{"id":3849,"date":"2011-01-12T06:19:24","date_gmt":"2011-01-12T04:19:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=3849"},"modified":"2011-10-01T17:05:56","modified_gmt":"2011-10-01T15:05:56","slug":"eltar-vs-popular-essay","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=3849","title":{"rendered":"Elt\u00e4r vs. Popul\u00e4r &#8211; Essay"},"content":{"rendered":"<p>Letzten Oktober war ich zu einer Podiumsdiskussion mit dem Thema &#8222;popul\u00e4r vs. elit\u00e4r&#8220; im Rahmen der Dresdner Tage f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Musik eingeladen. Zur Vorbereitung hatte ich einige Skizzen gemacht, die ich jetzt zu einem Text zusammenbringe. Hier die Vor-Ver\u00f6ffentlichung.<\/p>\n<p><!--[if !mso]> <mce:style><! v\\:* {behavior:url(#default#VML);} o\\:* {behavior:url(#default#VML);} w\\:* {behavior:url(#default#VML);} .shape {behavior:url(#default#VML);} --> <!--[endif]--><!--[if gte mso 9]><xml> <w:WordDocument> <w:View>Normal<\/w:View> <w:Zoom>0<\/w:Zoom> <w:HyphenationZone>21<\/w:HyphenationZone> <w:Compatibility> <w:BreakWrappedTables \/> <w:SnapToGridInCell \/> <w:WrapTextWithPunct \/> <w:UseAsianBreakRules \/> <\/w:Compatibility> <w:BrowserLevel>MicrosoftInternetExplorer4<\/w:BrowserLevel> <\/w:WordDocument> <\/xml><![endif]--><!--[if gte mso 10]> <mce:style><! \/* Style Definitions *\/ table.MsoNormalTable {mso-style-name:\"Table Normal\"; mso-tstyle-rowband-size:0; mso-tstyle-colband-size:0; mso-style-noshow:yes; mso-style-parent:\"\"; mso-padding-alt:0cm 5.4pt 0cm 5.4pt; mso-para-margin:0cm; mso-para-margin-bottom:.0001pt; mso-pagination:widow-orphan; font-size:10.0pt; font-family:\"Times New Roman\";} --> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Johannes Kreidler<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 16pt;\">Elt\u00e4r vs. Popul\u00e4r<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">-2.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>Wie in jeder Wissenschaft ist auch in der praktischen \u00c4sthetik \u2013 vulgo Design und Kunst \u2013 \u201eGrundlagenforschung\u201c unverzichtbar. Im Chemielabor forschen Spezialisten an Dingen, die au\u00dfer ihnen keiner versteht \u2013 aber aus den Ergebnissen entsteht sp\u00e4ter vielleicht etwas allgemein Nutzbares. Auch das \u201estrukturelle H\u00f6ren\u201c, ein Paradigma der Neuen Musik und im Grunde ganz der akademischen Elite vorbehalten, hat seine l\u00e4ngerfristigen kulturellen Auswirkungen. (Stockhausen wurde zu Recht als \u201eGro\u00dfvater des Techno\u201c bezeichnet, und die Neue Musik reklamiert ja gerne, dass sie experimentell ergr\u00fcndet, was der Pop mit mehreren Dekaden Versp\u00e4tung \u00fcbernimmt.) Selbst das sperrigste Musikst\u00fcck bewirkt m\u00f6glicherweise ein St\u00fcck Aufkl\u00e4rung in den K\u00f6pfen Einzelner, die wiederum ihre demokratische Stimme geltend machen. Niemand kann widerlegen, dass auch Weberns Quartett Opus 22 ein kleines Bisschen zum Fall der Mauer beigetragen hat!<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">-1.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>Was l\u00e4sst sich f\u00fcr solche bildungselit\u00e4ren, inhaltlich kompromisslos anspruchsvollen G\u00fcter zun\u00e4chst tun? Vermittlung \u2013 Bildung, Bildung, Bildung. Aber allererst: Verbreitung. Jedes Laborergebnis geh\u00f6rt ins Internet.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">0.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>Auch wenn die \u201eGrundlagenforschung\u201c wichtig ist, habe ich in meiner Arbeit mitunter eine andere Intention. Zumindest m\u00f6chte ich nicht nur im Labor stehen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDie Inakzeptanz der modernen Musik ist eines <\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><em>der gr\u00f6\u00dften Desaster der Kunstgeschichte.\u201c<\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Jean-Luc Godard<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">1.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eKulturelle Lernprozesse sind stets verschlungene\u201c schrieb unl\u00e4ngst ein auch als Publizist sehr aktiver Komponist. \u201eStets\u201c? Das ist falsch, bequem kulturpessimistisch und im schlechtesten Sinne elit\u00e4r. (Der Relativit\u00e4tstheorie kann man nicht Elitarismus vorwerfen, nur weil sie fast niemand versteht; einer Haltung aber sehr wohl.) Die Aussage, Weberns Quartett erbrachte einen Teil zur friedlichen Revolution 1989, darf kein Trostbrief f\u00fcr \u201everkannte Genies\u201c sein. Sonst kann man auch gleich im Glauben arbeiten, dass der Fl\u00fcgelschlag eines Schmetterlings andernorts ein Unwetter ausl\u00f6st \u2013 bei dem auch noch glatt ein Diktator vom Ast erschlagen wird. Es gibt direktere M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/images\/pop-art.jpg\" rel=\"lightbox[3849]\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone\" src=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/images\/pop-art.jpg\" alt=\"\" width=\"538\" height=\"165\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">2.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>In anderen Medien ist die Kunstavantgarde des 20. Jahrhunderts ja angekommen. Warhols knallfarbene Marilyn Monroe ist eine Ikone, Apples Logo \u2013 Augen frontal und Nase im Profil \u2013 zitiert den kubistischen Klassiker, und unl\u00e4ngst erhielt ich in einer schw\u00e4bischen Kleinstadt eine Brott\u00fcte, deren Hintergrunddruck unverkennbar von Mondrian abgekupfert worden war. Analog h\u00e4tte in der schw\u00e4bschen Kleinstadtb\u00e4ckerei dann eigentlich ein leicht elektronisierter Webern aus dem Radio klingen m\u00fcssen \u2013 das allerdings geschieht bekanntlich nicht. Offenbar gibt es angeborene oder kulturelle Divergenzen in der Wahrnehmung verschiedener Medien. Aber immerhin k\u00f6nnen wir Warhol &amp; Co als Hoffnungszeichen nehmen, dass es nicht grunds\u00e4tzlich an intellektuellen F\u00e4higkeiten mangelt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">3.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe mit den nicht-professionellen Musikern aus meinem Freundeskreis, also vor allem mit K\u00fcnstlern anderer Sparten und Akademikern, eine kleine (nicht-repr\u00e4sentative, aber beispielhafte) Umfrage durchgef\u00fchrt: Was f\u00fcr Musik h\u00f6rt ihr? \u2013 Anders gefragt: Wodurch zeichnet sich anspruchsvolle Popmusik aus? Denn Neue Musik h\u00f6ren sie kaum bis gar nicht, aber auch nicht gerade Dieter Bohlen (ich glaube, man kann das unabh\u00e4ngig vom funktionalen Bezug verschiedener Musiken betrachten; es geht \u00fcberhaupt um\u2019s Kennen und Wertsch\u00e4tzen). Ein erstes Ziel der Ausweitung des Neue-Musik-Radius w\u00e4re schlie\u00dflich, neben der Jugend, diese Gruppe.<\/p>\n<p>(Wenn man Poptheoretiker wie Diedrich Diederichsen liest, bekommt man das Gef\u00fchl, U sei das neue E und in House Music steckt mehr Dialektik als Adorno je bei Sch\u00f6nberg entdeckte.)<\/p>\n<p>Ich habe die genannten Musiken im engeren Sinne analysiert; ich beschreibe die Unterschiede dieses \u201eIntellektuellenpop\u201c als Gegens\u00e4tze zur Neuen Musik:<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 36pt; text-align: justify; text-indent: -18pt;\"><span><span>a)<span style=\"font: 7pt &quot;Times New Roman&quot;;\"> <\/span><\/span><\/span>Die Popmusik ist allermeist mit Text (Gesang), die semantische Ebene wird also durchgehend mitstimuliert.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 36pt; text-align: justify; text-indent: -18pt;\"><span><span>b)<span style=\"font: 7pt &quot;Times New Roman&quot;;\"> <\/span><\/span><\/span>Die Popmusik hat andere Instrumente (Band \/ Elektronisches und oft sehr charismatische, unverwechselbare S\u00e4nger).<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 36pt; text-align: justify; text-indent: -18pt;\"><span><span>c)\u00a0<span style=\"font: 7pt &quot;Times New Roman&quot;;\"> <\/span><\/span><\/span>Die Popmusik ist, trotz gelegentlicher Wagnisse, letztlich tonal (harmonisch, metrisch, formal).<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 36pt; text-align: justify; text-indent: -18pt;\"><span><span>d)<span style=\"font: 7pt &quot;Times New Roman&quot;;\"> <\/span><\/span><\/span>Die Popmusik ist prim\u00e4r auf Reproduktionsmedien angelegt.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist jetzt sehr schwarz-wei\u00df, aber ich meine doch feststellen zu k\u00f6nnen, dass die Neue Musik gr\u00f6\u00dftenteils als \u201ereine Musik\u201c ohne Text angelegt ist, ihre instrumentale Basis die klassischen, akademisch eingeschulten und institutionell gruppierten Instrumente sind, sie bei aller Re-Inklusion tonaler Mittel im Wesen atonal ist und ihr eigentlicher Austragungsort der Konzertsaal ist. (Und umgekehrt, dass das Gros der Popmusik den obigen Analysen entspricht.) Indes m\u00f6chte ich in Frage stellen, ob diese Distinktionen einen Qualit\u00e4tsunterschied bedeuten.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">4.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin der Ansicht, dass die Neue Musik einige Aspekte ihres Elitarismus absch\u00fctteln k\u00f6nnte und ihr das gut t\u00e4te, ohne einen Anspruch preiszugeben:<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 36pt; text-align: justify; text-indent: -18pt;\"><span><span>a)<span style=\"font: 7pt &quot;Times New Roman&quot;;\"> <\/span><\/span><\/span>Text<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eAbsolute Musik\u201c gibt es nicht, auch nicht \u201eautonome\u201c, Musik steht in Zusammenh\u00e4ngen (\u00f6konomisch, gesellschaftlich, politisch, privat, &#8230;). Komponisten geben ihren St\u00fccken ja zumindest Titel und schreiben meist eine Programmnotiz. Ich bin daf\u00fcr, die Textseite zu st\u00e4rken; nicht unbedingt gesungen, das gleitet zu schnell in (unverst\u00e4ndliche) Musik, nicht als Programmtext, da ist viel zu unklar, von wem-wann-ob-wie das gelesen wird, sondern mit Moderationen, Textprojektionen, Videos, Handouts. Beispielsweise habe ich in meinem St\u00fcck Fremdarbeit nicht selber komponiert, sondern Komponisten aus Billiglohnl\u00e4ndern daf\u00fcr bezahlt, mir Stilkopien meiner Musik anfertigen zu lassen. Dieses Konzept musste nat\u00fcrlich mitkommuniziert werden, die Musik versteht sonst keiner, weder Laie noch Profi. Also habe ich das St\u00fcck moderiert, was zu einem lebendigem Konzertereignis f\u00fchrte.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">Solche Konzeptualisierung erm\u00f6glicht grunds\u00e4tzlich, Themen \u2013 und das hei\u00dft auch gesellschaftlich brisante Themen \u2013 in die Musik zu bringen und ein reflexives Niveau einzunehmen. Weitere \u201eVermittlung\u201c sollte dann eigentlich nicht n\u00f6tig sein.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 36pt; text-align: justify; text-indent: -18pt;\"><span><span>b)<span style=\"font: 7pt &quot;Times New Roman&quot;;\"> <\/span><\/span><\/span>Instrumente<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>Gro\u00dfen Reformbedarf sehe ich beim Instrumentarium. Ich gehe oft ins Theater, vor allem in mein Lieblingstheater, dem HAU in Berlin, einer der fortschrittlichsten Spielst\u00e4tten Deutschlands. Sehr bekannt ist mittlerweile die ans\u00e4ssige Gruppe <em>Rimini Protokoll<\/em>, die ein aktualit\u00e4tsbezogenes Dokumentartheater inszeniert; gerne arbeiten sie dabei auch mit Musik. Ich glaube, wenn die mich nach einer Musik fragten, und ich k\u00e4me ihnen mit Streichquartett oder Fagott an, w\u00fcrden sie mir den Vogel zeigen! Mit Recht: Die Aura dieser Instrumente ist b\u00fcrgerlich, altmodisch, unsexy, verschlissen. Die Neue Musik dockt meist ans klassische Publikum an, aber ich glaube, dadurch versperrt sie mehr m\u00f6glichen H\u00f6rern den Zugang als sie gewinnt. Das Klassikimage ist sch\u00e4dlich, die Berliner Philharmonie ein Altenheim \u2013 als junger Mensch, so sehr ich pers\u00f6nlich Beethoven liebe, m\u00f6chte als K\u00fcnstler kein Altenpfleger sein.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass digitale Controller, heute noch im experimentellen und spektakul\u00e4ren Stadium, in Zukunft probate Alternativen zu den alten Instrumenten sein werden. Neue Musik soll nicht neue klassische Musik sein, sondern die eigenst\u00e4ndige, \u00e4sthetisch und technisch avancierte Kunstmusik der Gegenwart.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 36pt; text-align: justify; text-indent: -18pt;\"><span><span>c)<span style=\"font: 7pt &quot;Times New Roman&quot;;\"> <\/span><\/span><\/span>Tonales<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>Mir f\u00e4llt es schwer, Tonales einzubeziehen. Die Freiheit der Atonalit\u00e4t ist ein hohes Gut; zweiwertige Beats und funktionsharmonische Turnarounds empfinde ich als \u00e4sthetisch unterkomplex. Wohl die meisten Komponisten der Neuen Musik hierzulande denken so. Damit verschlie\u00dft man sich aber freilich dem Gros der H\u00f6rer; allem Anschein nach ist Atonalit\u00e4t absolut unvereinbar mit Pop. Nat\u00fcrlich gibt es Ausnahmen \u2013 es gibt ja alles irgendwo \u2013, doch das systemlose, systemnegierende H\u00f6ren bedarf in den allermeisten F\u00e4llen der professionellen Schulung und wird darum gemieden.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">Integration von Tonalem ist aber nat\u00fcrlich m\u00f6glich; es ist ein Unterschied, ob tonal gedacht oder Tonales genutzt wird; auch wenn das dann wesensm\u00e4\u00dfig atonal bleibt (Vers\u00f6hnung halte ich f\u00fcr schwer m\u00f6glich), ist vielleicht doch eine \u00d6ffnung geschehen. Ein Unterscheid ist allerdings auch, ob jene Tonalit\u00e4t des 19. Jahrhunderts, sprich der \u201eklassischen Musik\u201c genutzt wird, wie es in der Neuen Musik meist der Fall ist, oder die tonale Musik der Gegenwart \u2013 der Popmusik. Hier greift wiederum das Manko der alten Instrumente.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p>Mit st\u00e4rkerem konzeptuellen Verst\u00e4ndnis ist auch f\u00fcr mich Tonales nutzbar; in meinem St\u00fcck Charts Music war durch eine konterkarierende Video-Addition m\u00f6glich, ausschlie\u00dflich Popmusik zu verwenden (nur die Form ist eine atonale Reihenform bzw. eine Collage). Ich halte das St\u00fcck, das weltweit ein gro\u00dfer Erfolg war, dennoch f\u00fcr \u201eNeue Musik\u201c (der oben zitierte Publizist nicht).<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 36pt; text-align: justify; text-indent: -18pt;\"><span><span>d)<span style=\"font: 7pt &quot;Times New Roman&quot;;\"> <\/span><\/span><\/span>Reproduktionen<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"margin-left: 18pt; text-align: justify;\">Ein Paradigmenwechsel in der Verbreitung liegt auf der Hand: Im Konzertsaal findet eine einmalige (sehr teure) Auff\u00fchrung statt, und in der Regel k\u00f6nnen zwischen 50 und 500 St\u00fchle besetzt werden. An Rechnern mit Internetzugang, von denen sich auf alles Kopierbare zugreifen l\u00e4sst, stehen derzeit rund 2 000 000 000 St\u00fchle. Ich halte es f\u00fcr sinnvoll und die Neue Musik f\u00fcr wert, sie kopierbar f\u00fcrs World Wide Web zu gestalten, sie auf \u201eVirtugenit\u00e4t\u201c (Harry Lehmann) von vornherein anzulegen. Mittlerweile sind Auff\u00fchrungen f\u00fcr mich zu erheblichem Grad auch dazu da, sp\u00e4ter dem \u201eLong Tail\u201c des Internets in Form von Dokumentationen zur Verf\u00fcgung zu stehen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">&nbsp;<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">5.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Alle diese Ma\u00dfnahmen erachte ich im Grunde nicht als gener\u00f6ses \u201aEntgegenkommen\u2019 an ein breiteres Publikum, sondern als gegebene Optionen der heutigen Kunstmittel. Jeder der genannten Punkte hat mit den Novit\u00e4ten der Digitalen Revolution zu tun. Diese zu nutzen ist schlichtweg Avantgarde.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Darum soll jedes Heilsversprechen unterbleiben und schon gar kein Dogma ausgesprochen werden. Hier ist von nicht mehr und nicht weniger als von M\u00f6glichkeiten die Rede; aber wer an die M\u00f6glichkeit des \u201eNeuen\u201c in der Musik glaubt, wird sie nutzen.<\/p>\n<p>[ad#ad2]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzten Oktober war ich zu einer Podiumsdiskussion mit dem Thema &#8222;popul\u00e4r vs. elit\u00e4r&#8220; im Rahmen der Dresdner Tage f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Musik eingeladen. Zur Vorbereitung hatte ich einige Skizzen gemacht, die ich jetzt zu einem Text zusammenbringe. Hier die Vor-Ver\u00f6ffentlichung. 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