{"id":25480,"date":"2023-08-23T05:23:03","date_gmt":"2023-08-23T03:23:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=25480"},"modified":"2023-08-20T21:29:59","modified_gmt":"2023-08-20T19:29:59","slug":"25480","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=25480","title":{"rendered":"Messe mit oder ohne Pausen"},"content":{"rendered":"<p>Diese Messe aus der Renaissance kann mit oder ohne Pausen gesungen werden. Finde frei verf\u00fcgbar leider keine Vergleichsaufnahmen.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">I made a piece a few years ago where I took the rests out of a Beethoven string quartet. But like all my ideas, someone did it better 500 years ago. Apparently Moulu&#39;s &quot;Missa Alma redemptoris mater&quot; can be sung with or without the rests.<a href=\"https:\/\/t.co\/bXL9exOVnG\">https:\/\/t.co\/bXL9exOVnG<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Erik Carlson (@rkcrlsn) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/rkcrlsn\/status\/1689391776086503424?ref_src=twsrc%5Etfw\">August 9, 2023<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p> <script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script> <\/p>\n<blockquote><p>Das am meisten gefeierte Werk von Moulu ist die Missa Alma redemptoris mater, die bereits zu Beginn der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts von August Wilhelm Ambros, einem Pionier im Bereich der Musikwissenschaft, entdeckt wurde. Danach wurde das Werk in den Standardwerken zur Geschichte der Renaissancemusik des sp\u00e4ten 20. Jahrhunderts von Gustave Reese und Howard Mayer Brown aufgef\u00fchrt. Der Grund, weshalb einem sonst unbekannten Komponisten derartige Aufmerksamkeit gewidmet wird, ist der Kanon, der dieser Messvertonung zugrunde liegt. (\u201eKanon\u201c bezieht sich hierbei allgemein auf formale Regeln, die ein St\u00fcck bestimmen, und nicht auf die engere Bedeutung, die der Ausdruck erst sp\u00e4ter annahm, der zufolge zwei Stimmen mit denselben Notenfolgen erklingen.) Zu Beginn des St\u00fcckes findet sich die lateinische Anweisung \u201eTolle moras, placido maneant suspiria cantu\u201c (w\u00f6rtlich: \u201ehebt die Pausen auf, lasst den Atem des Lieds ruhig fortdauern\u201c). In manchen Quellen ist diese Anweisung auch in der Umgangssprache notiert: \u201eSi vous voulez avoir messe de cours \/ Chantes sans pauses en souspirant de cours\u201c (\u201eWenn Sie eine kurze Messe wollen \/ Singen Sie ohne Pausen und atmen Sie kurz\u201c). Es bedeutet dies, dass die Messe sowohl mit den Pausen von der L\u00e4nge einer Semibrevis (oder eines gr\u00f6\u00dferen Notenwerts) gesungen werden kann oder auch ohne diese Pausen: der polyphone Satz ist so angelegt, dass beides passt. Obwohl von dieser Technik auch anderswo Gebrauch gemacht wird, ist die Missa Alma redemptoris mater doch im gesamten Renaissance-Repertoire mit Abstand das beste Beispiel daf\u00fcr. (Zu den anderen St\u00fccken dieser Art geh\u00f6ren eine kanonische Motette, die ebenfalls von Moulu ist und\u2014neben einem anderen ebensolchen St\u00fcck von Costanzo Porta\u2014in einem Traktat \u00fcber Musik aus dem fr\u00fchen 17. Jahrhundert von Lodovico Zacconi besprochen wird, eine fantasia con e senza pause von dem in England lebenden Flamen Philip van Wilder sowie eine Vertonung der Marianischen Antiphon Regina caeli von Pierre de Manchicourt (ca.1510\u20131564), in der die zweith\u00f6chste Stimme sich aus der h\u00f6chsten ableitet, indem die Pausen weggelassen werden. Manchicourts Motette ist von dem Brabant Ensemble auf Hyperion CDA67604 aufgenommen worden.) Moulus Messe reiht sich also in eine lange Tradition musikalischer Kompositionen ein, denen mathematische Einschr\u00e4nkungen, oft betr\u00e4chtlicher Komplexit\u00e4t, zugrunde liegen. Die Existenz solcher St\u00fccke hebt die enge Verbindung von Mathematik und Musik im sp\u00e4tmittelalterlichen Denken hervor: die S\u00e4nger, die solche komplexen Werke auff\u00fchrten, waren hochspezialisierte Profis, die oft direkten Kontakt mit dem Komponisten hatten und den Herausforderungen kryptischer Notation durchaus gewachsen waren. Um 1520 jedoch, als Moulu t\u00e4tig war und die neue Technik des Notendrucks es erm\u00f6glichte, ein viel gr\u00f6\u00dferes Publikum f\u00fcr musikalische Kompositionen als jemals zuvor zu erreichen, konnte man nicht mehr davon ausgehen, dass alle potentiellen Empf\u00e4nger seiner Musik den Kanon auch richtig verstehen und ausf\u00fchren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Die Probleme, die sich bei Moulus Kanon auftun, werden in den Quellen der Messe aus dem 16. Jahrhundert deutlich (deren Anzahl sich auf beeindruckende 15 Exemplare bel\u00e4uft, wenn man diejenigen in musiktheoretischen Traktaten oder auch in Sammlungen von zweistimmigen Werken mitz\u00e4hlt, wo jeweils nur Ausz\u00fcge des Werks abgedruckt sind). Zwar ist es in einer modernen Partitur notwendig, die beiden Versionen v\u00f6llig separat zu notieren, doch erlaubt die im 16. Jahrhundert \u00fcbliche Praxis, der zufolge die Stimmen einzeln standen (entweder in separaten Stimmb\u00fcchern oder in gro\u00dfen Chorb\u00fcchern, wo jede Stimme in einem Block in einer Ecke der Doppelseite notiert wurde), beide Versionen gleichzeitig zu notieren. Die S\u00e4nger ignorieren dann einfach die l\u00e4ngeren Pausen, wenn sie die kurze Version singen. Da die Anzahl solcher Pausen aber nicht in jeder Stimme gleich ist, m\u00fcssen manche Stimmen (je nach Version) enden, bevor sie die letzte Note erreicht haben, damit sie zusammen mit ihren Kollegen die Schlusskadenz singen k\u00f6nnen. Die Stellen, an denen dies auftritt, sind durch ein sogenanntes signum congruentiae (w\u00f6rtlich: Kongruenz-Zeichen) markiert, das \u00e4hnlich aussieht, wie die \u201edal-segno\u201c-Symbole, die sp\u00e4ter benutzt wurden. Diese Praxis sorgte offenbar f\u00fcr ein betr\u00e4chtliches Ma\u00df an Verwirrung. Teilweise l\u00e4sst sich dies durch Moulus Einfallsreichtum erkl\u00e4ren, mit dem er seine Praxis variierte\u2014manchmal m\u00fcssen gewisse Teile in der kurzen Version ausgelassen werden, manchmal in der langen Version, und in keiner Quelle wird angegeben, was genau verlangt ist. F\u00fcr weitere Schwierigkeiten sorgte der Herausgeber der \u00e4ltesten gedruckten Quelle (Rom 1522), in der dieser und mehrere andere Aspekte der Messe falsch wiedergegeben wurden, was dann von denen korrigiert werden musste, die auf diese Ausgabe angewiesen waren. Auf diese Weise nahm Moulus Messe im Laufe des Jahrhunderts mehrere verschiedene Formen an. Manche Kopisten waren beispielsweise der Ansicht, dass das zweifache Wesen des Werks \u00fcber die F\u00e4higkeiten ihrer Ausf\u00fchrenden hinausging. So kopierten sie entsprechende Quellen, wo die Messe nur in ihrer \u201ekurzen\u201c Version, ohne die Pausen, notiert ist. Bei einem solchen Exemplar kann gezeigt werden, dass es von einer vollst\u00e4ndigen Fassung kopiert wurde, was zusammen mit der Auslassung des dritten Agnus Dei\u2014wo die Struktur von vier auf f\u00fcnf Stimmen erweitert wird\u2014deutliche Hinweise darauf gibt, wie der Kopist die F\u00e4higkeiten seines Chors einsch\u00e4tzte.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Messe aus der Renaissance kann mit oder ohne Pausen gesungen werden. Finde frei verf\u00fcgbar leider keine Vergleichsaufnahmen. I made a piece a few years ago where I took the rests out of a Beethoven string quartet. But like all my ideas, someone did it better 500 years ago. 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