{"id":3547,"date":"2010-09-20T13:40:34","date_gmt":"2010-09-20T11:40:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=3547"},"modified":"2010-09-20T13:40:34","modified_gmt":"2010-09-20T11:40:34","slug":"prapariertes-horen-essay-3-zum-musiktheater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=3547","title":{"rendered":"Pr\u00e4pariertes H\u00f6ren &#8211; Essay #3 zum Musiktheater"},"content":{"rendered":"<h1 style=\"text-align: justify;\">Pr\u00e4pariertes H\u00f6ren<\/h1>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Zum Musiktheater <em>Feeds. H\u00f6ren TV<\/em>.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">1.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Da praktisch alle Kl\u00e4nge ausgeforscht sind, und auch aus ihren Kombinationen sich immer mehr bekannte Muster herauskristallisieren, setzt Objektivierung ein: Topoi, Idiome, Standardsituationen, Versatzst\u00fccke. Die kann man als solche nutzen \u2013 Musik mit Musik.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify; text-indent: 35.4pt;\">Nun ist nicht alles sogleich griffige Vokabel. Man kann aber auch aktiv Musik semantisieren, durch andermediale Zuschreibung: Sprache, Video, Inszenierung. Eine Aufgabe und Potenzial f\u00fcrs Theater: Kl\u00e4ngen Namen geben.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">2.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Schon als Jugendlicher hatte ich die Idee f\u00fcr ein Klavierst\u00fcck in f\u00fcnf S\u00e4tzen, die alle die gleichen Noten haben, aber der erste Satz tr\u00e4gt einen philosophisch-religi\u00f6sen Titel, der zweite einen abstrakten, der dritte einen privat-amour\u00f6sen, der vierte einen ironischen und der f\u00fcnfte keinen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span> <\/span>\u00c4hnliche Filmexperimente sind bekannt: Zur Aufnahme eines Mannes, der ein Haus betritt, l\u00e4sst man Alltagsmusik, Horrormusik, Slapstickmusik etc. erklingen. In jedem Fall ist es eine andere Handlung.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span> <\/span>Mein St\u00fcck <em>Fremdarbeit<\/em>, bei dem ich Komponisten aus Billiglohnl\u00e4ndern f\u00fcr mich habe komponieren lassen, moderiere ich, um das Konzept den H\u00f6rern wissen zu lassen. Bei der Urauff\u00fchrung war ich tendenziell herablassend und ironisch, und prompt urteilten die meisten, dass die Auftragsmusiken auch schlecht waren. Bei der zweiten Auff\u00fchrung musste ich englisch sprechen und war viel sachlicher, und das Publikum fand die St\u00fccke gelungen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">3.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Der Neue-Musik-Evergreen also: Musik und Sprache! (Beziehungsweise: die Kommentarbed\u00fcrftigkeit moderner Kunst (Arnold Gehlen).) Mit sprachlichen Mitteln wird die Musik be-zeichnet, kontextualisiert, das H\u00f6ren justiert. Wenn zum Beispiel dar\u00fcber hinzuinformiert wird, dass zu diesem Mozart hier noch unh\u00f6rbar CDU-Wahlwerbung l\u00e4uft.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify; text-indent: 35.4pt;\">Das kommt aus der Tradition der Pr\u00e4paration: John Cage begann in den 1940ern, das Klavier im Innenraum mit allerlei Gegenst\u00e4nden derart zu pr\u00e4parieren, dass g\u00e4nzlich andere Kl\u00e4nge hervorkamen. In das Instrument wird eingegriffen, bestimmte Dinge werden herausgefiltert und voneinander getrennt. Das kann man durchaus als aggresiven Akt ansehen, die Manipulation, die Denaturierung des Bestehenden.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify; text-indent: 35.4pt;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">4.<\/p>\n<p class=\"MsoBodyText\">Die musikalische Wahrnehmung verbal einzugrenzen ist absolut verp\u00f6nt. Man will ja eigentlich unvoreingenommen h\u00f6ren. Wir aber wollen kanalisieren, schlie\u00dfen, fixieren. <span> <\/span>Au\u00dferdem kann ich nicht non stop Musik auf einem Keyboard spielen, das Made in China ist. Mit textlichen Zus\u00e4tzen sind st\u00e4rkere Wirkungen m\u00f6glich als mit den immer kleinteiligeren Materialkombinationen im Neue-Musik-Duktus (der anstrengungslos-begriffslos ist). Denn m\u00f6glich ist dann erst mal viel:<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify; text-indent: 35.4pt;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">5.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Jedes Medium kann gebraucht werden. Die Klarinette in pianissimo-Septolen ist nicht von vornherein besser als die vier Akkorde einer Rockband. Im Musiktheater kann es nicht vornehmlich um Strukturh\u00f6ren gehen.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">6.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">In <em>Feeds<\/em> geht es um das H\u00f6ren schlechthin \u2013 nicht um Politik, nicht um Liebe, nicht um Musik. All das kommt aber vor, es dient dazu, das H\u00f6ren zu erschweren. Insofern geht es um das H\u00f6ren. (Aber Informationen schaden nicht.)<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><span> <\/span>Diese Themen sind Ballaststoff, Einspeise, Aufh\u00e4nger, Mittel zum Zweck, Ideen, Kommunikationsmedien, Beispiele der Erweiterung und Einschr\u00e4nkung von Klang. Das ist aber auch etwas Inhaltliches: die Entweihung, die Besudelung (Mozart vergiftet \u2013 durch Sprache!).<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">7.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Beispiel Politik: Politik ist zu einem hohen Grad Konsumgut. Das meiste, wor\u00fcber man in den Nachrichten liest, tangiert das eigene (Er)Leben nicht wirklich. Es passiert in der Welt ja auch immer gerade so viel, wie in f\u00fcnfzehn Minuten Tagesschau-Komposition passt. Politik ist medial auch f\u00fcr uns: Medium.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify; text-indent: 35.4pt;\">(Mit der Musik ist es heute wie mit der linken Avantgarde: Am sch\u00f6nsten ist sie als Konzept.)<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">8.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Manche Inhalte sind aber doch Herzensangelegenheiten. Nicht alles ist uneigentlich (was?), nicht alles ist Medium f\u00fcr etwas anderes. Die Telekommunikations-\u00dcberwachungsma\u00dfnahmen der CDU sind eine Katastrophe, ich habe wirklich Tinnitus, Prostitution ist scheu\u00dflich, etc.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">9.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">In <em>Feeds <\/em>wird Musik mit Sprache aufgeladen. Auch dieser Text tr\u00e4gt noch seinen Teil bei, unsynchronisiert: Die einen werden ihn noch vor der Auff\u00fchrung lesen, die anderen w\u00e4hrenddessen, oder erst danach. Er ist eine frei begehbare Installation zum St\u00fcck, so wie jedes Programmheft.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\"><!--[if !supportEmptyParas]--> <!--[endif]--><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">10.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify;\">Was f\u00fcr ein H\u00f6ren ist das, das verbal sensibilisiert, bekr\u00e4ftigt, gest\u00fctzt, fokussiert, gelenkt, geg\u00e4ngelt, verwirrt, hintertrieben, maltr\u00e4tiert wird? Zwangsbegleitete Melodien, Verfremdungseffekte, \u201ekonzeptuelle Zumutungen\u201c (Mahnkopf). Differenz zwischen dem H\u00f6ren und dem Geh\u00f6rten, zwischen Zeichen und Bezeichnetem; sie bilden Intervalle, Akkorde. Auftrennung immerzu, Falschheit als Distanzierungsmittel. (Kunst soll Handlungsbedarf sch\u00fcren \u2013 es muss erst schlechter werden, damit es besser wird!)<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify; text-indent: 35.4pt;\">WAS h\u00f6ren wir wirklich? H\u00f6ren ist ein Filter und ein Synthesizer.<\/p>\n<p class=\"MsoNormal\" style=\"text-align: justify; text-indent: 35.4pt;\">\n<p>[ad#ad2]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pr\u00e4pariertes H\u00f6ren Zum Musiktheater Feeds. H\u00f6ren TV. 1. Da praktisch alle Kl\u00e4nge ausgeforscht sind, und auch aus ihren Kombinationen sich immer mehr bekannte Muster herauskristallisieren, setzt Objektivierung ein: Topoi, Idiome, Standardsituationen, Versatzst\u00fccke. Die kann man als solche nutzen \u2013 Musik mit Musik. Nun ist nicht alles sogleich griffige Vokabel. 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