{"id":6042,"date":"2011-11-24T05:47:42","date_gmt":"2011-11-24T03:47:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6042"},"modified":"2011-11-20T13:15:17","modified_gmt":"2011-11-20T11:15:17","slug":"das-totale-archiv-12-und-letzte-fur-die-offenheit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6042","title":{"rendered":"Das totale Archiv (12. und letzte): Gegentendenzen"},"content":{"rendered":"<p>In der letzten Zeit brachte ich den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version, der nun mit dem zw\u00f6lften und letzten Teil abschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Die Frage, was als neu und was als alt gilt (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5824\">1<\/a>), begleitete den Text immer wieder, aber neu sind definitiv die digitalen Archive (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5827\">2<\/a>), die das Mediennutzungsverhalten \u00e4ndern (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5833\">3<\/a>). Ein Exkurs fragte nach dem Wesen des technischen Fortschritts (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5895\">4<\/a>). Charakteristisch f\u00fcr die digitalen Archive ist, dass sie ungekannte Datenmassen des Vergangenen beherbergen (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5900\">5<\/a>) und dass diese unausl\u00f6schbar sind (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5951\">6<\/a>). Ebenso ist die Menschheit unausl\u00f6schbar (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5972\">7<\/a>). Die Last der Vergangenheit ist ein bekanntes Thema (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5989\">8<\/a>), aber sie wird es immer noch mehr. Darum ist der postmoderne Collage-Stil wom\u00f6glich der bestimmende Stil auch in Zukunft (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6032\">9<\/a>). Das erfordert bestimmte Design-L\u00f6sungen (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6034\">10<\/a>). K\u00fcnstlerische Sujets des totalen Archivs sind beispielsweise die gro\u00dfen Quantit\u00e4ten und die Nachinszenierung (<a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6040\">11<\/a>). Angesichts exklusivistischer Gegenbewegungen ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Offenheit (12) angebracht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>12. Gegentendenzen<\/p>\n<p>Was ist am totalen Archiv total? Zun\u00e4chst ist es schlichtweg die gr\u00f6\u00dfte Sammlung von Informationen, die die Menschheit bislang kannte. Die<strong> <\/strong>Encyclop\u00e6dia Britannica von 2004 birgt rund 75.000 Artikel in 32 B\u00e4nden, die englischsprachige Wikipedia z\u00e4hlt 2011 gut 3.750.000 Eintr\u00e4ge. Das ist kein Produkt einer Ideologie, sondern der technologischen Entwicklung.<\/p>\n<p>Zum einen ist daran ein Totalisierungszug, dass der Computer, also die Digitalisierung, alle Medien schluckt, Radio, Fernsehen, B\u00fccher. Das Medium verschwindet wieder hinter der Botschaft; die Digitalisierung wird selbstverst\u00e4ndlich, und damit herrschend. Hilflos schreibt noch die <em>Tagesschau<\/em> bei Videomaterial aus dem Netz: \u201eQuelle: Internet\u201c. Entsprechend haben die Firmen Google, Apple und Microsoft zu bedenklichem Grad das Monopol \u00fcber kulturelle G\u00fcter. Grunds\u00e4tzlich ist es w\u00fcnschenswert, dass es ein zentrales Portal gibt, wor\u00fcber eine Suchanfrage gestartet wird, die \u00fcber das gesamte Archiv zugreifen kann \u2013 das bleibt der Vorzug von illegalen Tauschb\u00f6rsen gegen\u00fcber den kommerziellen Pendants. Dennoch bedeutet ein System ohne wirklichen Wettbewerb eine problematische, vielleicht gef\u00e4hrliche Akkumulation. Wer bestimmt die Bedingungen der Suchabfrage? Die anarchische Verteilung der Informationen hingegen ist Segen und Fluch \u2013 niemand \u00fcberschaut alles, aber entsprechend schwer wird die Verst\u00e4ndigung dar\u00fcber, bis hin dass jeder doch in seiner eigenen \u201eFilterblase\u201c lebt.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Da sind Zufallselemente innerhalb der Algorithmen w\u00fcnschenswert.<\/p>\n<p>Zum anderen \u00fcbersteigt die schiere Gr\u00f6\u00dfe des Archivs das menschliche Erfassungsverm\u00f6gen \u2013 in viel h\u00f6herer Dimension als die analogen Archive. Nat\u00fcrlich bleibt jedem \u00fcberlassen, sich ein- und auszuklinken aus dem Netz; doch wo es jedoch um Wissen und Erfahrung geht, gibt es keine Isolation mehr. Die Probleme der Menschheit sind globale, selbst das Private ist, frei nach dem Slogan, global. \u00dcber Krankheiten macht man sich im totalen Archiv kundig, aus dem Facebook-Pool kn\u00fcpft man Kontakte. \u00dcberall in der Luft h\u00e4ngt ein unsichtbares Netz, das Internet. Dort kann sich alles verfangen, dort wird alles kontextualisiert und abgeglichen. Man lebt immer unsicherer, weil eine Behauptung sofort jemand anderes im totalen Archiv \u00fcberpr\u00fcfen, also m\u00f6glicherweise falsifizieren kann. Politikerl\u00fcgen k\u00f6nnen entlarvt, Plagiate identifiziert werden. Wirkliches Wissen ist dann nur noch in hochgradigem Spezialistentum m\u00f6glich, alles andere verharrt auf zuf\u00e4llig Aufgelesenem. Fr\u00fcher konnte man sein Auto noch selber reparieren! Je leichter der Alltag durch Technologie wird, desto komplexer wird das Wissen dahinter. Nichts verk\u00f6rpert das anschaulicher als die Produkte der Firma Apple: geleckte Oberfl\u00e4che, selbsterkl\u00e4rende Bedienbarkeit noch f\u00fcr den Unbedarftesten, aber eine gigantische Intelligenz dahinter.<\/p>\n<p>So zeichnen sich, obwohl, wie im siebten Abschnitt dargelegt wurde, \u201eInformation frei sein will\u201c, Gegentendenzen ab: Die neue Abschottung. \u00d6ffentlich-rechtlich finanzierte Rundfunkanstalten m\u00fcssen ihre Sendungen \u2013 die doch allen Geb\u00fchrenzahlern geh\u00f6ren \u2013 auf Druck des Marktes nach sieben Tagen aus dem Netz nehmen, Apple verriegelt hermetisch seine Software, und Regimes klemmen in ihren L\u00e4ndern das halbe oder sogar das gesamte Internet ab. Wurde der postmoderne Pluralismus mit dem Internet und der Globalisierung nach 1989 eingel\u00f6st, tritt nun die Reaktion auf den Plan: Nationalismen keimen wieder auf und Europa mauert sich vor den Afrikanern ein. All das kann eigentlich nicht sein und schon gar nicht darf es das; man f\u00fchlt sich in die Prohibition in den USA der 1920er Jahre zur\u00fcckversetzt, die der heranrollenden Moderne entgegengestemmt wurde, v\u00f6llig zu unn\u00fctz.<\/p>\n<p>Hier ist Pluralismus unbedingt hochzuhalten. Es ist zu hoffen und w\u00fcnschen, dass Umgangsverfahren mit der Informationsf\u00fclle entstehen, ohne dass der innwohnende Reichtum beschnitten wird. Das digitale Archiv ist eine geistige, keine physische Instanz, und darum interpretierbar; eine elastische, mitkommunizierte Handhabe von Abstraktion und Konkretion kann es produktiv statt l\u00e4hmend machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> \u201eFilter bubble\u201c, ein von Eli Pariser gepr\u00e4gter Begriff, der die Isolation in personalisierten Algorithmen beschreibt.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der letzten Zeit brachte ich den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version, der nun mit dem zw\u00f6lften und letzten Teil abschlie\u00dft. Die Frage, was als neu und was als alt gilt (1), begleitete den Text immer wieder, aber neu sind definitiv die digitalen Archive (2), die das Mediennutzungsverhalten \u00e4ndern (3). 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