{"id":6032,"date":"2011-11-18T05:38:48","date_gmt":"2011-11-18T03:38:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6032"},"modified":"2011-11-19T17:12:12","modified_gmt":"2011-11-19T15:12:12","slug":"das-totale-archiv-9-die-collage-ist-jetzt-erst-recht-die-form-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=6032","title":{"rendered":"Das totale Archiv (9): Die Collage ist, jetzt erst recht, die Form der Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Der <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5989\">achte Teil<\/a> befasste sich mit der zunehmenden Pr\u00e4senz geschichtlicher Dokumente, ergo der Geschichte. Der neunte Teil beschreibt eine der Konsequenzen daraus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>9. Die Collage ist, jetzt erst recht, die Form der Zukunft<\/p>\n<p>Die Erdoberfl\u00e4che ist begrenzt, nicht hingegen die digitalen Archive. Was sind die sieben Kontinente gegen das digitale Universum? Was ist das eigene Leben gegen das Panoptikum der Geschichte? Im Verh\u00e4ltnis zur Gegenwart wird die archivierte Vergangenheit immer m\u00e4chtiger und immer pr\u00e4senter.<\/p>\n<p>Das totale Archiv ist allerdings auch die totale Amnesie, denn alles ist immer nur winziges Fragment aus einem unfassbaren Gro\u00dfen, so wie selbst tausend Jahre kosmologisch noch ein Winziges sind. Jede Recherche ist Gl\u00fcckssache, jede Geschichtskonstruktion willk\u00fcrlich. Soll man da \u00fcberhaupt noch das M\u00f6gliche unternehmen und sich informieren? Das totale Archiv ist auch die totale Naivit\u00e4t, der Horizont ist weggewischt.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Theoretisch war das immer so, Unendlichkeit war immer \u00a0\u2013 \u201eIch wei\u00df dass ich nichts wei\u00df\u201c sprach schon Sokrates, und Napoleon sekundierte: \u201eGeschichte ist die L\u00fcge, auf die man sich geeinigt hat.\u201c Dennoch hat man seitdem viel zu wissen gemeint und mit gro\u00dfen Worten Geschichte geschrieben. Die Praxis arrangierte sich, pragmatische L\u00f6sungen gab es, Verdr\u00e4ngung funktionierte und Autorit\u00e4ten schufen Gesetze. Nun aber wird die Unendlichkeit materiell und demokratisch, auf Festplatten und Displays in jeder Hosentasche, unleugbar. Und was sind wir blutjung, wie \u00fcbersichtlich ist alles noch!<\/p>\n<p>In Jorge Luis Borges\u2019 Erz\u00e4hlung <em>Der Kongress<\/em> droht die Repr\u00e4sentation der Menschheit mit der Menschheit selbst identisch zu werden. In dem Moment, in dem das erkannt wird, beraumt man die Vernichtung der Repr\u00e4sentation an, eine gewaltige Verbrennung \u2013 doch die Idee ist in der Welt und somit schon unzerst\u00f6rbar. In der Bibel verhindert Gott den Bau des Turms zu Babel, indem er die Sprachenvielfalt schafft, die Verwirrung der Menschen durch Komplexit\u00e4t. Der neue Turm ist jedoch eben diese Komplexit\u00e4t. Die Dystopien waren wenigstens \u00fcberhaupt eine Perspektive, beide, religi\u00f6se wie s\u00e4kulare Apokalypse, \u00fcbten n\u00f6tige Reduktionen von Komplexit\u00e4t. Nun bleibt die Abschaltung, ja, Zerst\u00f6rung der Archive literarische Fiktion. Symbolisch wird sie aber sicher immer wieder praktiziert werden. Jedes \u201eIch wei\u00df, dass ich nichts wei\u00df\u201c ist eine solche.<\/p>\n<p>Wir wissen: Es ist irreversibel. Die Archive wuchern ins Exorbitante, jede Aktion ist, nun nachweisbar, die differente Wiederholung eines bereits Gewesenen. Auch der letzte technologische Schrei ist ein Echo. Kaum hat man einen neu erworbenen Computer aus dem Laden getragen, ist er schon veraltet \u2013 man lebt immer in der Vergangenheit. Die postmoderne Diagnose, dass wir also jetzt Re-enactmens, Re-Mixes, Aktualisierungen statt des Neuen beziehungsweise als Neues produzieren, sie gilt weiterhin, sie gilt mehr denn je, sie gilt f\u00fcr immer. Wie sollte dies auch \u00fcberwunden werden? Die Unschuld ist verloren. Was auch immer f\u00fcr neue Epochen kommen, ein wesentliches Moment der Postmoderne, ob ironisch oder nicht, wird in ihnen bestehen bleiben.<\/p>\n<p>2010 erschien David Shields Buch <em>Reality Hunger<\/em>,<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> ein Manifest der Collage. Shields zerlegt den Realit\u00e4tsbegriff, kritisiert die Romanform und pl\u00e4diert f\u00fcr ein freiz\u00fcgigeres Urheberrecht. \u00dcber 600 kurze Abschnitte, oft Zitate, montiert der Autor. (Nur z\u00e4hneknirschend f\u00fchrt er auf Druck des Verlags hinten Quellennachweise an.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>) Ein Werk ist heute vor allem die gigantische Lekt\u00fcreleistung, die ihm vorausgeht. Das Feuilleton war gespalten: Verwundert fragte ein Schweizer Rezensent, ob es denn in Amerika keine Postmoderne gegeben h\u00e4tte. Nat\u00fcrlich hat sie das, aber sowenig man fragen kann, was denn nach Monarchie und Demokratie als n\u00e4chstes kommt, kann man mit Blick auf den Kalender nun erwarten, dass die Postmoderne vor\u00fcber sein m\u00fcsse. Auch wenn es die oben genannten Erm\u00fcdungserscheinungen und Gegenstr\u00f6mungen gibt, zeigt sich bei der Digitalisierung, dass sie zwar eine Medienrevolution darstellt, aber bislang nicht so sehr eine neue Epoche begr\u00fcndet, als dass sie postmoderne Ph\u00e4nomene, voran den Pluralismus, noch potenziert. So gesehen waren die 80er und 90er erst pr\u00e4-postmodern. Bei allen Fachdiskussionen um Moderne, Postmoderne, reflexive Moderne oder zweite Moderne sollte man auch respektieren, dass im Alltag f\u00fcr die gegenw\u00e4rtige Situation mittlerweile ein unpr\u00e4tenti\u00f6ser Postmoderne-Begriff gebr\u00e4uchlich ist.<\/p>\n<p>Die heutigen Technologien sind immer auch Speichermedien, und sie speichern nie einfach nur den einen Vorgang, den man eingibt, sondern auch Kontext und Geschichte, so wie praktisch jedes Foto auch ein Zitat von Dingen beinhaltet. Die Datei hat nicht nur einen Inhalt, sondern auch eine Form, die der benutzten Software; und in Zeiten der digitalen Vernetzung ist jedes Zeichen ein potentieller Link ins totale Archiv, jede Datei ist \u201asoft\u2019. Man ist heute sensibilisiert genug, im Speichervorgang schon einen Remix zu erkennen. Und da heute also Paneklektizismus ist, ist es m\u00fc\u00dfig, noch von Eklektizismus zu sprechen. Die postmodernen Techniken werden Standard, darum braucht es daf\u00fcr eigentlich kein Manifest mehr. So ist die Collage nicht mehr nur Kunstform, sondern ein ubiquit\u00e4res Prinzip, seien es Wikipedia-Artikel, Sch\u00f6nheitsoperationen und Genderattribute, modulare M\u00f6bel, die Mischkalkulation prek\u00e4rer Arbeitsverh\u00e4ltnisse, Patchwork-Familien, die Multikulti-Gesellschaft oder Lebensphilosophien.<\/p>\n<p>Collage, Assemblage, Musique concr\u00e8te, Bricolage, Pastiche, Cover-Version, Intertextualit\u00e4t, Remix, Sampling, Appropriation Art, Bastard Pop, Patch-Work, Mash-Up \u2013 man kann die Idee als alten Hut abtun (wie man ja auch immer mehr in alten Werken, zum Beispiel der Zauberfl\u00f6te, eine Collage erkennt), und doch, ob man will oder nicht, ist sie das Signum des Internetzeitalters, seine typischste Form. Gottfried Benns Aussage, \u201eDie Kunst der Zukunft wird die Collage sein\u201c, war weitsichtiger, als man dachte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Chris Anderson vom <em>Wired Magazine<\/em> spricht vom \u201ePetabyte Age\u201c, dessen Datenmassen nur noch mit sehr selbst\u00e4ndig arbeitenden (und nicht mehr durchschaubaren) Algorithmen bew\u00e4ltigt werden k\u00f6nnen. Er k\u00fcndet daher das Ende der Wissenschaft in der uns bekannten Form an. Chris Anderson, <em>The End of Theory \u2013 Will the Data Deluge Makes the Scientific Method Obsolete?<\/em> In: <em>Edge<\/em> vom 30.6.2008, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/S0Xq\">http:\/\/bit.ly\/S0Xq<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> David Shields, <em>Reality Hunger<\/em>, M\u00fcnchen 2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Was vielleicht aber auch nur von Shields so dargestellt wird.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Der achte Teil befasste sich mit der zunehmenden Pr\u00e4senz geschichtlicher Dokumente, ergo der Geschichte. Der neunte Teil beschreibt eine der Konsequenzen daraus. &nbsp; 9. 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