{"id":7077,"date":"2012-03-03T07:18:07","date_gmt":"2012-03-03T05:18:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=7077"},"modified":"2012-03-12T19:57:40","modified_gmt":"2012-03-12T17:57:40","slug":"aversion-gegen-altes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=7077","title":{"rendered":"Wenn man Altes einfach nicht ausstehen kann"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt den menschlichen Zug, Altes nicht zu m\u00f6gen, und zwar nicht, weil es an Qualit\u00e4t verloren h\u00e4tte, sondern schlicht und einfach: weil es alt ist. Stichwort Mode \u2013 Kleidung, Frisuren oder Vornamen unterliegen stark dem Wandel, und ich kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass der\/die LeserIn im Jahr 2012 folgende Person \u2013 nennen wir sie Hans-R\u00fcdiger \u2013 nicht gerne k\u00fcssen m\u00f6chte:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/1.bp.blogspot.com\/_-bkZSsXUVAU\/Ss3dvoLv4EI\/AAAAAAAAACk\/XPRnAOh4Z90\/s200\/vokuhila4_153633812.jpg\" rel=\"lightbox[7077]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"http:\/\/1.bp.blogspot.com\/_-bkZSsXUVAU\/Ss3dvoLv4EI\/AAAAAAAAACk\/XPRnAOh4Z90\/s200\/vokuhila4_153633812.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"200\" \/><\/a><\/p>\n<p>(Ich h\u00e4tte auch Theodor mit Vollbart und Zylinder oder Johann Gotthold mit Allonge-Per\u00fccke auff\u00fchren k\u00f6nnen. Selbst das Hitlerb\u00e4rtchen war einfach eine Mode der 20er-Jahre.)<\/p>\n<p>Auch Kunstwerke enthalten Dinge, die in ihrer Zeit verortet sind: Kleidung, Namen, Technologien, bis hin zur ganzen Gesellschaftsordnung. Hegel in seinen Vorlesungen \u00fcber \u00c4sthetik:<\/p>\n<blockquote><p>Man k\u00f6nnte zwar sagen, das eigentlich Vortreffliche m\u00fcsse f\u00fcr alle Zeiten vortrefflich sein, aber das Kunstwerk hat auch eine zeitliche, sterbliche Seite.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und daran kann man sich durchaus st\u00f6ren. Rainald Goetz benennt es \u00f6fter:<\/p>\n<blockquote><p>Ich kann auch beim besten Willen Jimi Hendrix nicht h\u00f6ren, es geht nicht, wie Kleist: ich merke wie es abgeht, aber ich halte es nicht aus, weil es so ALT ist. Ich glaube, B\u00fccher, die \u00e4lter als drei Jahre sind, haben Vergangenheitsgrippe. Das ist hochgiftig und total ansteckend \u2013 wie drei Jahre alte Butter essen oder jemanden k\u00fcssen, der sich vor drei Jahren das letzte Mal gewaschen und die Z\u00e4hne geputzt hat. Das geht doch nicht, das ist doch ekelhaft.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Kronos)<\/p>\n<blockquote><p>Ich kann nicht was lesen, wo ein Mensch vorkommt, der der Kurf\u00fcrst von Sachsen hei\u00dft, oder Graf Kellheim. Das macht mich einfach todtraurig.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Abfall f\u00fcr Alle)<\/p>\n<p>Das ist etwas anderes als die <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?s=radikale+antitraditionalisten\">radikalen Antitraditionalisten<\/a>. Hier wird nicht im Geringsten die Qualit\u00e4t Kleists angezweifelt oder sein Erfolg geschm\u00e4ht. Es geht um eine pers\u00f6nliche Aversion (oder soll man sagen Empfindlichkeit? oder Ignoranz?) gegen die \u201ezeitliche Seite\u201c des Kunstwerks, denn was hat man schon zu schaffen mit Grafen und Marquisen? Wer identifiziert sich gerne mit einer Zeit, in der es kein flie\u00dfendes Wasser gab? Wer mag sich in das mittelalterliche Weltbild einarbeiten, um die g\u00f6ttliche Kom\u00f6die zu verstehen? Oder wer mag von so gewaltig viel abstrahieren, um die \u201ezeitlose\u201c, moderne Seite von Dante herausgesch\u00e4lt zu haben?<br \/>\nEs gibt diese Leute freilich. \u201eSo wie es Neugier gibt, gibt es auch Altgier.\u201c (Heiner M\u00fcller). Aber es gibt eben auch den menschlichen Zug, Altes nicht zu m\u00f6gen, und ich denke nicht, dass das nur Ignoranz ist (sorry Hans-R\u00fcdiger, man will dich 2012 einfach nicht k\u00fcssen!). Praktisch jeder erinnert sich heute mit Grausen an den Deutschunterricht, in dem den Heranwachsenden jedes literarische Interesse mit Pflichtlekt\u00fcren wie der &#8222;Iphigenie auf Tauris&#8220; ausgetrieben wurde. <\/p>\n<p>Mir geht es zum Beispiel mit alten Aufnahmen so. So toll Casals Bach spielt, ich ertrage das Rauschen und Knacken einfach nicht; oder Stummfilme von vor 1914 &#8211; ich m\u00f6chte nicht diese Welt sehen mit ihrer Mode und Wohnungseinrichtungen und ihren komischen Bewegungen. Oder ich kenne einige Leute, die die alten Instrumente, eine Geige oder ein Fagott einfach f\u00fcr v\u00f6llig altmodisch halten und schlicht nicht h\u00f6ren wollen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/robertkoop.files.wordpress.com\/2011\/09\/17316_24672_hansiarnstdt1913.jpg\" rel=\"lightbox[7077]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/robertkoop.files.wordpress.com\/2011\/09\/17316_24672_hansiarnstdt1913.jpg\" class=\"alignnone\" width=\"264\" height=\"182\" \/><\/a><\/p>\n<p>Adorno begr\u00fc\u00dft \u2013 erstaunlicherweise \u2013 die Verg\u00e4nglichkeit bei Kunstwerken:<\/p>\n<blockquote><p>Denkbar, heute vielleicht gefordert sind Werke, die durch ihren Zeitkern sich selbst verbrennen, ihr eigenes Leben dem Augenblick der Erscheinung von Wahrheit drangeben und spurlos untergehen, ohne dass sie das im geringsten minderte. Die Noblesse einer solchen Verhaltensweise w\u00e4re der Kunst nicht unw\u00fcrdig, nachdem ihr Edles zur Attitude und zur Ideologie verkam.<\/p><\/blockquote>\n<p>(\u00c4sthetische Theorie)<\/p>\n<p>Man kann das nachgerade als Aufforderung verstehen: Modisch sein! Was Hans-R\u00fcdiger in Achtzigern war, das musst Du f\u00fcr die Jetztzeit sein! Oder mit Hegel: das Flie\u00dfende, Rei\u00dfende des Str\u00f6mens der Zeit verstehen. Und damit sind wir bereits in einer Meta-Position, wo es wieder ruhiger zugeht.<\/p>\n<p>Ansonsten ist eigentlich nur dem Hegel\u2019schen Rat beizupflichten:<\/p>\n<blockquote><p>Werden daher fremde [gemeint sind \u00e4ltere] dramatische Werke in Szene gesetzt, so hat jedes Volk ein Recht, Umarbeitungen zu verlangen. Auch das Vortrefflichste bedarf in dieser R\u00fccksicht einer Umarbeitung. Man k\u00f6nnte zwar sagen, das eigentlich Vortreffliche m\u00fcsse f\u00fcr alle Zeiten vortrefflich sein, aber das Kunstwerk hat auch eine zeitliche, sterbliche Seite, und diese ist es, mit welcher eine \u00c4nderung vorzunehmen ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr\u2019s Regietheater. Und so wird denn auch in Bayreuth auf der B\u00fchne geschissen, Hasen verfaulen und Video kommt zum Einsatz; nur: die Musik bleibt hingegen bis auf ein paar Winzigkeiten (Phrasierungen, Tempi und Dynamiken) v\u00f6llig unangetastet, also: heilig.<\/p>\n<p>Darum sei die bekannte Marx\u2019sche Sentenz leicht abgewandelt anbeigestellt:<\/p>\n<blockquote><p>Die Musik wird immer nur verschieden interpretiert; es k\u00e4me aber darauf an sie zu ver\u00e4ndern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wieso gibt es kein Regietheater in der Musik? Wieso wird Hans-R\u00fcdiger in der Musik nicht neu frisiert, sondern bestenfalls etwas gek\u00e4mmt? Doch, es gibt das Regietheater in der Musik, aber ganz woanders: im Remix.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt den menschlichen Zug, Altes nicht zu m\u00f6gen, und zwar nicht, weil es an Qualit\u00e4t verloren h\u00e4tte, sondern schlicht und einfach: weil es alt ist. 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