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John Cages 4’33“ vom YouTube Ensemble gespielt

Dick Whyte hat alle möglichen Aufführungen von John Cages Stille-Stück „4’33″“ zusammengeschnitten. Wunderbar!

Danke für den Tipp, Michael!

Partiturkompression

Stefan hat einen tollen Kompositionsalgorithmus der Notationssoftware „Sibelius“ entdeckt: Aus 63 Seiten mach 1!

Schöner klecksen

Sebastiaan Bremers kleckst wunderschön auf C-Prints alter Fotografien. Irgendwie empfindet man die 50er Jahre heute ja als knallbunt (vgl. „Lola“ von Fassbinder).

Using various inks, he draws directly on slightly blurry C-print enlargements of photographs, and often adds splotches and streaks of photographic dye. Almost always, the underlying photographic images have much to do with personal and family history: a best friend from Bremers teenage years, a shot of himself as a kid, a view of a room taken from under his grandmothers piano, his family on vaction, a former girlfriend.

(via iref)

Der NDR erklärt Neue Musik, um sie sich vom Leib zu halten

Grausig: Da tut dieser NDR-Beitrag so, als wolle er mal den Schwierigkeiten der Neuen Musik auf den Grund gehen, und dann wird es blanken Verhöhnung und am Ende möge man doch ja wieder zum Alten zurückkehren. Hurra! Ich nehme fast alle hier geschworene Treue zu den Öffentlich-Rechtlichen wieder zurück. (Um es kurz zu machen: Das einzig Gute an den Öffentlich-Rechtlichen sind die Kulturradios und ein paar ganz, ganz wenige Fernsehsendungen.)

Danke für den Tipp, Patrick!

Noch eine Email zu „Feeds“

Um ein Haar wäre diese schöne Email von letztem Sonntag im Spamfilter verschwunden, jetzt kommt sie ans gebührende Licht der Öffentlichkeit!

Sehr geehrter Herr Kreidler,

ich habe gestern die Aufführung von „Feeds“ besucht und muss Ihnen mal ein „Feedback“ geben.
Sie haben zwei Stunden lang nichts als provozieren wollen. Sie müssen ein vollkommener Nihilist sein, der sich aber mit moralischer Ernsthaftigkeit verkleidet. Da prangern Sie das Gehalt von Josef Ackermann an (gelungene Szene!), aber brüsten sich selbst damit, über 100.000 Euro für Ihr Werk verbraten zu haben, und erzählen auch noch unumwunden, dass Sie mit den Subventionsgeldern an der Börse gezockt haben.
Was an penetrantem Wasserplätschern, das die Blase des Zuhörers stimulieren soll, Musiktheater sein soll, wird wohl Ihr Geheimnis bleiben. Das ist doch alles schon dagewesen und hat nichts Substantielles zu unserer Kultur beigetragen. Nennen Sie mich ruhig konservativ, wiewohl ich sogar zugebe dass ich ein paar Szenen lustig fand, aber wen ergreift das alles denn? Ich kann nur hoffen und beten, dass Sie sich auf die „Bravos“, die aus mir schleierhaften Gründen (Ihre Fans?)am Ende gerufen wurden, nichts einbilden. Provokationskunst ist keine Kunst, sondern dumme Provokation, schon gar nicht Musiktheater. „Demokratie-Expressivität“ nennen Sie das dann. Na dann Prost für unser Land!

Sonntägliche Grüße
XXX

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Email zu „Feeds“.

Folgende Email will ich hier nicht vorenthalten. Nachdem ähnliche Leserbriefe in diversen Lokalblättern des Ruhrgebietes abgedruckt wurden, soll auch hier das Forum eröffnet werden:

Hallo Herr Kreidler,

nach dem Besuch Ihres Musiktheaterwerkes „Feeds. Hören TV“ habe ich mich gefragt: Müssen wir Gelsenkirchener nicht alle zusammenhalten, damit möglichst viele Menschen in unser Musiktheater kommen? Nein!! Darf ich als Gelsenkirchenerin etwas an meinem Musiktheater schlecht machen? Ich muss!! Hin und her gerissen zwischen Stolz, den mein Musiktheater mit dieser mutigen Kooperation mit der Kunsthochschule Köln bewiesen hat und Fremdschämen. Die Ensemble-Mitglieder des Musiktheaters müssen es doch als Strafversetzung ansehen, bei Feeds mitmachen zu müssen. Man konnte es kaum ertragen, aber es ist wohl auch menschlich, dass man die Augen vom Grauen nicht abwenden kann. Aber meine Ohren mussten nach der Pause in die hinterste Ecke des kleinen Hauses.
Dabei täte Ihnen etwas mehr Ehrlichkeit gut. Ein Künstler wird dann erfolgreich, wenn es seine Kunst aus dem kleinen Kreis der Schickeria herausschafft.
Was Sie da dem Publikum präsentiert haben, entbehrt jeder Qualität. Bordell, Geschlechtsteile, Musikverramschung und CDU-Runtermachen, ja, Runtermachen scheint Ihr primärer Impuls zu sein, aber verschonen Sie doch einfach das Musiktheater mit Ihrem Kunstbegriff und bleiben in Berlin oder noch besser in Ihren eigenen vier Wänden.
Ich freue mich auf den kommenden „Mefistofele“ am Musiktheater im Revier, ebenfalls mutig, mit herausragenden Kostümen und gewaltigen Klängen. Aber wesentlich gewissenhafter inszeniert.

XXX

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Trailer für „Feeds“

Zu sehen auch hier.

Dank an die Jungs von Mypott!

Tageslink: Untimely Meditations/ Staat en Lyriek

Piet Joostens hat meinen Kulturtechno-Beitrag über die Musikalisierung von Louis van Gaal zum Anlass für einen Essay genommen (für alle flämischkundigen Kulturtechnoleser):

http://www.ny-web.be/untimely-meditations/staat-en-lyriek.html

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Feeds – Stream / Requiem

Teilweise war der Feeds- Stream wegen Serverüberlastung leider nicht zu sehen. Sorry! Bei manchen ging es aber auch durchweg problemlos. Auf jeden Fall wird es später im Netz dauerhaft den Director’s Cut geben.

Hier ein Video des „Requiems“, ein kulturgeschichtlicher Abriss der Frage, wie „Tod“ mit den Mitteln der 80er-Jahre-Computer musikalisch dargestellt wurde:

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Präpariertes Hören – Essay #3 zum Musiktheater

Präpariertes Hören

Zum Musiktheater Feeds. Hören TV.

1.

Da praktisch alle Klänge ausgeforscht sind, und auch aus ihren Kombinationen sich immer mehr bekannte Muster herauskristallisieren, setzt Objektivierung ein: Topoi, Idiome, Standardsituationen, Versatzstücke. Die kann man als solche nutzen – Musik mit Musik.

Nun ist nicht alles sogleich griffige Vokabel. Man kann aber auch aktiv Musik semantisieren, durch andermediale Zuschreibung: Sprache, Video, Inszenierung. Eine Aufgabe und Potenzial fürs Theater: Klängen Namen geben.

2.

Schon als Jugendlicher hatte ich die Idee für ein Klavierstück in fünf Sätzen, die alle die gleichen Noten haben, aber der erste Satz trägt einen philosophisch-religiösen Titel, der zweite einen abstrakten, der dritte einen privat-amourösen, der vierte einen ironischen und der fünfte keinen.

Ähnliche Filmexperimente sind bekannt: Zur Aufnahme eines Mannes, der ein Haus betritt, lässt man Alltagsmusik, Horrormusik, Slapstickmusik etc. erklingen. In jedem Fall ist es eine andere Handlung.

Mein Stück Fremdarbeit, bei dem ich Komponisten aus Billiglohnländern für mich habe komponieren lassen, moderiere ich, um das Konzept den Hörern wissen zu lassen. Bei der Uraufführung war ich tendenziell herablassend und ironisch, und prompt urteilten die meisten, dass die Auftragsmusiken auch schlecht waren. Bei der zweiten Aufführung musste ich englisch sprechen und war viel sachlicher, und das Publikum fand die Stücke gelungen.

3.

Der Neue-Musik-Evergreen also: Musik und Sprache! (Beziehungsweise: die Kommentarbedürftigkeit moderner Kunst (Arnold Gehlen).) Mit sprachlichen Mitteln wird die Musik be-zeichnet, kontextualisiert, das Hören justiert. Wenn zum Beispiel darüber hinzuinformiert wird, dass zu diesem Mozart hier noch unhörbar CDU-Wahlwerbung läuft.

Das kommt aus der Tradition der Präparation: John Cage begann in den 1940ern, das Klavier im Innenraum mit allerlei Gegenständen derart zu präparieren, dass gänzlich andere Klänge hervorkamen. In das Instrument wird eingegriffen, bestimmte Dinge werden herausgefiltert und voneinander getrennt. Das kann man durchaus als aggresiven Akt ansehen, die Manipulation, die Denaturierung des Bestehenden.

4.

Die musikalische Wahrnehmung verbal einzugrenzen ist absolut verpönt. Man will ja eigentlich unvoreingenommen hören. Wir aber wollen kanalisieren, schließen, fixieren. Außerdem kann ich nicht non stop Musik auf einem Keyboard spielen, das Made in China ist. Mit textlichen Zusätzen sind stärkere Wirkungen möglich als mit den immer kleinteiligeren Materialkombinationen im Neue-Musik-Duktus (der anstrengungslos-begriffslos ist). Denn möglich ist dann erst mal viel:

5.

Jedes Medium kann gebraucht werden. Die Klarinette in pianissimo-Septolen ist nicht von vornherein besser als die vier Akkorde einer Rockband. Im Musiktheater kann es nicht vornehmlich um Strukturhören gehen.

6.

In Feeds geht es um das Hören schlechthin – nicht um Politik, nicht um Liebe, nicht um Musik. All das kommt aber vor, es dient dazu, das Hören zu erschweren. Insofern geht es um das Hören. (Aber Informationen schaden nicht.)

Diese Themen sind Ballaststoff, Einspeise, Aufhänger, Mittel zum Zweck, Ideen, Kommunikationsmedien, Beispiele der Erweiterung und Einschränkung von Klang. Das ist aber auch etwas Inhaltliches: die Entweihung, die Besudelung (Mozart vergiftet – durch Sprache!).

7.

Beispiel Politik: Politik ist zu einem hohen Grad Konsumgut. Das meiste, worüber man in den Nachrichten liest, tangiert das eigene (Er)Leben nicht wirklich. Es passiert in der Welt ja auch immer gerade so viel, wie in fünfzehn Minuten Tagesschau-Komposition passt. Politik ist medial auch für uns: Medium.

(Mit der Musik ist es heute wie mit der linken Avantgarde: Am schönsten ist sie als Konzept.)

8.

Manche Inhalte sind aber doch Herzensangelegenheiten. Nicht alles ist uneigentlich (was?), nicht alles ist Medium für etwas anderes. Die Telekommunikations-Überwachungsmaßnahmen der CDU sind eine Katastrophe, ich habe wirklich Tinnitus, Prostitution ist scheußlich, etc.

9.

In Feeds wird Musik mit Sprache aufgeladen. Auch dieser Text trägt noch seinen Teil bei, unsynchronisiert: Die einen werden ihn noch vor der Aufführung lesen, die anderen währenddessen, oder erst danach. Er ist eine frei begehbare Installation zum Stück, so wie jedes Programmheft.

10.

Was für ein Hören ist das, das verbal sensibilisiert, bekräftigt, gestützt, fokussiert, gelenkt, gegängelt, verwirrt, hintertrieben, malträtiert wird? Zwangsbegleitete Melodien, Verfremdungseffekte, „konzeptuelle Zumutungen“ (Mahnkopf). Differenz zwischen dem Hören und dem Gehörten, zwischen Zeichen und Bezeichnetem; sie bilden Intervalle, Akkorde. Auftrennung immerzu, Falschheit als Distanzierungsmittel. (Kunst soll Handlungsbedarf schüren – es muss erst schlechter werden, damit es besser wird!)

WAS hören wir wirklich? Hören ist ein Filter und ein Synthesizer.

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