{"id":6659,"date":"2011-12-26T09:10:45","date_gmt":"2011-12-26T07:10:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6659"},"modified":"2011-12-28T14:16:23","modified_gmt":"2011-12-28T12:16:23","slug":"expertenkultur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6659","title":{"rendered":"Expertenkultur!!"},"content":{"rendered":"<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p>0.<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchjahr 2010 hatte ich die Ehre, mit dem deutschen Musikautorenpreis in der Kategorie \u201eNachwuchsf\u00f6rderung\u201c ausgezeichnet zu werden. Es gab insgesamt zehn Kategorien, von \u201eBester Text Schlager\u201c \u00fcber \u201eLebenswerk\u201c bis \u201eExperimentelle Kammermusik\u201c. Bei der Gala waren also Musikschaffende aus allen Sparten anwesend, was den kuriosen Effekt zur Folge hatte, dass bei den Laudatios sich jeder, aber wirklich jeder entschuldigte: die U-Musiker immer wieder daf\u00fcr, dass ihre Musik <em>nicht <\/em>so anspruchvoll sei, die E-Musiker immer wieder daf\u00fcr, <em>dass <\/em>ihre Musik so anspruchsvoll sei. Irgendwas lief da falsch \u2013 h\u00e4tte man statt dem Axica-Geb\u00e4ude neben dem Brandenburger Tor nicht einen \u00fcberdimensionalen Beichtstuhl f\u00fcr die ca. 200 Leute mieten m\u00fcssen? Oder war dieses kollektive Bitten um Vergebung nicht einfach unangebracht und unfreiwillig komisch?<\/p>\n<p>1.<\/p>\n<p>Dr\u00fcben <a href=\"http:\/\/blogs.nmz.de\/badblog\/2011\/12\/23\/die-gabe-der-unmittelbarkeit\/\">im BadBlog schreibt Moritz<\/a> mal wieder davon, dass die Neue Musik doch nicht so kompliziert sein m\u00fcsse, nicht so gelehrt daherkommen br\u00e4uchte usw. Dem widerspricht fast niemand (au\u00dfer zB Mahnkopf \u2013 \u201eEntweder es nehmen viele wahr, dann ist es keine Kunst, oder es nehmen wenige wahr, dann ist es Kunst.\u201c \u2013 auf nicht gerade einem Gelehrten geb\u00fchrende Weise), und auch <a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/theorie\/elitaer-populaer.htm\">ich fordere ja mitunter dazu auf<\/a>, Elemente des Pop einzubeziehen, denn der hat beileibe nicht mit allem Unrecht.<\/p>\n<p>Es mag vielleicht verwundern, wenn ich an dieser Stelle aber auch f\u00fcr das Gegenteil die Lanze breche: Wir brauchen eine musikalische Expertenkultur, genau, nicht nur oder nicht so sehr eine b\u00fcrgerliche Hochkultur, sondern eine <em>Experten<\/em>kultur in der Musik! \u2013 so wie es Mathematiker gibt, die Thesen aufstellen, die weltweit nur 12 Leute verstehen und davon noch 7 bestreiten, oder Chemiker, die im Kompliziertesten forschen, ohne vorab zu wissen, ob dabei \u00fcberhaupt etwas herauskommt. Letztlich reicht es, wenn <em>einer<\/em> ein Mittel gegen Krebs findet, und auch die radikalste Kunst hat gewiss ihre Auswirkungen. Picasso: \u201eIch kann ein Bild malen und danach in die Schublade stecken, trotzdem \u00e4ndert es die Welt.\u201c; niemand kann widerlegen, dass auch Anton Weberns Quartett Opus 22 zum Fall der Mauer beigetragen hat! Tats\u00e4chlich bin ich der festen \u00dcberzeugung, dass es auch die radikalste, sperrigste Insiderkunst geben muss, im Interesse der allgemeinen Kultur.<\/p>\n<p>Warum kommt \u00fcberhaupt die Beschwerde, dass die Neue Musik so kompliziert ist, wenn es doch auf dieser Welt mehr als genug leicht gestrickte Musik gibt? Warum beschwert man sich \u00fcber die Neue Musik, ist aber nicht dar\u00fcber emp\u00f6rt, dass es so etwas wie \u201ehydrografische Geod\u00e4sie\u201c gibt? Wer ist schuld? Die Neue Musik! Aber nicht, weil sie so kompliziert ist, sondern weil sie nicht dazu steht. Das Problem ist, dass sich diese sperrige Musik dem Vorwurf \u00fcberhaupt aussetzt; sie tut das freilich dadurch, dass sie den Steuer- und GEZ-Zahler viel Geld kostet, ohne eine greifbare Gegenleistung zu erbringen \u2013 angemessene Zuschauerzahlen, Resonanz in der Presse usw. (So entstehen auch die Minderwertigkeitskomplexe bei den Akteuren, die sich dann in verquasten Programmhefttexten ein Ventil verschaffen, statt souver\u00e4n den Austausch mit Kollegen zu pflegen.) Es gibt aber einen weiteren, irrationaleren und wahrscheinlich schwerwiegenderen Grund: Immer noch steckt sehr tief in den Menschen die Meinung, dass es nat\u00fcrlich quantenchromodynamische Physik und all das geben m\u00f6ge, aber <em>Musik<\/em> m\u00fcsse doch jeden Menschen ber\u00fchren, ja, <em>sie<\/em> habe doch die M\u00f6glichkeit des direkten Einwirkens auf K\u00f6rper und Seele jedes Menschen, wenn \u00fcberhaupt dann sei <em>sie<\/em> die verbindende, universale Sprache. Und da muss einfach entschieden aufgekl\u00e4rt werden: Nein, auch in der Musik \u2013 oder sollte man, um Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse fortan zu vermeiden, besser \u201e\u00e4sthetische Akustik\u201c sagen? \u2013 gibt es h\u00f6chste Komplexit\u00e4tsgrade und also h\u00f6chstes Spezialistentum. So wie es Astrophysik und Mikrochemie, Tiefseebiologie und Hochgebirgsgeologie gibt, gibt es auch Musik, die eine Angelegenheit von Experten ist. Es w\u00e4re doch sehr merkw\u00fcrdig, wenn die ein ganzes Hochschulstudium absolvierten, um danach Sachen zu machen, die jeder gleich versteht! Das gro\u00dfe Vers\u00e4umnis in der \u201eVermittlung\u201c der Neuen Musik, wie sie seit einiger Zeit emsig betrieben wird, ist, dass sie das nicht deutlich ausspricht. Es nutzt aber nichts, das ist Wohl oder \u00dcbel ein Faktum, da gibt es nichts zu entschuldigen und keine falsche Scham, es kann ja gar nicht anders sein in dieser Welt, in der in allen Bereichen die Spezialisierung zunimmt. Wer kann heute noch sein Auto selber reparieren? Kein normaler Mensch! Wieso investiert man trotzdem nicht in die \u201eVermittlung\u201c von Kfz-Wissen?!<\/p>\n<p>Ich habe vieles an der hiesigen Expertenkultur zu kritisieren, ich finde vieles irrelevant und geldverschwenderisch, vieles hat sich \u00fcberlebt und simuliert nur noch selbstgef\u00e4llig Spezialistentum; oft ist mir die Musik, die hochtrabend daherkommt, noch viel zu wenig kompliziert! Im \u00dcbrigen ist Fachidiotie immer die problematische Begleiterscheinung. Grunds\u00e4tzlich halte ich eine Expertenkultur aber f\u00fcr unverzichtbar, und sie sollte sich nicht um falsche Vereinfachung und Popularisierung bem\u00fchen, sondern um Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihre Komplexion. Die Menschheit, zumindest ihr demokratisch verfasster Teil, braucht Experten in allen Bereichen, auch in der Kunst; darum gibt es Kunsthochschulen! In der Kunst muss alles m\u00f6glich sein und alle Bereiche der Wahrnehmung und des Denkens m\u00fcssen ausgelotet werden, nach oben und nach unten und nach links und rechts, Richtung Pop und Richtung stochastischem Spektralkomplexismus, und \u00fcberall kann Kunst gelingen oder auch nicht. Niemandem soll der Zugang verwehrt werden, aber wenn es nur wenige Akteure gibt, ist das nicht verwerflich und braucht nicht zu verwundern, einzubilden braucht man sich darauf ebenfalls nichts. Und es wird ja Gott sei Dank, zumindest in diesem Land, dennoch eine Menge Geld f\u00fcr die Neue Musik ausgegeben, so wie f\u00fcr mathematische Forschung und Teilchenbeschleuniger. Statt sich zu beklagen, dass man nicht im Fernsehen ausgestrahlt wird, k\u00f6nnen die Experten sich doch mit Fug und Recht dazu bekennen, dass man nun mal zur akademischen Elite geh\u00f6rt, die es geradezu albern f\u00e4nde, w\u00fcrde sie im ZDF gesendet werden. Oder haben die Komponisten eigentlich die Angst, dass sie ihrem Expertenstatus nicht gerecht werden? Wo ist die Neue Musik, die mit Stolz sagt: Ich bin Expertenkultur, ihr habt Hegels Ph\u00e4nomenlogie des Geistes durchzuarbeiten, bevor ihr den Konzertsaal \u00fcberhaupt betretet! Oder ist das irgendwo gesetzlich verboten? Wo ist die Neue Musik, die sich viel zu fein daf\u00fcr ist, einen zusammengequetschten Programmtext zu schreiben, wenn nun mal erst ein eingehendes Partiturstudium zu tieferem Verst\u00e4ndnis f\u00fchrt? Wo ist die Neue Musik, der selbst die NM-Szene noch viel zu sehr Pro7-Niveau hat? Wer komponiert auch mal nur f\u00fcr sich? Wo ist das Selbstbewusstsein der Profis? Es muss doch alles in der Kunst geben, also auch das radikalste Spezialistentum! Pluralismus hei\u00dft nicht, dass es immer f\u00fcr viele ist, so w\u00fcnschenswert das auch w\u00e4re.<\/p>\n<p>Gott sei Dank gibt es nun aber auch Computer und das Internet, womit unter sehr geringem Geldaufwand Musik produziert und distribuiert werden kann. Damit ist man zumindest dem Subventionsdruck enthoben. Im Netz findet dann selbst die schwierigste Musik ein Millionenpublikum \u2013 wenn auch erst im Laufe von Millionen Jahren.<\/p>\n<p>Nun will wohl kaum ein K\u00fcnstler ausschlie\u00dflich f\u00fcr die Nachwelt oder nur f\u00fcr sich komponieren, viele Ideen brauchen eine Menge Geld, deren Aufwendung in einer Demokratie nicht mehr mit Expertenkultur rechtfertigbar ist, und man mag auch schlichtweg nicht als durch und durch elit\u00e4rer Sack gelten. Ich habe ein Ideal: dass ein Komponist in den verschiedenen Bereichen t\u00e4tig ist, dass er Musik erfindet vom Pop bis zum Unbek\u00f6mmlichsten; dass seine \u00c4sthetik nicht darauf spezialisiert ist, dass sie links oder rechts oder oben oder unten verortet ist, sondern dadurch, dass sie sowohl links wie auch rechts wie auch oben und unten umgesetzt werden kann (es gibt einige und immer mehr Komponisten, die sich in diesem breiteren Spektrum bewegen: Alexander Schubert, Daniel Smutny, Geno\u00ebl von Lilienstern oder Thomas Meadowcroft zum Beispiel). Die Postmoderne hat einmal das doppel- oder mehrfachcodierte Werk erkoren, das auf verschiedenen Ebenen sowohl Laien wie Experten anspricht \u2013 das ist toll, aber schwer zu schaffen und darum selten; eher m\u00f6glich erscheint es mir, werksm\u00e4\u00dfig zu separieren, aber in der Person zu vereinen: M\u00f6ge ein Komponist Technotracks ebenso komponieren wie ultraselbstreferentiellen, monadologischen Ger\u00e4uschnegationskonzeptualismus f\u00fcr Violoncello, den keiner versteht. Wohlgemerkt, all das ganz gewissenhaft komponiert und mit Herzblut, und wiederum gibt es zur Handhabe des Stilpluralismus\u2019 hilfreiche Softwares.<\/p>\n<p>Also: Mehr Vielseitigkeit, mehr leichte und mehr extrem schwere Musik von ein und demselben Komponisten, und mehr Stolz f\u00fcr <em>alle<\/em> Arbeiten w\u00fcrde dem Umkreis der Neuen Musik sehr helfen. Und k\u00fcmmert euch mal darum, dass sich auch diese Einsicht endlich verbreitet: Musik ist mehr als Emotion, Groove und V\u00f6lkerverbindung, Musik kann auch asozial schwer verst\u00e4ndlich sein und auch dazu hat sie ihr gutes Recht. Andernfalls nennen wir es k\u00fcnftig eben \u201e\u00e4sthetische Akustik\u201c. \u00dcbrigens hei\u00dft Intellektualisierung \u00fcberhaupt nicht Verlust von Unmittelbarkeit \u2013 es gibt Mathematiker, denen beim Anblick einer Formel Tr\u00e4nen in die Augen treten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>0. Im Fr\u00fchjahr 2010 hatte ich die Ehre, mit dem deutschen Musikautorenpreis in der Kategorie \u201eNachwuchsf\u00f6rderung\u201c ausgezeichnet zu werden. Es gab insgesamt zehn Kategorien, von \u201eBester Text Schlager\u201c \u00fcber \u201eLebenswerk\u201c bis \u201eExperimentelle Kammermusik\u201c. 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