{"id":17246,"date":"2016-06-21T05:22:01","date_gmt":"2016-06-21T03:22:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=17246"},"modified":"2016-06-21T15:34:33","modified_gmt":"2016-06-21T13:34:33","slug":"mein-text-gegen-applaus-online","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=17246","title":{"rendered":"Mein Text &#8222;Gegen Applaus&#8220; online"},"content":{"rendered":"<p>Mein Text &#8222;Gegen Applaus&#8220;, <a href=\"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=14961\">erschienen vor einem Jahr in der Neuen Zeitschrift f\u00fcr Musik<\/a>, steht jetzt online. (<a href=\"http:\/\/www.kreidler-net.de\/theorie\/kreidler__gegen_applaus.pdf\">hier als pdf<\/a>)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gegen Applaus<\/strong><\/p>\n<p>Als der Sch\u00f6nbergkreis 1918 den <em>Verein f\u00fcr musikalische Privatauff\u00fchrungen<\/em> gr\u00fcndete, verf\u00fcgte man in den Statuten, dass dem Publikum Mi\u00dffallenskundgebungen w\u00e4hrend oder nach den Darbietungen untersagt seien; doch nicht nur das, auch jedweder Beifall wurde dem Auditorium verboten. Die Ma\u00dfnahme mag eine verbitterte Reaktion auf die Skandalkonzerte der fr\u00fchen Atonalit\u00e4t gewesen sein, hatte aber G\u00fcltiges dar\u00fcber hinaus. Applaus ist eine Unsitte, aus zwei Gr\u00fcnden:<\/p>\n<p>1. Fort mit dem kollektiven Soforturteil \u2013 alles \u00fcber dem Anstandspegel ist Soforturteil \u2013; ein St\u00fcck, an dem monate-, wom\u00f6glich jahrelang gearbeitet wurde, kann nicht Sekunden nach dem letzten Ton schon taxiert werden. Dieses notorische letzte Wort ist unangemessen und anma\u00dfend. Da es aber erfolgt, korrumpiert die Aussicht auf \/ Angst vor Applaus die KomponistInnen und InterpretInnen, verf\u00fchrt zu Gefallsucht, beg\u00fcnstigt sichere Effekte, n\u00e4hrt eine Kunstproduktion, die die einverst\u00e4ndliche Meinung lieber best\u00e4tigt. Jedoch nach Mozarts Requiem, nach Weberns Aphorismen ebenso wie nach einer Vorf\u00fchrung von Pasolinis <em>Sal\u00f3 <\/em>oder einer Inszenierung von M\u00fcllers <em>Hamletmaschine<\/em>, in Anbetracht von Duchamps Urinal sind andere Reaktionen geboten als konform im Massenorgan Applaus einzustimmen. Das Individuum m\u00f6ge seine eigenen Schl\u00fcsse ziehen. Und hat man Hegel nach Erscheinen der <em>Ph\u00e4nomenologie des Geistes<\/em> etwa auf die Schulter geklopft? Ein Kunstwerk braucht \u00fcberhaupt keine eilige Akklamation oder instantanes Daumen-runter-Fazit, und die MusikerInnen und KomponistInnen sollen schlichtweg anst\u00e4ndig bezahlt werden, dann braucht das Publikum ihnen keinen Applaus zu spenden. Und neben der Bezahlung ist Aufmerksamkeit die angebrachte Form der Wertsch\u00e4tzung.<\/p>\n<p>2. Keine Einrahmung. Statt dass das Kunstwerk sich in den K\u00f6pfen, im Handeln fortsetzt, statt dass seine Vibrationen weitergetragen werden, wird ihm der Riegel des Applauses vorgeschoben, wird real und symbolisch Distanz geschaffen durch eine anspruchslose Sch\u00fcttelbewegung, mit der man das St\u00fcck absch\u00fcttelt, es \u00bbschlussendlich\u00ab von sich fern h\u00e4lt, das Werk mit Beifall zu Fall bringt, es hinterm L\u00e4rmwall begr\u00e4bt. Was n\u00fctzt es, Spannung aufzubauen, wenn diese gleich wieder entladen wird? Wie unertr\u00e4glich muss es f\u00fcr manche anmuten, wenn nach dem Doppelstrich der Partitur die Stille langsam \u00fcberginge in die Kontinuit\u00e4t des Konzertprogramms oder in das Aufbrechen der Menschen. Wenn die Feinheit und Energie, die Offenheit und Verantwortung des Kunstwerks nicht sogleich in Wei\u00dfem Rauschen eingeschmolzen, nicht akustisch neutralisiert und h\u00e4sslich simpel \u00fcbert\u00fcncht w\u00fcrde, sondern der Stab weiterginge an die H\u00f6rerInnen, auf dass sie gut damit umgehen. Und erst Recht, wenn das Publikum, wie es die Phrase gern reklamiert, \u00bbirritiert\u00ab wurde durch Kunst. Ist das Publikum wirklich irritiert, gar \u00bbverst\u00f6rt\u00ab, dann kann es nicht noch klatschen! \u2013 dann soll es das nicht m\u00fcssen. Wiederum spricht wenig dagegen, wenn bei der Auff\u00fchrung getrunken wird oder man w\u00e4hrenddessen ein- und ausgeht, ebenso das Betreiben von Smartphonekommunikation, solange es andere nicht beeintr\u00e4chtigt; das sind gleicherma\u00dfen Momente der Aufhebung des starren Rahmens, und der K\u00f6rper darf auch etwas mehr Bewegungsraum bekommen. Wenn dann sollte das St\u00fcck einen an den Stuhl fesseln, nicht die Konvention. Ja und wenn das Publikum von dem Erlebten begeistert ist? \u2013 dann soll es sich nachher lieben.<\/p>\n<p>Berlin, Komische Oper, Zimmermann, <em>Die Soldaten<\/em> \u2013 am Ende Holocaust, Atombombe, Apokalypse. Und zehn Sekunden sp\u00e4ter? Eine \u00bbBRRAVOOOOOOOO!!!!!!\u00ab-Brandung. Lachenmann, <em>M\u00e4dchen mit den Schwefelh\u00f6lzern<\/em>, Buenos Aires, Standing Ovations, \u00bbHelmut Helmut\u00ab-Rufe. Ob das dem erfrierenden M\u00e4dchen hilft? Es ist absurd; so viele Kunst will tiefsinnig, existenziell, weltdeutend oder aufkl\u00e4rerisch sein, aber ihre Akteure gefallen sich im Gegensatz dazu in einem billigen Ehrerbietungsritual. Alle Beteiligten sollten der Kunst, dem Werk verpflichtet sein \u2013 das Publikum jedenfalls obliegen die Ohren, keine h\u00e4ndischen Honorationen.<\/p>\n<p>Niemand, der\/die zu Hause Musik h\u00f6rt, sieht es f\u00fcr angebracht, hernach dem Lautsprecher Beifall zu klatschen. Auch im Kino geht es meistens ohne. Das Prozedere ist ja eigentlich auch sehr langweilig, eine Zeitverschwendung. Am Wiener Burgtheater fand bis 1983 das sogenannte Vorhangverbot von 1778 Anwendung: Verbeugungshandlungen sind zu unterlassen, \u00bbweil dadurch der Eindruck der darzustellenden Handlung gest\u00f6rt w\u00fcrde\u00ab. Bei Konzerten in Kirchen, zumal mit Werken wie der <em>Matth\u00e4uspassion<\/em>, wird im Programmheft meist vermerkt, dass man aufgrund des Gegenstandes bitte auf das Beklatschen verzichten m\u00f6ge. Auch ohne Theologie sollte das grunds\u00e4tzlich walten; so viel W\u00fcrde hat jede Kunstmusik. Schafft das Klatschen ab!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Text &#8222;Gegen Applaus&#8220;, erschienen vor einem Jahr in der Neuen Zeitschrift f\u00fcr Musik, steht jetzt online. 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