{"id":8935,"date":"2012-10-04T05:26:59","date_gmt":"2012-10-04T03:26:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=8935"},"modified":"2012-09-26T12:40:59","modified_gmt":"2012-09-26T10:40:59","slug":"meine-donaueschinger-programmtexte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=8935","title":{"rendered":"Meine Donaueschinger Programmtexte"},"content":{"rendered":"<p>Bei den diesj\u00e4hrigen <a href=\"http:\/\/www.swr.de\/swr2\/festivals\/donaueschingen\/programme\/2012\/-\/id=9888204\/xn2ibc\/index.html\">Donaueschinger Musiktagen<\/a> wird ein neues St\u00fcck von mir uraufgef\u00fchrt sowie eine neues Video als Installation gezeigt. Das sind die zugeh\u00f6rigen Programmtexte:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der \u201eWeg der Verzweiflung\u201c (Hegel) ist der chromatische.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>f\u00fcr 9 Instrumente, Audio- und Videozuspielung, 16\u2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste nicht nur mein Name als Autor dranstehen, denn das meiste habe ich vom Computer komponieren lassen (Zufallsgeneratoren kann man Subjektivit\u00e4t zugestehen); ich habe nur geeignete Resultate ausgew\u00e4hlt. Selber w\u00e4re ich auf sie nicht gekommen. Und dann sind da haufenweise Fremd-Samples aus Audio- und Videoarchiven \u2013 <em>Musik mit Musik<\/em>; ich wollte mitunter durchschnittliche oder sogar schlechte Musiken haben, die daher als Medium taugen.<br \/>\nMan muss \u201eMaterial\u201c als ungen\u00fcgend empfinden, sonst h\u00e4tte man doch keinen Anlass, daraus etwas zu machen. Das ist die Definition von \u201eMaterial\u201c.<\/p>\n<p>&#8222;Dass es noch einmal Eigentum an \u201aIdeen\u2019 und den Versuch geben w\u00fcrde, dieses Eigentum juristisch zu sch\u00fctzen, das h\u00e4tte sich Plato nicht tr\u00e4umen lassen.&#8220; (G\u00fcnter Anders)<br \/>\nDie Samples sind ohnehin nur die Oberfl\u00e4che, das viel gr\u00f6\u00dfere Sampling ist das der gesellschaftlichen Kr\u00e4fte. Der einzelne Komponist w\u00e4re viel zu schwach, um Kunst zu schaffen; er ist immer auf externe Energien angewiesen, auf die Eigendynamiken von Widerspr\u00fcchen, die latent und noch diffus umherschwirren, von denen im Werk etwas erfasst und isoliert wird.<\/p>\n<p>Hauptthema des St\u00fcckes sind Tonh\u00f6henbewegungen nach oben und nach unten (oder in Richtung <em>scharf<\/em> und <em>dumpf<\/em>, wie die alten Griechen sagten), die emotionalen Wirkungen, die diese Verl\u00e4ufe fast zwingend haben, selbst wenn sie v\u00f6llig technisch konstruiert sind, oder gerade dann. Ich habe den Computer davon viele erstellen lassen, sozusagen mathematische Traurigkeiten und algorithmische Emphasen. Emotionsgeh\u00f6rbildung. Sinustonexpressionismus.<br \/>\nEs gibt bei Bach und Vivaldi gegen Ende gr\u00f6\u00dferer Abschnitte manchmal pure Tonleitern als Melodien, und sie haben die reinste Wirkung: Die Struktur spricht.<\/p>\n<p>Lachenmann-Remix, jetzt mal ernsthaft. Und warum wird heute so viel Xenakis gespielt? Weil Xenakis allt\u00e4glich bei Google wiederkehrt. Eine Google-Suche ist strukturell von Xenakis\u2019 Musik kaum unterscheidbar. Man spricht ja auch von <em>Software-Architektur<\/em>.<br \/>\nDas bedeutendste Requiem des 20. Jahrhunderts stammt nicht von Britten oder Ligeti, sondern hat Max Matthews komponiert. Es erklingt in Stanley Kubricks Film <em>2001<\/em>, als der sterbende Computer anf\u00e4ngt zu singen.<\/p>\n<p>25 Posaunen, 108 Klaviere, kein Problem. Wenn ich 30 Gitarren brauche, nehme ich sie mir: Ich nehme sie auf, als Audio und Video.<\/p>\n<p>\u201eDer Weg der Verzweiflung\u201c, das klingt pathetisch, aber Hegel meint damit in der Vorrede zur <em>Ph\u00e4nomenlogie des Geistes<\/em>, dass durch den Zweifel hindurchgegangen wird, man ein Mal komplett ver-zweifelt. Hegels Logik ist zutiefst emotional. Diese Verquickung halte ich nicht nur f\u00fcr vorbildlich, sondern auch f\u00fcr \u00e4sthetisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Partitur:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/weg-der-verzweiflung.pdf\">http:\/\/www.kreidler-net.de\/weg-der-verzweiflung.pdf<\/a><\/p>\n<p>Skizzen:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/weg-der-verzweiflung-skizzen.pdf\">http:\/\/www.kreidler-net.de\/weg-der-verzweiflung-skizzen.pdf<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/kulturtechno-files\/kreidler-wegderverzweiflung-still.jpg\" class=\"alignnone\" width=\"500\" height=\"400\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p><strong>Split Screen Studies<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Video, 9\u2019<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine technische Schaltung kann den Charakter eines Kunstkonzepts haben oder sie fordert mich dazu heraus, ihr \u00e4sthetisches Potenzial zu ergr\u00fcnden. Ein Keyboard, bei dem ein Ton erst erklingt, wenn die Taste losgelassen wird, ein 3D-Sensor, der allt\u00e4gliche Bewegungen in Geigenmusik transformiert, Sch\u00f6nbergs <em>Pierrot Lunaire<\/em> von einem Autonavigationsger\u00e4t gesprochen, usw. Wichtig ist mir dabei, die Technik funktional f\u00fcr etwas Weiteres einzusetzen, im Sinne der <em>gehalts\u00e4sthetischen Wende<\/em> (Harry Lehmann).<\/p>\n<p>Mit dem <em>Split-Screen<\/em>-Verfahren experimentieren Regisseure und Experimentalfilmer schon lange: Abel Gances <em>Napol\u00e9on<\/em> (1928) ist ein Spielfilm auf drei Leinw\u00e4nden, Alfred Hitchcock inszeniert mit dem <em>Fenster zum Hof<\/em> (1954) gleichzeitig ablaufende Szenen; doch erst im digitalen Zeitalter ist die Technik zu einem breit angewandten Ph\u00e4nomen geworden \u2013 weil es nun technisch leicht realisierbar ist, und die heutigen riesigen Datenmengen solche Darstellungsformen erfordern.<\/p>\n<p>Meine <em>Split Screen Studies<\/em> befassen sich mit M\u00f6glichkeiten, aus verschiedenen, gleichzeitig laufenden Videoaufnahmen (Konzept-)Musik zu gestalten, wobei dank der visuellen Ebene auch Semantiken und Symbole darstellbar sind. Aus vielen kleinen Aktionen k\u00f6nnen Texturen gebildet werden, \u00e4hnlich wie im Orchester, hier aber mit Aufnahmen von Au\u00dferhalb des Konzertsaals, oder zeitlich voneinander logisch getrennte Momente lassen sich zusammenf\u00fchren \u2013 Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/kulturtechno-files\/kreidler-splitscreenstudies-still.jpg\" class=\"alignnone\" width=\"500\" height=\"400\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei den diesj\u00e4hrigen Donaueschinger Musiktagen wird ein neues St\u00fcck von mir uraufgef\u00fchrt sowie eine neues Video als Installation gezeigt. 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