{"id":7205,"date":"2012-03-18T06:16:00","date_gmt":"2012-03-18T04:16:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=7205"},"modified":"2012-03-18T12:24:59","modified_gmt":"2012-03-18T10:24:59","slug":"wozu-fiktion","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=7205","title":{"rendered":"Wozu Fiktion?"},"content":{"rendered":"<p>In der (print-) S\u00fcddeutschen Zeitung vom 12.3.2012 steht ein interessanter Artikel von Burkhard M\u00fcller, worin dieser moniert, dass die (deutschen) Schriftsteller heute nur noch recherchierten und ihre eigene Biographie ausbeuteten, statt auch mal etwas zu erfinden (und auch die FAz <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/autorschaft-das-ich-als-unverschaemtheit-11684188.html\">widmet<\/a> sich aktuell dem Thema).<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich da direkt angesprochen, habe ja schon oft postuliert, dass man das Rad nicht neu zu erfinden br\u00e4uchte (\u201e<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=2894\">Komponieren hei\u00dft, ein Instrument klauen<\/a>\u201c), dass es ethischer sei, auf dem Vorhandenen aufzubauen statt sich selbst etwas vermeintlich Eigenes aus den Fingern zu saugen, dass Phantasmagorien solipsistisch seien und referenzlose Texte \u00fcberheblich, dass man ja schon in eine existierende Welt hineingeboren w\u00fcrde usw.<\/p>\n<p>Wenn ich etwa in den aktuellen Musik-Konzepten \u00fcber Mathias Spahlinger davon lese, dass es Spahlinger um die Zersetzung von Ordnungen zu tun ist, was zB derart geschieht, dass zu Beginn des 4. Satzes der \u201efarben der fr\u00fche\u201c eine Skala c\u2019-h-a-gis gesetzt ist, die dann aufgel\u00f6st wird (Seite 34ff), dann kommt mir gleich in den Sinn: Warum so eine abstrakte Selbst-Setzung zer-setzen? In diesem Medium (atonale chromatische Tonh\u00f6hen) ist es ja kein Kunstst\u00fcck, kein Stein auf dem anderen zu lassen. Warum dekonstruiert er keinen kapitalistischen Pop-Song? Und ebenso lese ich lieber literarische Tageb\u00fccher und Essays als Romane, mag Dokumentationen oft lieber als Spielfilme und finde Malerei meist langweilig, weil willk\u00fcrlich \u2013 die Leinwand ist ja f\u00fcr die Farbe gar kein Widerstand.<\/p>\n<p>In der Musik nennt man diese \u00c4sthetik \u201eAutonome Musik\u201c \u2013 Musik, befreit von einer Funktion, Musik, die sich ein Medium geschaffen hat, das in sich keinen vorgegebenen, ewig-g\u00fcltigen Gesetzen unterworfen ist, wo keine vorgegebenen Zw\u00e4nge herrschen und alles frei kombinierbar ist. Spahlinger sagt gerne, dass wir ja im Alltag nicht st\u00e4ndig zB an der Bedeutung der W\u00f6rter zweifeln, sondern sie einfach verwenden \u2013 \u201enur sonntags sozusagen, als kunst und philosophie wird der autoreflexive charakter der sprache inhaltlich.\u201c (aus einem Vortrag 2001). Und genau das m\u00f6chte ich und wohl eine ganze Generation nicht (mehr). Das Konzert ist nicht Sonntag, nicht Ausnahmezustand, nicht abgesichertes Labor, nicht Spielwiese, wo man sich mal ganz der Autoreflexion zuwenden kann. Die Trennung wird gef\u00e4hrlich, wenn Autoreflexion nur noch in der Abschottung, im keimfreien Raum m\u00f6glich wird.<\/p>\n<p>Und so kommt es: Man darf zwar, Moderne und Postmoderne sei Dank, so unendlich Vieles in der Kunst heute unbescholten \u2013 ob tonal oder atonal, C-Dur ohne Ende oder Kratzen hinterm Geigensteg bis zum Exzess, c\u2019h-a-gis und danach c\u2019-h-ais-gis, man darf in den zentralen Parametern der Musik praktisch alles, aber stattdessen suchen Komponisten ausgerechnet die Bereiche auf, in denen ihre Freiheit doch wieder begrenzt ist, wo der sch\u00fctzende Rahmen wiederum Limit ist, wo erneut die Nicht-Autonomie diktiert, wo man Sachzw\u00e4ngen ausgesetzt ist: Feldaufnahmen werden transkribiert, Samples bestehender Musik werden geremixt, Low-Tech Hardware und billig-kommerzielle Software verwendet, so wie vergleichbar auf Theaterb\u00fchnen unbeholfene Laien statt der ausdruckssouver\u00e4nen Schauspieler stehen und Schriftsteller sich an Gegebenes halten, statt sich in den freien Weiten der Imagination zu bewegen.<\/p>\n<p>In der SZ veranschaulicht Burkhard M\u00fcller diesen \u2013 seines Erachtens \u2013 Mi\u00dfstand anhand eines Vergleichs mit dem 19. Jahrhundert: <\/p>\n<blockquote><p>Heute w\u00e4re es ganz undenkbar, dass eine Neuerscheinung \u201eAnna Karenina\u201c, \u201eMadame Bovary\u201c oder \u201eEffie Briest\u201c hie\u00dfe; man w\u00fcrde sofort der Namensgebung mi\u00dftrauen und sie f\u00fcr eine ohnm\u00e4chtige Anma\u00dfung der Willk\u00fcr halten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Erstaunt stellt M\u00fcller fest, dass gerade im 19. Jahrhundert das Subjekt doch unfrei gewesen w\u00e4re, von Klasse, Weltanschauung, Region, Erziehung usw. eingeengt, w\u00e4hrend heute dagegen die gro\u00dfe Zeit des Individuums sein m\u00fcsste, wo all das nicht mehr so dominant das Leben bestimmt.<\/p>\n<p>Dieses Paradox ist aber just der Grund. Karl May erfand seine Wildwest-Geschichten im Gef\u00e4ngnis, w\u00e4hrend die heutige Freiheit der autonomen Musik (c&#8216;-h-a-gis!) eher eine \u201eleere fr\u00f6hliche Fahrt\u201c (Kafka) zu sein scheint. Und darum sucht man lieber Halt im Materialismus, an realen Grenzen, an den Normen des Faktischen, statt dass man die unendlich vielen M\u00f6glichkeiten mit Tonh\u00f6hen nutzt und genie\u00dft.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.jmk-irnfritz.com\/goodies\/piano_press%20any%20key.jpg\" rel=\"lightbox[7205]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.jmk-irnfritz.com\/goodies\/piano_press%20any%20key.jpg\" class=\"alignnone\" width=\"400\" height=\"358\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Freiheit (\u201eAutonomie\u201c), die die Kunst hat, ist heute doch nur dann ein Wert, wenn damit an den realen Unfreiheiten gearbeitet wird. Eine sch\u00f6ne Empfehlung spricht der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich aus:<\/p>\n<blockquote><p>Der K\u00fcnstler sollte lieber dar\u00fcber nachdenken, wie er Sujets, die auch ein Wissenschaftler, Dienstleister oder Designer verfolgen mag, auf seine Art und Weise in Szene setzen kann. nur dann ist ihm die Freiheit, die ihm auferlegt ist, eine Chance.<\/p><\/blockquote>\n<p>(in: Gesucht &#8211; Kunst!, S. 64)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der (print-) S\u00fcddeutschen Zeitung vom 12.3.2012 steht ein interessanter Artikel von Burkhard M\u00fcller, worin dieser moniert, dass die (deutschen) Schriftsteller heute nur noch recherchierten und ihre eigene Biographie ausbeuteten, statt auch mal etwas zu erfinden (und auch die FAz widmet sich aktuell dem Thema). 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