{"id":9391,"date":"2012-12-09T06:01:03","date_gmt":"2012-12-09T04:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=9391"},"modified":"2012-12-10T12:40:17","modified_gmt":"2012-12-10T10:40:17","slug":"kommentar-zu-peter-krauts-text-%e2%80%9ediskurs-ohne-folgen-acht-thesen-zu-blinden-flecken-und-chancen-der-kunstmusik%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=9391","title":{"rendered":"Kommentar zu Peter Krauts Text \u201eDiskurs ohne Folgen. Acht Thesen zu blinden Flecken und Chancen der Kunstmusik\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.dissonance.ch\/pix\/dissonanz112moxilogo.gif\" rel=\"lightbox[9391]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.dissonance.ch\/pix\/dissonanz112moxilogo.gif\" class=\"alignnone\" width=\"270\" height=\"88\" \/><\/a><\/p>\n<p>In der Schweizer Zeitschrift \u201e<a href=\"http:\/\/www.dissonance.ch\/\">Dissonance<\/a>\u201c ist im Sommer ein Artikel mit dem Titel <em>Diskurs ohne Folgen. Acht Thesen zu blinden Flecken und Chancen der Kunstmusik <\/em>von <a href=\"http:\/\/www.hkb.bfh.ch\/de\/hkb\/publikationenhkb\/opublikationen\/\">Peter Kraut<\/a> erschienen, den ich interessant finde und kommentieren m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Der Artikel ist <a href=\"http:\/\/www.dissonance.ch\/de\/archiv\/hauptartikel\/355\">hier<\/a> vollst\u00e4ndig online lesbar, ich greife ein paar Gedanken auf.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wird festgestellt, dass sich die Kunstmusik unter Legitimierungszwang befindet. Es ist sehr wichtig, dass das deutlich festgestellt wird: Nur weil die Kunstmusik so viel Geld kostet, kann so etwas wie \u201eDiskurs ohne Folgen\u201c \u00fcberhaupt moniert werden, denn erst der Subventionsaufwand erhebt den Anspruch auf irgendeinen Sinn und Nutzen, irgendeine Folge. Ich sage noch sch\u00e4rfer: <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6806\">Alle \u00e4sthetischen Debatten sind Gelddebatten<\/a>.<\/p>\n<p>These 1 beschreibt, dass die Kunstmusik an einem gesellschaftlich marginalen Ort, im Konzertsaal, stattfindet.<\/p>\n<p>These 2 beschreibt, dass die Kunstmusik um sich selbst kreist, um ihr Medium der traditionellen Instrumente. Der Autor vermisst Bez\u00fcge zur Lebenswelt, beispielsweise durch musique concr\u00e8te-Elemente. Paradigmatisch wird Lachenmann genannt, ein \u201ekonservativer Revolution\u00e4r\u201c, der, statt das Cello in Frage zu stellen, nur das tradierte Cellospiel in Frage stellt.<br \/>\nGut, dass das endlich mal jemand sagt. Ich halte Lachenmann mittlerweile schlicht f\u00fcr einen Restaurator, \u00e4hnlich wie Rihm, nur raffinierter, und leider musikalisch-rhetorisch brilliant. <\/p>\n<p>These 4 kritisiert die Fixierung auf die Notenschrift, die zwar hohe Komplexit\u00e4t erm\u00f6glicht, aber einige Limitierungen mit sich bringt.<br \/>\nIn der Tat wird das durch heutige M\u00f6glichkeiten der Elektronik immer deutlicher, dass das Partitur-Paradigma nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Partituren meiner St\u00fccke sagen \u00fcber das St\u00fcck nur teilweise etwas aus, denn der Elektronik-Teil l\u00e4sst sich nicht ad\u00e4quat notieren. Das ist aber beispielsweise bei Bewerbungen ein Problem, wo aus Zeitgr\u00fcnden meist nur in Partituren gebl\u00e4ttert wird. Ebenso ist Elektronik bei Verlagen nicht gern gesehen. Ein Institutionenproblem.<\/p>\n<p>These 5 beklagt, dass Komponisten Solit\u00e4re sind, wo doch in anderen Kunstsparten es hervorragende Kollaborationen gibt (Fischli&#038;Weiss zB).<br \/>\nNun ja, da bleibe ich skeptisch, zumindest ist sehr schwierig, dass sich K\u00fcnstler diesbez\u00fcglich finden (dazu habe ich mal einen kurzen Text <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6371\">verfasst<\/a>). Auch in der Bildenden Kunst halte ich das f\u00fcr Ausnahmen, wenn auch h\u00e4ufiger anzutreffen als in der Musik.<\/p>\n<p>These 6 stellt umgekehrt fest, dass auch Pop, der mal ann\u00e4hernd Kunstcharakter besa\u00df, den Bach des Kommerzes runtergegangen ist.<br \/>\nMan k\u00f6nnte aber noch fragen, ob sich hier nicht neues Potenzial auftut, wo Pop eben nicht mehr so kommerziell erfolgreich ist, weil der Tontr\u00e4germarkt eingebrochen ist.<\/p>\n<p>These 7 bem\u00e4ngelt, dass die Kunstmusik sich zu wenig von den Errungenschaften des Pop inspirieren l\u00e4sst.<br \/>\nDem kann nur zugestimmt werden!!<\/p>\n<p>These 8 empfiehlt zusammenfassend:<br \/>\nEs w\u00fcrde der Kunstmusik gut anstehen, \u201eetwas weniger Respekt vor der eigenen Tradition und ihren Formen und Ritualen, ihren Texten und Standards, ihren Lehr- und Lernformen zu zeigen, mehr aktives Ausfransen an den R\u00e4ndern und Medien zu betreiben, mehr rebellischen Umgang mit Technologien und (neuen) Instrumenten zu pflegen, mehr R\u00fcckeroberung gesellschaftlicher Plattformen einzufordern und vermehrt Kooperationen mit anderen zeitgen\u00f6ssischen Kunstpraxen einzugehen.\u201c<\/p>\n<p>Soweit der Text, und wie man sich denken kann, stimme ich ihm im Gro\u00dfen und Ganzen zu, er ist zudem gut geschrieben und w\u00e4gt ab, erfreulich, dass jemand die Initiative ergriffen hat.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte aber (konstruktiv) daran kritisieren:<\/p>\n<p>Was dem Text mangelt (ein \u201eblinder Fleck\u201c?), ist Selbstreflexion bzw. eine Befragung der eigenen Methodik: Wie kann es der Text erreichen, dass er selbst nicht wiederum &#8222;ohne Folgen&#8220; bleibt?<br \/>\n&#8211; Es wird die Abgeschiedenheit der Kunstmusik beklagt, aber der Text selber ist in einer Fachzeitschrift abgedruckt. Vielleicht publiziert Peter Kraut ja auch in popul\u00e4reren Organen, ich hoffe es. <del datetime=\"2012-12-10T10:39:24+00:00\">Auf Facebook oder Twitter ist er nicht aktiv<\/del>. Korrektur: Ist auf Facebook aktiv! Ich nehm&#8217;s zur\u00fcck, sorry.<br \/>\n&#8211; Der Text nennt fast keine Namen. Lachenmann wird einmal kritisiert, Helmut Oehring als gutes Beispiel genannt, eingangs werden als regelbest\u00e4tigende Ausnahmen lauter Komponisten aufgez\u00e4hlt, die schon tot oder alt sind. W\u00e4re es nicht produktiver, man w\u00fcrde mehr Namen nennen? Die Verallgemeinerungen sind gleichsam Entsch\u00e4rfungen, niemand f\u00fchlt sich ernsthaft angesprochen.<br \/>\n&#8211; Freilich gibt es mitterweile Unmengen an Beispielen, an Komponisten, die den Weg gehen, den der Autor empfiehlt, aktuell kann man in der Zeitschrift \u201ePositionen\u201c zum Thema \u201e<a href=\"http:\/\/www.positionen.net\/inhalt_pos.php?Heft=93\">Diesseitigkeit<\/a>\u201c einige kennenlernen. Darum ist die \u201aSchuld\u2019 bei den Geldgebern \/ Organisatoren zu suchen, den die bestimmen, wer gespielt wird! Ich denke, es ist erst mal n\u00f6tig, dieses Bewusstsein zu schaffen, f\u00fcr die Macht der Programmmacher, der Festivalleiter und Ensembles &#8211; f\u00fcr das Dispositiv. Es ist wohl ein fruchtloses Unterfangen, einen Komponisten, der bislang jene exklusive Art Neue Musik komponiert hat, welche der Autor r\u00fcgt, dazu bringen zu wollen, dass er anders komponiert. Mir ist kein Fall aus den letzten f\u00fcnfzig Jahren bekannt, in dem so eine \u201eBekehrung\u201c stattgefunden h\u00e4tte. Der Hebel m\u00fcsste stattdessen an den Institutionen, bei den Programmmachern angesetzt werden, der Appell m\u00fcsste sich explizit an sie richten. Alles andere halte ich ann\u00e4hernd f\u00fcr Scheindebatten. (Im \u00dcbrigen ist mein Eindruck, dass sich zumindest in Deutschland die Dinge wirklich beginnen zu \u00e4ndern.)<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur eingangs aufgestellten Pr\u00e4misse, dass die Kunstmusik unter Legitimierungszwang steht. Tats\u00e4chlich passiert momentan aber etwas, das aus dieser jahrzehntelang ungebrochenen Tatsache ausschert. Dank Digitalisierung lassen sich Werke produzieren und verbreiten, ohne dass sie Subventionsgelder in Anspruch nehmen. Als nur ein Beispiel: Anton Wassiljews \u201eSerialismus 2.0\u201c (<a href=\"http:\/\/usernamealreadyexists.net\/?p=1298\">hier<\/a>). Fraglos eine typische \u201aelit\u00e4re\u2019 Neue Musik, aber v\u00f6llig erhaben \u00fcber Kritik, wie sie oben formuliert wurde \u2013 denn das Werk hat keinen Steuercent gekostet. Nicht, dass ich daf\u00fcr pl\u00e4diere, die teuren Konzerte sollten zugunsten allein solcher Formen aufgegeben werden. Aber gerade im Bezug zu der Diskussion um Relevanz der Kunstmusik wird interessant, dass die Kunstmusik in Teilen beginnt, sich einen wirklichen Freiraum zu schaffen, der frei vom uns\u00e4glichen Legitimierungszwang steht. Und irgendwie, obwohl oder gerade weil ich selber oft genug die Weltabgewandtheit der Kunstmusik kritisiert habe, freue ich mich, dass dieser Kritik auf diese Weise Boden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schweizer Zeitschrift \u201eDissonance\u201c ist im Sommer ein Artikel mit dem Titel Diskurs ohne Folgen. Acht Thesen zu blinden Flecken und Chancen der Kunstmusik von Peter Kraut erschienen, den ich interessant finde und kommentieren m\u00f6chte. Der Artikel ist hier vollst\u00e4ndig online lesbar, ich greife ein paar Gedanken auf. Zun\u00e4chst wird festgestellt, dass sich die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":"","footnotes":""},"categories":[15,19],"tags":[],"class_list":["post-9391","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kritik-der-reinen-vernunft","category-theorie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9391"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9391"}],"version-history":[{"count":34,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9391\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9427,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9391\/revisions\/9427"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9391"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9391"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9391"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}