«-Brandung. Lachenmann, Mädchen mit den Schwefelhölzern, Buenos Aires, Standing Ovations, »Helmut Helmut«-Rufe. Ob das dem erfrierenden Mädchen hilft? Es ist absurd; so viele Kunst will tiefsinnig, existenziell, weltdeutend oder aufklärerisch sein, aber ihre Akteure gefallen sich im Gegensatz dazu in einem billigen Ehrerbietungsritual. Alle Beteiligten sollten der Kunst, dem Werk verpflichtet sein – das Publikum jedenfalls obliegen die Ohren, keine händischen Honorationen.

Niemand, der/die zu Hause Musik hört, sieht es für angebracht, hernach dem Lautsprecher Beifall zu klatschen. Auch im Kino geht es meistens ohne. Das Prozedere ist ja eigentlich auch sehr langweilig, eine Zeitverschwendung. Am Wiener Burgtheater fand bis 1983 das sogenannte Vorhangverbot von 1778 Anwendung: Verbeugungshandlungen sind zu unterlassen, »weil dadurch der Eindruck der darzustellenden Handlung gestört würde«. Bei Konzerten in Kirchen, zumal mit Werken wie der Matthäuspassion, wird im Programmheft meist vermerkt, dass man aufgrund des Gegenstandes bitte auf das Beklatschen verzichten möge. Auch ohne Theologie sollte das grundsätzlich walten; so viel Würde hat jede Kunstmusik. Schafft das Klatschen ab!

Mein Text “Das Shutter-Prinzip” erschienen

Mein Text “Das Shutter-Prinzip”, in dem ich eine Kompositionstechnik beschreibe, die bei mir manchmal Anwendung findet, ist in dem Tagungsband der Darmstädter Frühjahrstagung 2015 publiziert.

Snip:

In meinen Collage-Arbeiten zwischen 2006 und 2012 („Musik mit Musik“) kommt vereinzelt das Verfahren vor, dass die Aufnahme einer bestehenden Musik, gerne Popmusik, im Hintergrund ständig läuft, dabei aber im periodischen Rhythmus von ungefähr einer halben Sekunde abwechselnd an/aus/an/aus… geschaltet wird. Man hört also nur 50 Prozent des Soundfiles‘; die Lücken werden von den Live-Instrumenten besetzt, oder versetzt erscheint in ihnen eine andere Musikdatei im selben Rhythmus, an-aus-an-aus. Deutlich nachvollziehen lässt sich das beispielsweise am Ende des ersten und des letzten Teils von in hyper intervals oder in Der Weg der Verzweiflung (Hegel) ist der chromatische ab 7‘45“ .
Dieses durchgehende An-aus-an-aus könnte man in Analogie sehen zu Erfahrungen des Lidschlags und der Penetration, erinnert an derartige Verfahren als Meßinstrument mit dem Stroboskop in der Wissenschaft oder als Effekt in der Disko, die Binarität verweist auf die Digitalisierung, das akustische Gitter steht schlechthin für die Ausschnitthaftigkeit der menschlichen „Wahrnehmungsmittel“ (Peter Rühmkorf).
Für das Shutter Piece, uraufgeführt bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik 2013, habe ich dieses Prinzip isoliert, minimalisiert und medial verstärkt: Nun ist an/aus monothematisch für das ganze Stück, statt einer Popmusik findet es mit Rauschen mit Sprachanteilen statt, und dazu wird der charakteristische Rhythmus auch als Video artikuliert. Ausgangspunkt war die musikalische Idee, dass die harten an/aus-Schnitte der Elektronik ermöglichen, säuberlich getrennt, innerhalb einer Sekunde sowohl eine laute wie auch eine leise Ebene zu haben, ohne dass das eine das andere gänzlich zudeckt. Hier ergibt sich etwas, das mich interessiert: Lässt man sehr lautes weißes Rauschen an/aus gehen, und live-Instrumente spielen dazu sehr leise ausgehaltene Töne, dann hört man diese leisen Töne nur in den Lücken zwischen den Rauschblöcken, welche ansonsten die feinen Linien maskieren.

http://www.amazon.de/%C3%9Cberblendungen-Ver%C3%B6ffentlichungen-Instituts-Musikerziehung-Darmstadt/dp/toc/3795710693

http://www.neue-musik.org/

Radiosendung über Chiptunes

Julia Mihály hat für den SWR2 ein informatives Feature über die Computerspielmusikästhetik der 70er/80er und ihre Übernahme in der aktuellen Neuen Musik gemacht; darin wird auch eine Szene aus meinem Musiktheater Feeds. Hören TV besprochen.
Bis Ende der Woche noch in der Mediathek.

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/jetztmusik/swr2-jetztmusik-chiptunes/-/id=659442/did=17247946/nid=659442/t9pogb/index.html

Das Musikgenre “Chiptunes”, dessen Ursprung in den Anfängen der Videospiel-Ära liegt, hat sich in den letzten 30 Jahren emanzipiert: von der reinen Gebrauchsmusik hin zu einer eigenständigen Musikrichtung mit in einer internationalen, äußerst experimentierfreudigen Underground-Szene. Neben der typischen 8-Bit-Klangästhetik, die ab den späten 1970er-Jahren durch technische Limitierungen damaliger Soundchips geprägt wurde, erweiterte sich das Klangspektrum im Laufe der Zeit außerdem um jene Klänge, die während der Arbeitsvorgänge von Computern erzeugt werden. In der Chiptune-Musik verwurzelte Komponisten schreiben Stücke für “historische” Instrumente wie Atari- und Amiga-Computer oder Spiele-Devices wie den GameBoy.

Radiosendung über Einflüsse der Popmusik auf die Neue Musik

Für SWR2 hat Gerardo Scheige eine Sendung über Einflüsse des Pop auf die Neue Musik gemacht, darunter auch Statements & Musik von mir.
Bis Ende der Woche ist die Sendung noch in der Mediathek anhörbar.

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/jetztmusik/swr2-jetztmusik-risse-im-elfenbeinturm-pop-trifft-auf-neue-musik/-/id=659442/did=17211800/nid=659442/10fv3lb/index.html

Popkultur ist allgegenwärtig. In den unterschiedlichsten Ausprägungen durchdringt sie heutzutage jeden Lebensbereich: Alltag, Freizeit, Wissenschaft und Kunst – sogar Neue Musik, die sich Pop-Einflüssen in der Vergangenheit immer störrisch zu widersetzen wusste. Seit einigen Jahren aber bilden Bezüge zu Popkultur und -musik in diesem Zusammenhang nicht mehr nur kuriose Einzelfälle, sondern gehören verstärkt zum Inventar kompositorischer Praxis. Dabei spielen konkrete musikalische Zitate eine untergeordnete Rolle; der Fokus liegt vielmehr auf der Verwendung struktureller Mechanismen des Pop. Eine junge Komponistengeneration – darunter Johannes Kreidler, Alexander Schubert und Ole Hübner – arbeitet damit auf methodische und zugleich originelle Weise. Und so verschieden Ansätze und Klangresultate partiell sein mögen, popkulturelle Spuren lassen sich in ihren Werken zuhauf finden. Gerardo Scheige hat sich auf die Suche begeben.

Kreidler – Instrumentalisms B

Johannes Kreidler
Instrumentalisms B
for string instrument & video (2016)
Afekt Festival Tallinn, 8.5..2016
Johannes Kreidler, E-Ukulele