{"id":17126,"date":"2016-06-23T05:09:00","date_gmt":"2016-06-23T03:09:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=17126"},"modified":"2016-07-08T16:02:54","modified_gmt":"2016-07-08T14:02:54","slug":"immaterial-23","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.kulturtechno.de\/?p=17126","title":{"rendered":"Immaterial"},"content":{"rendered":"<p>Der Vater des Konzeptualismus nennt seinen Sohn Max.<\/p>\n<p>Konzept und Dramaturgie, Entwicklung<br \/>\nEine anspruchsvolle Form, das ist eine Reflexion \u00fcber den Verlauf von Zeit, \u00fcber das Erleben in der Zeit, die Ged\u00e4chtnis- und Erwartungsfunktionen des Menschen, \u00fcber Proportionen, sch\u00f6ne Proportionen und Rhythmen, die einem heutigen Lebensgef\u00fchl entsprechen. Formale Innovationen sind vielleicht selten, die ersten kommen eigentlich erst mit dem Aufkommen der Teiligkeit in der Klassik; Bachs Fugen sind unf\u00f6rmig! Mozart ist der Meister der Proportionen, bei Beethoven kommt dann noch die Prozessualit\u00e4t hinzu. In der Moderne dann gab es vor allem die Momentform und die mechanische Prozessualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Krise der zeitlichen Gestaltung. In den letzten 20 Jahren gab es meines Erachtens nur zwei formale (= in dem Fall zeitliche Gestaltung betreffend) Innovatoren: Bernhard Lang und Michael Beil. Lang entfaltet die gliedernde Kraft der Wiederholung (\u201eWiederholung trennt\u201c) und schafft damit einerseits eine extreme Vereinzelung, andererseits dialektisch eine sehr spannende Gliederung und Beziehung zum Ganzen. Beil schafft mithilfe von Live-Video eine starke Verarbeitung von logischen Anschl\u00fcssen (die im Klingenden seit der Atonalit\u00e4t verloren gegangen sind) und Erinnerung. Etwas \u00e4lter w\u00e4re noch Spahlingers dialektische und >utopische< Prozessualit\u00e4t zu nennen. Ansonsten ist Dramaturgie Handwerk, ein Zustand wird entweder gerade genug mit Informationsfluss am K\u00f6cheln gehalten ohne dass es redundant wird, Ideen werden aneinandergereiht oder gehen ineinander \u00fcber, man verteilt seine Ideen nett in der Zeit, man macht einen Spannungsverlauf, schnelle und langsame Teile wechseln ab und irgendwo gegen den goldenen Schnitt hin gibt\u2019s ein-zwei H\u00f6hepunkte und \u00dcberraschungen, aber das ist reines Handwerk, das kann auch ein Kirchenmusiker, das ist unsubstanziell, Inszenierungsdonner, Dramatisierung, und auch geheimniskr\u00e4merisch gegen\u00fcber dem H\u00f6rer statt reflexiv, der Komponist trumpft gegen den H\u00f6rer auf mit seinen Assen im \u00c4rmel, entsprechend habe ich daran Unbehagen. Storytelling ohne Story. Porno mit Handlung, wo niemand Handlung will. Aber ich bin was Dramaturgie geht eben auch leidenschaftslos, lese auch keine Romane und mag Kino deshalb nicht, weil da immer, wirklich immer eine Geschichte erz\u00e4hlt werden muss; bei Romanen halte ich es mit Borges, dass es doch auch eine Zusammenfassung tut. Und schlaue Apercus, die irgendwo auf S. 274 in ein Narrativ verklebt sind, sind verschwendet.\n(Nicht dass ich jammern will \u00fcber Niveauverlust \u2013 daf\u00fcr haben die St\u00fccke heute andere Qualit\u00e4ten. In den vergangenen zehn Jahren sind viel mehr tolle St\u00fccke komponiert worden als in den zehn Jahren davor. Es sind herrliche Zeiten.)\nHeute gibt es offenbar wenig dialektische Bewegungskraft, Teleologie hat unsere Zeit sowieso nicht. Form, das ist \u201edie Ordnung der Dinge\u201c (Foucault).\n\nDas Konzertformat zwingt zum Entertainment, die Gefangenen brauchen Spiele. Daher dieser riesige Rhetorikaufwand bei Lachenmann, der selber aber nicht Thema wird. \nKrise der Entwicklung. Eine Idee widerstrebt ihrer Entwicklung, sie ist ausdehnungslos und nicht teilbar. Entwicklung ist erst mal ein Aufbrechen einer Qualit\u00e4t in Quantit\u00e4t.\n\nDieses Geseiere von \u201eSchubladendenken\u201c. Dann h\u00f6rt doch auf, Sprache zu verwenden.\n\n\u201eKonzeptmusik\u201c, auf englisch ist der Ausdruck eigentlich noch viel besser, \u201econcept music\u201c = Begriffsmusik. Denkmusik. Musik ohne Musik. Sinn-Sinnlichkeit. Konzeptkunst ist begriffliche Sch\u00f6nheit.\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vater des Konzeptualismus nennt seinen Sohn Max. Konzept und Dramaturgie, Entwicklung Eine anspruchsvolle Form, das ist eine Reflexion \u00fcber den Verlauf von Zeit, \u00fcber das Erleben in der Zeit, die Ged\u00e4chtnis- und Erwartungsfunktionen des Menschen, \u00fcber Proportionen, sch\u00f6ne Proportionen und Rhythmen, die einem heutigen Lebensgef\u00fchl entsprechen. 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