{"id":7775,"date":"2012-05-22T07:20:41","date_gmt":"2012-05-22T05:20:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=7775"},"modified":"2012-05-22T11:57:39","modified_gmt":"2012-05-22T09:57:39","slug":"adorno-uber-geistiges-eigentum-in-der-musik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=7775","title":{"rendered":"Adorno \u00fcber geistiges Eigentum in der Musik"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/autorenfotos\/220\/28_adorno_theodor_w.jpg\" rel=\"lightbox[7775]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/autorenfotos\/220\/28_adorno_theodor_w.jpg\" class=\"alignnone\" width=\"220\" height=\"220\" \/><\/a><\/p>\n<p>Aus &#8222;Musikalische Diebe, unmusikalische Richter&#8220; (1934), Gesamtausgabe Band 17, S.292ff:<\/p>\n<blockquote><p>Die einzigen Dinge der Musik, die sich stehlen lassen, sind me\u00dfbare, z\u00e4hlbare Folgen von T\u00f6nen: Motive und Themen. Da mittlerweile auch die harmonische Dimension derart aufgelockert ist, da\u00df ein Akkord so gut ein Einfall sein kann wie ein Thema; und da es keine harmonischen Konventionen mehr gibt, die lediglich eine schmale Zahl von Kl\u00e4ngen dem Gebrauch freigeben, d\u00fcrfte man heute auch gestohlenen Harmonien nachforschen; aber so weit sind die noch nicht, die derlei Sorgen haben. Sie halten sich an das, was sie Melodie nennen, an gr\u00f6\u00dfere oder k\u00fcrzere sukzessive Tonreihen, gew\u00f6hnlich solche, die auch rhythmisch einander gleichen. [&#8230;]<br \/>\nAlle Rede vom musikalischen Diebstahl setzt einen Mechanismus der Verdinglichung voraus, der mit der wahren Objektivit\u00e4t der Kunstwerke nicht verwechselt werden darf, in welchem ihr Leben als Geschichte spielt. Erst wo dies Leben erstorben ist, oder nicht mehr wahrgenommen wird, wachen sie eifernd \u00fcber die blo\u00dfen, beharrlichen Einf\u00e4lle, als w\u00e4ren sie sakrosankt. [&#8230;]<br \/>\nKaum Zufall, da\u00df der Zeitraum, auf welchen die Rede von gestohlener Musik \u00fcberhaupt sich beziehen kann, mit dem der entfalteten kapitalistischen Gesellschaft genau zusammenf\u00e4llt. [&#8230;]<br \/>\nJene Themen, wahrhaft \u00bbEinf\u00e4lle\u00ab, die Sternen gleich eingefallen sind und sich behaupten, jenseits aller Formimmanenz, aber auch jenseits aller Dinglichkeit dessen, was vom H\u00f6rer gestohlen ist aus der Form, in der es lebt. Das sind die Themen, die schon beim ersten Erscheinen klingen wie Zitate; Schubert ist ihr oberster H\u00fcter. Aber um sie braucht kein H\u00f6rer sich Sorgen zu machen. Sie sind gefeit; niemand kann sie sich aneignen, weil sie kein Eigentum sind, sondern Figuren der erscheinenden Wahrheit selber. Sie lassen sich so wenig stehlen wie die authentischen Sprichw\u00f6rter. Versuchte es einer &#8211; sie schl\u00fcgen nur zum Segen aus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die angesprochene Dialektik vom ersten Erscheinen, das wie ein Zitat klingt, hat auch schon Schumann benannt:<br \/>\n\u201eUm zu komponieren, braucht man sich nur an eine Melodie zu erinnern, die noch niemandem eingefallen ist.\u201c Das Original ist die erste Kopie.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher auf Kulturtechno:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5444\">Stockhausen \u00fcber geistiges Eigentum, 1960<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?s=goethe+filesharer\">Goethe, der Filesharer<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus &#8222;Musikalische Diebe, unmusikalische Richter&#8220; (1934), Gesamtausgabe Band 17, S.292ff: Die einzigen Dinge der Musik, die sich stehlen lassen, sind me\u00dfbare, z\u00e4hlbare Folgen von T\u00f6nen: Motive und Themen. 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