{"id":5833,"date":"2011-10-31T05:51:14","date_gmt":"2011-10-31T03:51:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5833"},"modified":"2011-10-31T10:18:06","modified_gmt":"2011-10-31T08:18:06","slug":"das-totale-archiv-3-ein-geandertes-mediennutzungsverhalten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5833","title":{"rendered":"Das totale Archiv (3): Ein ge\u00e4ndertes Mediennutzungsverhalten"},"content":{"rendered":"<p>In der n\u00e4chsten Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. Im <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5827\">zweiten Teil<\/a> wurden die digitalen Archive als positive Innovation dargestellt. Weiter geht&#8217;s mit der Darstellung des ge\u00e4nderten Mediennutzungsverhaltens, das damit einhergeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3. Ein ge\u00e4ndertes Mediennutzungsverhalten<\/p>\n<p>Wer sich f\u00fcr eine Radiosendung interessiert, braucht heute nicht mehr die Uhr zu stellen. In der Online-Mediathek lassen sich die Sendungen nach Belieben (nur leider auf wenige Tage limitiert) anh\u00f6ren. Wissen hei\u00dft nicht einmal mehr \u201ewissen, wo\u2019s steht\u201c \u2013 die Antwort liegt auf der Hand, auf dem Handy, worauf Wikipedia und YouTube abrufbar sind. (Mehr denn je fordern P\u00e4dagogen statt Faktenwissen vernetztes Denken und Medienkompetenz.)<\/p>\n<p>Es ist sehr \u00e4rgerlich, dass es von wunderbaren Theatervorstellungen keine Videodokus auf YouTube gibt. Das soll nicht hei\u00dfen, dass Theater stattdessen Film werden soll. Aber B\u00fchnenauff\u00fchrungen sollen dokumentiert werden. Es braucht filmische Ansichtsformen f\u00fcrs Theater auf YouTube, genauso f\u00fcr Konzerte. Das Wesen von \u201efl\u00fcchtiger Kunst\u201c ist nicht mehr zu akzeptieren, sie muss einfach nicht fl\u00fcchtig sein, schon gar nicht besteht darin eine eigene Qualit\u00e4t (schlie\u00dflich wird ja auch die Theatervorstellung mehrmals gegeben). Das gilt erst recht f\u00fcr die klassische Musik, die sich, vergleichbar den Zoos, \u00fcberlebt hat. Zoologische G\u00e4rten sind Produkte des 19. Jahrhunderts, in dem es zwar Kolonien und regen Seefahrtsverkehr, aber noch keine guten Aufzeichnungsmedien oder Fernreisem\u00f6glichkeiten gab, mit deren Hilfe Normalmenschen exotische Tiere sehen konnten. Heute aber kann eine Kamera viel n\u00e4her und faszinierender an eine Giraffe in ihrer Lebenswelt heranzoomen, als wenn man sie zum Begaffen in fremdem Klima einsperrt. Flugzeug und Film machen den Zoo, der ohnehin Tierqu\u00e4lerei ist, obsolet. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit den Symphonien Beethovens, die man heute in tausend Interpretationen, auf Dolby Surround zu Hause anh\u00f6ren kann: Das gen\u00fcgt! Man muss sie nicht noch weiter auff\u00fchren, die Ressourcen d\u00fcrfen nun gerne anderweitig eingesetzt werden, f\u00fcr aktuelle Musik. Ebenso kann man heute im Netz Bilder von Picasso und van Gogh hochaufgel\u00f6st betrachten, dichter (und ungest\u00f6rter) als man je im Museum of Modern Art an sie herantreten d\u00fcrfte. Das sollte ausreichen! Wer hat schon die <em>Demoiselles d\u2019Avignon<\/em> in echt gesehen? Nie wird Olivier Messiaens Schl\u00fcsselwerk <em>Mode de Valeurs et d\u2019Intensit\u00e9s<\/em> gespielt, trotzdem kennt es jeder Komponist, trotzdem war es musikgeschichtlich epochal.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> (Theodor W. Adorno war der Ansicht, es reiche, Noten zu lesen; so radikal braucht man es nicht zu halten, zumal Noten heute nicht mehr die Musik ad\u00e4quat abbilden. Aber klangliche Reproduktionen erf\u00fcllen den Zweck.)<\/p>\n<p>Die meisten \u00dcbertragungsmedien sind heute, stattdessen oder zugleich, Speichermedien. Man kann \u201elive\u201c fernsehen, kann aber auch die Sendungen in der Mediathek ansehen. In den 70er-Jahren synchronisierte das Fernsehen abends noch die halbe Nation zum gleichzeitigen Erlebnis, was heute allenfalls bei Fu\u00dfballgro\u00dfereignissen passiert. Einen unabgesprochenen Telefonanruf empfinden mittlerweile viele als die N\u00f6tigung eines Egoisten, der sich den Zeitpunkt des Telefonats im Gegensatz zum Angerufenen selber aussucht.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Auf Emails hingegen kann man in eigener Zeiteinteilung antworten und hat alles schwarz auf wei\u00df zum Nachlesen, f\u00fcr immer. Nicht nur Echtzeit ist das Wesen des Internets, sondern ebenso die Individualzeit: Online-Shops haben 24 Stunden lang ge\u00f6ffnet, Arbeitspl\u00e4tze m\u00fcssen sich nicht mehr in Fabrikgeb\u00e4uden, sondern k\u00f6nnen sich in den eigenen vier W\u00e4nden befinden und bis zu einem gewissen Grad erlaubt das dem Arbeitenden, sich selber einzuteilen, wann er die Gesch\u00e4fte erledigt.<\/p>\n<p>So sind alle Web-Dokumentationen von Kunstwerken interaktive Installationen. Der Zuschauer kann Pausieren, Vorspulen, Wegklicken. Die Wahrnehmung fragmentiert. Ein Bekannter schrieb mir, nachdem ich ihn auf einen siebzehnmin\u00fctigen YouTube-Film hingewiesen hatte, er k\u00f6nne zwar die ganze Nacht YouTube-Filme anschauen, aber nicht einen Web-Film, der l\u00e4nger als f\u00fcnf Minuten dauert. Typisch f\u00fcr das Internet ist Twitter, das jede Nachricht in maximal 140 Zeichen zwingt. So rauscht einem von extrem kurzem extrem viel entgegen. Eine gebr\u00e4uchliche Abk\u00fcrzung im Netz lautet \u201etl;dr\u201c. Too long; didn\u2019t read.<\/p>\n<p>Das ist gut und schlecht, man wird sich darauf einstellen und das beste daraus machen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<hr size=\"1\" \/>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Stockhausen beschreibt ausdr\u00fccklich, wie er die <em>Schallplatte<\/em> mehrmals anh\u00f6rte. Karlheinz Stockhausen, <em>Texte zur Musik Band 2, <\/em>herausgegeben von Dieter Schnebel, K\u00f6ln 1962, S. 144.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Dazu: Martin Weigert, <em>Der Tod des Telefonats<\/em>. In: <em>Netzwertig<\/em> vom 23.8.2010. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/agBGt1\">http:\/\/bit.ly\/agBGt1<\/a>, recherchiert am 30.8.2011.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der n\u00e4chsten Zeit bringe ich hier in insgesamt zw\u00f6lf Teilen den Text \u201cDas totale Archiv\u201d als Blog-Version. 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