{"id":9448,"date":"2012-12-19T07:25:22","date_gmt":"2012-12-19T05:25:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=9448"},"modified":"2012-12-19T13:05:45","modified_gmt":"2012-12-19T11:05:45","slug":"der-low-tech-eskapismus-in-der-neuen-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=9448","title":{"rendered":"Der Low-Tech- und Retro-Eskapismus"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche besuchte ich ein typisches Underground-Konzert der Berliner freien Szene. In einem leeren Ladenlokal in Friedrichshain fand man sich ein, zuerst eine Noise-Improv-Nummer, dann ein Performer, der auf einem Super-8-Projektor \u201aspielte\u2019.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.filmprojectors.eu\/images\/Siemens%202000%20Filmprojektor%20mit%20MAGNETTON-AUFNAHME.jpg\" rel=\"lightbox[9448]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.filmprojectors.eu\/images\/Siemens%202000%20Filmprojektor%20mit%20MAGNETTON-AUFNAHME.jpg\" class=\"alignnone\" width=\"250\" height=\"390\" \/><\/a><\/p>\n<p>Schon zu Beginn des Konzerts stand dieses kleine Monstrum von Filmprojektor ehrw\u00fcrdig da, mit seinen Spulen, Schaltern und eingespannten B\u00e4ndern. Die Performance bestand dann darin, dass die Maschine st\u00e4ndig an- und ausgeschaltet wurde, dabei permanent in der Geschwindigkeit von 1 Bild pro Sekunde bis 25 Bilder pro Sekunde variiert und das ausgegebene Bild mit Filterfolien und Linsen manipuliert wurde, dass ein kleiner Schirm die Projektion in verstellbaren Winkeln einfing, etc.pp., immer wieder wurde noch ein neues Register gezogen, eine kurzweilige halbe Stunde lang. Es war alles sch\u00f6n anzusehen, die Maschine ratterte, zuckelte und stockte expressiv, es ergaben sich immer wieder reizvolle Farben und Formen, der Rhythmus der Aktionen h\u00e4tte etwas entschlossener sein k\u00f6nnen, aber egal.<\/p>\n<p>Mich hat w\u00e4hrenddessen etwas Grunds\u00e4tzliches angefangen zu besch\u00e4ftigen: Was w\u00fcrde der Performer wohl anstellen, wenn er statt dieser 40 Jahre alten Super-8-Maschine einen Beamer von 2012 vor sich h\u00e4tte \u2013 wo es nicht dankbar 100 Orte am Ger\u00e4t gibt, an denen man irgendwas mit einfachen Handgriffen manipulieren kann, sondern er nur diese aseptische Oberfl\u00e4che h\u00e4tte und sich mit der Fernbedienung durch die Men\u00fcs und Untermen\u00fcs hangeln m\u00fcsste. Tja, das w\u00e4re eine Herausforderung. Eine \u00e4sthetische, performative Herausforderung der heutigen, noch ein bisschen mehr entzauberten Welt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/images.otto.de\/asset\/mmo\/formatz\/BenQ-W1060-Beamer-5688022.jpg\" rel=\"lightbox[9448]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/images.otto.de\/asset\/mmo\/formatz\/BenQ-W1060-Beamer-5688022.jpg\" class=\"alignnone\" width=\"240\" height=\"163\" \/><\/a><\/p>\n<p>Es gibt eine regelrechte Low-Tech- und Retroanalog-Bewegung in der Neuen Musik. Da wird mit Kassetten, Megaphonen, Effektger\u00e4ten und Kinderkeyboards fr\u00f6hlich hantiert, manchmal im Resultat ganz h\u00fcbsch, im Einzelnen kein Problem, und man kann mit den Ger\u00e4ten durchaus Sachen machen, die nur mit ihnen m\u00f6glich sind &#8211; also gut, dass sie gemacht werden! Aber bei der H\u00e4ufigkeit, in der mir das seit einigen Jahren begegnet, frage ich mich dann doch, ob das nicht tiefere Gr\u00fcnde hat und was das eigentlich ausdr\u00fcckt. Und ich finde diesen Ansatz dann doch im Grunde total unbefriedigend. Es beschleicht mich der Verdacht: Hier manifestiert sich ein Eskapismus. Es gibt das Bed\u00fcrfnis in dieser Welt 2012, sich mit den (sehr monstr\u00f6sen) Strukturen von Google, Amazon, Smartphones und \u00dcberwachungskameras auseinanderzusetzen; das sp\u00fcren viele Komponisten, f\u00fchlen irgendwie eine Notwendigkeit, Elektronik einzusetzen. Aber im n\u00e4chsten Moment kommt der R\u00fcckzieher und sie fl\u00fcchten sich wieder weg in die harmloseste, banalste Form von Elektronik, in die Welt von Spielzeug und analogem Kleinkram von vor 30 Jahren. Man macht es sich schnell wieder einfach. Sowohl die Komponisten, die was zum Rumfummeln haben und nicht lernen m\u00fcssen, was ein Algorithmus ist (obwohl sie t\u00e4glich die Sklaven von Google-Algorithmen sind), als auch die Interpreten, die keine teuren Interfaces besorgen und keinen Programmabsturz f\u00fcrchten m\u00fcssen. Es wird da eine Aura abgegriffen, eine gewisse Exotik des Vergangenen hereingeholt und der Nostalgie oder gar der &#8222;Infantilgesellschaft&#8220; (Jelinek) gefr\u00f6nt, das ist alles billig zu haben.<\/p>\n<p>Ist man einfach logistisch \u00fcberfordert, ist man \u00e4sthetisch der hypermodernen Welt nicht mehr gewachsen? Mit seinen eigenen Mitteln kommt kein K\u00fcnstlerchen gegen diese Weltkonzerne an, f\u00fcrwahr. Man kann sich Hilfe von Experten heranholen, daf\u00fcr muss man wiederum das Geld haben. Es ist sehr viel Arbeit. Beispielsweise Stefan Prins&#8216; <em>Generation Kill<\/em>, das bei den diesj\u00e4hrigen Donaueschinger Musiktagen viel Beachtung erfahren hat, war in der Tat ein Overkill an Arbeit am Medium &#8211; 4 Laptops je mit Interfaces, 4 Beamer, 8 Webcams, die Spieler mussten Joysticks genau nach Partitur bedienen, eigens gebaute halbtransparente Paravans, Found Footage und Live-Videoremix, spezielle Beleuchtung, Choreographie, Live-Audioelektronik sowieso, ein gigantischer Max\/Msp+Jitter-Patch. Aber hey, Kunst ist halt viel Arbeit. Ich w\u00fcnsche mir, dass dieser Anspruch und dieses Ethos (ganz grunds\u00e4tzlich, nicht nur bezogen auf Elektronik) pr\u00e4senter werden.<\/p>\n<p>+++++++++++++<br \/>\nAphorismen des Tages:<\/p>\n<p>Sanfte Textartikulation Ordnung<\/p>\n<p>Kulturreise Verdopplung<\/p>\n<p>Spitznamen begannen Postulate<\/p>\n<p>Metier wird ernst<\/p>\n<p>Tote Rezipienten<\/p>\n<p>Mischpult Brahms<\/p>\n<p>Abstehende Situationen Buchstaben<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche besuchte ich ein typisches Underground-Konzert der Berliner freien Szene. In einem leeren Ladenlokal in Friedrichshain fand man sich ein, zuerst eine Noise-Improv-Nummer, dann ein Performer, der auf einem Super-8-Projektor \u201aspielte\u2019. Schon zu Beginn des Konzerts stand dieses kleine Monstrum von Filmprojektor ehrw\u00fcrdig da, mit seinen Spulen, Schaltern und eingespannten B\u00e4ndern. 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