{"id":5824,"date":"2011-10-26T05:31:10","date_gmt":"2011-10-26T03:31:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5824"},"modified":"2014-10-20T21:30:34","modified_gmt":"2014-10-20T19:30:34","slug":"das-totale-archiv-1-neu-und-alt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5824","title":{"rendered":"Das totale Archiv (1): Neu und alt"},"content":{"rendered":"<p>Der Text &#8222;Das totale Archiv&#8220;, den eine Fachzeitschrift \u00fcber Themen der Musik und der \u00c4sthetik als &#8222;stalinistisch&#8220;, &#8222;medienfaschistisch&#8220; und &#8222;neoliberal&#8220; abgelehnt hat, wird stattdessen n\u00e4chstes Jahr im Sammelband &#8222;Musik mit Musik &#8211; Texte 2005-2011&#8220; im Wolke-Verlag erscheinen. (Kulturtechno <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5568\">berichtete<\/a>)<\/p>\n<p>Hiermit beginne ich eine Vorab-Blog-Version in zw\u00f6lf Teilen, mit der ich den momentanen Stand zeigen und zur Diskussion stellen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong> Das totale Archiv<\/strong><\/p>\n<p>1. Neu und alt<\/p>\n<p>War das Lautgedicht, die Rezitation sinnlicher, aber sinnfreier W\u00f6rter, das Hugo Ball 1916 im Z\u00fcrcher <em>Cabaret Voltaire<\/em> pr\u00e4sentierte, etwas Neues? Christian Morgenstern hatte es schon erfunden, wenn \u00fcberhaupt, und die Dadaisten wussten das. Bei den Dadaisten war wohl aber doch, angesichts des tobenden Weltkriegs und ihres ikonoklastischen Protests dagegen, das Lautgedicht qualitativ etwas anderes als beim verspielten Morgenstern zwanzig Jahre fr\u00fcher. Der Grad der Neuheit ist jedoch inkommensurabel und immer findet sich jemand (zum Beispiel die damalige Presse), der gleich abwinkt: \u201eGab\u2019s doch schon!\u201c<\/p>\n<p>Ganz konkret betrachtet ist auch ein nur dastehendes Auto bereits zehn Minuten sp\u00e4ter ein anderes; steht es noch in f\u00fcnfzig Jahren da, ist es, wenn es sich auch materiell \u00fcberhaupt nicht ge\u00e4ndert h\u00e4tte, zum Oldtimer gewandelt. Umgekehrt, je st\u00e4rker man Prinzipien abstrahiert, bleibt die Welt immer \u201agleicher\u2019: Dem Fluxus-St\u00fcck <em>ONE for a violin<\/em> von Nam June Paik, bei dem mit einer Geige, am Griffbrett gehalten, ganz langsam vor einer Tischkante ausgeholt wird, um sie zuletzt daran zu zerschmettern, hielt ein Kritiker sp\u00f6ttisch vor, das sei im Grunde doch wieder tonale Musik, Spannung-Entspannung, Dominante-Tonika. Die hinuntergehauene Geige ist auch nur ein Abbild der platonischen Kadenz.<\/p>\n<p>Hier streiten sich Konkretion und Abstraktion oder lineare und zyklische Geschichtsvorstellungen. Friedrich Nietzsche meinte, dass sich alles permutativ wiederholen m\u00fcsse, wenn die Zeit ewig weiterl\u00e4uft, aber die Materie begrenzt ist. Dem steht der zweite Satz der Thermodynamik gegen\u00fcber, wonach es irreversible Prozesse gibt. Licht, das auf Wasser f\u00e4llt, erw\u00e4rmt dieses, aber die W\u00e4rme wird nicht wieder Licht. Das Universum verdunkelt langsam aber sicher. Die Lehre der ewigen Wiederkehr hingegen entspr\u00e4che einem Perpetuum mobile.<\/p>\n<p>Ob der Langsamkeit der Verdunklung soll aber auch gefragt werden: Wie <em>f\u00fchlt<\/em> es sich an? Ein nicht unberechtigtes Modewort ist der Ausdruck \u201egef\u00fchlt\u201c; \u201egef\u00fchlte Temperatur\u201c, \u201egef\u00fchltes Alter\u201c, \u201egef\u00fchlte L\u00e4nge\u201c \u2013 die subjektive Korrektur schn\u00f6der Fakten.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Senioren \u00e4u\u00dfern gern, dass sie nichts mehr \u00fcberrascht, weil sie das Leben kennen. Die Zeit ist zwar ein Fluss, und darum ist alles, auch das Auto in zehn Minuten, immer neu, aber vielleicht nur im nichtigen Detail. Die F\u00fclle des Neuen ist unendlich, aber man muss sie nicht dramatisieren, sie ist gr\u00f6\u00dftenteils \u201aschlecht unendlich\u2019. Getreue Wiederkehr gibt es nicht, \u201egef\u00fchlte\u201c ziemlich oft, Typen zeichnen sich ab, leere Spektakel ohne neue Qualit\u00e4ten. Jeder Begriff ist ein Begriff des Unverm\u00f6gens oder Unwillens, die Unendlichkeit zu sehen.<\/p>\n<p>Neu und alt greifen meist ineinander. Im Hinblick auf die technologischen Entwicklungen k\u00f6nnen wir das hiesige Zeitalter als sehr progressiv empfinden, gerade darum k\u00f6nnen wir aber auch die Wiederholungen deutlicher sehen. Die neuen Datenmassen lassen sich oft nur durch Verallgemeinerungen und \u00c4hnlichkeiten strukturieren, wie \u00fcberhaupt der Mensch in Zyklen und Analogien denkt und plant, in wiederkehrenden Mustern gerade beim sich \u00c4ndernden. Der gr\u00f6\u00dfte Neurer in der Musik, Arnold Sch\u00f6nberg, war immerzu mit Erkl\u00e4rungen bem\u00fcht, wie sehr er doch in der Tradition st\u00fcnde. Und die Uhr ist, obwohl die Zeit immer weiterflie\u00dft, rund.<\/p>\n<p>Man hat die neue Technik als Erweiterung der menschlichen Natur beschrieben: \u201eDer Hammer ist die Faust, die Schaufel die Grabhand; die M\u00fchle, die das Korn mahlt, nimmt den Z\u00e4hnen die Arbeit ab. Der Motor, der Wagen und Flugzeuge treibt, leistet, was Beine und Fl\u00fcgel, wenngleich langsamer, dem Wesen nach auch leisten.\u201c (Ernst J\u00fcnger),<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Marshall McLuhan sah in vernetzten Computern eine Art Nervensystem,<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Peter Glaser setzt den Livestream in Bezug zum Fluss, an dem sich fr\u00fcher die Siedler niederlie\u00dfen,<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> den Monitor zum Lagerfeuer, der uralten Illumination, auf die der Mensch seit jeher starrt.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Die Gegenseite meint, Maschinen seien keine homomorphen Erweiterungen, sondern \u201eEskalationen\u201c (Friedrich Kittler) mit Eigengesetzlichkeit; Hans Blumenberg nach stiegen beispielsweise die Br\u00fcder Wright aus der Logik der nat\u00fcrlichen Fortsetzung aus, indem sie Flugmaschinen mit Luftschrauben bauten \u2013 rotierende Organe seien der Natur fremd.<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Das Rad ist der S\u00fcndenfall. Nicht selten hinken auch die Vergleiche von digitaler und analoger Welt, wenn zum Beispiel von Software-Diebstahl gesprochen wird, obwohl im Digitalen faktisch nicht weggenommen, sondern vervielf\u00e4ltigt wird. Doch kommt man schwer umhin, sich die neue Welt mit bekannten Prinzipien und Erfahrungen klarzumachen, und vielleicht ist das sogar die beste Strategie, den \u00dcberblick \u00fcber den Fortschritt zu behalten.<\/p>\n<p>W\u00f6rter konservieren: Das Kino nannte man anfangs \u201eLichtspiel\u201c, als Alternative zum Schauspiel; die Leistung des Autos wird auch heute noch in \u201ePferdest\u00e4rken\u201c aufgerechnet. Filme werden \u201egedreht\u201c, obwohl Kameras mit Kurbeln l\u00e4ngst pass\u00e9 sind, und selbst beim digitalen Video wird \u201evorgespult\u201c, wiewohl sich im Computer daf\u00fcr keine Spule befindet. Auf dem Handy \u201elegt\u201c man noch \u201eauf\u201c, obwohl kein H\u00f6rer auf die Gabel kommt, und ein \u201eDiscJockey\u201c legt heute keine Discs mehr auf. Bald werden junge Menschen nicht mehr wissen, dass ein \u201eOrdner\u201c, bevor er Dateien unterbrachte, auch mal ein physisches Ding war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Dazu: Marc Reichwein, <em>G wie gef\u00fchlt<\/em>, in: <em>Die Welt<\/em> vom 1.7.2011. <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article13461513\/G-wie-gefuehlt.html\">http:\/\/bit.ly\/r6UoQZ<\/a> , recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Ernst J\u00fcnger, <em>An der Zeitmauer<\/em>, in: <em>Gesammelte Werke, Zweite Abteilung, Essays Band 8<\/em>, Stuttgart 1981, S. 55.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Marshall McLuhan, <em>Understanding <\/em><em>Media<\/em>, New   York 1964, S. 3.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Peter Glaser, <em>Jetzt. Sofort. Alles.<\/em> In: <em>c\u2019t magazin<\/em> 6\/10, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/aBQpS8\">http:\/\/bit.ly\/aBQpS8<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Peter Glaser, <em>Die digitale Faszination \u2013 Vom Leben auf dem achten Kontinent<\/em>, in: <em>Glaserei<\/em> vom 14.4.2010, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/ohtb7i\">http:\/\/bit.ly\/ohtb7i<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Martin Mayer, <em>Ernst J\u00fcnger<\/em>, M\u00fcnchen 1990, S. 501.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Text &#8222;Das totale Archiv&#8220;, den eine Fachzeitschrift \u00fcber Themen der Musik und der \u00c4sthetik als &#8222;stalinistisch&#8220;, &#8222;medienfaschistisch&#8220; und &#8222;neoliberal&#8220; abgelehnt hat, wird stattdessen n\u00e4chstes Jahr im Sammelband &#8222;Musik mit Musik &#8211; Texte 2005-2011&#8220; im Wolke-Verlag erscheinen. 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