{"id":25876,"date":"2024-02-04T05:02:39","date_gmt":"2024-02-04T03:02:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=25876"},"modified":"2024-01-28T19:04:53","modified_gmt":"2024-01-28T17:04:53","slug":"johannes-kreidler-2021-rhythms-of-history","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=25876","title":{"rendered":"Johannes Kreidler: &#8222;20:21 Rhythms of History&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>20:21 Rhythms of History (2021)<\/p>\n<p>Dauer: 46&#8242;<br \/>\nM\u00f6glichst in Kino-Atmosph\u00e4re anschauen (Projektion im Dunkeln, guter Sound)<\/p>\n<p>Salome Kammer, Stimme<br \/>\nAlexandre Babel, Schlagzeug<br \/>\nSilke Lange, Akkordeon<br \/>\nNoa Niv, Posaune<br \/>\nSonja Lena Schmid, Cello<br \/>\nErnst Surberg, Keyboard<br \/>\nJohannes Kreidler, Konzepte \/ Musik \/ Computergrafik \/ Regie<br \/>\nDejana Sekulic, Inneneinrichtungen<\/p>\n<p>UA: 15.-17.10.2021 Donaueschinger Musiktage<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"281\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/B8XVWUo6sJs?si=j5jO1Qo2tb0E51J2\" title=\"YouTube video player\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Die Filmmontage ist bekanntlich durch Sergej Eisenstein zu k\u00fcnstlerischer Reife gelangt. Und eine Einstellung, wie Rainer Werner Fassbinder sagt, ist im Doppelsinn nicht nur der eingestellte Winkel der Kameraperspektive, es zeigt sich darin auch die Einstellung \u2013 also Haltung \u2013 des Autors. Ein Aneinanderf\u00fcgen, ein In-Beziehung-setzen solcher Einstellungen, sie sozusagen unter Zeit-Druck setzen, erzeugt dann eine komplexe Aussage.<\/p>\n<p>In der Musik ist man die Einheit der Performance gewohnt. Eine Melodie kann man zerschneiden, aber schwerlich ein Cello und nicht seinen Spieler, nicht die Gegenwart. Performance kann gar nicht heterogen sein; bei dieser Praxis im Hier und Jetzt gibt es keine Pl\u00f6tzlichkeit, alles hat sein organisches Ausholen, Luftholen, es gibt nur die eigene Zeit. Film dagegen braucht keinen Auftakt, Montage ist die Kunst der Auftaktlosigkeit, der Schocks.<br \/>\nFilm, das ist ein eng begrenzter Rahmen, der nichts verr\u00e4t vom Drumherum, und zeitlich folgen Einstellungswechsel unvermittelt aufeinander, zwischen denen tats\u00e4chlich Stunden, Wochen, ein Jahrhundert gelegen haben k\u00f6nnen. Ihre Reihenfolgen sind wom\u00f6glich vertauscht, der Zeitcursor springt andauernd, zur\u00fcck und \u00bb\u00fcber Gr\u00e4ber vorw\u00e4rts\u00ab. Im Unterschied zu den Rhythmen eines live gespielten Cellos ist bei den Rhythmen, die einer Celloaufnahme durch Schnitte beigebracht werden, das Kontinuum der Zeit verloren, ersetzt durch k\u00fcnstliche Anordnung, oder vielleicht erst Ordnung oder Zeit \u00fcberhaupt. Film ist Zeitmedium im doppelten Sinne: Er \u00fcberliefert vergangene Zeit in einem eigenen Zeitablauf.<br \/>\n\u00bbDie dem kinematographischen Bild eigene anormale Bewegung befreit die Zeit von jeder Verkettung, sie erlaubt eine direkte Pr\u00e4sentation der Zeit, indem sie das Unterordnungsverh\u00e4ltnis, das diese an die normale Bewegung bindet, umkehrt; \u203ader Film ist die einzige Erfahrung, in der mir Zeit als Wahrnehmung gegeben ist.\u2039\u00ab (Gilles Deleuze)<br \/>\nUnd dem gilt im Verbund mit Musik mein Interesse.<\/p>\n<p>Musiker filmisch komponieren, Noten inszenieren, Schallwellenvisualisierungen platzieren, damit kann ich Einstellungen zur Musik \u00fcberhaupt artikulieren, sie rahmen, \u00e4sthetisch kommentieren und Symbole formen. Ohnehin verstehe ich das Komponieren von Musik schon lange als dem Filmen \u00e4hnlich, will sagen: Immer befindet sich bereits etwas vor der Linse, es gibt kein blankes Notenblatt, man schlie\u00dft Vorhandenes in einen Rahmen ein, editiert, baut um. Die Kantsche Frage, was kann ich \u00fcberhaupt wissen?, hei\u00dft gleichfalls: was kann ich \u00fcberhaupt komponieren? Der Stand der Instrumente und der digitalen Hardware, die Struktur der Notenschrift und Softwares, das Archiv Internet, die Konzepte des H\u00f6rens, das sind die gegebenen oder weiterzutreibenden Medien der Komposition. Und mittlerweile arbeite ich darum auch als Filmemacher, was hei\u00dft, ich begreife Film als Reflexionsmedium der Musik, und Musik als Reflexionsmedium des Films.<\/p>\n<p>Zeit hat keine Geschwindigkeit, sie vergeht absolut gleichm\u00e4\u00dfig. Musik hat alle Zeit der Welt, vom Zeitpunkt zur Zeitfl\u00e4che und zum Zeitraum, aber sie verbraucht sie unweigerlich. Jedes Cellost\u00fcck verbraucht wieder ein bisschen mehr vom Cello. Das Cembalo ist l\u00e4ngst und nahezu vollst\u00e4ndig aufgefressen vom Barock. Die Instrumente werden St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in Musik umgesetzt, bis sie aufgebraucht sind.<\/p>\n<p>Schaut man einen Film, schaut man Vergangenes. Er pr\u00e4sen(s)-tiert, ver-gegenw\u00e4rtigt Vergangenheit. Bilder und Kl\u00e4nge erscheinen, die irgendwann fr\u00fcher aufgenommen wurden, die agierenden Personen sind mittlerweile \u00e4lter; letztlich ist jedes Portraitfoto, schreibt Susan Sontag, ein Memento Mori.<br \/>\nWenn Musik ein Reflexionsmedium f\u00fcr Film ist, dann kann Musik als Film in besonderem Ma\u00dfe auch ein Reflexionsmedium f\u00fcr Zeitlichkeit, und also f\u00fcr Geschichte sein. Der Schnitt, danach Dauer und Rhythmus, die zu entfaltende Falte, die H\u00e4ufung, die Verdichtung, Kontraktion und Aufl\u00f6sung, Zeitsturz, Verschiebung vom Erlebten ins Erinnerte \u2013 dem soll hier die Aufmerksamkeit und Fantasie gelten. Klangvisualisierung ist eine Klangarchivierung. Der ganze Film ist eine strukturelle Reflexion dar\u00fcber. Und auch der Versuch einer Vision.<\/p>\n<p>Der Mensch ist mit dem Begriff wie mit dem Schnitt talentiert, mit dessen Wucht er seine Welt von Chaos scheidet, und man h\u00f6rt gleichfalls begrifflich, H\u00f6ren ist \u2013 mittlerweile \u2013 von sprachlichem Wissen zutiefst durchsetzt. Der Schnitt im Film ist gleichfalls Zeilenumbruch, Sekundenschlaf, totes Intervall. Schon mit dem Lidschlag f\u00e4ngt es an, ein Shutter, \u00e4hnlich den 25 Einzelbildern pro Sekunde, jenem Trug, auf dem Filmbewegung \u00fcberhaupt fu\u00dft. Wann sind wir uns in der \u203aEchtzeit\u2039 der f\u00e4lligen Schnitte, Revisionen, Reste, Aneinanderkettungen und Auslassungen schon bewusst \u2013, oder umgekehrt, der Illusion von Kontinuit\u00e4t \u00fcberhaupt. Aber der Schnitt kann auch heilen. Er vermag den Gordischen Knoten zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>In Friedrich Nietzsches Beschreibung vom \u203aletzten Menschen\u2039, der, perfektioniert, alle Geschichte hinter sich gelassen hat, ist mehrmals davon die Rede, dass dieser auff\u00e4llig blinzelt, und jahrelang habe ich mich gefragt, was dieses Detail zu bedeuten hat. Vielleicht das: Ohne weitere geschichtliche Z\u00e4suren verselbst\u00e4ndigt sich die Grundfunktion von Wahrnehmung zu einem selbstreferenziellen Tick, \u00fcbermotorisch und halb-blind, sie teilt, wo es gar nichts mehr zu teilen gibt. Der letzte Rhythmus ist der der Wahrnehmung selbst, und paradoxerweise geht damit Blindheit einher. Wahrnehmung muss anderes wahrnehmen. Autoreflexion ist unerl\u00e4sslich, aber nicht jede Gehirnzelle kann sich selbst denken. Die Kamera kann sich nicht selbst filmen, so wie der Hammer nicht sich selbst beh\u00e4mmern kann. Sitzt der Stiel locker, braucht es einen zweiten Hammer, ihn wieder fest einzuschlagen und ihn damit zum Hammer zu machen; der (Kamera-)Blick braucht andere Blicke, die Musik braucht andere Musik, einen geschichtlichen Unterschied, eine \u203aGap\u2039 zwischen den Musikst\u00fccken, Nacht zwischen zwei Tagen. So wie Kunst sich nicht einf\u00fcgt ins Kontinuum der Zeit, sondern darin eingreift und unterbricht.<\/p>\n<p>Hinzu ist gekommen, dass zur Zeit der Entstehung des Films das Corona-Virus hereinbrach. Erst eine Naturkatastrophe, dann auch schnell eine des Ringens um Wahrheit, eine epidemiologische und epistemologische Krise. Form und Rhythmus von In-Formationen werden in Zeiten der Unsicherheit zu besonders empfindlichen Faktoren, sie werden unversehens zu Rhythmen der Geschichte: Kurvenverl\u00e4ufe, Prognosen, Wendepunkte, Lebensenden. Dem ungl\u00fccklichen Moment muss man nicht sagen, verweile doch, das tut er von sich aus schon, Ungl\u00fcck wird potenter memoriert als Gl\u00fcck \u2013 verweile doch nicht! In diesem recht d\u00fcsteren Loch nahm der Film seine Gestalt an.<\/p>\n<p>Das hier ist ein Kinofilm. Die Arbeit zerf\u00e4llt immer mehr in viele, viele Einzelkonzepte. Hier lag im Laufe der Entstehung ein gro\u00dfer Pool vor, aus dem ich zusammengestellt habe, das Minusbolero-Verfahren auf das eigene Material angewandt: ein st\u00e4ndiges Selbstfiltern. Es h\u00e4tte auch anders werden k\u00f6nnen; das Werk k\u00f6nnte auch eine Rauminstallation sein, mit mehreren gro\u00dfen Screens und Live-Musikern. Doch hier liegt das als fixierter Film vor. Im Kinosaal, ein Inne- und Drinnehalten, \u00f6ffnet sich das Zeitfenster eines rechteckigen hellen Fleckens vorne, plus Klang. Der Wert des Kinoraums ist, frei von D\u00fcsternis, die Dunkelheit. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20:21 Rhythms of History (2021) Dauer: 46&#8242; M\u00f6glichst in Kino-Atmosph\u00e4re anschauen (Projektion im Dunkeln, guter Sound) Salome Kammer, Stimme Alexandre Babel, Schlagzeug Silke Lange, Akkordeon Noa Niv, Posaune Sonja Lena Schmid, Cello Ernst Surberg, Keyboard Johannes Kreidler, Konzepte \/ Musik \/ Computergrafik \/ Regie Dejana Sekulic, Inneneinrichtungen UA: 15.-17.10.2021 Donaueschinger Musiktage Die Filmmontage ist bekanntlich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":"","footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-25876","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-id"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25876"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25876"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25876\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25877,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25876\/revisions\/25877"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25876"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25876"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25876"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}