{"id":8141,"date":"2012-06-23T05:11:46","date_gmt":"2012-06-23T03:11:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=8141"},"modified":"2012-06-23T12:18:14","modified_gmt":"2012-06-23T10:18:14","slug":"eplayer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=8141","title":{"rendered":"ePlayer &#8211; \u00fcber das Komponieren mit Instrumentensamples"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich hatte ich <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=8031\">hier<\/a> Harry Lehmanns Text &#8222;<a href=\"http:\/\/www.harrylehmann.net\/neu\/wp-content\/uploads\/2011\/11\/diss117_04_hb_hl_infiltrationen.pdf\">Die gehalts\u00e4sthetische Wende der Neuen Musik<\/a>&#8220; verlinkt, den nun Stefan Hetzel dr\u00fcben im Bad Blog <a href=\"http:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2012\/06\/19\/von-der-tomate-zur-tutensuppe-evolution-der-neuen-musik-gastbeitrag-von-stefan-hetzel\/\">kommentiert hat<\/a>. Hetzel befasst sich vor allem mit der umstrittenen Technologie des &#8222;ePlayer&#8220; &#8211; darum m\u00f6chte ich an dieser Stelle ein Kapitel aus dem Text &#8222;COIT&#8220; bringen, der meine <a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/theorie\/coit.htm\">gleichnamige Software<\/a> beschreibt und erstmalig in &#8222;<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=7572\">Musik mit Musik. Texte 2005 &#8211; 2011<\/a>&#8220; erschienen ist; daraus das Kapitel zum &#8222;ePlayer&#8220;:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>ePlayer<\/strong><\/p>\n<p>Ein Novum sind die Sample-Datenbanken von Instrumenten. Mittlerweile kann jeder einzelne Klang eines Instruments in all seinen Schattierungen hochwertig aufgenommen, gespeichert und abgerufen werden. Das verdankt sich den heutigen Speicherkapazit\u00e4ten und Rechenleistungen. Aus diesen Atomen l\u00e4sst sich dann theoretisch jede instrumentale Klangverbindung synthetisieren. Der Philosoph Harry Lehmann hat die realistische Abspielfunktion jener speziellen Samples \u00bbePlayer\u00ab getauft.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Zum ersten Mal verwendet habe ich solche Samples 2005 im <em><a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/werke\/klavierstueck5.htm\">Klavierst\u00fcck 5<\/a><\/em>. Die Idee war, glissandierende und \u00fcber den Ambitus gehende Klaviert\u00f6ne, also real unspielbare Aktionen, mit dem Live-Klavier zu kombinieren. Im Internet fand ich sogleich einen Satz Klaviersamples, mit dem ich das durchf\u00fchren konnte. Im Konzert dann funktionierte die Mischung von Live-Klavier und zugespielten Klaviersamples verbl\u00fcffend gut, oft konnte man nicht unterscheiden, woher was kommt, live oder von der Zuspielung.<\/p>\n<p>Danach begann ich systematisch, Instrumentensamples zu sammeln oder selber aufzunehmen (gegenw\u00e4rtig besitze ich rund 50 Gigabyte). Auch fing ich damit an, Aufnahmen von St\u00fccken durch gemischte Verfahren zu erstellen: Teilweise wurden Ensembles komplett aufgenommen, oder die Musiker wurden in einzelnen Sessions via Clicktrack aufgezeichnet, sodass sie sp\u00e4ter synchronisierbar waren, oder ich habe sie mit mehr oder weniger hohem Anteil an Instrumentensamples erg\u00e4nzt. 2007 war es so weit, dass ich ein ganzes Ensemblest\u00fcck mittels ePlayer komponieren und zu einer Aufnahme zusammensetzen konnte: die <em><a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/werke\/3300klaenge.htm\">3300 Kl\u00e4nge<\/a><\/em>; gleichsam war die massenhafte Verf\u00fcgbarkeit von Kl\u00e4ngen Thema. Im November 2008 wurde das St\u00fcck aufgef\u00fchrt und prompt fiel ein Schlagzeuger aus. Es blieb nichts anderes \u00fcbrig, als seinen Part als ePlayer zuzuspielen \u2013 was nicht weiter auffiel. \u00c4hnlich erging es mir bereits im Fr\u00fchjahr mit einer Auff\u00fchrung von <em><a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/werke\/dekonfabulation.htm\">Dekonfabulation<\/a><\/em>, als ebenfalls der Schlagzeugpart wegen eines erkrankten Spielers zugespielt werden musste.<\/p>\n<p>Dennoch erschien mir das bis dahin mehr als Notbehelf. Die Aura und Einmaligkeit des ausf\u00fchrenden Musikers ist ein hohes Gut, und wenn zu viele Spieler fehlen, fehlt etwas (und die menschliche Stimme in Elemente zu zerlegen ist bislang fast unm\u00f6glich). Im ePlayer liegt aber ein betr\u00e4chtliches Potenziel f\u00fcr das Komponieren, bei der Erstellung von Aufnahmen und bei der Auff\u00fchrung \u2013 das hat mir erst Harry Lehmann zu Bewusstsein gebracht. So habe ich bei der Urauff\u00fchrung des St\u00fcckes <em><a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/fremdarbeit.html\">Fremdarbeit<\/a> <\/em>(2009), in dem es um \u00f6konomische Effizienz geht, erstmals die Technik mit Nachdruck exponiert, als Konzept.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit <em><a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/werke\/box.htm\">Living in a Box<\/a><\/em> (2010) kombiniere ich gezielt im Konzertsaal die Live-Instrumente mit den M\u00f6glichkeiten der ePlayer. Diese sind:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0beliebige Mengen, wie 40 Posaunen, und menschenunm\u00f6gliche Virtuosit\u00e4t (wie Conlon Nancarrow mit dem PlayerPiano schon vor Jahrzehnten verwirklichte, was jetzt aber mit allen Instrumenten m\u00f6glich ist, also zum Beispiel PlayerTrompete, PlayerMarimba oder ein ganzes PlayerEnsemble)<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0Glissandi jeder Steigung und Mikrointervalle selbst in unh\u00f6rbaren Abstufungen, beispielsweise Glissandi und Sechzehntelt\u00f6ne von Klavierkl\u00e4ngen<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0unm\u00f6gliche Register durch Transpositionen, zum Beispiel das Klavier in der sechsten Oktav<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0hybride Instrumente, deren Samples\u00e4tze aus diversen Ausgangsaufnahmen gekreuzt wurden, etwa ein Klavier-Vibraphon oder ein Geigenkratzen hinterm Steg mit Trompeten- oder Kettens\u00e4genanteil.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seit das musikalische Material \u00fcber die einfachen Tonh\u00f6hen weit hinausgegangen ist, hat das Klavier als Arbeitsplatz des Komponisten ausgedient. Wer Geld und die F\u00e4higkeiten besa\u00df, konnte vielleicht noch ein Cello oder eine Fl\u00f6te zur Hand haben, worauf sich ein extremes Pizzicato oder ein Luftger\u00e4usch ausprobieren lie\u00df; letztlich war aber der taube Beethoven zum Urbild des Komponierens im 20. Jahrhundert geworden: Man musste sich am Schreibtisch all die erforschten Instrumentalm\u00f6glichkeiten und vor allem -kombinationen im Kopf vorstellen.<\/p>\n<p>Bald nach Beginn der Arbeit an COIT habe ich die ePlayer-Technik implementiert, damit ich instrumentale Kl\u00e4nge neben den elektronisch produzierten auf derselben Ebene parat habe und mir die Komposition immer gleich anh\u00f6ren kann. Vor allem erm\u00f6glichte dies, zu experimentieren, Dinge auszuprobieren, die man erst h\u00f6rend beurteilen kann \u2013 vormals war das nahezu unm\u00f6glich, denn wer hat schon ein ganzes Instrumentalensemble im Arbeitszimmer. Alles in allem unterst\u00fctzen die Instrumentensamples das Komponieren ungemein, wenn es auch auf Dauer einige Konzentration beansprucht, sich immer so viel anzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Das Verfahren ist umstritten.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Noch sind die Instrumente nicht umfassend durch Samples abgebildet, und das Abspielen am Computer entspricht nicht exakt dem, wie ein Mensch ein Instrument spielen w\u00fcrde, darum gibt der Rechner teilweise keinen realistischen Eindruck wieder. Hier ist noch immer die praktische Erfahrung und Vorstellungskraft gefragt (und manchmal ist die Vorstellungskraft alleine auch ein starkes Medium). Ich sehe bei der Technik aber erherbliches Optimierungspotenzial. Vielleicht liegt die L\u00f6sung nicht nur in der Zahl der aufgenommenen Samples, sondern auch bei der Kombination von Sampling und anderen Techniken. Zum Beispiel lie\u00dfe sich, wo Dateien fehlen, zwischen zwei vorhandenen Samples algorithmisch interpolieren; so werden in COIT die Centabweichungen durch granulare Transposition der chromatisch vorliegenden Samples bewerkstelligt. Ebenso k\u00f6nnten auch Daten der physikalischen Nachbildung, dem <em>Physical Modelling<\/em>, mit in die klangliche Umsetzung einflie\u00dfen, und die Imperfektion des menschlichen Spielers lie\u00dfe sich noch simulieren, so wie der Film mit 24 Einzelbildern pro Sekunde Bewegung glaubhaft vort\u00e4uscht; schlie\u00dflich w\u00e4re mit Verr\u00e4umlichungsalgorithmen auch eine Konzertsaalatmosph\u00e4re herstellbar.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist grunds\u00e4tzlich zu bedenken, dass die Sample-Aufnahmen in ihrer Qualit\u00e4t variieren k\u00f6nnen, dass Studio- und Konzertsaalakustik verschieden sind, dass Lautsprecher nicht die physisch-akustische Pr\u00e4senz eines Instruments haben (und stattdessen ihre eigenen Klangcharakteristika besitzen) und dass nachher menschliche Spieler die Noten <em>interpretieren<\/em>, was nicht zuletzt der Musik Leben einhaucht. Doch der Schritt vom blo\u00dfen Imaginieren zum hilfsm\u00e4\u00dfigen Sample-Abspielen ist f\u00fcr das Komponieren schon gro\u00df.<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> Des weiteren ist der bislang noch teilweise k\u00fcnstliche Klang des ePlayers als solcher ja auch nutzbar, selbst wenn er qualitativ als minderwertig empfunden wird gegen\u00fcber den hehren Instrumenten; ich denke, in der Kunst kann es nicht nur darum gehen, Rolls-Royce zu fahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Harry Lehmanns Definition: <a href=\"http:\/\/bit.ly\/xqqqns\">http:\/\/bit.ly\/xqqqns<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Siehe dazu auch das Kapitel \u00bbePlayer\u00ab von Harry Lehmann in: Johannes Kreidler, Claus-Steffen Mahnkopf, Harry Lehmann: <em>Musik, \u00c4sthetik, Digitalisierung \u2013 eine Kontroverse<\/em>, Hofheim 2010, S. 161-167.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Ebd., vor allem S. 40ff, S. 61f und S. 161ff.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Zur kompositorisch-praktischen Nutzung der ePlayer-Technik siehe auch: Thomas Hummel: <em>Not als Innovationsmotor<\/em>, in<em>: Dissonance 113<\/em>, S. 18-22, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/pTEHJW\">http:\/\/bit.ly\/pTEHJW<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich hatte ich hier Harry Lehmanns Text &#8222;Die gehalts\u00e4sthetische Wende der Neuen Musik&#8220; verlinkt, den nun Stefan Hetzel dr\u00fcben im Bad Blog kommentiert hat. 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