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Neue Musik, Pop, Performance: die Without Additives No Stars Big Band

Ein schöner Auftritt der Gruppe WITHOUT ADDITIVES NO STARS BIG BAND. Es besteht kein Zweifel mehr, dass nun Elemente der atonalen Musik und der Popmusik verschmelzen, zumindest bildet Pop einen noch reichlich unerschlossenen Fundus für die Neue Musik – merkwürdig genug, dass erst Jahrzehnte nach ihrer Erfindung ein atonales Stück für Hammondorgel (bzw. dann schon virtuelle Hammondorgel, von Enno Poppe) geschrieben wird. Aber besser spät als nie; im besten Fall kommt ein best-of dabei heraus.

This is the video of the latest [-+] without additives NO STARS BIG BAND – show in Lübeck. Are you tired of being confused? This band will make it even worse! [-+] WITHOUT ADDITIVES NO STARS BIG BAND plays the most bone-crunching, gut-ripping and brain-melting music in the whole universe. Incorporating a handful of totally unrecognizable elements from the most obscure corners of music history, they not only combine them in most inappropriate ways, but most of all they create new disturbing music-genres, revealing so the self-mutating gene of music.

(via caterpillar trashcore)

John Cage über Filesharing, 1972

Glasklar sieht Cage 1972 das Internet und die Möglichkeit des Filesharings voraus, und begrüßt das.

Sehen Sie, meiner Meinung nach sind die Massenmedien nicht so, wie sie in einer positiven Zukunft sein könnten. Wenn wir unsere Technik so einsetzen würden, dass jeder Mensch jeden anderen Menschen über seine Aufführungen oder eine Veröffentlichung, nennen wir es Kommunikationsmittel, erreichen könnte, so hielte ich das für besser als die Art, wie Technik zur Zeit verwendet wird. Ich denke ganz speziell an eine telefonische Einrichtung… die technischen Möglichkeiten hierfür existieren in den Vereinigten Staaten, werden aber nur von der Industrie, der Regierung und der Armee genutzt. Wir können davon ausgehen, dass sie schließlich auch für Zivilisten zugänglich werden, so dass man nur eine Nummer zu wählen bräuchte, um sofort ein Buch oder ein Musikstück zur Verfügung zu haben und es jederzeit durch ein anderes zu ersetzen.

Aus: Richard Kostelanetz, John Cage im Gespräch zu Musik, Kunst und geistigen Fragen unserer Zeit, S.205.

Früher auf Kulturtechno:
Adorno über geistiges Eigentum in der Musik
Stockhausen über geistiges Eigentum, 1960
Goethe, der Filesharer

Fehlerästhetik #12 (letzte) – Kritik

Erscheint irgend ein neues Gadget oder ein neuer Google-Dienst, fangen auch gleich die Leute an, Fehler zu finden, vollgekackte Kameras bei Google Streetview, absurde Dialoge mit Siri. Die „Finde-den-Fehler“-Strategie ist einfach Usus. Ähnlich ist mittlerweile Samuel Becketts „Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.“ zu Tode rumzitiert, ich kann’s nicht mehr hören.

Musik findet auf Gerätschaften statt, und die sollten auch gründlich durchgecheckt werden, keine Frage, wurde auch viel gemacht und immer noch, gut. Man mag sich mit dem eigenen Medium beschäftigen, aber das ist nur ein Thema unter unzähligen anderen; es droht die Gefahr der sterilen Selbstreferentialität.

Medien sollen uns dienen. Sie haben ihre eigenen Bedingungen, und so dienen wir auch ihnen. Trotzdem wäre es borniert, nur noch die medialen Normen zu sehen. Man kann freilich im Film auch mal die Tatsache fokussieren, dass Film nur die Simulation von Bewegung durch 24 schnell ablaufende Einzelbilder erzeugt, aber wo kämen wir dahin, wenn jeder Spielfilm sich dem zuwenden müsste? Ein Fassbinderfilm, bei dem auf einmal die Filmrolle artifiziell hakt? Albern.

„Zeigen, wie’s gemacht ist“ ist so eine Parole, die ich oft gehört habe in Kunstkreisen. Das ist ok, aber es ist auch höchst willkürlich, weil unendlich. Was denn nun zeigen? Wie die Filmrolle läuft? Wie das Celluloid hergestellt wird? Wie der Strom aus dem Kraftwerk kommt? Was die Darsteller zum Frühstück gegessen haben?

Zum Abschluss ein Harald und Eddi – Film für alle Gegner des E-Books, die so gerne auf die materiellen Vorzüge des gedruckten Buches bestehen:

Charts Music & Kinect Studies 1 @Holmfirth Film Festival

Heute abend spielt Sebastian Berweck auf dem Holmfirth Film Festival ein Konzert und zeigt dort auch meine Videos Charts Music und Kinect Studies 1.

St John the Evangelist, Upperthong
Wednesday, May 23, 2012 – 20:30
Music Soundtracks

The Music Soundtracks Night has a new venue and format – destined to be a highlight of the festival. Experimental pianist and performer Sebastian Berweck is one of Europe’s most sought-after musicians for contemporary music having performed over one hundred pieces at numerous international festivals.
The church is a perfect setting for Berweck’s live performance of works by Orm Finnendahl, Ludger Brummer and a brilliant Terry Riley study with a movie by German video-makers Thomas Ploentzke/Jan-Peter Sonntag, and short films with live electronic sound.

http://holmfirthfilmfestival.co.uk/content/music-soundtracks

Adorno über geistiges Eigentum in der Musik

Aus „Musikalische Diebe, unmusikalische Richter“ (1934), Gesamtausgabe Band 17, S.292ff:

Die einzigen Dinge der Musik, die sich stehlen lassen, sind meßbare, zählbare Folgen von Tönen: Motive und Themen. Da mittlerweile auch die harmonische Dimension derart aufgelockert ist, daß ein Akkord so gut ein Einfall sein kann wie ein Thema; und da es keine harmonischen Konventionen mehr gibt, die lediglich eine schmale Zahl von Klängen dem Gebrauch freigeben, dürfte man heute auch gestohlenen Harmonien nachforschen; aber so weit sind die noch nicht, die derlei Sorgen haben. Sie halten sich an das, was sie Melodie nennen, an größere oder kürzere sukzessive Tonreihen, gewöhnlich solche, die auch rhythmisch einander gleichen. […]
Alle Rede vom musikalischen Diebstahl setzt einen Mechanismus der Verdinglichung voraus, der mit der wahren Objektivität der Kunstwerke nicht verwechselt werden darf, in welchem ihr Leben als Geschichte spielt. Erst wo dies Leben erstorben ist, oder nicht mehr wahrgenommen wird, wachen sie eifernd über die bloßen, beharrlichen Einfälle, als wären sie sakrosankt. […]
Kaum Zufall, daß der Zeitraum, auf welchen die Rede von gestohlener Musik überhaupt sich beziehen kann, mit dem der entfalteten kapitalistischen Gesellschaft genau zusammenfällt. […]
Jene Themen, wahrhaft »Einfälle«, die Sternen gleich eingefallen sind und sich behaupten, jenseits aller Formimmanenz, aber auch jenseits aller Dinglichkeit dessen, was vom Hörer gestohlen ist aus der Form, in der es lebt. Das sind die Themen, die schon beim ersten Erscheinen klingen wie Zitate; Schubert ist ihr oberster Hüter. Aber um sie braucht kein Hörer sich Sorgen zu machen. Sie sind gefeit; niemand kann sie sich aneignen, weil sie kein Eigentum sind, sondern Figuren der erscheinenden Wahrheit selber. Sie lassen sich so wenig stehlen wie die authentischen Sprichwörter. Versuchte es einer – sie schlügen nur zum Segen aus.

Die angesprochene Dialektik vom ersten Erscheinen, das wie ein Zitat klingt, hat auch schon Schumann benannt:
„Um zu komponieren, braucht man sich nur an eine Melodie zu erinnern, die noch niemandem eingefallen ist.“ Das Original ist die erste Kopie.

Früher auf Kulturtechno:
Stockhausen über geistiges Eigentum, 1960
Goethe, der Filesharer

Mein Vortrag „Paneklektizismus“ heute in Berlin @Ballhaus Mitte

Heute halte ich meinen am 27.4. in Witten zuerst präsentierten Vortrag „Paneklektizismus“ noch einmal in Berlin, und zwar auf Einladung der Liedertafel im Ballhaus Mitte, 21.15h.

http://die-liedertafel.de/?p=1478

SWR2-Sendung: Fünf junge Komponisten am virtuellen Stammtisch

Heute abend 23.03h beginnt bei SWR2 „JetztMusik“ eine sechsteilige Reihe von Bernd Künzig über fünf junge Komponisten: Ondrej Adamek, Johannes Kreidler, Marko Nikodijevic, Simon Steen-Andersen und Vito Zuraj. Den Beginn macht ein virtueller „Stammtisch“, an dem sich alle fünf über die aktuelle Musik, historische Schlagworte, Vorbilder usw. austauschen. Der Geräuschkulisse nach ist es allerdings weniger ein Stammtisch als ein Kaffeekränzchen.

Livestrom:
http://mp3-live.swr.de/swr2_m.m3u

SWR2 JetztMusik Junge Komponisten (1/6)

Der Stammtisch

Sendung am Montag, 21.5. | 23.03 Uhr | SWR2

Von Bernd Künzig

Eine 6-teilige Reihe stellt fünf junge Komponisten unserer Zeit vor: Ondrej Adamek, Johannes Kreidler, Marko Nikodijevic, Simon Steen-Andersen und Vito Zuraj gehören zu der Reihe von neueren Musikautoren, die in den letzten Jahren zunehmend auf sich aufmerksam machen konnten. Sie stammen aus unterschiedlichen Kulturen, aber aus der gleichen Generation. Selbstverständlich verstehen sie sich untereinander, aber selten sprechen sie wirklich miteinander. Jetzt treffen sich die fünf Komponisten vielleicht zum ersten und einzigen Mal zu einem Komponierstammtisch: Es ist der elektronische Schnitttisch des SWR, an dem sie sich virtuell in einer Runde versammeln, bei dem es um brisante Problemstellungen, Namen und Ideologien der zeitgenössischen Musik gehen wird. In den folgenden fünf Einzelporträts werden die Komponisten dann alleine über sich selbst sprechen.

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/jetztmusik/-/id=659442/sdpgid=673166/nid=659442/did=9583848/u6ff6y/index.html

Fehlerästhetik #11 – Kritik

Folgendes Zitat von Rolf Großmann hatte ich schon mal kritisiert, an dieser Stelle wird es erneut fällig:

Künstlerische und kulturelle Sampling Techniken können Innovation und SubVersion des Scratching oder der Tape Music nur fortsetzen, wenn sie den geordneten und ordentlichen Zugriff des digitalen Sampling (ich schließe das Frame-Grabbing der Bildwelten mit ein), seine saubere Programmverarbeitung durchbrechen und die Programme selbst zum Gegenstand des Zugriffs machen […] seine Verarbeitunsgsstrukturen [sollen] in einer neuen Stufe der direkten Programmzugriffe und Parameterzugänge […] ästhetisch produktiv werden…

Seit den Menschen bewusst ist, dass sie mit Gerätschaften (Medien) zu tun haben, klopfen sie diese auch nach ihren Limits und Fehlern ab, das schafft einen umfassenderen Blick auf sie, es zeigt Chancen und Grenzen und hält die humane Souveränität hoch gegen vermeintliche maschinelle Perfektion und Verheißungen des Kapitalismus.
Erscheint irgend ein neues Gadget oder ein neuer Google-Dienst, fangen auch gleich die Leute an, Fehler zu finden, vollgekackte Kameras bei Google Streetview, absurde Dialoge mit Siri. Lachenmann untersucht den ‚hässlichen‘ Geräuschanteil der ‚edlen‘ klassischen Instrumente, die abtrünnigen Popchargen scratchen und glitchen rum, entlaufene Designer pixeln hoch – der Fehler wird gefeiert. Aber das funktioniert nur, weil man sich auf ein Regelsystem bezieht, das Fehler haben kann; rigide Systeme also wie die tonale Musik.
Wer sich aber tief genug einarbeitet, zB in Digital Signal Processing, der kennt kein Regelwerk mehr. Eine Audiosoftware wie puredata oder Max/Msp hat keine Fehler, es sei denn, sie würde nicht ordentlich die Einsen und Nullen rechnen. Alles andere obliegt dem Programmierer. Der Digitalcode ist, anders als Großmanns Linienziehung suggeriert, keine Fortsetzung der alten Medien, sondern ein universelles Medium, das die alten schluckt.

Lachenmann oder die Glitches beziehen sich auf tonale Musik, also strikte Regelsysteme, in denen der Fehler auffällt und aufklärend wirkt – Aber: Sind diese Gegenbilder so relevant? Tatsächlich halte ich es da (als puredata-Programmierer) elitärer: „Nur wenige sind es wert, dass man ihnen widerspricht.“
[Aber zumindest die Fehlerästhetik generell ist es mir wert, widersprochen zu werden.]

Conlon Nancarrows Leben ausgewalzt

Eine schöne Doku über Conlon Nancarrow, Pionier der autarken elektronischen Musik, der dieses Jahr 100 geworden wäre.

(via Alex Ross)

Erfreulicherweise kann man beinahe sämtliche Studies auf YouTube anhören und -sehen von der Werkliste auf www.nancarrow.de.

Fehlerästhetik #10 – Kritik

Wieder eine meines Erachtens ziemlich überholte Medientheorie – aus einem Spiegel-Artikel von Norbert Bolz aus dem Jahr 2000:

Kommunikation kommuniziert Kommunizieren. Reden wir miteinander. Kommunikationsverhältnisse sind offenbar erklärungs- und begründungsunbedürftig. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls, wenn man als Außenstehender den Chat im Netz, die Fans des CB-Funk, aber auch ganz alltägliche Telefonie beobachtet – Gesprächsthema Nummer eins: Es funktioniert! Es geht vor allem um die Lust an der Fortsetzung, um das Glück der Anschließbarkeit.

(Norbert Bolz, Wirklichkeit ohne Gewähr, in: Der Spiegel 26 (Juni 2000), S. 130f., zitiert nach Reclam, Texte zur Medientheorie)

Keiner staunt heute mehr darüber, dass Skype funktioniert, sondern benutzt es einfach. Das Medium selbst ist nicht DIE Botschaft, sondern nur ein Aspekt. Das Medium hat seine Bedingungen, Vorzüge und Unzulänglichkeiten, und in unserer volltechnisierten Welt normieren sie kräftig. Trotzdem: Das weiß heute jedes Kind.