{"id":5989,"date":"2011-11-14T05:20:54","date_gmt":"2011-11-14T03:20:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5989"},"modified":"2011-11-14T13:48:40","modified_gmt":"2011-11-14T11:48:40","slug":"das-totale-archiv-8-viel-vergangenheit-umgibt-uns","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5989","title":{"rendered":"Das totale Archiv (8): Viel Vergangenheit umgibt uns"},"content":{"rendered":"<p>Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Der <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5972\">siebte Teil<\/a> handelte von der Ewigkeit der Menschheit auf Erden. Als n\u00e4chstes ist von dem zunehmenden Gef\u00fchl der &#8222;Posthistoire&#8220; die Rede.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>8. Viel Vergangenheit umgibt uns<\/p>\n<p>Die Last des Vergangenen ist eine bekannte Erfahrung. \u201eIch bin so jung, und die Welt ist so alt\u201c klagte Georg B\u00fcchner im Jahr 23 nach B\u00fcchners Geburt, respektive 1836 nach Christi Geburt. Seit B\u00fcchner diesen Satz gesagt hat, ist die Welt allerdings schon wieder um 184 Jahre gealtert, sie wird immer noch \u00e4lter und es gibt immer neue junge Menschen. Der alte Goethe \u00e4u\u00dferte Eckermann gegen\u00fcber, dass das Meiste schon gesagt sei, wie der sp\u00e4te Brahms sich am Ende der Musik glaubte. Nietzsche widmete diesem Umstand seinen Text <em>Vom Nutzen und Nachteil der Historie f\u00fcr das Leben<\/em>; \u201eFin du si\u00e8cle\u201c hie\u00df vor hundertzwanzig Jahren die Stimmung, heute leben wir in einer ganzen Epoche, die das Danach-Sein empfindet: die Post-Moderne. \u201eDer gegenw\u00e4rtige Irakkrieg war derart vorhergesehen, vorprogrammiert, vorweggenommen, vorgeschrieben und vormodelliert, dass er alle M\u00f6glichkeiten, bevor sie eintrafen, ausgesch\u00f6pft hat. Er wird derart m\u00f6glich geworden sein, dass er nicht mehr stattzufinden braucht. Nichts von einem realen Ereignis ist mehr in ihm.\u201c<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> trauerte Jean Baudrillard am Vorabend des Irakkriegs 2003. Wo keine Neologismen gepr\u00e4gt werden, gilt f\u00fcr jedes Wort Terenz\u2019 (\u2020 159 oder 158 vor Christus) Maxime: \u201eEs gibt nichts, was nicht fr\u00fcher schon gesagt worden w\u00e4re.\u201c, oder: \u201eAm Anfang war das Wort, seither gibt es Zitate.\u201c (Thomas McEvilley)<\/p>\n<p>Die Geschichte wird schwerer und schwerer, was seit je so war, doch jetzt kriegen wir es fundamental zu sp\u00fcren \u2013 im totalen Archiv. Die postmoderne L\u00f6sung daf\u00fcr hie\u00df: Ironie. Umberto Eco hat es in der Nachschrift zum Roman <em>Der Name der Rose<\/em> instruiert \u2013 man brauche nur die Anf\u00fchrungsstriche immer mitzukommunizieren, denn jede Kommunikation ist aller Wahrscheinlichkeit nach Zitat.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Die Unschuld ist verloren. Man nehme folglich die Ironie als Tugend und Pflicht, als technische und stilistische Herausforderung, um der Geschichte stolz zu trotzen.<\/p>\n<p>Vielleicht hat jede Epoche ihre Postmoderne (und ihren Manierismus, und ihre Romantik). Das <em>Wohltemperierte Klavier<\/em> ist \u2013 technologiegetragener \u2013 postmoderner Barock, Beethovens Symphonien sind nicht einfache Symphonien, sondern retrospektive postmoderne Klassik, seine sp\u00e4ten Fugen sind Hyperfugen, Miguel de Cervantes\u2019 <em>Don Quixotte<\/em> ist ein Werk der Dekadenz schlechthin. Im Pop scheint es Gesetz zu sein, dass jede Dekade ihren Retro-Zwilling hat.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> (Vielleicht hat sogar die Epoche der Postmoderne, die ideengeschichtlich in den 80ern ihren Anfang nahm, noch ihre Postmoderne.) Was kam jeweils danach?<\/p>\n<p>Zumindest ist auch die Postmoderne gealtert und gewandelt: Statt der Mehrfachkodierung, dem raffinierten Hybrid aus Alltags- und Hochkultur, haben wir das Nebeneinander der Individualit\u00e4ten; das postmoderne \u201eanything goes\u201c stimmt materialistisch nicht, es ist in dieser Welt beileibe nicht alles m\u00f6glich; das postmoderne Schlagwort \u201eDekonstruktion\u201c ist heute ann\u00e4hernd Stammtischjargon und erm\u00fcdet mitunter; die gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen, die man zu Ende w\u00e4hnte, k\u00f6nnen ja wieder anfangen \u2013 zumindest der Kapitalismus ist bislang nicht zu Ende erz\u00e4hlt: Sch\u00f6nheit mag keine Angelegenheit der Kunst mehr sein, aber sie bleibt eine des Heiratsmarktes. Authentizit\u00e4t, Ethik und Ernsthaftigkeit sind Gegenbewegungen zur Postmoderne.<\/p>\n<p>Gewiss widerlegen jedenfalls die Digitale Revolution, der Clash der Kulturen und die weltweiten Finanzbeben Francis Fukujamas These aus den 1990ern, die Geschichte sei zu Ende. \u201eEs wird immer solche geben, die meinen, wenn sie nicht weiter k\u00f6nnen, die Sprache sei ersch\u00f6pft\u201c (Ernst J\u00fcnger).<\/p>\n<p>Doch die Idee der Posthistoire steht im Raum. Sie ist zwar vorerst falsifiziert, kam aber nicht von Ungef\u00e4hr. Es ist wiederum eine Frage der Perspektive, inwieweit wirklich Neues aufkommt oder doch nur Altes in Variation wiederkehrt. Zu Beginn des Personal Computers unkte man, das Herunterscrollen am Bildschirm regrediere vom Buch zur\u00fcck zur Schriftrolle. Oder es gibt die These, wonach der Islam noch eine lange Geschichte vor sich habe, jene Geschichte, die der Westen hinter sich wei\u00df: Reformation, Gegenreformation, Aufkl\u00e4rung, und so weiter. Man m\u00fcsste bei solch einer Aussage wieder ihren Abstraktionsgrad diskutieren; was neu und was alt ist korreliert mit den Ansichten dar\u00fcber, wie abstrakt oder konkret etwas ist. Dass aber verst\u00e4rkt ein posthistorisches Gef\u00fchl aufkommt, l\u00e4sst auf eine weitergehende Tendenz schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wir haben nat\u00fcrlich keine Gewissheit dar\u00fcber, was die Zukunft bringt. Mit \u00dcberraschungen bleibt zu rechnen. Aber materiell zeichnen sich eindeutig Ersch\u00f6pfungsprozesse ab: In der Musik etwa wurden im 20. Jahrhundert praktisch alle nur m\u00f6glichen Kl\u00e4nge, die im Spektrum des menschlichen Ohres erzeugbar sind, entdeckt; diesbez\u00fcglich ist der Wahrnehmungsapparat endlich. Die Experten sind sich einig, dass es so gut wie keinen nie geh\u00f6rten Klang mehr gibt, vergleichbar dem Periodensystem der Elemente, dem heutzutage nur noch sehr selten und unter gro\u00dfem Aufwand ein neuer Fund hinzugef\u00fcgt wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Jean Baudrillard, <em>Das Ereignis<\/em>, Weimar 2007, S. 8.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Umberto Eco, <em>Nachschrift zum \u201aNamen der Rose\u2019<\/em>, M\u00fcnchen 1986, S. 76ff.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Dazu: Simon Reynolds, <em>The 1980s revival that lasted an entire decade<\/em>, in: <em>Guardian<\/em> vom 22.1.2010, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/6veBSv\">http:\/\/bit.ly\/6veBSv<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. 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