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Fehlerästhetik #6: Material Zelluloid

Natürlich wurde auch mal – in den 60ern – das Zelluloid des analogen Films auseinandergenommen und aus allen nur erdenklichen Fehlern wiederum Film gemacht. Exemplarisch der „Rohfilm“ von Birgit und Wilhelm Hein, 1968.

Aber auch im letzten Godard-Film, ein Meisterwerk übrigens, kommen visuelle und akustische Übersteuerungen als Stilmittel immer wieder vor. In dem Trailer leider nur kurz davon etwas:

Grafik-Musik

Eine hübsche Visualisierung von Vorgängen in der Musik, die ihr sinnfälliges geometrisches Pendant haben.

A visual and musical expression of mathematical symmetry groups. The transformations done to the video are equivalent to the transformations done to the notes.

(via Neatorama)

Kreidler-Portraitkonzert @Spor Festival Århus

Morgen spielt das Ensemble Scenatet beim Spor-Festival in Århus, Dänemark ein Portraitkonzert. Pflichtveranstaltung für ganz Dänemark!
Am Freitag dann nehme ich am Festival-Symposium teil und am Samstag gibt es eine Masterclass am Konservatorium Århus.

Kl. 20:00 på Granhøj Dans

Fremdarbeit
Johannes Kreidler: Outsourcing/Fremdarbeit
Johannes Kreidler: Kinect Studies #1
Johannes Kreidler: Charts Music
Johannes Kreidler: Kinect Studies #2
Johannes Kreidler: Study for piano, audio and video
Johannes Kreidler: Money

http://www.sporfestival.dk/2012/program_2012/

Fehlerästhetik #5: Pixelverherrlichung

Das Pixel ist das visuelle Symbol für die Computerisierung schlechthin – dabei soll es eigentlich gar nicht gesehen werden; das ganze Prinzip von digitalen Bildern und Musikdateien basiert ja darauf, dass diskrete Werte in so hoher Auflösung aneinandergereiht werden, dass sie fürs Auge/Ohr verschmelzen, so wie im Kino die 24 Bilder pro Sekunde. Dennoch treten uns die Pixel oft ins Auge. Und so sieht man immer öfter auch ihre gewollt-absurde Übertragung in die Kohlenstoffwelt.

Sieht wie eine schlechte Nachbearbeitung aus, ist aber wirklich so gebaut: Das Weinmuseum in La Rioja, Spanien.

Ein ganzes Blog voller Pixel (bzw. Voxel, das 3D-Pixel) in Real Life ist The new Aesthetic. Obiges spanisches Beispiel sieht ja noch wirklich witzig aus, aber wenn man sich durch das Blog klickt ermüdet es einen bald. Spannender finde ich da Aram Bartholls Projekte, die über das bloße Pixel hinausgehen und bedeutungsgeladene Objekte der Computerisierung in den Alltag überträgt. (Dass die Pixelästhetik bis ins 19. Jahrhundert zurückgeht, habe ich hier gezeigt.)

YouTube, das Patentamt der Gegenwart

In der ZEIT steht ein interessanter Artikel über „Open Science“, womit gemeint ist, dass Forschung bereits im Forschungsstadium öffentlich sein soll – dort, wo das sinnvoll ist. Auf den Einwand, dann würden Ideen geklaut werden, entgegnet Prof. Spannagel:

Spannagel: Ich sage immer: Wer Angst hat, dass ihm Ideen geklaut werden, der hat wohl nicht genug. Natürlich lebt ein Forscher davon, dass sein Name mit seiner Idee verknüpft wird. Aber wenn es darum geht, kann man seine Idee so früh wie möglich im Internet veröffentlichen und das Netz als Protokoll verstehen, wo die Idee zusammen mit dem eigenen Namen zum frühestmöglichen Zeitpunkt dokumentiert ist.

Genau das meine ich mit dem Aphorismus (der auch auf dem Einband meines Buches „Musik mit Musik“ steht), „Originale kann man kopieren, Originalität nicht.“ Und der zweite Punkt ist ebenfalls noch wenig im allgemeinen Bewusstsein: Twitter und YouTube sind die veritablen Patentamte der Gegenwart, denn dort lässt sich genau nachsehen, wer eine Idee in die Welt gesetzt hat.

Kulturtechno verstehe ich auch im Sinne von Open Science: Ein öffentliches Forschen in der Ästhetik der Gegenwart.

Früher auf Kulturtechno: Stockhausen über geistiges Eigentum, 1960

Fehlerästhetik #4: klassische Instrumente falsch spielen

Die ganze Ästhetik von Helmut Lachenmann basiert darauf, klassische Instrumente verfremdet zu spielen, als „Kritik am philharmonischen Schönklang“ und am tonalen, exkludierenden Hören.

Die Crux ist daran jedoch, dass Lachenmann mit diesen „Fehlern“ so streng komponiert wie Beethoven; anarchisch ist das (heute) gar nicht, und er wird mittlerweile im Klassikbetrieb gefeiert wie Beethoven – außerdem stirbt der Klassikbetrieb langsam aus. Unbestritten ist die Musik aber sehr schön. Doch zum Preis, dass der ‚Fehler‘ verschwunden ist. Hier ist er dagegen noch da:

Video meines Vortrags „Paneklektizismus“ vom 27.4. in Witten

UPDATE: leider gehen in dem video bild und ton etwas out of sync. ich werde es beheben und nochmal hochladen, allerdings erst in 7 tagen.
UPDATE2: neue version online, alte gelöscht (sorry für die gelöschten likes, ging leider nicht anders).

Vortrag, gehalten am 27.4.2012 beim Symposium „Musik als Material – Bearbeitung, Sampling, Bricolage“ / Wittener Tage für Neue Kammermusik, Universität Witten-Herdecke

Abstract:
Außer dem nur noch selten gelingenden Kunststück, einen nie gehörten Klang hervorzuzaubern, bedienen sich die Komponisten heute zwangsläufig des Bestehenden. Das betrifft nicht nur musikalische Grundelemente, wie die 88 Tasten des Klaviers, sondern auch deren Kombinationen. Instrumentale Gesten, standardisierte Satztechniken und expressive Topoi sind allgegenwärtig und können nach 100 Jahren Neue Musik und 30 Jahren ihrer institutionellen Durchorganisierung kaum noch umgangen oder umgedeutet werden (ähnlich gilt das auch für die Popmusik); endgültig wird durch das Internet, das „totale Archiv“, das Vergessen der Kunstgeschichte nahezu unmöglich. Darum setzt ein Kategorienwechsel ein: Die Frage ist immer weniger, ob ein Komponist zitiert, sondern was, wie und wofür.

Fehlerästhetik #3: Unschärfe

Als nur ein (prominentes) Beispiel für die Ästhetisierung der Unschärfe, ein abgemaltes Foto von Gerhard Richter, die Matrosen von 1965:

Ein ganzes Buch von Wolfgang Ullrich befasst sich mit der „Geschichte der Unschärfe„, das ich im Augenglick leider nicht zur Hand habe.

Der erste Sprachsynthesizer (1939)

Considered the first electrical speech synthesizer, VODER (Voice Operation DEmonstratoR) was developed by Homer Dudley at Bell Labs and demonstrated at both the 1939 New York World’s Fair and the 1939 Golden Gate International Exposition. Difficult to use and difficult to operate, VODER nonetheless paved the way for future machine-generated speech.

Vielen Dank für den Tipp, Michael!

Fehlerästhetik #2: visuelle Artefakte / Glitches


Glitch Art

Wikipedia:

[…] In der Elektronik bezeichnet man mit Glitch [glɪtʃ] eine kurzzeitige Falschaussage in logischen Schaltungen. Diese tritt auf, weil die Signallaufzeiten in den einzelnen Gattern niemals vollkommen gleich sind. Die Anfälligkeit für Glitches steigt mit der Komplexität der Schaltungen, kann aber auch bereits bei sehr einfachen Schaltungen vorhanden sein. Sie stellen ein wesentliches Problem bei der Entwicklung moderner elektronischer Schaltungen und schneller Mikroprozessoren dar.

[…] Als Glitch [glɪtʃ] wird in der Fernseh- und Videotechnik eine kurzzeitige Falschausgabe von Bild- oder Toninhalten bezeichnet, ähnlich den Glitches in der Elektronik.

Diese Fehler treten häufig beim Spulen innerhalb eines Filmes bzw. beim Wiedereinsetzen des Filmes nach einem Spulvorgang auf, wenn die benötigten Daten nicht schnell genug zwischengespeichert und wiedergegeben werden können.

Ebenfalls entstehen Glitche(s) beim Interpolieren von einzelnen Datenbestandteilen des Signals, welche bei einem Kopier- oder Übertragungsvorgang verfälscht oder ausgelassen wurden.

Im Bild wirkt sich das durch vemehrte Artefaktbildung oder gar andersfarbige Klötzchenbildung aus. Beim Ton kann es zu störenden Verzerrungen der Frequenz oder Nebengeräuschen kommen.