{"id":7538,"date":"2012-04-17T05:20:51","date_gmt":"2012-04-17T03:20:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=7538"},"modified":"2012-04-17T12:12:55","modified_gmt":"2012-04-17T10:12:55","slug":"komponieren-heute-langversion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=7538","title":{"rendered":"Komponieren heute (Langversion)"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe l\u00e4ngst aufgeh\u00f6rt, alleine zu komponieren.<\/p>\n<p>Meine Anspr\u00fcche an das Kunstwerk sind derart gestiegen, und die Welt heute ist so komplex, dass\u00a0 ich auf einige Hilfe angewiesen bin. Man sollte sich ja keiner technischen und menschlichen Hilfsmittel enthalten, denn sonste w\u00fcrde das ja nur bedeuten, sich k\u00fcnstliche Probleme zu schaffen. So wie ich ein Instrumentalensemble zur Auff\u00fchrung brauche, nehme ich eben auch eine Legion an Arbeitskr\u00e4ften f\u00fcr die Komposition in Dienst. Es gibt viel zu viel, was ich nicht kann und mich sonst einschr\u00e4nken w\u00fcrde. Erst dieses Arsenal an M\u00f6glichkeiten erm\u00f6glicht mir die heute gebotene Materialbeherrschung und Flexibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>1. Marktforschung. Mein Recherche-Team besucht Festivals, h\u00f6rt Radiosendungen, au\u00dferdem geht es auf Kunstausstellungen und zu Theaterpremieren, aber vor allem durchforstet es das ganze Internet, also Podcasts und Musikblogs weltweit, nach neuesten Trends und Techniken, sprich: nach dem Zeitgeist. Des weiteren werden Facebook-Umfragen durchgef\u00fchrt, Ideen an Probanden getestet, Hochleistungscomputer ermitteln statistische Trends und evaluieren \u00c4sthetiken.<\/p>\n<p>Es geht hierbei nicht darum, die Formel f\u00fcr das \u201eperfekte\u201c St\u00fcck zu ermitteln, sondern schlichtweg um Weltaneignung.<\/p>\n<p>2. Ein Kreativteam entwickelt Ideen \u2013 Originalit\u00e4t ist Pflicht!; alle erdenklichen Kreativit\u00e4tstechniken (Brainwriting, Edison-Prinzip, Kopfstandtechnik, Mind Mapping, Galeriemethode, KJ-Methode, Bisoziation, Zufallstechniken, Tilmag-Methode usw.) kommen zum Einsatz. Ein eigenes B\u00fcro ist allein f\u00fcr Titelfindung und Programmtext zust\u00e4ndig. Die Hintergrundphilosophien werden in einem Think Tank in Connecticut entwickelt, von dort bekomme ich auch meine Vortr\u00e4ge geschrieben.<\/p>\n<p>3. Ein Subunternehmen von Soft- und Hardwareentwicklern bleibt auf dem aktuellen Stand der Audio-Technik, besorgt Lizenzen von Fremdtechnologie (vielleicht betreiben sie auch Industriespionage, ich \u00fcberlasse das ihnen) und entwickelt selber Software und Ger\u00e4te.<\/p>\n<p>4. Die Ausarbeitungsfirma schreibt die Partitur und erstellt die Elektronik. Ich bin dabei fast nie zugegen, was auch besser so ist, bzw. will man mich da auch gar nicht sehen; ich w\u00fcrde das Produkt eher verschlechtern. Ein Detektiv macht aber Stichproben. Ich h\u00f6re das St\u00fcck meistens erst im Konzert.<\/p>\n<p>Den Gro\u00dfteil \u00fcbernimmt ohnehin maschinelle Intelligenz. L\u00e4ngst w\u00e4re all das nur von Menschenhand und -hirn nicht mehr umsetzbar.<\/p>\n<p>5. Die \u201eSpecial-Effects\u201c-Abteilung optimiert die ganze Partitur und l\u00f6st klanglich schwere Aufgaben. Wir haben hierf\u00fcr Spitzenkr\u00e4fte aus aller Welt gewinnen k\u00f6nnen. Abwerbungen &#8211; man spricht nicht gerne dar\u00fcber &#8211; kommen nat\u00fcrlich auch vor. Die Politik hingegen freut sich sehr dar\u00fcber, dass wir n\u00e4chstes Jahr eine eigene Akademie f\u00fcr Nachwuchs gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>6. Ich bin bei all dem der Chef, der das Ganze koordiniert, am Ende die Verantwortung \u00fcbernimmt und die \u201eMarke\u201c bildet. Ich bin die \u00f6ffentliche Person des Ganzen, stehe f\u00fcr Interviews zur Verf\u00fcgung, repr\u00e4sentiere in Konzerten und bin auf den Partys. Machen wir uns nichts vor: Die Kunstproduktion ist diktatorisch. Es gibt \u201eSchwarmintelligenz\u201c, aber keinen Kunstkommunismus. In der Kunst braucht es viele H\u00e4nde und Hirne, jedoch einen Mastermind, der alles zusammenh\u00e4lt, der den Produktionsgeist wach h\u00e4lt, der bezahlt und der \u00fcberhaupt die richtigen Leute findet und versammelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich beschreibe dies, weil es darum geht, m\u00f6glichst bewusst zu praktizieren, was subkutan als Prinzip eh immer mehr waltet. Das alles soll ins Werk gesetzt werden. Sowieso ist solche Arbeitsteilung in der Bildenden Kunst Jahrhunderte alt (Rubens\u2019 Atelier war bereits eine Fabrik).<\/p>\n<p>Es geht \u00fcberhaupt nicht darum, Geld zu erwirtschaften \u2013 das ist in der Neuen Musik ja fast nicht m\u00f6glich. Tats\u00e4chlich sind die Produktionskosten ungleich h\u00f6her als die Einnahmen aus dem Kunstwerk. Akquise, Fundraising und Lobbyarbeit geh\u00f6ren darum gleich an den Beginn des Produktionsplans.<\/p>\n<p>Es geht darum, ein hypermodernes Kunstwerk zu schaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ganz gelegentlich versp\u00fcre ich den sentimentalen Wunsch, einmal selbst Hand anzulegen. Dann heuere ich bei einer anderen Komponistenfirma als einfacher Arbeiter an. Ich wei\u00df meist gar nicht, f\u00fcr wen ich dann arbeite; einmal habe ich, Jahre sp\u00e4ter, im Konzert zuf\u00e4llig ein St\u00fcck wiedererkannt, an dem ich einen bescheidenen Anteil habe. Ein anderes Mal offenbarte sich irgendwann, dass es ein Zulieferbetrieb meines eigenen Konzerns ist, in dem ich t\u00e4tig bin. Ich merkte es daran, dass so eine typische Skandal-Sache inszeniert wurde, die mir einigerma\u00dfen zuwider war. Ich k\u00fcndigte. (Sp\u00e4ter las ich in der Zeitung, dass das St\u00fcck ein gro\u00dfer Erfolg wurde.)<\/p>\n<p>Mittlerweile ist der Weltmarkt f\u00fcr Kunstmusik zwischen vier Konzernen aufgeteilt \u2013 einem eher nach der klassischen Musik orientierten, einem eher spielerischen, einem eher konzeptuellen und einem eher abstrakten Programm angeh\u00f6rigen \u2013, von dem immerhin einer meinen Namen tr\u00e4gt. Unsch\u00f6ne Patentprozesse und Kartellverfahren \u00fcberschatten allerdings die Kunstwelt. Ich bin derweil vereinsamt und lasse mich gar nicht mehr blicken. Einmal juckte es mich tats\u00e4chlich, mal wieder auf ein Notenblatt zu schreiben, was reichlich l\u00e4cherlich ist. Das w\u00e4re wie wenn ich von Hand ein Auto bauen wollte, mit dem ich dann mit Mercedes und Porsche konkurrieren wollte.<\/p>\n<p>Mein Konzern verbreitet zur Zeit einen Text, in dem man mich zur mythologischen Gestalt machen will. Man erhebt mich zu einer unbekannten Gr\u00f6\u00dfe im ganzen Prozess, niemand wei\u00df, was ich, der ja firmiert, eigentlich f\u00fcr einen Anteil an den Kunstwerken habe, wer ich \u00fcberhaupt bin, ja ob es mich \u00fcberhaupt gibt. Ich f\u00fchle mich au\u00dferstande, dem etwas dagegenzuhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich habe l\u00e4ngst aufgeh\u00f6rt, alleine zu komponieren. Meine Anspr\u00fcche an das Kunstwerk sind derart gestiegen, und die Welt heute ist so komplex, dass\u00a0 ich auf einige Hilfe angewiesen bin. Man sollte sich ja keiner technischen und menschlichen Hilfsmittel enthalten, denn sonste w\u00fcrde das ja nur bedeuten, sich k\u00fcnstliche Probleme zu schaffen. 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