{"id":17128,"date":"2016-06-27T05:12:09","date_gmt":"2016-06-27T03:12:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=17128"},"modified":"2016-06-28T18:03:17","modified_gmt":"2016-06-28T16:03:17","slug":"immaterial-24","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=17128","title":{"rendered":"Immaterial"},"content":{"rendered":"<p>\u201eParzellen statt Erfahrungen\u201c. (Kreppein)<br \/>\nSicherlich eignet sich der Neue Konzeptualismus besonders gut f\u00fcr den Diskurs, so wie sich f\u00fcr ein Streichquartett St\u00fccke f\u00fcr zwei Geigen, Bratsche und Cello vornehmlich eignen. Konzepte kann man in zwei S\u00e4tzen weitererz\u00e4hlen, schon ist ein St\u00fcck abermals aufgef\u00fchrt. Ja, so ist der Konzeptualismus und das verschafft ihm auch oberfl\u00e4chlich Vorteile. (Aber die hat er gegen das Etablierte auch verdient.)<br \/>\nAndererseits ist Konzeptualismus ja sperrig, weil an\u00e4sthetisch, auch nicht immer soo witzig-pointiert, und die Kleinteiligkeit wird verwechselt mit Kurzatmigkeit und Unterkomplexit\u00e4t. Genauso k\u00f6nnte man Heinrich Sch\u00fctz vorhalten, dass er ja keinen verschlungenen 12-stimmigen Kontrapunkt mehr geschrieben hat. Kategorienwechsel m\u00fcssen wohl damit leben, dass Kritik auf der falschen kategorialen Ebene verl\u00e4sslich eintritt. Es ist nachgerade ein Fettnapf, in den nat\u00fcrlich immer einer reintritt, dass man einen Aphorismus schreibt, und dann kommt einer her und kritisiert, dass das ja kein Roman sei, \u2013 ob das ein Argument gegen Aphoristik w\u00e4re \u2013 oder dass die Reime in dem Roman aber irgendwie gar nicht funktionierten. Als n\u00e4chstes wird dann die \u201eWelt\u201c als Vergleichsobjekt herangezogen, was denn nun der Welt ad\u00e4quater sei, und wenn man da nicht f\u00fcndig wird, dann sagt man zuletzt, dass es stattdessen eben um Utopien ginge. Damit ist dann endg\u00fcltig die Auseinandersetzung der Willk\u00fcr gewichen.<\/p>\n<p>Maximaler Distinktionsgewinn. Musik als unkonzeptuellstes Medium f\u00fcr Konzepte zu nutzen, das ist ein Coup.<\/p>\n<p>Das einzelne, aber feste statt der gro\u00dfen Erz\u00e4hlung, sei sie auch noch so facettenreich. Und sicherlich steht hinter den Einzelheiten eine Haltung \u2013 das sind nicht Fragmente, sondern Manifestationen.<\/p>\n<p>Zitieren, entlehnen, Referenzieren. Das kann man parasit\u00e4r nennen, ist aber schlichtweg auch eine Wahrheit, und Moral ist hier doch fehl am Platz.<\/p>\n<p>Diskurs. Kritik. Man kritisiert selten das, was man nicht gut findet, sondern das, was man selber nicht kann.<\/p>\n<p>Ein Einwand: Die Welt sei komplex, da k\u00f6nne ein St\u00fcck das nur eine Idee verfolgt dem nicht gerecht werden, oder jedenfalls nicht einem Anspruch auf >Vielschichtigkeit<. (Schick \/ Marcoll \/ Kreppein)\nAber ein St\u00fcck, das 10 Minuten geht und auskomponiert ist (und nur Musik ist, ohne multimediale Zus\u00e4tze), das wird also der komplexen Welt gerecht..? \nErst mal wird der Anspruch erhoben, der komplexen Welt m\u00fcsse man gerecht werden, und dann wird das auch noch quantitativ bestimmt. \n[Der Ausdruck \u201ekomplex\u201c ist eigentlich nur noch pr\u00e4tenti\u00f6s. Wer sagt, dass Kunst \u201ekomplex\u201c sein m\u00fcsse? Komplexit\u00e4t, wieder einmal ein undefiniertes Fetischwort in der Neuen Musik. \u201eKomplex\u201c, das ist die Androhung von Erhabenheit, vom strafenden \u00fcberm\u00e4chtigen Gott. Ich bin auf der Suche nach der unkomplexesten Musik. Nicht einfache \/ minuseinfache, sondern nullfache Musik. Zeroalismus.]\n\nMomente der Rahmung, Reduktion auf Strukturen.\nSie sagen, die heutige Welt sei so komplex. Aber alle haben sie in kleines Ger\u00e4t in der Tasche, auf dem sie diese Komplexit\u00e4t erfahren. Das riesige Word Wide Web, sie alle sehen es durch einen (1) Browser und googeln in einem minimalistischen Suchschlitz. Es gibt immer Ebenen der Erlebens, die ganz simpel sind. Die unendlichen M\u00f6glichkeiten sinnlicher Eindr\u00fccke, wir alle erleben sie durch gerade mal zwei Koordinaten: Raum und Zeit. Konzeptualismus gestaltet solche Rahmungen, solche Flaschenh\u00e4lse, durch die jeder Mensch die Welt wahrnimmt. Manche Komplexit\u00e4tsreklamierer muss man mal wieder an die Kantschen Bedingungen der Erkenntnis erinnern. Denn \u201eH\u00f6ren\u201c ist \u201eH\u00f6ren als\u201c. Konzeptualismus internalisiert die Tatsache der H\u00f6rperspektive. Keine Perspektive, sondern Perspektivismus. \u201eIsmus\u201c=Selbstreflexion.\nKonzepte sind limitiert (wie alles), aber sie sagen es. Sie formulieren diese Grenze deutlich, das hei\u00dft, sie \u00fcberschreiten sie: dort befindet sich der H\u00f6rer.\n\nAls ob Komplexit\u00e4t die ultimative Qualit\u00e4t w\u00e4re. Kunst kann auch sch\u00f6n sein, stimulieren, erhaben und Widerspr\u00fcchlich sein, punktuell, flie\u00dfend, spitz oder flach.\nDuchamps <em>fountain<\/em> ist so wenig komplex wie die Entdeckung von Amerika. Beides sind just Ideen, die man eben irgendwann gehabt hat.<br \/>\nSo, wie im 19. Jahrhundert das h\u00f6chste Ziel ein \u201eorganisches\u201c Kunstwerk war (eine Lieblingsmetapher von Hanslick), so kann heute Musik laut oder leise, dieser oder jener Stil sein, aber all das hat nur ein Ziel: am Ende m\u00fcsse es \u201ekomplex\u201c sein.<\/p>\n<p>Man kann diskutieren, wie viel zeitlichen und materiellen Aufwand eine einzige Idee rechtfertigt, aber nicht mit der Ontologie einer >komplexen Welt< argumentieren.\n\nDie Macht des Namens. John Cage verdankt seinen Erfolg auch seinem sch\u00f6nen Namen. H\u00e4tten die Dadaisten nicht das Wort \u201eDada\u201c gefunden, alles darunter geltende w\u00fcrde wenig gelten. \u201eCabaret Voltaire\u201c, mit diesem gelungenen Namen war die Erfolgsgeschichte grundsteingelegt.\n\nDie Fremddetermination (bei Cage ist ja auch die Frage, ob es In- oder Fremddetermination ist, also ob es Zufall \u00fcberhaupt gibt).\nEntsubjektivierung, stattdessen l\u00e4sst man mechanische Kr\u00e4fte (zB Schwerkraft) oder kollektive (zB B\u00f6rsenkurse) T\u00f6ne produzieren. Vgl. Max Ernsts Techniken der Entsubjektivierung, Drip-Painting, Frottage.\nSchwerkraft, eine Kraft die \u00fcberall da ist. Was man alles umwerfen kann! Was man alles fallenlassen kann!\n\nNoch mal: Wo ihr nach Komplexit\u00e4t ruft, waltet euer primitiver Wille zur Macht. Das Schlagwort \u201ekomplex\u201c ist, mit Verlaub, unterkomplex.\nEs w\u00e4re ein komplexes Konzept, im Diskurs auf das Wort \u201ekomplex\u201c zu verzichten.\n\nDer erweiterte Musikbegriff, der begriffliche Musikbegriff.\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eParzellen statt Erfahrungen\u201c. (Kreppein) Sicherlich eignet sich der Neue Konzeptualismus besonders gut f\u00fcr den Diskurs, so wie sich f\u00fcr ein Streichquartett St\u00fccke f\u00fcr zwei Geigen, Bratsche und Cello vornehmlich eignen. Konzepte kann man in zwei S\u00e4tzen weitererz\u00e4hlen, schon ist ein St\u00fcck abermals aufgef\u00fchrt. Ja, so ist der Konzeptualismus und das verschafft ihm auch oberfl\u00e4chlich Vorteile. 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