{"id":5895,"date":"2011-11-03T06:42:24","date_gmt":"2011-11-03T04:42:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5895"},"modified":"2011-11-03T13:54:58","modified_gmt":"2011-11-03T11:54:58","slug":"das-totale-archiv-4-exkurs-der-technische-fortschritt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5895","title":{"rendered":"Das totale Archiv (4) &#8211; Exkurs: Der technische Fortschritt"},"content":{"rendered":"<p>In der n\u00e4chsten Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Der <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5833\">dritte Teil<\/a> befasste sich mit dem ge\u00e4nderten Mediennutzungsverhalten, das die digitale Technik hervorruft. Im folgenden vierten Teil soll ein Exkurs dem Wesen des technischen Fortschritts \u00fcberhaupt nachgehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>4. Exkurs: Der technische Fortschritt<\/p>\n<p>Warum geht der technische Fortschritt unabl\u00e4ssig weiter? F\u00fcr Ernst J\u00fcnger, der mit <em>Der Arbeiter<\/em> 1932 eine zeittypische Technikphilosophie vorlegte,<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> ist es der Krieg, der Wettstreit der Nationen, der unweigerlich alle Mittel mobilmache. Nicht Englisch, sondern Technik werde die Weltsprache sein, der \u201eplanetarische Stil\u201c. Die Technik sei so selbstverst\u00e4ndlich, dass sie als \u201eRevolution sans Phrase\u201c voranschreite.<\/p>\n<p>Zwar bem\u00fcht sich das Milit\u00e4r auch jetzt noch um einen technologischen Vorsprung, aber zivile Entwicklungen stehen ihm kaum nach oder \u00fcberholen es sogar, wenn sie \u00f6konomischen Nutzen versprechen (was wiederum dem Terrorismus zugute kommt). Der technische Fortschritt ist vor allem einer des Kriegs des Wettbewerbs. Konkurrierende Unternehmen wollen verkaufen, ob an Heere, Firmen oder Privatpersonen. Bed\u00fcrfnisse werden (immer besser, st\u00e4rker) befriedigt, ob nach Nahrung, Transport, Information, Sex, Kommunikation oder Zerst\u00f6rung, was auch immer. Selbst Karl Marx und Friedrich Engels bewunderten zu Beginn des Kommunistischen Manifests, zu welchen Leistungen der Kapitalismus die Menschen gebracht hatte. Aber auch aus Neugier und Ruhmsucht forscht, entwickelt und erfindet der Mensch. Es ist ein Trieb.<\/p>\n<p>Zu den bekanntesten Technikkritiken des 20. Jahrhunderts geh\u00f6rt G\u00fcnther Anders\u2019 <em>Die Antiquiertheit des Menschen<\/em>:<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Die Bed\u00fcrfnisse w\u00fcrden nicht befriedigt oder seien keine wirklichen, die Menschen gew\u00f6nnen nur immer weniger an Gl\u00fcck, die Technik w\u00fcchse ihnen \u00fcber den Kopf und regrediere sie. Gewiss l\u00e4uft nicht alles linear. Das gute alte Windrad ist besser als Atomreaktoren. Die kapitalistische Aggressivit\u00e4t muss mindestens reguliert werden, von demokratisch legitimierten M\u00e4chten. Au\u00dferdem widerspricht unserem freiheitlichen Selbstverst\u00e4ndnis, dass wir zwar nicht einer Partei angeh\u00f6ren m\u00fcssen, aber einem Stromanbieter. Wir sind, wenn man es so nennen will, Sklaven des Fortschritts. Man muss ihn bejahen. Aktuell geht die Meldung um, dass auf Autobahnen die Notrufs\u00e4ulen abmontiert werden. Es wird davon ausgegangen, dass jeder ein Handy besitzt. Ergo, jeder hat ein Handy zu besitzen.<\/p>\n<p>Dennoch: F\u00fcr sieben Milliarden Menschen brauchen wir technischen Fortschritt. Es gibt kein Zur\u00fcck in einen vermeintlich gl\u00fccklichen Naturzustand. Im Gegenteil, angesichts der Ern\u00e4hrungsengp\u00e4sse, Pandemien und Analphabetenraten kann man nur w\u00fcnschen: Schneller, Fortschritt! Es ist charakteristisch, dass eine der j\u00fcngeren relevanten Parteien Deutschlands, die Gr\u00fcnen, f\u00fcr eine technologische Programmatik steht.<\/p>\n<p>Neuerungen haben fraglos Risiken. Die Erfindung des Flugzeugs ist auch die Erfindung des Flugzeugabsturzes. Da braucht es kritische Geister, die aufmerksam beobachten und intervenieren. Doch sollte bedacht sein, dass Vorbehalte und \u00c4ngste auch oft dem Irrationalen zufallen. Das wird daran erkennbar, dass Argumentationen auftreten, die schon seit Jahrhunderten demselben Muster folgen. Immer wieder riefen Erfindungen, etwa der Buchdruck oder die Stra\u00dfenlaterne, den menschlichen Abwehrreflex hervor: Man br\u00e4uchte es nicht, bisher sei es doch auch gegangen, das alte habe sich lang genug bew\u00e4hrt und w\u00fcrde sich nicht verdr\u00e4ngen lassen, dadurch entst\u00fcnden doch \u00f6konomische Probleme, und so weiter.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a> Man schottet sich mit Skeptizismen ab, wiewohl die geschichtliche Erfahrung zur Gen\u00fcge ist, dass sich derlei durchsetzt. Nichtsdestotrotz performen Konservative immer wieder aufs Neue ihre Unflexibilit\u00e4t \u2013 zumindest gute Zeiten f\u00fcr Aktionskunst. Dabei braucht es ja Kritiker, aber solche, die dies durchschauen und sich nicht nur in Stereotypen einnisten.<\/p>\n<p>Der technische Fortschritt bringt dem Menschen Entlastung. Nun gibt es auch Stimmen, die absurderweise gerade das kritisieren. Beispielsweise kursiert die Meinung, dass Speichermedien eine Auslagerung nicht nur des menschlichen Ged\u00e4chtnisses, sondern \u00fcberhaupt seiner Memorierungsfunktion verursachten,<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> gleichwohl f\u00fcnftausend Jahre Mediengeschichte den Menschen noch nicht um seine Erinnerungsf\u00e4higkeit gebracht haben. Auch wenn das Morden durch Maschinen ebenfalls erleichtert wird, ist die maschinelle Arbeit nicht per se falsch und in Anbetracht der irdischen M\u00fchsal erst einmal zu begr\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Johann Sebastian Bach unternahm noch zu Fu\u00df die Reise nach L\u00fcbeck, um Dietrich Buxtehude Orgel spielen zu h\u00f6ren. Das ist sch\u00f6n, das ist romantisch, und Bach schrieb die beste Musik. Aber niemand w\u00fcrde heute ernsthaft per Pedes zu den Donaueschinger Musiktagen pilgern. Claus-Steffen Mahnkopf beschreibt, was f\u00fcr eine Kostbarkeit es ihm war, sich die Walter-Benjamin-Gesamtausgabe mit hart erarbeitetem Geld zu leisten und ohne Suchfunktion zu studieren.<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> Das ist sympathisch und ehrenwert, aber im Zeitalter des E-Books anachronistisch. Niemand wird Aspirin, die Heizung, den Computer oder motorisierte Fortbewegungsmittel wieder ersatzlos aus seinem Leben streichen, selbst wenn man mutma\u00dfen k\u00f6nnte, die Menschen seien vor zweitausend Jahren gl\u00fccklicher gewesen. Zwar haben wir durch die Delegierung an Automaten F\u00e4higkeiten wie das Korbflechten, das Beackern mit Ochs und Egge oder das Brotbacken verlernt<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> \u2013 aber bislang sind die freigewordenen Kapazit\u00e4ten immer wieder neu belegt worden. Schlie\u00dflich gibt es hienieden beileibe noch genug Aufgaben, so dass wir \u00fcber jede Entlastung froh sein k\u00f6nnen. Humanismus gegen die Maschinen ins Feld zu f\u00fchren, ist irrige Opposition. Die Rede von der \u00dcberlegenheit des Menschen mutet manchmal an wie die Rede von der \u00dcberlegenheit der wei\u00dfen Rasse. Wer sich von der Technik narzisstisch gekr\u00e4nkt f\u00fchlt, d\u00fcrfte auch nicht einsehen, warum er Schuhe tragen muss.<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> Der Homo Sapiens, das M\u00e4ngelwesen, hat keinen anderen Ausweg: Er verschmilzt immer mehr mit Technologie, wie es etwa mit der Kleidung schon seit Menschengedenken der Fall ist. Es kommt darauf an, die gro\u00dfen Vorteile davon herauszuarbeiten. Dabei wird das Leben unterm Strich wohl nur bedingt leichter, aber, wie Peter Glaser bemerkt, interessanter.<a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Der Fortschritt ist eine menschliche Konstante. Giftgas kann und soll ge\u00e4chtet werden, aber nicht der Stand der chemischen Forschung. Die Menschheit muss Laborkenntnisse aushalten, ohne gleich Waffen daraus zu fertigen, ebenso wie in einer freien Gesellschaft Witze \u00fcber jede Minderheit m\u00f6glich sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Ernst J\u00fcnger, Der <em>Arbeiter, in: Gesammelte Werke, Zweite Abteilung, Essays Band 8<\/em>, Stuttgart 1981.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> G\u00fcnther Anders, <em>Die Antiquiertheit des Menschen. \u00dcber die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution<\/em>, M\u00fcnchen 1956.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Dazu: Kathrin Passig, <em>Standardsituationen der Technologiekritik<\/em>, in: <em>Merkur 12<\/em>, Stuttgart 2009, S. 1144-1150. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/8Fih8h\">http:\/\/bit.ly\/8Fih8h<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Frank Schirrmacher, <em>Die Revolution der Zeit<\/em>, in: <em>FAZ<\/em> vom 18.7.2011. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/pFQNQI\">http:\/\/bit.ly\/pFQNQI<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Johannes Kreidler, Claus-Steffen Mahnkopf, Harry Lehmann: <em>Musik, \u00c4sthetik, Digitalisierung \u2013 eine Kontroverse<\/em>, Hofheim 2010, S. 110f.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Zur Ideologie der falschen Erleichterung: Christian St\u00f6cker, <em>Es lebe die Verweichlichung<\/em>, in: <em>Spiegel Online<\/em> vom 22.5.2011. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/jP2Z0c\">http:\/\/bit.ly\/jP2Z0c<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Zum Rassismus gegen Maschinen: Michael Seemann, <em>What about us? \u2013 Die Antiquiertheit des \u201eHumanisten\u201c<\/em>, in: <em>ctrl+verlust<\/em> vom 15.6.2011, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/kC5dx3\">http:\/\/bit.ly\/kC5dx3<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Peter Glaser, <em>Digital sind alle Dichter<\/em>, in: <em>futurezone<\/em> vom 20.8.2011, <a href=\"http:\/\/bit.ly\/pFmWbD\">http:\/\/bit.ly\/pFmWbD<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der n\u00e4chsten Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. 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