{"id":5444,"date":"2011-09-19T05:14:49","date_gmt":"2011-09-19T03:14:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5444"},"modified":"2011-09-19T15:36:28","modified_gmt":"2011-09-19T13:36:28","slug":"stockhausen-uber-geistiges-eigentum-1960","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=5444","title":{"rendered":"Stockhausen \u00fcber geistiges Eigentum, 1960"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.issueprojectroom.org\/wordpresstest\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/Stockhausen_01-1024x712.jpg\" rel=\"lightbox[5444]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/www.issueprojectroom.org\/wordpresstest\/wp-content\/uploads\/2010\/10\/Stockhausen_01-1024x712.jpg\" class=\"alignnone\" width=\"250\" height=\"174\" \/><\/a><\/p>\n<p>Erstaunliche Aussagen von Karlheinz Stockhausen \u00fcber &#8222;geistiges Eigentum&#8220;, in dem Vortrag &#8222;Vieldeutige Form&#8220; von 1960:<\/p>\n<blockquote><p>Geistigen Diebstahl gibt es nur so lange wie man geistiges Eigentum gelten l\u00e4\u00dft. Wem geh\u00f6ren die Ideen? Sind meine Ideen meine Ideen? Nein, ja, nein, ja, nein.<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\nWenn ich keine Ideen hab, ist nichts zu machen. Ich mu\u00df warten, bis sie kommen. Wenn ich mich auf die faule Haut lege und gar nicht mit ihnen rechne, kommen sie und halten mich vom Schlaf ab. Geh\u00f6ren sie mir also, diese Tauben, die einem in den Mund fliegen?<br \/>\nGibt es denn meine Musik? Deine Musik? Seine Musik? Eure Musik? Kann ich was f\u00fcr meine Einf\u00e4lle? Welcher Verdienst macht mich zum geistigen Eigent\u00fcmer?<br \/>\nMich ber\u00fchrt es nicht &#8211; nicht mehr &#8211; wenn jemand mir etwas stiehlt; wenn einer musikalische Gedanken wiederholt oder neu anstreicht, so, wie man bei einem geklauten Auto die Farbe wechselt; und wenn ein anderer musikalische Formulierungen verwendet, die ich vorher gefunden habe. Kurz: Wenn jemand nachher tut, was ich vorher tue.<br \/>\nSollte das Prinzip des Eigentums vom Vorher und Nachher bestimmt sein? Wer zuerst kommt, mahlt am besten? Dann interessiert es mich \u00fcberhaupt nicht. Wenn ein Gedanke oder eine Sache etwas f\u00fcr mich sein soll, mu\u00df es mir sein, was es f\u00fcr mich ist, ganz unabh\u00e4ngig vom Fr\u00fcher oder Sp\u00e4ter, vom Vorher oder Nachher. Aber das gibt es ja nicht. Ich hab es ja gleich gesagt: geistiges Eigenrum interessiert mich nicht.<\/p>\n<p>Abgesehen davon interessiert mich das Problem des geistigen Eigentunis nat\u00fcrlich sehr, seit es mich nicht mehr interessiert. Je mehr Ideen man n\u00e4mlich verschenkt und unachtsam herumliegen l\u00e4\u00dft, je weniger man sich um sie k\u00fcmmert, um so mehr bekommt man. Das un\u00f6konomischste Prinzip, das mir je durch den Kopf gegangen ist: Je mehr du vergibst, umso mehr du kriegst. Ich kenne eine ganze Reihe Komponisten, die Angst haben, ihre Ideen mitzuteilen, bevor sie sie fixiert oder gar gedruckt und mit ihrem Firmennamen versehen haben. Sie sagen mir: wenn ich die Einf\u00e4lle mitteile, bevor ich sie fixiert habe, verliere ich die Lust und die Ausdauer, sie noch zu behalten und auszuarbeiten. Ich habe diese Angst mit Stumpf und Stiel aus mir herausgerissen. Was mir durch die Lappen geht, ist mir gleichg\u00fcltig, und jeder kann von mir wissen, was mir einf\u00e4llt &#8211; zu jeder Zeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Abgedruckt in: Karlheinz Stockhausen, Texte zur Musik Band 2, S. 257f.<\/p>\n<p>Den Hinweis verdanke ich <a href=\"http:\/\/www.michael-iber.de\/\">Michael Iber<\/a>, der diesen Ausschnitt als O-Ton (vorgetragen von Heinz-Klaus Metzger) in einer HR2-Radiosendung \u00fcber Stockhausen in Darmstadt bringt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstaunliche Aussagen von Karlheinz Stockhausen \u00fcber &#8222;geistiges Eigentum&#8220;, in dem Vortrag &#8222;Vieldeutige Form&#8220; von 1960: Geistigen Diebstahl gibt es nur so lange wie man geistiges Eigentum gelten l\u00e4\u00dft. 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