{"id":5972,"date":"2011-11-10T05:57:06","date_gmt":"2011-11-10T03:57:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5972"},"modified":"2011-11-07T20:01:04","modified_gmt":"2011-11-07T18:01:04","slug":"das-totale-archiv-7-die-menschheit-ist-ewig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5972","title":{"rendered":"Das totale Archiv (7): Die Menschheit ist ewig"},"content":{"rendered":"<p>\ufeff\ufeffZur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Der <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5951\">sechste Teil<\/a> stellte fest: Die digitalen Archive sind nicht mehr zerst\u00f6rbar. Der siebte Teil nun erg\u00e4nzt: Auch die Menschheit ist nicht mehr zerst\u00f6rbar!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>7. Die Menschheit ist ewig<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind nicht alle Geschichten erz\u00e4hlt, nicht alle Bilder gemalt und nicht alle Musik komponiert, nicht alles ist schon dagewesen. Aber vieles! \u2013 im Verh\u00e4ltnis zu dem, was Menschen erfassen k\u00f6nnen. Neu ist das Ausma\u00df des Alten. YouTube gibt es seit sechs Jahren. Pro Minute werden dort derzeit 48 Stunden Videomaterial hochgeladen. Welche Massen wird man da in f\u00fcnfzig Jahren haben? Die Archive wachsen und wachsen. Es ist kaum anzunehmen, dass sie sich wieder zur\u00fcckentwickeln.<\/p>\n<p>Nach gegenw\u00e4rtiger Sachlage ist keine messianische und keine technisch ausgel\u00f6ste Apokalypse zu erwarten. Nat\u00fcrlich gibt es gewaltige Katastrophen, aber sieben Milliarden Menschen, mit Technik und Know-How ausgestattet und \u00fcber den Globus verteilt, sind zwar leider betr\u00e4chtlich dezimierbar, doch schwerlich ausrottbar. Trotz aller existierenden Waffen w\u00e4re es logistisch unwahrscheinlich schwer, die gesamte Menschheit vom Erdball zu tilgen. So grauenhaft der Zweite Weltkrieg auch war, er hat unsere Population nur um zwei Prozent dezimieren k\u00f6nnen. Zudem darf man hoffen, dass diese Zeiten vor\u00fcber sind.<\/p>\n<p>Das 20. Jahrhundert stand im Zeichen des Glaubens, dass die Menschheit sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter selbst zerbomben wird. Zukunftsvisionen waren praktisch immer d\u00fcster; wer in der Literatur oder im Kino in die Zeitmaschine stieg (<em>The Time Machine, Terminator<\/em>, <em>Blade Runner<\/em>), zog in den Krieg. Aber allm\u00e4hlich d\u00fcrfen wir annehmen, dass diese \u00c4ngste ausgestanden sind. Anzunehmen ist, dass noch Millionen Jahre lang Menschen leben,<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> sofern nicht h\u00f6here Gewalten erscheinen. Mit dem Absch\u00fctteln der Religionen hat die Menschheit Ewigkeit erlangt.<\/p>\n<p>Die Erkenntnis, dass kein Gott dem irdischen Leben ein Ende setzen wird, hatte in der Neuzeit am prominentesten Nietzsche, und er gab dieser Ungeheuerlichkeit durch eine weitere unchristliche Ungeheuerlichkeit Ausdruck: die Lehre von der ewigen Wiederkehr. Nun sind Ungeheuerlichkeiten schwer auszuhalten. Im 20. Jahrhundert kamen die Dystopien auf, die negativen Utopien, die mehr oder minder den Untergang der Menschheit, wie wir sie kennen, skizzieren. Das hatte seine realen Anst\u00f6\u00dfe, darin steckt aber insgeheim auch postreligi\u00f6se Eschatologie. Der \u00dcbermensch, der gottgleich wird, wird zust\u00e4ndig f\u00fcr den Weltuntergang. Wenn auch durch einen Atomkrieg: wenigstens \u00fcberhaupt ein Schlusspunkt statt einer praktisch endlos dahinlebenden Menschheit.<\/p>\n<p>Allein, es wird nicht eintreten. Wir m\u00fcssen es mit der Ungeheuerlichkeit aufnehmen. Sp\u00fcrbar wird sie im totalen Archiv. Bislang war alles Materielle dem Verfall ausgeliefert; dass es einmal digitalisiert und dadurch ewig leben wird, konnte man sich nicht ausmalen. Jetzt muss ich davon ausgehn, dass was ich hier schreibe, noch in hundert Millionen Jahren existieren wird, ob es gelesen wird oder nicht. Die Vergangenheit, genauer gesagt alles, was von unseren Vorg\u00e4ngern hinterlassen wurde und digitalisierbar ist, wird digitalisiert werden, und dieser Vorgang wird irgendwann als abgeschlossen gelten. Dann sind s\u00e4mtliche Bibliotheken und Museen, \u00f6ffentlichen und privaten Archive Digitalisate; ab dann wird nur noch die st\u00e4ndige Gegenwart hinzugef\u00fcgt. Alles wird allen verf\u00fcgbar sein.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Und das Archiv ist unzerst\u00f6rbar, weil es sich millionfach kopieren l\u00e4sst und auf Nanometern Platz hat. Es wird kein geschichtliches Dunkel mehr geben, stattdessen die M\u00f6glichkeit der virtuellen Zeitreise an helle, vielleicht nur etwas pixelige Datenmeere. Dieses Kompendium gibt Informationen her, \u00fcber die bislang nur gemutma\u00dft werden konnte; beispielsweise lassen sich, wo bislang blo\u00df Hochrechnungen m\u00f6glich waren, seit Googles Digitalisierungen kompletter Bibliotheksbest\u00e4nde tats\u00e4chliche Untersuchungen \u00fcber die H\u00e4ufigkeit bestimmter W\u00f6rter in der gedruckten Sprache anstellen.<\/p>\n<p>Und selbst wenn die Menschheit doch verschw\u00e4nde \u2013 ihr Wissen w\u00fcrde wohl auf einem Datentr\u00e4ger in einer Kapsel weiter durch \u00c4onen geistern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> F\u00fcnfhundert Millionen Jahre lang bleibt die Erde voraussichtlich bewohnbar.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Alles, was digital wird, wird kostenlos: Ewan Morrison, <em>Are books dead, and can authors survive?<\/em> In: <em>Guardian<\/em> vom 22.8.2011, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/r3VvN5\">http:\/\/bit.ly\/r3VvN5<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\ufeff\ufeffZur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. 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