{"id":6806,"date":"2012-01-20T07:15:51","date_gmt":"2012-01-20T05:15:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6806"},"modified":"2012-01-20T08:07:09","modified_gmt":"2012-01-20T06:07:09","slug":"woruber-kann-man-sich-in-der-neuen-musik-noch-streiten-uber-geld-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6806","title":{"rendered":"Wor\u00fcber kann man sich in der Neuen Musik noch streiten? \u00dcber Geld.(#2)"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich hatte ich hier einen Text mit der gleichen \u00dcberschrift, ihn dann aber nach einem Tag wieder vom Netz genommen. Es tut mir leid und kommt hoffentlich nicht wieder vor, aber ich hatte den Eindruck, der Text ist mi\u00dfverst\u00e4ndlich. Darum habe ich ihn teilweise noch mal anders formuliert, jetzt bleibt er aber:<\/p>\n<h2>Wor\u00fcber kann man sich in der Neuen Musik noch streiten? \u00dcber Geld.<\/h2>\n<p>Mit dem Wechsel der Leitung bei den Darmst\u00e4dter Ferienkursen f\u00fcr Neue Musik 2010 wurde ein neues System installiert, der sogenannte <em>Open Space<\/em>: R\u00e4umlichkeiten stehen nahezu unbegrenzt allen zur Verf\u00fcgung, jeder kann seine Lecture, seine Pr\u00e4sentation, seine Probe oder was auch immer halten im Rahmen des medial M\u00f6glichen. Damit ist es offiziell: Nie wieder wird es die \u201egro\u00dfen\u201c Diskussionen in Darmstadt geben, denn die Teilnehmer verstreuen sich in alle Windrichtungen. Statt der allj\u00e4hrlichen Diskussion \u00fcber den \u201aMaterialstand\u2019 sucht jeder den Raum auf, der ihn am meisten interessiert.<\/p>\n<p>\u201eWenn das f\u00fcr Sie keine Musik ist, dann nennen Sie es eben anders.\u201c (John Cage). Dem w\u00e4re noch hinzuzuf\u00fcgen: Wenn das f\u00fcr sie keine Neue Musik ist, dann nennen Sie es eben anders.<\/p>\n<p>Jeder kann heute in der Kunst machen, was er will, solange er sich an die Gesetze des Landes und an die Allgemeinen Menschenrechte h\u00e4lt; so hat es den Anschein, und das klingt v\u00f6llig vern\u00fcnftig. Zwar habe ich meinen pers\u00f6nlichen Geschmack und finde vieles schlecht, aber mir steht ja gottseidank nicht zu, f\u00fcr andere dar\u00fcber zu bestimmen. Freilich soll es auch die Musik geben, die ich nicht mag \u2013 es lebe die Vielfalt!<\/p>\n<p>Nur l\u00e4sst sich dann eigentlich gar nicht mehr debattieren. Mit dem simplen Satz \u201eOk, du machst einfach deins und ich mach meins\u201c ist jede \u00e4sthetische Diskussion im Keim erstickt, oder mit einem beherzten \u201eLass ihn doch!\u201c. Wer heute noch f\u00fcr \u201edie Neue Musik\u201c etwas fordert, w\u00fcnscht oder verw\u00fcnscht, macht sich eigentlich l\u00e4cherlich \u2013 denn jeder Komponist kann und soll doch machen, was er will, es wird sich schon jemand finden, dem\u2019s gef\u00e4llt, und letztlich wird die Geschichte entscheiden. Auch in der <a href=\"http:\/\/wolke-verlag.de\/musik-asthetik-digitalisierung.html\">Digitalisierungsdebatte<\/a> zwischen Mahnkopf und mir hat sich bald abgezeichnet, dass man einander \u00fcberhaupt nichts anhaben kann, jeder mache eben seins. Exemplarisch kommentierte Reinhard Oehlschl\u00e4gel in den <a href=\"http:\/\/www.musiktexte.de\/contents\/de\/d278.html\">MusikTexten<\/a> (Hervorhebung von mir):<\/p>\n<blockquote><p>Jeder Komponist hat die Freiheit \u201eDigitale Revolution\u201c oder irgendetwas sonst qua artifizieller Setzung f\u00fcr seine kompositorische Arbeit allgemein oder f\u00fcr eine bestimme Komposition zu seinem kompositions\u00e4sthetischen Fokus zu machen. H\u00e4tte Kreidler das im Sinn, h\u00e4tte er diesen Zusammenhang als an seine Person gekn\u00fcpfte Kompositions\u00e4sthetik dargestellt, die den n\u00e4chsten Komponisten gerade <strong>nicht <\/strong>betreffen muss.<\/p><\/blockquote>\n<p>Jeder hat die Freiheit, und verbindlich ist gar nichts!<br \/>\nEs lief in dem Buch bei den Texten zwischen Mahnkopf und mir dann auch darauf hinaus, dass jeder sich selbst darstellte und hoffte, der Leser findet dann einen besser als den anderen. Lauter subjektive Meinungen also, aber keine harten Kriterien, anhand derer man sich wirklich auseinandersetzen kann, keine Diskussion darum, ob das nun Musik sei, ob das fortschrittlich sei, ob das p\u00e4dagogisch wertvoll sei, ob das zeitgeistig relevant sei, was auch immer f\u00fcr Werte man da anbringen mag \u2013 es darf und soll in der Kunst einfach alles geben, Pluralismus ist das einzige Gebot der postmodernen Stunde. Das ist eigentlich auch keine ganz neue Erkenntnis mehr.<\/p>\n<p>Nun wird aber doch noch diskutiert, in Kneipen und Blogs. Und was gibt es f\u00fcr Argumente jenseits des pers\u00f6nlichen Geschmacks?<\/p>\n<p>&#8211; P\u00e4dagogisch nicht wertvoll genug<\/p>\n<p>-> aber wie l\u00e4sst sich das bemessen? Und muss Kunst \u00fcberhaupt der Erziehung dienen? Erziehung zu was? Zu Kommunisten?<\/p>\n<p>&#8211; das ist keine Kunst<\/p>\n<p>-> aber wie l\u00e4sst sich das bemessen? Und ist nicht gerade das die stets neue Herausforderung an die Kunst, den Kunstbegriff zu provozieren?<\/p>\n<p>&#8211; nicht fortschrittlich<\/p>\n<p>-> aber wie l\u00e4sst sich das bemessen? Kompositionstechniken? Aber woran l\u00e4sst sich das festmachen? Gibt es etwa irgendwo ein Klischee-Verzeichnis, mit dem abgeglichen wird? Wer verwaltet dieses Verzeichnis? Ansonsten: Fortschrittlichkeit k\u00f6nnte vielleicht an technischen Ger\u00e4ten festgemacht werden. Ich neige tats\u00e4chlich zu dieser Argumentation. Aber nat\u00fcrlich kommen hier die Konter a) das sei eine oberfl\u00e4chlich-materialistische Argumentation b) Wo sei denn vorn? Des weiteren tr\u00fcge Fortschritt nat\u00fcrlich die Dialektik der Aufkl\u00e4rung in sich, der Fortschritt impliziere doch auch wieder R\u00fcckschritt. Und au\u00dferdem: Kunst d\u00fcrfe alles! Wer will darf auch Fugen schreiben.<\/p>\n<p>&#8211; nicht relevant<\/p>\n<p>-> aber wie l\u00e4sst sich das bemessen? Relevant f\u00fcr wen??<\/p>\n<p>&#8211; irgend eine Art von Musik, eine Stilistik oder Thematik, kommt zu kurz<\/p>\n<p>->jetzt kommen wir der Sache schon n\u00e4her&#8230;<\/p>\n<p>&#8211; zu teuer<\/p>\n<p>-> das l\u00e4sst sich bemessen! Es gibt Einkommensstandards, es gibt zu verteilende Geldt\u00f6pfe, ohne Geld geht fast nichts und da h\u00f6rt bekanntlich die Freundschaft auf. <\/p>\n<p>->> Hinter all den \u00e4sthetischen Debatten steht ein anderes, ganz einfaches, nur meist unausgesprochenes, letztes hartes Kriterium: Geld.<\/p>\n<p>Warum <a href=\"http:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2011\/12\/23\/die-gabe-der-unmittelbarkeit\/\">fordert Moritz<\/a> mehr zug\u00e4ngliche, mehr lebensnahe Kunst, wenn ihm selber doch niemand vorschreibt, was er zu komponieren hat, er sich also tonnenweise lebensnahe Musik schreiben kann? Wieso stimmt Oehlschl\u00e4gels Aussage, dass jeder Komponist die Freiheit zu irgendwelcher Setzung hat, nicht? \u2013 die Sache kostet Geld, viel Geld. Geld, das die Musik nicht selber erwirtschaften kann, das aus anderen Quellen zuflie\u00dfen muss. Darum erst kommen die ganzen Relevanz-Debatten auf. Welche Musik ist die Subventionsgeld-Verbratung wert? Niemals gibt es genug Geld, um den m\u00f6glichen Pluralismus vollst\u00e4ndig abzubilden, auch wenn Festivals so tun als ob. In dieser Welt kann nicht jeder Komponist komponieren, was er will, sofern er nicht mit der Schublade oder mit rein elektronischer Musik Vorlieb nehmen will, und mit dem Urteil der Geschichte. Es gibt in der Postmoderne bei der Kunst kein gut oder schlecht mehr jenseits subjektiver Meinung; jeder hat Recht \u2013 nur hat nicht jeder Geld.<\/p>\n<p>Ich f\u00e4nde es w\u00fcnschenswert (um ein altmodisches, nicht-monet\u00e4res Argument anzubringen), dass diese <em>Wahrheit<\/em> wenn dann auch ausgesprochen wird: Dass \u00e4sthetische Debatten heute in Wirklichkeit Gelddebatten sind.<\/p>\n<p>(Das Problem ist dann noch, dass die, die das Geld ausgeben, den Debatten selten zur Verf\u00fcgung stehen. Darum sind die meisten \u00e4sthetischen Diskussionen erst recht Scheindiskussionen.)<\/p>\n<p>P.S. Und nun ist der Leser hoffentlich dazu provoziert, einmal zu \u00fcberlegen, ob es nicht doch heute noch mehr Werte in der Kunst gibt als Geld.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich hatte ich hier einen Text mit der gleichen \u00dcberschrift, ihn dann aber nach einem Tag wieder vom Netz genommen. 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