{"id":6040,"date":"2011-11-23T05:45:54","date_gmt":"2011-11-23T03:45:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6040"},"modified":"2011-11-20T13:11:43","modified_gmt":"2011-11-20T11:11:43","slug":"das-totale-archiv-11-kunst-des-totalen-archivs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6040","title":{"rendered":"Das totale Archiv (11): Kunst des totalen Archivs"},"content":{"rendered":"<p>Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text  \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Der <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6034\">zehnte Teil<\/a> beleuchtete Designformen des totalen Archivs, der elfte nun Kunst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>11. Kunst des totalen Archivs<\/p>\n<p>In der Kunst war der Fortschritt des 20. Jahrhunderts zuerst weniger ein technologischer als ein ideeller. Von den technischen Mitteln her h\u00e4tte man schon in H\u00f6hlen kubistisch malen und auf der Viola da Gamba atonal spielen k\u00f6nnen \u2013 sie bedurften aber noch so mancher \u201eImmaterialien\u201c (Friedrich Kittler), die erst in der Moderne errungen wurden. Die gro\u00dfen ideellen Schranken sind seitdem in der westlichen Welt g\u00e4nzlich gefallen. Man kann zwar immer noch Leute mit atonaler Musik \u00e4rgern, dass das aber ein historisches Stelldichein darstellt, dessen Fronten stehengeblieben sind, hat sich herumgesprochen.<\/p>\n<p>Im 20. Jahrhundert wurden, nach dem Wegfall der alten Eingrenzungen wie der Tonalit\u00e4t, der Zentralperspektive oder des Reimschemas, praktisch alle existenten \u00e4sthetischen Bereiche der menschlichen Wahrnehmung ausgelotet. Ein weiterer Fortschritt h\u00e4ngt darum sicher zu einem Gutteil am materiellen, technischen Fortschritt, der weiteres Terrain er\u00f6ffnet. Es gibt eine neue Musik nur in einer neuen Gesellschaft, so das Diktum Hanns Eislers; heute k\u00f6nnen wir feststellen, dass die bewegendste Innovationskraft der Gesellschaft Technik ist. Man \u00fcberlege einmal, wieviel Lebenszeit man an einem neuen technischen Ger\u00e4t wie dem Computer verbringt. Marx korrigierend ist nicht nur die \u00f6konomische, sondern auch die technologische Situation zuh\u00f6chst normativ, denn heutige Technologie kann auch von \u00f6konomisch Schwachen besessen werden. Technologie wird f\u00fcr die Kunst des 21. Jahrhunderts \u2013 auch wenn in der Kunst schwer etwas verallgemeinerbar ist \u2013 von eminenter Bedeutung sein. Man kann beispielsweise beobachten, wie allm\u00e4hlich Computerspiele im Feuilleton Einzug halten, wie \u00fcberhaupt das allgemeine Interesse an k\u00fcnstlerischer Verarbeitung der medialen Umbr\u00fcche gro\u00df ist. Aber auch ganz allgemein ist die Technologie der aussichtsreichste Ausweg aus dem Ende der Geschichte. Vielleicht wird man einmal, dank Gentechnik oder cognitive computing, einen IQ von 150 als \u201ageistig behindert\u2019 einstufen und unsere Zeit noch der Steinzeit zurechnen.<\/p>\n<p>Die neuen Technologien bringen ein Gef\u00fchl der unendlichen F\u00fclle. Diplomatische Enth\u00fcllungen gibt es, seit es Diplomatie gibt; die bei Wikileaks erschienenen 251.287 diplomatischen Depeschen, die 76.911 Dokumente \u00fcber den Afghanistankrieg oder die 391.832 Dokumente aus dem\u00a0Irak markieren jedoch eine andere Gr\u00f6\u00dfenordnung. Eine sehr gro\u00dfe Zahl an Sinneswahrnehmungen, 3.300 Kl\u00e4nge in zw\u00f6lf Minuten abgespielt, ist eine Erfahrung unz\u00e4hlbarer, sinnlich so gut wie unendlicher Quantit\u00e4t. Auf das mutma\u00dfliche Ende der gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen folgen gro\u00dfe Z\u00e4hlungen.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Quantit\u00e4ten, die riesige materiale Steigerung, k\u00f6nnen in der Kunstgeschichte verfolgt werden.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Die <em>Goldbergvariationen<\/em> von Bach umfassen 32 Variationen, Beethoven setzte mit den <em>Diabellivariationen<\/em> eine drauf (33), Enno Poppe schrieb 1997 <em>Thema mit 840 Variationen<\/em>. Die historische Avantgarde sp\u00fcrte das Potenzial der Zahl, Messiaen schrieb ein Orgelst\u00fcck mit dem Titel <em>64 Dur\u00e9es<\/em>, Andy Warhol titelte: <em>Thirty are better than one<\/em>, gemeint war die Vervielf\u00e4ltigung der Mona Lisa. Karlheinz Stockhausen vollbrachte den technisch-avantgardistischen Superlativ, indem er ein Streichquartett in Helikoptern spielen lie\u00df; Christoph Schlingensief titelte in gro\u00dfen Quantit\u00e4ten: <em>Talk 2000<\/em>, <em>U 3000<\/em>. Mit der offenen Form er\u00f6ffneten sich gigantische Kombinationsm\u00f6glichkeiten, etwa bei Raymond Queneaus <em>Hunderttausend Milliarden Gedichten<\/em> (1961). Die Gegenwart nun erstrahlt in kolossalen Ansammlungen, Gerhard Richter best\u00fcckt den K\u00f6lner Dom mit 11.500 Farbquadraten, Thomas Hirschhorn gestaltet R\u00e4ume mit hypertrophen Installationen aus, Kim Asendorf generiert Bilder aus <em>100.000.000 stolen pixels<\/em>, Ai Weiwei stellt Millionen Sonnenblumenkerne aus oder ver\u00f6ffentlicht auf seinem Blog Hunderttausende Fotos, Spencer Turick fotografiert riesige nackte Menschenmassen, ich habe 2008 ein St\u00fcck mit 70.200 Fremdzitaten komponiert und mit ebensovielen Formularen bei der GEMA angemeldet; Arno L\u00fccker hat s\u00e4mtliche Trompetenstellen aus Brucknersymphonien kompiliert; Wolfgang Rihms Riesenoeuvre, Brian Ferneyhoughs Komplexismus, Damien Hirsts Superpreise \u2013 es ist das \u201eZeitalter der Extreme\u201c (Eric Hobsbawm), der \u00fcberbordenden M\u00f6glichkeiten durch heutige Produktionsmittel (und freilich ist es auch das Zeitalter des Turbokapitalismus). Die sinnliche Qualit\u00e4t einer gro\u00dfen Zahl wie 11.500 Farbquadraten ist qualitativ kaum \u00fcberbietbar; ein Musikst\u00fcck mit 80.200 Zitaten w\u00e4re keine \u00e4sthetische Steigerung mehr.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte diese Tendenz \u201eHypermoderne\u201c nennen, einen letzten Akt des Materialfortschritts. Der Begriff kursiert sporadisch. Braucht es \u00fcberhaupt ein neues Wort? Es soll hier keine neue Epoche ausgerufen werden. \u201eHypermoderne\u201c ist eher ein Gattungsbegriff; die Postmoderne gilt, wie gesagt, in Aspekten schonungslos weiter. \u201eHyper-\u201e ist eine der Ableitungsvokabeln, wie \u201epost-\u201c, \u201etrans-\u201c, \u201ecyber-\u201e oder \u201emeta-\u201c, die die Zeit nach der Moderne kennzeichnen. Die Dinge wachsen technikbedingt \u00fcber sich hinaus, man gew\u00e4rtigt ihre Gr\u00f6\u00dfe in Bezug aufs vorherige.<\/p>\n<p>Eine zweite, typische Tendenz in der Kunst ist die der technischen Aktualisierungen alter Werke, namentlich der historischen Avantgarde. Es wird dezidiert auf ein bestehendes Werk Bezug genommen, pointilistisch eine Tradition selektiert und in das neue Sehen und H\u00f6ren der neuen Zeit \u00fcbersetzt; die \u201ePostmodernisierung moderner Kunst\u201c (Lyotard). Auch ist es das ehrliche Eingest\u00e4ndnis, dass mehr an Innovation als diese Updates nicht m\u00f6glich ist. Wenn es neue Technik gibt, muss es logischerweise auch eine neue Avantgarde geben \u2013 aber davon spricht niemand, denn in gleichem oder gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe ist auch die Pr\u00e4senz der Vergangenheit gewachsen. Immerhin wird aber gerade an dem R\u00fcckgriff ein Grad von Neuheit ablesbar.<\/p>\n<p>Shawn Feeny hat Cornelius Cardews Klassiker der grafischen Notation, <em>Treatise<\/em> von 1967, mit Sinust\u00f6nen in einem rasanten Video ausgelesen; Giorgio Sancristoforo programmierte Franco Evangelistis <em>Incontri di fasce sonore<\/em> von 1957 neu, ebenso Thomas Hummel John Cages <em>Variations I<\/em> von 1958 oder Karlheinz Essel Cages <em>Fontana Mix<\/em> von \u201958. Eva und Franco Mattes stellten in \u201eSecond Life\u201c Performance-Klassiker wie Marina Abramovi\u0107s <em>Imponderabilia <\/em>(1977), Valie Exports <em>Tast- und Tappkino<\/em> (1968) oder gar Joseph Beuys\u2019 <em>7000 Eichen <\/em>(1982) nach, Sascha Lobo hat auf Facebook Molly Blooms <em>Stream of Consciousness <\/em>aus James Joyce\u2019 <em>Ulysses<\/em> von 1922 in einen Online-Nachrichtenstream gesetzt; Cory Arcangel schnitt eine gro\u00dfe Menge an YouTube-Videos, in den Katzen \u00fcber Klaviertasten stolzieren, zu Sch\u00f6nbergs <em>Klavierst\u00fccken Op.11<\/em> von 1908 zusammen; George Manak hat aus dem Schnipsel eines Hollywood-Films Steve Reichs <em>Clapping Music<\/em> von 1972 re-arrangiert; Patrick Liddell realisierte Alvin Luciers <em>I am sitting in a Room<\/em> von 1969 mithilfe der Kompressionsalgorithmen von YouTube, wo er die Aufnahme tausend mal hochlud und wieder rippte. Nick Collins hat Iannis Xenakis\u2019<em> Gendyn<\/em>-Synthesizer aus den 80ern auf das iPhone \u00fcbertragen, Piet Mondrians oder Jackson Pollocks Stil werden mittlerweile von Dutzenden Programmen algorithmisch beherrscht. Changha Whang malt supermondrianeske Bilder, das Berliner Laptoporchester spielt regelm\u00e4\u00dfig Terry Rileys Minimalklassiker von 1964 <em>In C<\/em>, Trond Reynholdtsen inszenierte 2010 in Darmstadt John Cages Darmstadt-Lecture von 1954 nach, ich habe Brian Ferneyhoughs <em>Zweites Streichquartett<\/em> von 1982 in die Popkompositionssoftware \u201eBand in a Box\u201c eingespeist und Sch\u00f6nbergs <em>Pierrot Lunaire<\/em> (1913) von einem Autonavigationsger\u00e4t sprechen lassen oder Ravels <em>Bolero<\/em> (1928) als Prinzip auf eine Szene aus dem Film <em>Der Untergang<\/em> angewandt; Manuel Schmalstieg und Kim Xupei sind die Autofahrt aus Andrej Tarkowskijs <em>Solaris<\/em> (1972) auf Google Street View nachgefahren. John Cages Klassiker von 1952<em> 4\u201933\u2019\u2019<\/em> erfuhr bereits etliche Re-enactments: Dick Whyte mixte etliche vorhande Auff\u00fchrungen des St\u00fcckes, die als Video auf YouTube verf\u00fcgbar sind, zu einem Stille-Mashup zusammen, Matthew Reid hat eine Stille-Aufnahme durch die Intonationskorrektur von \u201eAutoTune\u201c gejagt; ich habe via Splitscreen das St\u00fcck in sechzehn simultane Teile dividiert. Diese Liste, mit Werken allesamt aus den letzten Jahren, wird in Zukunft wachsen.<\/p>\n<p>Die Beispiele zeigen: Innovation bringt Retrospektion. Das Rad wird ja nicht neu erfunden, wir leben im Zeitalter der regenerativen Energien. Immer wird man sich auf Pioniere wie Galilei berufen, wenn man etwa ein neues Navigationssystem \u201eGalileo\u201c tauft. Elementare atonal-\u00e4sthetische Strategien wie Stille, Rekursion oder Phasenverschiebung sind da, aber erfahren im Digitalen neue Anwendungsm\u00f6glichkeiten, anhand neu verf\u00fcgbarer Materialien in gro\u00dfer Menge. Das Suffix \u201e2.0\u201c ist der Zeitgeist.<\/p>\n<p>In vielen der genannten Beispiele stecken die zwei Aspekte, der Hybrid aus altem Werk und neuer Darstellung, und die gro\u00dfen Quantit\u00e4ten, collagiert. Die St\u00fccke sind \u201eHyper-Hybride\u201c.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Vgl. Johannes Kreidler, <em>Kunst im Netz: gro\u00dfe Quantit\u00e4ten<\/em>, Vortrag im Rahmen von <em>Der Kongress bloggt<\/em> am 12.2.2011. <a href=\"http:\/\/youtu.be\/ySu-Au0SF_M\">http:\/\/youtu.be\/ySu-Au0SF_M<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Auch in der Popmusik zeichnet sich das Ph\u00e4nomen ab: \u201eVor allem aber ist das zur\u00fcckliegende Jahrzehnt durch eine ungeheure Ausbreitung der musikalischen Archive gekennzeichnet gewesen. Sp\u00e4testens seit dem Siegeszug von YouTube in den letzten f\u00fcnf Jahren mit den Myriaden der dort hochgeladenen Videos und Songs ist jedwede Musik aus jedweder Epoche jederzeit f\u00fcr jeden verf\u00fcgbar geworden. So hat sich der gesamte Pop aus dem Kontinuum der historischen Entwicklung gel\u00f6st und ist in eine universelle Gegenwart getreten: eine Gegenwart freilich, die nicht mehr in freudiger Erwartung zuk\u00fcnftiger Innovationen erzittert, sondern die sich ganz an der Vergegenw\u00e4rtigung von Vergangenem erfreut.\u201c Jens Balzer, <em>Zur\u00fcck in die Zukunft<\/em>, in: <em>Frankfurter Rundschau<\/em> vom 4.7.2011, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/rpjfck\">http:\/\/bit.ly\/rpjfck<\/a>, recherchiert am 30.8.2011. Vgl. Dazu auch: Simon Reynolds, <em>Retromania. Pop Culture\u2019s Addiction to Its Own Past<\/em>, London\/New York 2011.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Der zehnte Teil beleuchtete Designformen des totalen Archivs, der elfte nun Kunst. &nbsp; 11. Kunst des totalen Archivs In der Kunst war der Fortschritt des 20. Jahrhunderts zuerst weniger ein technologischer als ein ideeller. Von den technischen Mitteln her [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_links_to":"","_links_to_target":"","footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-6040","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-theorie"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6040"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6040"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6040\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6257,"href":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6040\/revisions\/6257"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6040"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6040"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6040"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}