{"id":8443,"date":"2012-08-15T09:27:20","date_gmt":"2012-08-15T07:27:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=8443"},"modified":"2012-08-15T23:56:23","modified_gmt":"2012-08-15T21:56:23","slug":"darmstadt-2012","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=8443","title":{"rendered":"Darmstadt 2012"},"content":{"rendered":"<p>Vor zwei Wochen endeten die diesj\u00e4hrigen Darmst\u00e4dter Ferienkurse f\u00fcr Neue Musik, ich war die ganze Zeit \u00fcber dabei.<\/p>\n<p>Zwei Tendenzen haben sich f\u00fcr mich gezeigt:<br \/>\n1. Demokratisierung. Der &#8222;Open Space&#8220; ist eine wunderbare Angelegenheit und tats\u00e4chlich eine Revolution in Darmstadt: Es stehen viele R\u00e4umlichkeiten mitsamt Technik, in einem Raum sogar mit einem Fl\u00fcgel, gro\u00dfen Lautsprechern, Mikrofonen und Lichtanlage zur Verf\u00fcgung, in denen jede(r) seine eigene Pr\u00e4sentation, Lecture, sein kleines Konzert veranstalten kann. Hei\u00dft aber auch: Nie wieder wird es in Darmstadt die &#8222;gro\u00dfen&#8220; Diskussionen geben, stattdessen Ausdifferenzierung: Jede(r) geht eben zu der Veranstaltung, die ihn\/sie interessiert. Ich habe dort viele interessante Sachen erlebt (zB hat einer eine gute Idee vorgestellt, wie man am Laptop die Verteilung von Musikern im Raum darstellen kann) &#8211; und leider viele verpasst, von denen mir andere nachher erz\u00e4hlt haben. Und es hei\u00dft: Die Darmstadt-Besucher haben es zu einem Gutteil selber in der Hand, Darmstadt attraktiv zu machen (also: Alle Kritiker von au\u00dfen m\u00f6gen einfach kommen und es besser machen, die R\u00e4ume stehen offen).<br \/>\n2. Technisierung. Die Neue Musik wird immer mehr zur Medienkunst; einige Konzerte vor allem der j\u00fcngeren Ensemble-Generation setzten auff\u00e4llig diesen Akzent. Zu nennen w\u00e4ren das Nadar-Konzert, das Besides-Konzert, das Ictus-Konzert, das Exaudi-Konzert, das Konzert von Oslo Sinfonietta und vom Zwerm Quartet. Es wird selbstverst\u00e4ndlich bei der neuen Ensemble-Generation und bei den Komponisten, dass anspruchsvollste Technik beherrscht und eingesetzt wird. Schon r\u00e4umlich war der Unterschied pr\u00e4gnant: die &#8222;klassischen&#8220; Konzerte fanden in der barocken Orangerie statt, die &#8222;neuen&#8220; (wenn ich so sagen darf) in der modernen Mehrzweckhalle (Centralstation) und im Club (603qm). Ich bin irgendwann gar nicht mehr zu den klassischen Konzerten gegangen, den Berichten nach hat mich mein Bauchgef\u00fchl nicht get\u00e4uscht.<br \/>\nAuch die Konzertform selbst wandelt sich: Konzerte werden ohne Applausunterbrechungen durchgespielt und dramaturgisch gestaltet; Ictus hat die St\u00fccktitel auf eine Leinwand projiziert (super, ich mochte Programmhefte <a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/theorie\/textinstallationen.htm\">noch nie<\/a>). Auch sehr witzig das Konzept von Besides: In den Umbaupausen zwischen den St\u00fccken lief leise Muzak &#8211; eine sch\u00f6ne Irritation, das habe ich so noch nie geh\u00f6rt (<- da ist es, das NEUE!!!).\n\nWas mir in guter Erinnerung bleibt: Endlich ist Matthew Shlomowitz' Musik auch in Deutschland angekommen, von Joanna Bailie gab es ein sch\u00f6nes St\u00fcck und eine sch\u00f6ne Lecture, die Vortr\u00e4ge von Martin Sch\u00fcttler, Michael Maierhof und Michael Rebhahn setzten Impulse, \"Park\" von Shila Anaraki und Stefan Prins habe ich leider nicht live gesehen, aber im Open Space die Aufnahme, wo auf jeden Fall zu sehen war, dass es ein frisches Projekt ist, St\u00fccke von Alexander Schubert, Simon Steen-Andersen, Niklas Seidl, Bryn Harrison, Jorge Sanchez-Chiong und Eva Reiter; die Anwesenheit von Jennifer Walshe war inspirierend, die Performances von Matmos waren prima. Ein besonderes Ereignis waren die Orchesterimproviationskonzepte \"doppelt bejaht\" von Mathias Spahlinger mit einem Berlin Musikerkollektiv. Aber auch die Pr\u00e4sentationen im Open Space vom Decoder-Ensemble oder von Mathias Monrad M\u00f8ller sind haften geblieben. Leider habe ich auch vom Ictus-Konzert nicht alles mitgekriegt, bin nach der Preisverleihung an der Bar h\u00e4ngengeblieben.\n\nAllgemein wurden die Matineekonzerte, in denen drei junge Komponisten einen Alt-Meister interviewten, gelobt (was die NZZ dazu <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/feuilleton\/pop_jazz\/laues-poltern-oder-zukunftsmusik-1.17451887\">schreibt<\/a>, ist eine dreiste Unversch\u00e4mtheit). Ich denke, die Generationenunterschiede sind deutlich geworden, vor allem bei den Diskussionen mit Brian Ferneyhough und Wolfgang Rihm. DeutschlandRadio Kultur wird sie im September ausstrahlen, ich werde darauf hinweisen.<\/p>\n<p>Dann gab es nat\u00fcrlich noch unz\u00e4hlige weitere Veranstaltungen, vor allem im Open Space, die ich nicht mitgekriegt habe &#8211; also ist meine Sicht nur einigerma\u00dfen ausschnitthaft. Wie immer fanden die interessantesten Gespr\u00e4che in Darmstadt aber wohl in der Hotelbar nachts zwischen 1 und 5 Uhr statt; ich finde, daran zeigt sich, dass Musik f\u00fcr die Darmstadt-Besucher eine existenzielle Erfahrung ist. In der Nacht vor meinem Vortrag habe ich gar nicht erst versucht, noch zu schlafen &#8211; that&#8217;s Darmstadt.<\/p>\n<p>Was noch besser sein k\u00f6nnte bei den Kursen, ist die Internetpr\u00e4senz; es gibt einige Leute, die nicht vor Ort sind, aber zeitnah gerne etwas erfahren w\u00fcrden. Immer mehr Kongresse und Symposien stellen ihre Vortr\u00e4ge und Veranstaltungen als Video online, das w\u00e4re nicht allzu gro\u00dfer Aufwand auch f\u00fcr die Kurse (kann man die Rechtefrage entweder mit der GEMA aushandeln oder, nunja, informell handhaben?). Und wozu gibt es denn die &#8222;Schreibwerkstatt&#8220;, wenn nicht, um einen Ferienkursblog zu schreiben? Sowieso, da man auch als Kursbesucher zwangsl\u00e4ufig viel verpasst, w\u00e4re nachtr\u00e4gliche \u00f6ffentliche Archivierung w\u00fcnschenswert (zu dem Thema habe ich mich in der GNM-Diskussion mit Martin Zenck bez\u00fcglich der Basler Sacher-Stiftung ordentlich gezofft). Ich hoffe, das wird in Zukunft optimiert. Aber zugegeben ist man w\u00e4hrend der Kurse so sehr mit Kursbesuch besch\u00e4ftigt, dass f\u00fcr Internetpublikation kaum Zeit und Ruhe bleibt.<\/p>\n<p>Noch ein Kritikpunkt ist, dass in Darmstadt zwar der Diskurs \u00fcber &#8222;die Neue Musik&#8220; gef\u00fchrt wird, aber gerade die, die institutionell wichtige Entscheidungen f\u00e4llen, zum Beispiel welche St\u00fccke gespielt werden, also Veranstalter und Ensembles, sich diesem Diskurs nahezu vollst\u00e4ndig entziehen, so dass man sich manchmal fragen muss, wozu man eigentlich im Klein-klein der Noten diskutiert, wenn die gro\u00dfen Entscheidungen unbesprochen bleiben. Ich habe das am Ende der Diskussion mit Wolfgang Rihm angesprochen (und dar\u00fcber fr\u00fcher schon mal hier <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6806\">gebloggt<\/a>). Mehr Transparenz halte ich f\u00fcr ein Gebot der Stunde.<\/p>\n<p>Soweit meine diesj\u00e4hrigen Darmstadt-Eindr\u00fccke. 2014 werde ich wieder dort sein.<\/p>\n<div style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/fbcdn-sphotos-h-a.akamaihd.net\/hphotos-ak-snc7\/430212_10151025954418731_746192209_n.jpg\" rel=\"lightbox[8443]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/fbcdn-sphotos-h-a.akamaihd.net\/hphotos-ak-snc7\/430212_10151025954418731_746192209_n.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"375\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Darmstadt: hitzige Auseinandersetzung um den Materialstand (nachgestellt)<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zwei Wochen endeten die diesj\u00e4hrigen Darmst\u00e4dter Ferienkurse f\u00fcr Neue Musik, ich war die ganze Zeit \u00fcber dabei. Zwei Tendenzen haben sich f\u00fcr mich gezeigt: 1. Demokratisierung. 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