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Aktion des Monats (Update)

Der Komponist, Musikwissenschaftler und Musikkritiker Arno Lücker hat heute abend nach einem Konzert im Theater Brandenburg, wo sein Stück

I was like: “Oh my God!”
And she was like: “What the fuck!”
And we were like: “Oh my God, what the fuck!”
(für Trompete und Zuspielung) (2008/2009)

von Paul Hübner gespielt worden war, einem Gast der während dem Konzert andauernd gelacht hatte, einen Eimer Wasser über dem Kopf ausgeleert. Chapeau!

Update: Arno Lücker wird nun mit einer Anzeige gedroht. Ich rufe zur Solidarität auf zu Gunsten störungsfreier Konzerte!

Theorie der Provokation 2 (Musik)

Nachdem ich gestern einige Stichpunkte zur Herstellung von Provokation zusammengetragen habe, gehe ich heute auf Provokation in der Musik(geschichte) ein.

Es gibt immer wieder neue, ungewohnte Musik, die auf die Alteingesessenen provokant wirkt, die mittelalterliche Ars Nova, die Neuerungen Monteverdis, die sich als dezidiert modern selbstverstandenen Romantiker, bis zum Techno, der die Altrocker abzuschaffen drohte. All das interessiert hier nicht so sehr, da es sich kaum um gezielte Provokationen handelt als vielmehr um den üblichen Prozess der Etablierung von Neuem, auch wenn das z.T. ostentativ auftrat, manchmal aber auch im Gegenteil (Schönberg verstand sich als Traditionalist!).

Hier soll es um Kunst gehen, deren Wesen die Provokation ist. In der Musik gibt es da:

  • Dissonanzen (nicht von Schönberg als Provokation gedacht, aber beispielsweise bei Varèse), Geräusche (Lachenmann)
  • Lautstärke (ebenfalls Varèse, Rockmusik, Dror Feiler)
  • Kunstbegriff-Erweiterung (Dada, Cages Zufalls- oder Stille-Musik, Fluxus-Konzepte und – Zerstörungen)
  • Diebstahl (Sampling: GEMA-Aktion)
  • Semantische Inhalte (Texte oder Zuschreibungen, z.B. Charts Music)

Die Dissonanzen sind heute zwar nicht etabliert, aber einer kleinen verrückten Künstlersparte, der “Neuen Musik”, einigermaßen zugebilligt, ebenso was den erweiterten Kunstbegriff angeht. Die Lautstärke kann immer noch provozieren. Provokante Texte wusste die Rock- / Punkmusik zu gebrauchen (in der Neuen Musik gibt es die fast gar nicht!), evtl. unterstrichen von extremer Lautstärke. Am aktuellsten ist sicher Sampling, das durch die digitale Revolution Attraktivität gewonnen hat und zugleich entschiedenen Gegnern gegenübersteht, da hier eine riesige Marktstruktur bedroht wird. Der technologische Fortschritt allgemein wird auch wieder ein paar konservative Lager angreifen, z.B. der Fortschritt der elektronischen Musik und ihrer Instrumente, die die guten alten Instrumente einschließlich der (imho eh immer peinlich gewesenen) E-Gitarre verdrängen könnten.

Interessant für die Zukunft wird die vom Philosophen Harry Lehmann angekündigte “gehaltsästhetische Wende” sein. Klänge sind weithin erschöpft, aber sie können semantisiert werden, wie ich es zum Beispiel mit Charts Music getan habe. In der Art versuche ich nun auch, einige Aktionen zur Bundestagswahl zu konzipieren, wofür als klingendes Material vor allem Reden von Politikern dienen, die nicht einfach nur Klang sind, sondern inhaltlichen und auratischen Gehalt haben.

Theorie der Provokation 1

Da ich in den letzten Monaten mit Kunstaktionen in Erscheinung getreten bin, die provozierten, nun eine theoretische Ergründung. Literatur zur Provokation in der Kunst, abgesehen von den Skandal-Historiographien, gibt es keine wirkliche, wenn’s um Theorie davon geht. Darum zuerst einen Blick ins (Online-)Lexikon zum Stichwort Provokation geworfen:

Als Provokation bezeichnet man eine [...] Verhaltensweise, die mit Übertreibungen, Regelverletzungen einher geht und die den Provozierten gezielt zu Verhaltensweisen anregen soll.

Dem ganzen liegt zu Grunde, dass es einen Widerspruch, einen Widerstreit, einen Gegensatz der Ansichten gibt. Gewalttätige Provokationen klammere ich hier natürlich aus. Widersprüche ausreizen bringt die Nähe zum Humor / Satire.

Zur Differenzierung werde ich aber erst fündig bei der Provokationstechnik, einer Kreativitätstechnik:

Folgende Ansätze existieren, um Provokationen zu gewinnen:

* Annahme aufheben (“In der Universitätsbibliothek gibt es keine Bücher.”)
* Idealfall (“Jeder Studienanfänger bekommt einen Abschluss.”)
* Umkehrung (“Studenten unterrichten Professoren.”)
* Übertreibung (“Das Studium dauert 20 Jahre.”)
* Zufall (“Universität Papagei”)
* Verfälschung (“Die Universitätsmauern sind aus Legosteinen gebaut.”)

Das kann man wiederum zusammenfassen. Wenn die Grundlage ist, dass es zwei Meinungsseiten gibt, von der die eine die angegriffene und die andere die Summe aller Alternativen dazu ist, dann sehe ich folgende Techniken:

  • die Gegenposition (über-)affirmieren (“Umkehrung”) (Charts Music)
  • die Gegenposition übertreiben (“Übertreibung”) (GEMA-Aktion) oder die eigene übertreiben (“Idealfall”)
  • Rechtsverletzung (nahe an Gewalttätigkeit) oder besser noch den Graubereich ausfinden (nenne ich “Grenzverwirrung”) (Call Wolfgang)
  • Konfusion der Gegenposition (“Annahme aufheben”, “Zufall”, “Verfälschung”)

Noch exemplifiziert an Provokationsmeister Schlingensief:

  • Gegeposition überaffirmieren: Demonstration FÜR die Streichung ALLER Theatersubventionen in Zürich
  • Gegenposition übertreiben: AUSLÄNDER RAUS – Plakat, der FPÖ untergeschoben
  • Grenzverwirrung: TÖTET HELMUT KOHL – Slogan (bzw. könnte man das auch einen “Idealfall” nennen..)
  • Konfusion: Parteislogan “Wähle dich selbst”

Man könnte noch eine weitere Kategorie anbringen, die mehr oder weniger abgeleitet ist aus den genannten: Die Verknüpfung zweier eigentlich sich widersprechender Meinungen, auch eine Grenzverwirrung. Ein Titanic-Beispiel:

Der Selbstmord von Ratiopharm-Boß Adolf Merckle schockt Deutschland: Denn statt für sein Ableben zu seinen eigenen Produkten zu greifen (und so die Binnennachfrage zu steigern), warf sich Merckle einfach vor einen Regionalexpress! “Schade! So ist das allenfalls ein kleiner Impuls für den Reinigungssektor”, so Arbeitsagentur-Chef Weise.

Auf einen für die eine Seite tragischen Fall (Suizid) wird eine anderweitige Kategorisierung (Kapitalismus) angewandt, wobei der Clou daran ist, dass der Selbstmörder ein Kapitalist war. Ein anderes Beispiel ist die Aktion von Santiago Sierra, Armen für wenige Dollars eine große hässliche Tätowierung zu machen. Die Übertreibung des Kapitalismus (Arme tun alles für Geld) konfligiert mit der Menschenwürde, und das sehr anschaulich ins Extrem geführt (lebenslängliche Verunstaltung für wenig Geld).

Die Technik der Konfusion ist Sinnverwirrung, Sinnentleerung oder von vornherein Sinnlosigkeit. Der Extremfall ist sinnlose Zerstörung, wie es Sierra mit Benzin unternahm. Gekonnter ist es, wiederum durch eine Meinungsverknüpfung die Zerstörung von anderen ausführen zu lassen, wenn er z.B. Brot auf die Straße legt und Straßenkehrer ihren Job verrichten müssen.

Theoriebildung – Vorwort

Zur Form der Theorie-Einträge: Der Blog erfordert Kürze, was gut ist. Vielleicht gibt’s manchmal auch einfach nur Stichworte. Ein Thema werde ich sicher mehrmals beackern; dass ich Einträge revidiere kommt eh dauernd vor, denn Blogtext ist erst mal stream-of-consciousness. Gerade habe ich z.B. einen Eintrag vom 10.10. bearbeitet, weil der ganze Blog ja nicht nur tagesaktuell sein, sondern Bausteine zur Musik-,Medien-, Gott- und Welttheorie darstellen soll, die zu meiner Arbeit als Komponist und Musiktheoretiker gehört. Allzu geschliffene Formulierungen braucht man hier nicht zu erwarten, Blog ist salopp; für die Printpublikation wird dann alles verfeinert. Ich weiß selbst noch nicht, wie das so aussehen und sich lesen wird.

Theoriebildung

In der nächsten Zeit soll Kulturtechno neben den gewohnten Schlaglichtern auch verstärkt der Ort für Theoriebildung sein. Das betrifft die eigene Arbeit wie allgemeine Reflexionen zur Musik der Gegenwart, auch mit Exkursen in die Vergangenheit. Das alles ist Vorarbeit zur geplanten Essaysammlung “Einträge”, die eben die Kompilation von Blogeinträgen zur Musiktheorie sein soll und in Print voraussichtl. 2011 erscheinen wird.

Demnächst dazu der erste Eintrag, Thema: Theorie der Provokation.

Futurismus 2 / Musiktheater der Zukunft 3

In dem vorgestern verlinkten Vortrag kommt ein kurzer Aussschnitt vor, der einen Roboterhund zeigt. Damit nicht der Eindruck entsteht, ich sei zu technologieaffirmativ, hier das ganze Video:

Ich finde es ziemlich beängstigend, denn man assoziiert doch gleich düstere Zukunftsthriller wie Matrix und Minority Report. Ich glaube weniger, dass die Dinger intelligent werden, als dass die Gefahr eben ist, dass sie nicht intelligent sind und algorithmisch auf alles schießen, was sich bewegt.

Wie dem auch sei, Roboter gehören natürlich zum Musiktheater der Zukunft. Sie sind das theatralische Pendant zur Elektronischen Musik. Genoel Rühle hat in die Richtung schon einiges gearbeitet.

luzi sirius messias #1

luzi1

luzi1 foto: r. westphal

mehr dazu später…

Das dritte Auge

Soeben mache ich die neue Blogrubrik “Futurismus” auf, denn Vorträge wie der folgende über künstliche Augen die noch viel mehr Lichtfrequenzen sehen können usw. begeistern mich.

A propos sind die Gazetten heuer natürlich gefüllt mit Artikeln zu 100 Jahre Futurisme. Besonders erwähnenswert der große Telepolis-Artikel, der mir nur in den Details übertrieben erscheint (Marinetti wurde im Ersten Weltkrieg nicht schwer verletzt) und ein bisschen zu oft toll findet, wie nicht-langweilig die heroischen Futuristenjahre waren. Insgesamt aber sehr lesenswert. Und bei Heise erfährt man endlich auch mal, wie es Marinetti mir nichts dir nichts auf die Titelseite des Figaro geschafft hat.
Dann gibt es da noch ein “Akustisches Manifest“, das antifuturistisch den Verkehrslärm geißelt und ein menschenfreundliches Stadtbild äh einen menschenfreundlichen Stadtklang fordert. Ist ja nicht so verkehrt, aber allein in Punkto artistischer Kühnheit ist es als Antwort auf das futuristische Manifest recht erbärmlich.

Alle wissen, wo der Futurismus Marinettis endete, und ob Augen die noch mehr Lichtfrequenzen sehen können wirklich dem Allgemeinwohl dienen werden, ist nicht gewiss. Also Augen auf!

World of Warcraft real

Wunderbare Arbeit von Aram Bartholl: Man trägt im wirklichen Leben seinen Namen gut sichtbar mit sich rum, dem Computerspiel World of Warcraft nachgebildet. Das Wesen kann man aus dem Namen lesen! (Goethe, Faust)

Kein Kino über Politik! (Update)

Ein bemerkenswerter Artikel zum Abschluss der Berlinale in der FAZ, bei dem es am Schluss heißt:

Allerdings sollte man sich dann in Erinnerung rufen, dass Menschen, wenn die Lage draußen ernst wird – jedenfalls war das bei allen bisherigen weltweiten Erschütterungen so – im Kino Eskapismus suchen. Das wissen die Produzenten natürlich auch. Also können wir erwarten, dass in den nächsten Jahren das politische Kino, das sich über seine Inhalte definiert, vielleicht ein wenig in den Hintergrund tritt. Und Platz macht für ein Kino der visuellen Abenteuer, der verwegenen Wendungen, sinnlichen Überraschungen und Entdeckungen. Das jedenfalls hoffen wir. Und vertrauen darauf, dass die Berlinale dann erkennt, dass auch in solchen Filmen etwas Politisches liegt, und zwar in einer Weise, wie nur das Kino es hervorbringen kann. Wir brauchen also das politische Kino. Aber nicht unbedingt Filme über Politik.

Ein filmsprachliches “Esperanto”, das man auf jederlei Inhalt anwenden kann, fordert in der Tat zum Widerspruch. Bestes Beispiel: Steven Spielbergs Stil nutzt für “Jurassic Park” ebenso wie für “Schindlers Liste”. Und in der Musik habe ich immer mehr den Eindruck, dass die Komponisten abertausende Melodien in C-Dur schreiben und ihre Fantasie darin auspressen, statt die Fantasie einmal auf die Frage anzuwenden, was es statt C-Dur geben könnte.

Dazu passt auch die Urheberrechts-Gräuelpropaganda, die immer behauptet: Ohne Urheberrecht können Neonazis und Kinderschänder eure Musik für ihre Inhalte mißbrauchen! Klar, wer ein musikalisches Esperanto produziert, wird mißbrauchbar. Darum darf sich ein Komponist, dessen Musik von Neonazis gebraucht wird, getrost selber fragen, was für eine Allerweltsästhetik er da produziert hat, die sich von Neonazis vor den Karren spannen lässt.

Ich bin dafür, dass die Kunst selbst mißbraucht, was dafür eignet. Songsmith.