{"id":9761,"date":"2013-01-17T05:37:01","date_gmt":"2013-01-17T03:37:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=9761"},"modified":"2013-01-17T00:18:59","modified_gmt":"2013-01-16T22:18:59","slug":"postmoderne-find-ich-super","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=9761","title":{"rendered":"Postmoderne find ich super"},"content":{"rendered":"<p>In der FAZ vom 5.1.2013 steht ein Text, den ich bemerkenswert finde:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/bilder-und-zeiten\/essay-auf-dem-jahrmarkt-der-zeitdiagnosen-12014592.html\">Auf dem Jahrmarkt der Zeitdiagnosen<\/a><\/p>\n<p>J\u00fcrgen Kaube stellt darin fest, wie inflation\u00e4r in Sachb\u00fcchern, Essays, Leitartikeln und Vortr\u00e4gen eine neue Epoche ausgerufen wird \u2013 aber jeder ruft nat\u00fcrlich eine eigene neue Epoche aus. Daf\u00fcr bringt er viele, sehr viele Beispiele.<br \/>\nZum Ende dann sucht er eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Ph\u00e4nomen: Die \u201eBehauptung, an einer Epochenschwelle zu stehen\u201c entspringe einem \u201ePr\u00e4gnanzbed\u00fcrfnis derer [..], die gerne Subjekte der Geschichte sein m\u00f6chten.\u201c Aber schlichte Verkaufsstrategie und \u00dcberbietungsgehabe z\u00e4hlt er ebenfalls zu den Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Im Bereich der Neuen Musik treffe ich oft die Meinung an, die Postmoderne m\u00fcsse doch langsam mal zu Ende sein, man ist ihrer \u00fcberdr\u00fcssig, und manche k\u00f6nnen es also nicht erwarten, haben das \u201ePr\u00e4gnanzbed\u00fcrfnis\u201c, nun die n\u00e4chste Epoche auszurufen. Es ist dabei selten zu \u00fcbersehen, dass darin auch die eigene Wichtigkeit taxiert werden will &#8211; unter einer neuen Epoche macht man\u2019s nicht mehr.<\/p>\n<p>Ich kann mir nicht helfen, ich mache da nicht mit, mir ist das unangenehm und ich teile \u00fcberhaupt nicht die Ansicht. Postmoderne finde ich nach wie vor begl\u00fcckend, Postmoderne ist  ein unpr\u00e4tenti\u00f6ser, also allgemein durchgedrungener Begriff geworden (es ist noch gar nicht so lange her, dass sich die Postmoderne erst mal gegen die Moderne durchsetzen musste, wie in Texten aus den 1990ern zu erfahren ist). Ich akzeptiere dieses allgemeine Lebensgef\u00fchl gerne, und das Internet ist das postmodernste Ding \u00fcberhaupt \u2013 gegen den Pluralismus heute war die in den 1980ern postulierte \u201eNeue Un\u00fcbersichtlichkeit\u201c (Habermas) noch geradezu putzig \u00fcbersichtlich; insofern kommt bei mir \u00fcberhaupt kein Ennui auf. Und wenn Firmen wie Apple oder Facebook ihre eigenen Zirkel schlie\u00dfen, dann verteidige ich den postmodernen Pluralismus unbedingt (siehe dazu auch das Kapitel &#8222;<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6042\">Gegentendenzen<\/a>&#8220; im Essay &#8222;Das totale Archiv&#8220;). Bei allen Problemen, die hienieden noch gel\u00f6st werden m\u00fcssen: Ich habe kein Bed\u00fcrfnis nach einer neuen Epoche. Ich habe ein Bed\u00fcrfnis danach, dass Probleme gel\u00f6st werden und dass das Leben sch\u00f6n ist f\u00fcr m\u00f6glichst alle auf der Welt. Daf\u00fcr arbeite ich als K\u00fcnstler. <\/p>\n<p>(Die Postmoderne selbst sehe ich nicht als Ursache der Probleme, im Gegenteil. So wie Habermas darauf pocht, die Ideale der Moderne erst noch zu verwirklichen, w\u00fcrde ich sagen, dass die Ideale der Postmoderne erst noch verwirklicht werden m\u00fcssen. Noch immer gibt es einen gro\u00dfen Graben zwischen Hoch- und Massenkultur in der Musik, noch immer ist das &#8222;anything goes&#8220; gar nicht wirklich durchf\u00fchrbar, angesichts der im Bereich der Kunstmusik <a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/theorie\/institutionen.htm\">mitkomponierenden Institutionen<\/a>. Warum das dann bek\u00e4mpfen und schon wieder eine neue Epoche herbeischreiben wollen?)<\/p>\n<p>Sicher halte ich die Digitalisierung f\u00fcr eine Revolution, zumindest f\u00fcr die Generationen, die so alt sind, dass sie das Spulen von Kassettenb\u00e4ndern noch erlebten, aber so jung sind, dass sie die Kassettenb\u00e4nder begeistert \/ ohne Kulturpessimismus gegen die neuen Technologien eingetauscht haben. Die Digitalisierung ist ein gro\u00dfes und ungemein spannendes Thema. Wer hingegen nach 1990 geboren ist, f\u00fcr den ist die Digitalisierung \u00fcberhaupt keine Revolution, sondern selbstverst\u00e4ndlich (allerdings ist der Prozess noch nicht abgeschlossen, ich erwarte da noch viele weitere Innovationen, insofern kann es auch den &#8222;Nachgeborenen&#8220; wiederum so ergehen).<br \/>\nOb die \u201eDigitale Revolution\u201c nun \u00fcber mein bescheidenes Leben hinaus eine Revolution darstellt, mag sich abzeichnen, aber schon bei den Vergleichen (wie die Franz\u00f6sische Revolution? wie die Industrielle Revolution? wie die Neolithische Revolution?) wird\u2019s spekulativ. Ist das nun eine Revolution, die eine neue Epoche einl\u00e4utet, wie andere Revolutionen der genannten Gro\u00dfkaliber, oder doch nur eine partielle &#8211; technische &#8211; Revolution, die just die vorhandene Epoche ausdehnt oder vollendet?<\/p>\n<p>Mir ist das wurscht. Allein schon, weil so viele Leute neue Epochen ausrufen, verbietet es sich mittlerweile, eine neue Epoche auszurufen, selbst wenn es objektiv der Fall w\u00e4re. Ich wei\u00df, dass just einige Freunde von mir das anders sehen und praktizieren, und ich toleriere sie v\u00f6llig, vielleicht verstehe ich ihre Beweggr\u00fcnde einfach nicht. Aber es fragt sich, wie produktiv es heute noch sein kann, auf diese Weise zu theoretisieren, es zieht erfahrungsgem\u00e4\u00df mehr Aggressionen auf sich als Zustimmung. Und das hat wahrscheinlich mit dieser Inflation zu tun.<br \/>\nAuf Facebook hat es ein Kommentator unl\u00e4ngst auf den Punkt gebracht:<\/p>\n<p>\u201eWenn ich noch einmal das Wort \u201aParadigmenwechsel\u2019 h\u00f6re, werfe ich einen Sack Reis um!\u201c<\/p>\n<p>Es nutzt ja nichts, noch so hohe Summen auf den Tisch zu legen, wenn Inflation herrscht. Was macht man bei einer Inflation? Eine andere W\u00e4hrung einf\u00fchren. In diesem Sinne braucht es andere Begriffe, aber vielleicht auch etwas mehr Geduld und Z\u00fcgelung im \u201ePr\u00e4gnanzbed\u00fcrfnis\u201c. <\/p>\n<p>Ich jedenfalls sage gerne und mit \u00dcberzeugung: Ich bin Postmodernist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(siehe dazu auch &#8222;<a href=\"http:\/\/www.buecher-zur-musik.de\/assets\/s2dmain.html?http:\/\/www.buecher-zur-musik.de\/53108697370a2cb3f\/5310869dd81323102.html\">Musik, \u00c4sthetik, Digitalisierung &#8211; eine Kontroverse<\/a>&#8220; S. 91)<\/p>\n<p>+++++++++++++<br \/>\nAphorismen des Tages:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Frau prim\u00e4r zarteste<\/p>\n<p>Mehr Diskantklauseln<\/p>\n<p>Borges<br \/>\nDerrida<br \/>\nErweitert<\/p>\n<p>englischer 218f.<\/p>\n<p>Todestrieb saugen<\/p>\n<p>Navigation<br \/>\nAnzahl<br \/>\nDifferential<\/p>\n<p>Und das einer neuen reinen Zeit als Gro\u00dfvater (1909)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der FAZ vom 5.1.2013 steht ein Text, den ich bemerkenswert finde: Auf dem Jahrmarkt der Zeitdiagnosen J\u00fcrgen Kaube stellt darin fest, wie inflation\u00e4r in Sachb\u00fcchern, Essays, Leitartikeln und Vortr\u00e4gen eine neue Epoche ausgerufen wird \u2013 aber jeder ruft nat\u00fcrlich eine eigene neue Epoche aus. 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