Herrmann Kretzschmar, Pianist vom Ensemble Modern, hat mich auf Phil Niblock hingewiesen, der ein Ensemble gerne mal eine Stunde lang nur einen Ton spielen lässt. Das ist eigentlich nicht nach meinem Geschmack, aber dass er die Eintönigkeit mit Filmaufnahmen eintöngier Arbeit verbindet macht das einfach prima.
Auf Carta gibt’s einen schönen Text: 10 gute Gründe, am 23.Mai eine Frau zu wählen. Dem schließe ich mich an. Den Bundeshorst mit seinem debilen dritte-Zähne-Grinsen konnte ich, leider im Gegensatz zum Volksgroßteil, nie leiden.
Repräsentanten haben eine ästhetische Funktion – sie sind personifizierte, also wahrnehmbar gemachte Macht. Ich plädiere insofern für eine ästhetische Betrachtung der Politik, als das ja nicht heißen muss, hier nur einer Oper zu frönen, sondern die Ästhetik auf reale Machtverhältnisse und politische Fragen zu beziehen. Rainald Goetz gelingt das immer wieder großartig in „Klage“.
Das Amt des Bundespräsidenten ist in diesem Land praktisch per Definitionem ästhetisch, wobei unser Bundeshorst allerdings überflüssigerweise immer wieder meint, auch mal aktiv Politik machen zu müssen, wahrscheinlich weil er selber weiß dass er ästhetisch unter aller Kanone ist. (N.B.: Seine Haltung zum Regiertheater.) Die Ästhetik von Horst Köhler gehört weg und Gesine Schwan an seiner statt wäre prima. Sehr schade, dass daraus nichts wird.
Akufen, von dem ich zuletzt gebloggt habe, hab ich mal genauer durchgehört und folgende Tracks finde ich auch noch interessant bezüglich der „Mircosampling“-Idee. Und danach noch die Mutter von all dem, John Cage, mit meinem Lieblingsstück von ihm, „William’s Mix“ aus den Fünfzigern, zu dem jemand auch ein nettes Video gemacht hat (Man achte da noch auf den Schlussapplaus; da weiß man, warum Cage auf die Idee kam, das Publikum einfach ganz die Musik machen zu lassen in 4’33“).
Soweit ich das erfahre und schlicht fühle sind mittlerweile haufenweise Kultur- und andere Theoretiker damit beschäftigt, Begriffe wie Remix, Mashup, Sampling, Cut-Up, Appropriation Art etc. hochdifferenziert zu definieren. Tenor ist dann meist: Eigentlich sei all das so alt wie die Menschheit, kopiert wurde immer, etc.ppp. Dem stimme ich bei. Trotzdem nervt es, wenn immer wieder dahergeredet wird, dass schon mein Opa gesampelt hätte, das geradezu altmodisch sei, etc.pppp. Denn der quantitative Fortschritt der Medientechnologie in Sachen Rechnerleistung und Speicherkapazität bringt auch einen qualitativen Sprung (oder man bedenke, wie die API-Technik, das Einbetten von externen Inhalten, das Gesicht des Web in den letzten drei Jahren stark verändert hat). Der DJ hatte 2 Turntables und 100 Platten, jetzt hat die Festplatte praktisch die gesamte Musikgeschichte parat. Die große Menge ist keine Frage der Auswahl, sondern der Filterung. „Reduktion von Komplexität“ propagiert Luhmann, wobei ich für die Kunst auch die umgekehrte Strategie probieren möchte: Komplexität zulassen. In meiner Blogpost-Reihe Ästhetik der großen Zahl habe ich Beispiele gebracht.
Zur Festplatte: Wenn die Musikgeschichte derart präsent ist (physisch in Form der Festplatte), dann hat das einerseits den Aspekt der Erdrückung (inhaltlich, so viel und die „großen Meister“), andererseits der krassen Vereinfachung (formal – alles kleine Dateien). In diesem Gegensatz befindet sich Remix etc.ppppp. heute. Die Darstellung davon wäre, dass es viel verschiedenes gibt, aber verkleinert.
Martin Schüttler hat mich auf Akufen hingewiesen (Danke, Martin!), der mir blöderweise entgangen ist. Er hat das treffende Stichwort geprägt: Mircosampling. Die Musik finde ich teilweise großartig, anderenteils ist sie mir allerdings doch wieder zu sehr Standard-Clubsound (aber – musikalisch – immer noch 1000x besser als der gehypte Kutiman). Jedenfalls ist sie sehr gutes Beispiel für das, was ich „Hyperintervalle“ nenne. Akufen macht keine Melodien aus einzelnen Tönen, sprich aus Intervallen, sondern aus Samples – dann sind es Hyperintervalle.
In meiner eigenen Musik habe ich die Technik entwickelt, normale Töne durch kurze Samples zu ersetzen. Das kann man dann praktisch auf jeden Stil, der mit „normalen Tönen“ arbeitet, anwenden; ich ziehe fast alle Techniken der Neuen Musik der letzten 50 Jahre dafür heran und das habe ich nun auch fast erschöpft. Als nächstes wäre Popularmusik dran, aber natürlich doch avantgardisiert. Wie auch immer, abwarten.
Um klar zu machen, was ich von der Urheber-Vorstellung halte, Folgendes: Ich hatte noch nie die Sorge, dass mir jemand eine Idee klaut. Realisiere ich sie nicht, macht’s jemand anderes, und dann ist auch gut. „Im Innern ist’s getan.“ Siehe Goethe.
Zum Beispiel habe ich die Idee meiner GEMA-Aktion schon mindestens ein halbes Jahr davor herumposaunt (Beleg), aber hat sie mir etwa jemand weggeschnappt? Aus zwei Gründen nicht:
1. Die Idee kam alles andere als vom heiteren Himmel, sie ist Produkt eines jahrelangen Denk- und Arbeitsprozesses im Zusammenhang mit Sampling und Remix; den Vorsprung kann jemand anderes einfach nicht direkt aufholen, es wird nichts. (Darum ist auch ein ReadyMade von Duchamp überhaupt nicht leicht nachzuahmen.)
2. Man muss es ja auch durchziehen, Fähigkeit zur Realisierung haben und schlichtweg den Mumm. Daran hapert’s grassierend, denn nach der GEMA-Aktion, genau so wie nach „Call Wolfgang“ oder den vertonten Aktienkursen habe ich haufenweise Mails bekommen von Leuten die sagten, die Idee hätten sie auch schon so in etwa gehabt, aber konnten sie nicht umsetzen.
Um Ideen sorge ich mich letztlich deshalb nicht, weil ich einigermaßen konstant immer neue habe. Es gibt ja auch reine Konzeptkünstler, die verbringen praktisch den ganzen Tag nur damit, Ideen zu entwickeln; auch das kann man professionalisieren, genau wie Werbeagenturen und Gagschreiber. Originale kann man kopieren, Originalität nicht.
Wo immer das (in der Tat von mir nicht gemochte) Label „Junge Komponisten“ draufsteht, sehen Kritiker die Gelegenheit zur Belehrung. Angeblich ist dieser Ton für speziell diesen Kritiker besonders typisch, jedenfalls hatte die SZ ja schon bei meiner GEMA-Aktion nur rumrüffeln können.
Zu seiner Meinung, mein Stil sei nichts Neues: Doch, ist er, zumindest ich kenne wirklich nichts vergleichbares außer Cage – wohlgemerkt: im Neue Musik – Kontext – , und Cage ist ästhetisch aber doch komplett anders.
Nun ja, vergleichsweise komme ich ja am besten weg und irgend was scheint ja doch dran zu sein an meinem Stück, wie auch immer. Read yourself und darunter ein Foto vom Münchner Konzert (Danke, Chikage!)
Meine unlängst verkündete Vision vom User-generated-Movie ist, gar nicht überraschend, schon ein Stück weit Realität, eben nicht nur in Second Life, sondern beispielsweise auf dieser Site:
Habe noch andere ausprobiert (hier / hier), aber Xtranormal scheint das derzeit Fortgeschrittenste zu sein, wenn auch immer noch völlig in den Kinderschuhen. Hab schnell mal den Eröffnungsdialog des Hamlet inszeniert, mit Brechtschem Verfremdungseffekt auf der Straße mit Cop (und das Ganze ist ja eh ein Verfremdungseffekt):
Die gestrige Zweitaufführung von „Kantate…“ in der Münchner Muffathalle vor reichlich und illustrem Publikum war ebenso prima wie die erste, nur mit noch besserer Raumakustik. Nach dem Konzeptionstreffen für das Operare-Projekt mit Hannah Groninger gleich renn ich dann noch, wie schon in Frankfurt, durch alle münchner Museen nach diesem Vorbild:
Und dann: Ciao München!
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