{"id":6034,"date":"2011-11-19T05:41:44","date_gmt":"2011-11-19T03:41:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6034"},"modified":"2011-11-20T00:34:28","modified_gmt":"2011-11-19T22:34:28","slug":"das-totale-archiv-10-designformen-des-totalen-archivs","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6034","title":{"rendered":"Das totale Archiv (10): Designformen des totalen Archivs"},"content":{"rendered":"<p>Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Der <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6032\">neunte Teil<\/a> ging dem Umstand nach, dass die Collage, jetzt erst Recht, die Form der Gegenwart und Zukunft ist. Ehe der elfte Teil Kunst des totalen Archivs benennt, besprechen wir jetzt Designformen des totalen Archivs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>10. Designformen des totalen Archivs<\/p>\n<p>Die Informationsf\u00fclle braucht in den verschiedenen Bereichen designerische L\u00f6sungen. Es ist aufschlussreich, einmal dort zu schauen, wo am meisten Geld f\u00fcr Designer ausgegeben wird \u2013 bei den Technologieriesen. Firmen wie Apple oder Google haben Antworten auf die informatorische Komplexit\u00e4t gefunden. Das Erfolgsgeheimnis von Apple war und ist es, komplizierte Hard- und Software in blitzblankes Design und genial-intuitive Bedienbarkeit zu packen,<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> ebenso wie Google mit seinem einfachen Suchschlitz.<\/p>\n<p>Wenn auch das totale Archiv erdr\u00fccken mag, materiell schafft es riesigen Freiraum. Die Bibliotheken k\u00f6nnen ger\u00e4umt werden, weil ihre B\u00fccher auf Datentr\u00e4ger einmagnetisiert sind. Merkw\u00fcrdig leer steht die Eingangshalle der Berliner Staatsbibliothek da \u2013 der Architekt Hans Scharoun sah sie f\u00fcr die heute entbehrlichen Karteik\u00e4sten vor. Die Oberfl\u00e4chen werden sauber.<\/p>\n<p>David Shields hat es vorexerziert: Sein Buch <em>Reality Hunger<\/em> ist gespickt mit Zitaten, aber \u00a0keines ist im Flie\u00dftext gekennzeichnet, jedes Zitat ist <em>sein<\/em> Zitat, <em>er<\/em> hat es gefunden und platziert, wozu geh\u00f6rt, dass er nach Gutd\u00fcnken umformuliert, k\u00fcrzt und addiert. Es braucht kaum noch gesagt zu werden: Die Urheber lie\u00dfen sich ja bei Interesse googeln. Auf dem E-Reader befindet man sich mit einem Klick neben dem Text in den Untiefen des totalen Archivs; aber darum l\u00e4sst man\u2019s oben besser aufger\u00e4umt. Das ist Google-Design; \u00a0Minimalismus ist das designerische Gebot der Stunde. Und in der Musik weicht das zelebr\u00f6se Schallplatten- und CD-Album der lieblosen Anh\u00e4ufung tausender Musikst\u00fccke auf einem mikroskopischen Datentr\u00e4ger; dem begegnet Apple mit der polierten Oberfl\u00e4che des iPods und seinem coolem Markenimage.<\/p>\n<p>Man kann durchaus bedauern, dass statt dem ganzen Album einzelne Musiktitel ausgew\u00e4hlt werden. Ein gro\u00dfer Wert der Kunst ist, dass sich Erfahrungen erzwingen lassen, \u00fcberhaupt Qualit\u00e4ten der Zeitgestaltung m\u00f6glich werden, wenn der Zuschauer im Theater quasi eingesperrt ist. Die Technologien der Individualzeit machen es <em>time-based-media<\/em> schwer. Links m\u00fcssen ferngehalten werden, f\u00fcr einen Moment gilt es, einen harten Rahmen zu schaffen \u2013 YouTube auf Vollbild und Stuhl einen Meter weg von Maus und Tastatur! Die Fernsehpassivit\u00e4t war besser als ihr Ruf, wie sich im Nachhinein zeigt. Aber die Zunahme von Interaktivit\u00e4t und Optionalit\u00e4t ist nicht aufzuhalten. Im Einzelfall erfordert es gewiss Strategien der Abgrenzung, doch ist andererseits Durchl\u00e4ssigkeit Pflicht.<\/p>\n<p>Ein Modell f\u00fcr Interaktivit\u00e4t w\u00e4re, dass der Grad der Komplexit\u00e4t frei zu w\u00e4hlen ist (aber das eine auf das andere neugierig macht). Die Collage verl\u00e4uft vertikal: Man kann sich mit der Oberfl\u00e4che des Betriebssystems zufrieden geben, eigene Icons w\u00e4hlen oder bis tief in den Code sich alles nach eigenen W\u00fcnschen modifizieren. So ist heute auch ein Buch umgeben von Videos, Zusammenfassungen, Interviews mit dem Autor, selbstverst\u00e4ndlich dem H\u00f6rbuch, es gibt Lesungen und Sekund\u00e4rtexte. Nur ein Polywerk ist noch ein Werk. Der Komponist Patrick Frank gruppiert zu seinen musikalischen Arbeiten Annoncen, Filme, Texte, Websites und ganze B\u00fccher und Symposien. Der Pluralismus muss sich nicht in ein und demselben Werk realisieren, sondern geht heute eher in einem Medienb\u00fcndel von mehreren Einheiten auf; nicht Multimedia, sondern Polymedia. Vielleicht verschwimmt dann sogar der Punkt, von dem aus die Kreise zu ziehen begannen. Statt eines evidenten Zentrums transzendiert ein Konzept heraus, und der Trailer ist schon der Film. Entsprechend teilt sich die Rezeption: Jonathan Meese schreibt zu jedem Werk ein Manifest, und manche sch\u00e4tzen diese oder den Performer Meese mehr als die bildnerischen Objekte, andere just umgekehrt.<\/p>\n<p>Logischerweise ist die Gegenbewegung, ein umso fein s\u00e4uberlicher abgegrenztes Werk in Einzelmedium dann ebenso denkbar, und tritt prompt bei Apple auf: die App, das vehement nach au\u00dfen abgedichtete Einzelprogramm. Aber den Charakter des \u00dcberheblichen oder Solipsistischen, und in Apples Fall des Propriet\u00e4r-Gewaltsamen, bekommt es unweigerlich, so wie ein reiner Textvortrag ohne PowerPoint heute halbgar anmutet, bestenfalls ausgewiesen insul\u00e4r. Die Subtexte des totalen Archivs liegen immer dicht darunter. Eine bare Authentizit\u00e4t und konzentrierte Monomedialit\u00e4t mag man sich zwar zuweilen w\u00fcnschen, aber wir leben irreversibel im Zeitalter der digitalen Auff\u00e4cherung. Dort ist Virginit\u00e4t wohl S\u00fcnde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Dazu: Falk L\u00fcke, <em>Der mit dem Apfel<\/em>, in: <em>taz<\/em> vom 26.8.2011, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/ovBWJr\">http:\/\/bit.ly\/ovBWJr<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. 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