{"id":5900,"date":"2011-11-05T05:46:26","date_gmt":"2011-11-05T03:46:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5900"},"modified":"2011-11-11T19:49:32","modified_gmt":"2011-11-11T17:49:32","slug":"das-totale-archiv-5-die-internetarchive-beherbergen-ungekannte-medienmassen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5900","title":{"rendered":"Das totale Archiv (5): Die Internetarchive beherbergen ungekannte Medienmassen"},"content":{"rendered":"<p>Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text  \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Der <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5895\">vierte Teil<\/a> war ein Exkurs \u00fcber das Wesen des technischen Fortschritts. Der f\u00fcnfte Teil nun ist der Informationsexplosion gewidmet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>5. Die Internetarchive beherbergen ungekannte Medienmassen<\/p>\n<p>Die Dampfmaschine ist ein gro\u00dfer Muskel, elektrische Leitungen sind Nervenbahnen \u2013 die Ger\u00e4tschaften n\u00e4hern sich den geistigen Gefilden. Die Industrialisierung war die Industrialisierung von Arbeitskraft, die Digitalisierung ist die Digitalisierung von Wissen.<\/p>\n<p>Alle bisherigen Dokumente werden digitalisiert und gespeichert, und die Gegenwart sowieso. Jede Festplatte ist ein Stausee des Livestreams. Und da der Livestream selbst so umfangreich Informationen der Welt ansaugt, ist jede Information maximal ein Tag hinter ihm bereits eine Antiquit\u00e4t. Festplatten sammeln Geschichte. Was bringt uns die neue Technologie? Die Vergangenheit! \u00c4hnlich dem demografischen Wandel erfolgt eine digitale \u00dcberalterung.<\/p>\n<p>Jeder Mensch tr\u00e4gt nun ein \u00fcbergro\u00dfes Ged\u00e4chtnis mit sich herum, das in jedem Ger\u00e4t schlummert. \u201eAus Massenmedien werden Medienmassen\u201c (Peter Glaser). Man spricht vom \u201eInformation Overload\u201c \u2013 es ist bereits ein gef\u00fchltes, aber immer faktischer werdendes totales Archiv. Im Netz entsteht die \u00d6konomie des \u201eLong Tail\u201c, die Nischenprodukte beg\u00fcnstigt: In geographisch begrenzten R\u00e4umen sind Nischenprodukte schwer verk\u00e4uflich, im globalen Raum des Netzes aber findet sich \u00fcber kurz oder lang auch f\u00fcr\u2019s Abseitigste ein K\u00e4ufer. Tats\u00e4chlich ist es aber ein \u201eInfinite Tail\u201c, denn im Digitalen geht eigentlich nichts verloren.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Da alle Medien heute Speichermedien sind, wird das, was wir sp\u00e4ter die Vergangenheit nennen, in ungekannter Detailliertheit abzurufen sein. Jede Twittermeldung, jede Facebook-Statusaktualisierung, jeder Bucheinkauf bleibt im Digitalen h\u00e4ngen; das Leben wird immer umfassender aufgezeichnet. Die derart angeh\u00e4uften Relikte k\u00f6nnen zum virtuellen Abbild der Vergangenheit synthetisiert werden &#8211; Zeitreisen zur\u00fcck sehen immer realistischer aus. (Man muss an Jorge Luis Borges Erz\u00e4hlung von den Kartographen denken, die eine Landkarte im Ma\u00dfstab 1:1, genauso gro\u00df wie das Land selbst, erstellen,<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> oder von dem Kongress, der die Menschheit vertreten soll, und bald mit ihr identisch wird.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>)<\/p>\n<p>Das totale Archiv ist riesig, und es ist ziemlich ungeordnet und anarchisch, ein \u201eAnarchiv\u201c (Simon Reynolds). J\u00fcrgen Habermas pr\u00e4gte in den 80ern das gefl\u00fcgelte Wort der \u201eneuen Un\u00fcbersichtlichkeit\u201c, aber man wird die 1980er im Vergleich zu heute als noch ziemlich \u00fcbersichtlich bel\u00e4cheln. (\u00c4hnlich wurde das Adjektiv \u201emodern\u201c im 19. Jahrhundert gerne gebraucht, aber die sogenannte Moderne \u00fcberbot das dann extrem.) Pluralismus ist das Schlagwort der Postmoderne, aber erst das Internet ist das postmodernste Ding \u00fcberhaupt,<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> und es wird immer \u201aschlimmer\u2019. Wenn unendlicher Speicherplatz vorhanden ist, ist die Entropie, die Steigerung des Chaos, unendlich. Licht wird der W\u00e4rme, dem Teilchengewusel weichen. Die Bibliothek von Babel,<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> in der sich s\u00e4mtliche m\u00f6glichen B\u00fccher befinden, das hei\u00dft s\u00e4mtliche m\u00f6glichen Buchstabenkombinationen, w\u00fcrde in diesem Universum materialiter keinen Platz haben. Im Digitalen aber zeichnet sich die Vision ab. Analog zum Mooreschen Gesetz, wonach Prozessoren alle achtzehn Monate ihre Leistung verdoppeln, verdoppelt sich das gesch\u00e4tzte Wissen der Welt alle f\u00fcnf bis zw\u00f6lf Jahre, Tendenz beschleunigend.<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> In der Informationsgesellschaft nimmt die Menge an Daten im Verh\u00e4ltnis zu anderen Bereichen der Sozial- und Wirtschaftsordnung \u00fcberproportional zu: Es passiert eine Informationsexplosion.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Geisteswissenschaften stellt sich die Frage nach dem Neuen noch versch\u00e4rft. Eine Dissertation soll per definitionem einen noch nicht bearbeiteten Gegenstand haben. Also muss am Beginn der Arbeit der aktuelle Forschungsstand aufgearbeitet werden. Doch die Masse an m\u00f6glichen Quellen ist nicht zu bew\u00e4ltigen, jeder Gedanke k\u00f6nnte schon geschrieben worden sein. Das war nat\u00fcrlich auch fr\u00fcher schon der Fall, aber zu Printzeiten noch halbwegs hierarchisch und geographisch einged\u00e4mmt: die \u00f6rtliche Universtit\u00e4tsbibliothek, dazu das Fernleihsystem und vielleicht ein, zwei bewilligte Forschungsreisen zu entfernteren Archiven \u2013 mehr war schlechterdings nicht m\u00f6glich. Wie beh\u00fctet war man in den Limits der analogen Welt! Im Digitalen triumphieren die Millionen Resultate, die Google aus der ganzen Welt an den heimischen Bildschirm schwemmt, \u00fcber jede Traditionslinie und jede Landesgrenze; alles passiert im Fernstudium. Wie der Arch\u00e4ologe, der sich durch nichts geringeres als Jahrmillionen einen Weg bahnt, schl\u00e4gt der Medienmensch mit jeder Suchanfrage bei Google eine Schneise durch Millionen Dokumente \u2013 jede Recherche ist Arch\u00e4ologe.<\/p>\n<p>Jean-Paul Sartres Held in <em>Der Ekel<\/em> begibt sich f\u00fcr den Rest seines Lebens in die Bibliothek und liest, angefangen beim Buchstaben A. Beim letzten Universalgelehrten, Gottfried Wilhelm Leibniz, mag das noch die ganze Bibliothek gewesen sein. Heute muss man, selbst der Forscher australischer Steppengr\u00e4ser, die Abertausende Ergebnisse nur eines einzigen Google-Suchbegriffs sichten. Spezialisten werden immer noch spezialisierter, es ist des Ausdifferenzierens kein Ende. Die Tendenz der zunehmenden Zahl von Fu\u00dfnoten ist frappant, und 1500 Quellen ausfindig zu machen und in einen Zusammenhang zu bringen ist wom\u00f6glich eine gr\u00f6\u00dfere kulturelle Leistung, als etwas (vermeintlich) Eigenes in die Welt zu setzen. Es gibt die Faulheit des Copy&amp;Paste, aber eine ebenso gro\u00dfe des ignoranten Drauflosschreibens, der Autismus der Autonomie. Wenn es in der vernetzten Welt etwas nicht mehr gibt, dann tabula rasa. Techniken der Recherche, Stile der Kompilation und Zusammenfassung sind gefragt; die Welt braucht intelligente Filterung und Aggregation. Es gibt aber noch eine Alternative: Vielleicht ist die einzig ad\u00e4quate Form der Wissensaneignung heute und in Zukunft die Funktion \u201eZuf\u00e4lliger Artikel\u201c auf Wikipedia.<\/p>\n<p>Noch immer ist der Abschied von verbindlicher Geschichtsschreibung nicht vollzogen. Im Gegenteil, es ist Bed\u00fcrfnis und Mode geworden, \u201eKanons\u201c, der deutschen Literatur, der Musik, der Kunst aufzustellen, so wie allenthalben in der beliebigen, aber unbeliebten Postmoderne um Werte gerungen wird. Mitte der Nullerjahre sollte einmal am Freiburger Institut f\u00fcr Neue Musik eine Liste von Schl\u00fcsselwerken der Neuen Musik erstellt werden, die Studienanf\u00e4ngern, gerade aus anderen Erdteilen, Orientierung gebe. Am Ende einer endlos zu werden drohenden Sitzung musste ob der F\u00fclle der eingehenden Vorschl\u00e4ge aufgegeben werden. Es sollen Werte geschaffen werden, doch scheitert das nicht daran, dass keine da sind, sondern weil zu viele da sind. Musikfestivals wollen heutzutage noch die Bandbreite der Gegenwartsmusik abbilden \u2013 diese Illusion hat die Bildende Kunst l\u00e4ngst hinter sich gelassen und fokussiert vielmehr auf Stilistiken, engumrandete Themen und Einzelpersonen. Der Konzeptk\u00fcnstler Timm Ulrichs beklagte im Alter, dass er so manche Idee schon fr\u00fcher gehabt h\u00e4tte, die andere K\u00fcnstler sp\u00e4ter, unwissend, aber mit viel gr\u00f6\u00dferem Erfolg umsetzten. Allen Ernstes forderte er, der wiedergeborene Morgenstern, ein Patentamt f\u00fcr k\u00fcnstlerische Konzepte.<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> Das ist ein St\u00fcck weit verst\u00e4ndlich, aber es geht schlichtweg nicht, oder nicht mehr. Der Punkt ist erreicht, an dem es nicht mehr m\u00f6glich ist, bei einer Idee erst zu pr\u00fcfen, ob sie nicht jemand anderes schon hatte. Als K\u00fcnstler sollte man bislang die gesamte Kunstgeschichte kennen, um wirkliche Innovation schaffen zu k\u00f6nnen. Es ist abzusehen, dass das undurchf\u00fchrbar wird oder schon ist.<\/p>\n<p>Dennoch ist Kunst ohne irgendeinen Neuheitsanspruch keine Kunst. Niemand braucht Stilkopien. Abgesehen davon, dass man es ein St\u00fcck weit mit Nietzsche halten muss, der verk\u00fcndete, ohne Naivit\u00e4t seien wir der Historie schutzlos ausgeliefert, und dass man darauf hoffen kann, dass Zeit stets ein Lineares (Thermodynamik!) enth\u00e4lt, existiert eine probate L\u00f6sung: Der technische Fortschritt kann noch ein Garant f\u00fcr Neuheit sein. Werke, die erst mit aktuellen technischen Mitteln realisierbar sind, k\u00f6nnen sich einer gewissen Novit\u00e4t sicher sein. Wenn noch Avantgarde m\u00f6glich ist, dann dank neuer Technologie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Was leider nur theoretisch der Fall ist. De facto verschwinden viele Dokumente wieder aus dem Netz, etwa aus Urheberrechtsgr\u00fcnden oder wegen angeblicher Wettbewerbsverzerrung. Die \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mussten ihre Online-Archive auf Druck der Printindustrie geradezu leerfegen (vermutlich um circa 80 Prozent verkleinern), was zur Sch\u00f6pfung des Unworts \u201edepublizieren\u201c veranlasste.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Jorge Luis Borges, <em>Gesammelte Werke \u2013 Gedichte I<\/em>, herausgegeben von Gosbert Haefs und Fritz Arnold, Wien 1991, S. 151-160.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Jorge Luis Borges, <em>Der Kongress<\/em>, in: <em>Gesammelte Werke \u2013 Der Erz\u00e4hlungen zweiter Teil<\/em>, herausgegeben von Gosbert Haefs und Fritz Arnold, Wien 1991, S. 105-124<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Niklas Hofmann: <em>YouTube rettet die Postmoderne<\/em>, in: <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em> vom 19.9.2011, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/royUex\">http:\/\/bit.ly\/royUex<\/a>, recherchiert am 24.9.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Eine durch Jorge Luis Borges bekannt gewordene literarische Fiktion. Vgl. Jorge Luis Borges, <em>Von der Strenge der Wissenschaft<\/em>, in: <em>Gesammelte Werke \u2013 Der Erz\u00e4hlungen erster Teil<\/em>, herausgegeben von Gosbert Haefs und Fritz Arnold, Wien 1991, S. 285.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Peter Charles, Nathan Good, Laheem Lamar Jordan, Joyojeet Pal, <em>How Much Information 2003?<\/em> Studie der School of Information Management and Systems der University of California at Berkeley, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/pCIVPw\">http:\/\/bit.ly\/pCIVPw<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> <em>Kunstforum International<\/em> Band 206 (Januar-Februar 2011), S. 262.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Der vierte Teil war ein Exkurs \u00fcber das Wesen des technischen Fortschritts. 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