{"id":286,"date":"2008-10-20T16:34:46","date_gmt":"2008-10-20T14:34:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=286"},"modified":"2008-10-21T20:56:42","modified_gmt":"2008-10-21T18:56:42","slug":"zur-frage-der-klangregie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=286","title":{"rendered":"Zur Frage der Klangregie"},"content":{"rendered":"<p>Thomas Gerwin, k\u00fcnstlerischer Leiter des <a href=\"http:\/\/www.inter-art-project.de\/Internationales%20Klangkunstfest%2008.html\">Internationalen Klangkunstfestes<\/a> hat mir auf meinen <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=269\">Blogeintrag<\/a> nach der Urauff\u00fchrung von &#8222;Farben: Untersagt&#8220; hin geschrieben und seine Platzierung der Klangregie mit Hinweis auf seinen interessanten Artikel in <a href=\"http:\/\/www.positionen-bznm.de\/inh_60.htm\">Positionen 60<\/a> erl\u00e4utert. Ich zitiere daraus:<\/p>\n<p>&#8222;Das Lautsprecher Setting, das ich in der Regel bei elektroakustischen Konzerten finde, versucht, den Zuh\u00f6rer Raum akustisch so homogen wie m\u00f6glich auszuleuchten. Das hei\u00dft, meistens acht oder sechzehn m\u00f6glichst gleiche Lautsprecher m\u00f6glichst in Ohrenh\u00f6he in m\u00f6glichst gleichen Abst\u00e4nden rund um die Zuh\u00f6rer. Der akustische Raum wird vorher im Computer oder auf andere Weise konstruiert und dann durch die m\u00f6glichst neutralen Lautsprecher w\u00e4hrend der Performance dargestellt. An dieser Raumdarstellung sind idealerweise immer alle Lautsprecher irgendwie beteiligt und es gibt, wie bei der Stereophonie, gute und schlechte H\u00f6rpl\u00e4tze. Die G\u00fcte einer H\u00f6rposition mi\u00dft sich daran, wie exakt sie erm\u00f6glicht, den vorher komponierten akustischen Raum zu h\u00f6ren und nachzuvollziehen. Es handelt sich dabei, \u00fcberspitzt ausgedr\u00fcckt, um eine Art \u00bbRundum Stereophonie\u00ab. Dies ist in extremer Weise auch so bei der Wellenfeldsynthese; auch wenn dort zum Beispiel mit dem Joystick virtuelle Klangquellen relativ frei bewegt werden k\u00f6nnen, fungieren die Lautsprecher wie ein (Rundum )Monitor, der eine r\u00e4umliche Illusion erzeugt. Der akustische Raum selbst wird im Rechner erzeugt und von den Lautsprechern dargestellt.<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber verfolge ich einen prinzipiell anderen Ansatz. Ich gebe die \u00fcbliche Zentralperspektive des H\u00f6rens einfach auf \u2013 zugunsten einer multivektorialen Rezeption. Anstatt zu versuchen, jedem H\u00f6rer das gleiche (als optimal definierte) Erlebnis im Brennpunkt der Lautsprecher Konfiguration zu verschaffen, erbaue ich eine Klanglandschaft, die ganz verschiedene Perspektiven bietet und jeden H\u00f6rer in die Lage versetzt, seine eigenen Erlebnisse zu bekommen bzw. sogar selbst zu kreieren.&#8220;<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist f\u00fcr diese Art Elektronischer Musik der Platz der Klangregie freier w\u00e4hlbar. Die von mir in Anspruch genommene &#8222;Zentralperspektive&#8220; hingegen erfordert einen Klangregisseur genau in der Mitte des Raumes. Ich finde Thomas Gerwins Ansatz plausibel und werde in Zukunft meine Musik vielleicht auch in diese Richtung \u00f6ffnen; bislang aber ist mein kompositorischer Fokus schlicht auf ganz andere Dinge denn auf den Raum gerichtet. Spatialisierung hat mich bislang in meiner Musik, von <a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/werke\/klavierstueck5.htm\">Klavierst\u00fcck 5<\/a> abgesehen, noch nicht interessiert, bzw. halte ich es f\u00fcr meine bisherigen Werke sogar f\u00fcr unerl\u00e4sslich, dass der Klang nicht r\u00e4umlich diffundiert wird.<br \/>\nIn dem Zusammenhang kann ich meine Bemerkung zum Ende der Fortschrittslogik in der Kunst aus meinem Essay <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=155\">Medien der Komposition<\/a> anbringen:<\/p>\n<p>&#8222;R\u00fcttelten viele Werke in der Kunst des 20. Jahrhunderts an den \u00fcberkommenen Abgrenzungen der \u00e4sthetischen Wahrnehmung, m\u00fcssen nachfolgende Werke, die in puncto Avanciertheit im Schatten jener Erfahrungen stehen, ihre alten Grenzen wiederum verteidigen. Da ist beispielsweise die B\u00fchnensituation, Tableau zur konzentrierten Wahrnehmung allen klanglichen Geschehens, um deretwillen die \u201eMagie\u201c nicht zerst\u00f6rt wird; wom\u00f6glich l\u00e4sst man auch die Mechanik der Instrumente, die Kompliziertheit ihrer Spielweise unkenntlich, doch erzielt man daf\u00fcr innerhalb dieses Rahmens etwa mit Parametrik, allusiven Einsprengseln und formalen Querverweisen mannigfaltige Bez\u00fcge und Ausdifferenzierungen. In einem solchen Dilemma steckt politische Musik: Sie kann auf verschiedenen Ebenen in ihrem Sinne wirken, aber nie auf allen zugleich; und tut sie es auf der einen, benutzt sie andere in konventionellerer Form.&#8220;<\/p>\n<p>Insofern bekenne ich mich zur Nutzung der &#8222;Zentralperspektive&#8220; und h\u00e4tte mir daf\u00fcr den optimalen Klangregieplatz gew\u00fcnscht, der umgekehrt der &#8222;multivektorialen&#8220; Konzeption nicht im Wege gestanden h\u00e4tte. Ich will hier aber bestimmt keinen Streit vom Zaun brechen, schon aus logistischen Gr\u00fcnden w\u00e4re mein Wunsch im Teehaus des Tiergartens nicht so leicht zu erf\u00fcllen gewesen und das St\u00fcck wurde, so wie es nun vor Ort eingerichtet war, auch nicht substanziell beeintr\u00e4chtigt. Vielen Dank an Thomas Gerwin und Robin Hayward!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Gerwin, k\u00fcnstlerischer Leiter des Internationalen Klangkunstfestes hat mir auf meinen Blogeintrag nach der Urauff\u00fchrung von &#8222;Farben: Untersagt&#8220; hin geschrieben und seine Platzierung der Klangregie mit Hinweis auf seinen interessanten Artikel in Positionen 60 erl\u00e4utert. 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