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Aus Tralien #18

Sydney 23.8.
Nachts, bevor es morgens zum Flughafen geht, klassischer Versagenstraum. Im Gymnasium am Ende einer Unterrichtsstunde, im Biologieraum, muss ich mein Zeug packen um in einen anderen Raum zur nächsten Stunde zu gehen, aber das Packen dauert und dauert und der Schnürsenkel ist auch offen, alle anderen sind längst weiter und meine Zusammenpackerei nimmt kein Ende.
Ich komme aus der Biologie nicht raus.

Flug nach Sydney. Schon aus dem Flugzeug sieht man das Opernhaus. Überraschend klein zwischen den Wolkenkratzern.
Auf dem Weg zum Veranstaltungsort kommen wir an einem Schwulenclub vorbei, dessen Schild mit >Tool Shed. Adult Concepts< wirbt. Obwohl wir in Eile sind, hält uns Joel an, wenn schon mal die Protagonisten des Neuen Konzeptualismus zusammen sind, dann müssen die *hier* fotografiert werden. Seth trägt sonst sogar eine Tool Box (Werkzeugkasten) mit sich rum, schade dass er ihn gerade jetzt nicht bei sich hat. Dann läuft just auch noch Douglas Kahn vorbei, Gruppenfoto.

Abends Konzert. Eine Künstlerin zeigt hunderte Selfies von öffentlichen Instagram-Accounts, ziemlich deprimierend, diese reine Selbstdarstellung. Die schiere Existenz ist halt noch kein Verdienst.
Die >Text Clapping<:-Performance mit der Introduktion von Seths >Blink of an Ear<; was mir nicht klar war: Der eigentliche Urheber der Einleitung ist Douglas Kahn (an dem Abend anwesend). Also ein Fall für die Fußnoten. Also mit den Füßen?! Das ist mir dann doch zu banal.

Am Ende der Performance ein altes Stück, aus Feeds. Hören TV, erstmals in der Solo-Version. Geht so ganz gut. Man muss ein Requiem nur überleben.

Sydney 24.8.
Symposium >Materials of Sound<. Bei der Einführung spricht der Initiator von einer >Ermüdung< des Digitalen, aber das Symposiumsprogramm hat er nur online verfügbar gestellt.
Vortrag über Sound and Gravity. Ich wähle als Motto >Gravity Pleasure<, hab das zufällig gefunden beim Nachschlagen, was Achterbahn auf Englisch heißt, und dann beim Wikipedia-Artikel über >Rollercoaster< weitergelesen. Der Ausdruck ist auch im Deutschen geil: „Schwerkraftspaß“.
Im Vortrag bringe ich später eine Liste mit diversen Werken anderer Komponist*innen, die sich mit Schwerkraft befassen. Leider vergesse ich Seths Arbeiten, ich Seppel, der selber in seinem Großessay am Ende des Tages mich ausführlich bespricht. Hätte gar nicht erst anfangen sollen mit Kanonisierung.
Joel und Danni sprechen über Implosion. Implosion ist die neue Explosion, Vakuum der neue Inhalt.

Gestern im Konzert wie heute beim Symposium: Geballte Powerpoint-Unfähigkeit. Bei der Selfie-Performance geht dauernd der Screensaver an, andere sind nicht in der Lage, ein Video in Powerpoint abzuspielen, müssen dafür immer raus aus Powerpoint, geben ihren halben Festplatteninhalt auf der Projektion preis usw. Das ist in den letzten zehn Jahren auch keinen Deut besser geworden.

Mit Danni im Gespräch: Dass sich einige Syposiumsteilnehmer auch wieder so selbst->verhässlichen<, die programmatische Unsexyness von Academia. Es bleibt eben beim Anti-.

Douglas Kahn hat die Theorie, dass ein Historiker für einen Absatz womöglich monatelang arbeitet, aber damit ist es getan und gesagt, während ein Theoretiker einen Absatz schreibt und fortan etliche Varianten davon formulieren kann. Sein Vergleich: Männlicher vs. weiblicher Orgasmus.

Stockhausens Leiche ausgraben und aus dem Oberschenkelhalsknochen eine Flöte schnitzen.

In der Kneipe spät läuft „Sexy Boy“ von Air, zuletzt gehört habe ich das schätze ich im Jahr 2001. Entsprechend ist das Lied, das eigentlich ziemlich geil ist, superfinster kontaminiert, die Zeit war scheiße. Sadomasochistisch höre ich es dann in der Schleife die halbe Nacht und alle weiteren Tage. Das Lied ist auch gar nicht umdefinierbar. Toller Song.

Links:
For Arthur “Two Sheds” Jackson
Adult Concepts Group
Same/Everything Sydney
Air, Sexy Boy