Wir haben es nicht mehr mit auf Turnusbasis arbeitenden Skulpturen zu tun haben. Jetzt geht es vor und zurück und hin und her und schräg und diagonal, wohin auch immer, umwegig, geschwungen, auf den Millimeter und auf die Millisekunde genau, jede Bahn hat ihr eigenes Tempoprofil, ihr Anschwellen, ihr Stocken, ihren Stoß. Damit tritt in die Bildhauerei eine ganz andere Disziplin ein, wirkliche Zeit- und Bewegungsgestaltung – und hier kommt meine Profession als Komponist ins Spiel, dessen Expertise von Haus aus Zeitgestaltung ist, Rhythmus und Tempo, formale Dramaturgie, Teiligkeit, das Gefühl für Timing, die Lust an Spannung, Lösung und Überraschung, die gewitzte Absicht mit der Erwartung. Das ist das Handwerk des Komponisten: die Dringlichkeit der Musik.
Dazu gesellen sich zwei weitere Disziplinen, die Arbeit mit Klang, sowieso meine Domäne – ich baue kinetische Skulpturen, deren Konzept und Sinn jeweils ein Klangerzeugungsprinzip ist – und das Choreographische, da mir das Visuelle nicht nur für die komplette Form der Skulptur ebenso wichtig ist wie das Klangliche, sondern auch in ihren individuellen Bewegungsgestalten.
Die Bewegung, die den Klang erzeugt, ist dann auch eine, die das Auge als Choreographie liest, und ihre zeitliche Ordnung ist die Komposition. Beim menschlichen Musiker dagegen ist die Motion dem Klang nur beigeordnet, ein Mittel, das hinter seinem Zweck verschwindet. So gut wie niemand komponiert die Armbewegung des Cellisten, sie ist bloß die Bedingung des Tons. Bei mir fällt beides in eins. Der Gestus ist der Klang ist das Bild, und deren Semantiken potenzieren sich.
Es ist der Schritt vom Kreis zum Pfeil, den die Physik als Zeitpfeil in ihre Hauptsätze geschrieben hat, und nun vollzieht noch die kinetische Skulptur den Schritt von der Wiederholung zur Veränderung; sie tritt aus dem Mythos in die Geschichte.
