Super! Elektronik-Pionier Morton Subotnick hat eine Kinderkompositionsapp fürs iPad geschaffen. Hoffentlich nicht nur diatonisch.
Fehlerästhetik #9 – Kritik
Bei einem Medium die inhärenten Fehler hervorkehren, um eben das Medium erst so richtig sichtbar zu machen, ist ein gängier Topos geworden und zentrales Argument der „Fehlerästhetik“. Ich will allerdings meinen: Mittlerweile kennen wir unsere Medien ziemlich gut. Folgenden Passus in einem Text der Musikwissenschaftlerin Marion Saxer erscheint mir ich nicht mehr aktuell:
Wenn auch die Frage, was ein Medium ist, bis heute nicht eindeutig geklärt werden kann und die Bestimmung des Begriffs bis auf weiteres »chronisch prekär« bleibt, sind sich dennoch alle medientheoretischen Ansätze – so unterschiedlich sie auch sein mögen — in einer Grundüberzeugung einig. Gemeint ist der »unbewusste Charakter der Medien«, ihre eigentümliche Tendenz, bei selbstverständlicher Nutzung aus der Wahrnehmung zu verschwinden. Diesen Aspekt betont z. B. bereits Marshall McLuhan als einer der Väter der Medientheorie in seinem Schlüsselwerk Understanding media aus dem Jahr 1964, wenn er von der »unterschwelligen Magie der Medien« spricht, die es zu erkennen gilt. Gleiches fordert z. B. der Medienwissenschaftler Hartmut Winkler in seiner Mediendefinition: »Mediengebrauch ist weitgehend unbewusst. (…) Es bedarf einer fast künstlichen Abstandnahme, um die Medien selbst in den Blick zu nehmen.«
(Musik-Konzepte XI/2008, S. 174f)
Die ganze Geisteswissenschaft und gerade die Zeitungen befassen sich seit ca. vier Jahren dermaßen intensiv mit der Digitalisierung und allen angeschlossen Medien, dass die in dem Text postulierte ‚Terra incognita‘ so nicht mehr vorhanden ist.
Charts Music @WDR3
Heute um 23.05h beginnt auf WDR3 eine Reihe über Konzeptualismus in der elektronischen Musik, von Björn Gottstein. Darin auch mein Stück Charts Music.
Mittwoch, 16.05.12 um 23:05 Uhr
Konzeptualismus 1
Komponisten fragen, Maschinen antworten
Mit Björn Gottstein
»In der konzeptionellen Kunst ist das Konzept wichtiger als jeder andere Aspekt des Werks«, schrieb der US-amerikanische Konzeptkünstler Sol LeWitt 1967. Mit anderen Worten, auch wichtiger als das, was schließlich erklingt. Machen wir die Probe aufs Exempel und fragen nach der ästhetischen Schlagkraft musikalischer Konzepte. Ist nur das Konzept interessant, oder hören wir diese Musik auch gerne? Im ersten Teil der Serie stehen Werke, bei denen die Komponisten wesentliche Aspekte der Klangestaltung der Maschine überlassen, darunter eine Schwarm-Simulationssoftware, ein CD-Spieler und das kommerzielle Musikprogramm Songsmith, das aus allem einen Schlager macht, sogar aus Börsenkursen in Zeiten des Crashs.
Yutaka Makino
Ephemera (2008)
Elektronische MusikAlvin Lucier
Music for Solo Performer (1965)
for enormously amplified brain waves and percussionJohn Bischoff
Aperture (2002)
für live spielenden ComputerYasunao Tone
Solo for Wounded CD (1995)
für CD und CD-SpielerJohannes Kreidler
Charts Music (2009)
Elektronische Musik
http://www.wdr3.de/open-studio-elektronische-musik/details/16.05.2012-23.05-konzeptualismus-1.html
Livestrom:
http://www.wdr.de/wdrlive/media/wdr3_hq.m3u
Instrument aufs Instrument projiziert
Wieder mal eine sehr gelungene Idee von Simon Steen-Andersen: Er projiziert Archiv-Material des Instruments auf das Live-Instrument.
Harpist Sunniva Roedland Wettre (NO) performs Simon Steen-Andersen’s History of My instrument (2011) for harp, video and pick-up.
Researchers Night, Oslo, 21rst of September 2011.
Oder hier die Study #3 for Cello and Video in der Gitarrenversion.
Fehlerästhetik #8 – Kritik
Die 79. Ausgabe der Positionen ist dem Thema „Fehler / Scheitern“ gewidmet. Fast alle Autoren bemerken, dass Fehler nur relational, zu einem Regelsystem existieren, und sich vor allem die Frage nach der Gültigkeit / Relevanz eines Regelsystems stellt. Um es mit einer Anekdote meinerseits darzustellen – Mich fragte mal jemand nach meiner schmutzigsten sexuellen Fantasie. Meine Antwort war: Ich empfinde keine meiner sexuellen Fantasien als schmutzig.
Jedenfalls bemerkt Orm Finnendahl in der Positionen-Ausgabe treffend:
Eigentlich wäre es jetzt ganz einfach, sich in den Diskurs über den Fehler einzuklinken: Fehler ist in den Künsten zumeist positiv konnotiert, als letzter Rest subversiven Verhaltens, als Fehler im System, Sand im Getriebe, dem Behaupten individueller Freiheit zur Negation, einem Aufbäumen und Stemmen gegen den Systemzwang. Das der Kunst eigene Privileg, sich keinem allgemeinverbindlichen Nutzen unterwerfen zu müssen, ermöglicht die Einbeziehung des Fehlers in sämtliche vorstellbare Handlungen. Aber ganz so einfach ist es für mich nicht. Der Begriff des Fehlers ist ausgesprochen dialektisch. Einerseits führt sein Auftreten zu einer Verstärkung von Kontingenz: Er zeigt, dass es auch anders geht. Andererseits ist eine verstärkte Kontingenz dafür verantwortlich, dass die Identifizierung des Fehlers erschwert wird. Der Fehler bringt sich also insbesondere bei inflationärem Gebrauch selbst zum Verschwinden.
(S. 33)
Interview zur Urheberrechtsdebatte
In der aktuellen Printausgabe der NMZ steht ein Interview mit mir zur Urheberrechtsdebatte, die Fragen stellte Franzpeter Messmer. Jetzt auch online:
http://www.nmz.de/artikel/urheberrecht-im-internetzeitalter-aber-wie
Epochal: die Notensuchmaschine
Warum gibt’s das eigentlich erst jetzt? Vladimir Viro hat auf peachnote.com eine Suchmaschine für Noten geschaffen, noch ganz einfach, bislang funktioniert es nur mit Tonhöhen, aber das ist freilich ausbaufähig und wird kommen. Interessant zu sehen, wo zB das Schicksalsmotiv sonst noch auftaucht.
Peachnote greift auf mehrere Notendatenbanken zurück, uA die wunderbare Petrucci Music Library. Wenn ich bedenke, wie unverschämt teuer früher Noten waren, kann man die nachfolgende Generation beglückwünschen.
Wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, bis das von Google aufgekauft wird oder Google eine eigene Notensuchmaschine anbietet.
Das schlägt ein ganz neues Kapitel auf! Einerseits für statistische Methoden in der Musiktheorie, andererseits im Remix. Im Zeitalter des totalen Archivs wird das Format der Suchabfrage zum Knackpunkt. Arno Lücker hat in einem Stück für Trompete und Zuspielung Samples von sämtlichen Trompetenstellen aus Brucknersymphonien kompiliert. Jetzt kann man sämtliche archivierten Schicksalsmotive usw. kompilieren. Und Guttenplag lässt natürlich auch grüßen. Im meinem Witten-Vortrag habe ich von der iPhone-App Shazam gesprochen, die selbst in der Kneipe innerhalb von 30 Sekunden ein Lied aus dem Lautsprecher identifiziert, und dass man sich auch vorstellen könnte, im Neue-Musik-Konzert eine entsprechende Neue-Musik-App in die Luft zu halten, die das live gespielte mit dem Archiv abgleicht. Und zukünftig in der Notensuchmaschine einen Partiturausschnitt.
(via usernamealreadyexists)
Charts Music @Mathildenhöhe Darmstadt
Heute eröffnet auf der Mathildenhöhe Darmstadt die große Ausstellung „A HOUSE FULL OF MUSIC – Strategien in Musik und Kunst“. Gezeigt wird dort u.a. mein Musikvideo Charts Music.
Am 5. September 2012 jährt sich der 100. Geburtstag von John Cage. Wie kaum jemand vor ihm hat Cage die Frage nach den Grenzen der Musik und ihren Verbindungen zu anderen Kunstfeldern und der Alltagswelt immer wieder neu gestellt. Gemeinsam mit Satie, Duchamp, Paik und Beuys gehört er zu den großen Strategen und Grenzgängern der Musik und Kunst im 20. Jahrhundert. Ausgehend von diesen Schlüsselfiguren wird die interdisziplinäre Großausstellung auf der Mathildenhöhe Darmstadt parallel zur documenta 13 in Kassel mit ebenso faszinierenden wie erhellenden Klangräumen, Projektionen, Objekten, Partituren, Gemälden und Installationen von 110 bildenden Künstlern, Musikern und Komponisten – von Laurie Anderson über Robert Filliou, Anri Sala, Dieter Roth und Iannis Xenakis bis hin zu Frank Zappa – zwölf Grundstrategien der Musik und Kunst seit 1900 erfahrbar machen.
A HOUSE FULL OF MUSIC
Strategien in Musik und Kunst
13. Mai bis 9. September 2012
Ausstellungsgebäude | Wasserreservoir Mathildenhöhe | Bildhauerateliers Museum Künstlerkolonie
Mathildenhöhe Darmstadt
Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr
Donnerstag 10 – 21 Uhr
http://www.mathildenhoehe.info/www/ausstellungen.html#music
http://www.mathildenhoehe.info/www/images/music/a_house_full_of_music_flyer_web.pdf
Fehlerästhetik #7: The New Aesthetic
James Bridle stellt ganz richtig fest, dass es eine neue visuelle Ästhetik gibt durch neue technologische Errungenschaften, die nun jeder am Bildschirm häufig sieht: Google Satellitenbilder, Streetview- und Facebook-Gesichts-Markierungen, Überwachungskameras, Pixel, Glitches.
Hier das Blog mit einer großen Materialsammlung.
The New Aesthetic is an ongoing research project by James Bridle.
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Since May 2011 I have been collecting material which points towards new ways of seeing the world, an echo of the society, technology, politics and people that co-produce them.The New Aesthetic is not a movement, it is not a thing which can be done. It is a series of artefacts of the heterogeneous network, which recognises differences, the gaps in our overlapping but distant realities.
***It began here: www.riglondon.com/blog/2011/05/06/the-new-aesthetic/
Here is a talk (video) about the visual aspects of the New Aesthetic (here is a transcript).
Reports of a panel on the New Aesthetic at SXSW.
Fehlerästhetik #Einschub: Phasenverschiebung
Jetzt erst ist mir eingefallen, dass auch die Minimal Music hier erwähnt werden muss, baut sie doch auf einen Fehler auf: der nicht möglichen Synchronisation zweier Tonbandgeräte.
For the recording, Reich used two normal Wollensak tape recorders with the same recording, originally attempting to align the phrase with itself at the halfway point (180 degrees). However, due to the imprecise technology in 1965, the two recordings fell out of synch, with one tape gradually falling ahead or behind the other due to minute differences in the machines and playback speed. Reich decided to exploit what is known as phase shifting, where all possible recursive harmonies are explored before the two loops eventually get back in sync before the end of the piece. The following year, Reich created another composition, Come Out, in which the phrase „come out to show them“ is looped to create the same effect.
Allerdings steht der „Fehler“ hier bald nicht mehr im Vordergrund, das Prinzip entfaltet so viel eigene musikalische Kraft (und Reich hat es dann ja im Folgenden konsequent auf Instrumentalmusik angewandt, wo der Fehler nur noch simuliert wird), dass das Stück nur teilweise in diese Reihe passt. Ähnlich verhält es sich mit den Doppelbelichtungen in den Filmen Werner Nekes‘, die schnell eine eigene Poetik haben.





